Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2010 |

Kopenhagen bleibt sehr weit hinter Kyoto zurück

von Michael Löwy
Wir damit meine ich die Marxistinnen, die Ökosozialisten, die radikalsten Aktiven der Bewegung für Klimagerechtigkeit waren recht pessimistisch in Bezug auf die sog. Klimakonferenz der UNO, und wir hatten vorausgesehen, dass die Konferenz scheitern würde.

Unser Argument war, dass das kapitalistische System keine anderen Kriterien kennt als schrankenlose Akkumulation, mehr Ausdehnung und höhere Profite, und dass es von daher unfähig ist, die notwendigen Mindestmaßnahmen zur Vermeidung eines katastrophalen Klimawandels zu ergreifen.

Und weil wir wussten, dass die große Mehrheit der «Großen der Welt», die nach Kopenhagen kamen, nichts anderes sind als treue Diener der kapitalistischen Interessen, hatten wir gedacht, bei der Konferenz würden lediglich vage Versprechen hinsichtlich einer Verminderung der CO2-Emissionen um 50% bis 2050 herauskommen. Mit einem Wort, wir hatten geglaubt, der Berg von Kopenhagen würde eine Maus gebären.
Nun, ich muss zugeben, dass wir uns getäuscht haben. Wir waren nicht pessimistisch genug. Die Konferenz in Kopenhagen hat keine Maus in die Welt gesetzt, sondern eine Kakerlake. Kyoto war bereits ein großer Fehlschlag, weil die dort benannten Ziele lächerlich gering waren eine Verringerung um 5% bis 2012 und weil es absolut unmöglich ist, mit den verabschiedeten Methoden wie dem «Handel mit Verschmutzungsrechten» nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Aber Kopenhagen blieb sehr, sehr weit hinter Kyoto zurück da konnte wenigstens ein internationales Abkommen mit Zielen vereinbart werden, die mit Zahlen versehen und verbindlich waren.

Was ist passiert? Die USA haben China beschuldigt, es lehne eine internationale Verpflichtung zur Verminderung von Emissionen ab; China hat die USA beschuldigt, es verpflichte sich zu keiner nennenswerten Verminderung von Emissionen. Beide betonten, sie könnten nichts machen, wenn der andere sich nicht bewegt. Und Europa hat erklärt, es könne ohne die USA und China keine Initiative ergreifen.

Wir haben also nur eine bösartige Kakerlake mit dem Titel «Copenhagen Accord» bekommen. Es ist ein leeres Dokument, das proklamiert, was alle wissen, nämlich dass verhindert werden muss, dass die Temperatur um mehr als 2°C steigt. Kein Wort zur Beschränkung der Treibhausgasemissionen, keine Angabe von Prozentzahlen dafür, nicht einmal fromme Wünsche, nicht einmal für eine ferne Zukunft. Nichts. Rein gar nichts. Null Inhalt.

Wo gibt es also noch Hoffnung? Die einzige Hoffnung liegt in den 100.000 Menschen, die auf den Straßen von Kopenhagen demonstriert haben, und die aus Dänemark, anderen skandinavischen Ländern, Deutschland, weiteren europäischen Ländern und aus der ganzen Welt gekommen sind, die radikale Maßnahmen gefordert und erklärt haben: «Das System muss geändert werden, nicht das Klima.» Oder in den mehreren tausend, die an den Diskussion des alternativen Klimaforums teilgenommen haben, auf dem eine Resolution verabschiedet wurde, in dem die Pseudolösungen des Systems (der «Handel mit Verschmutzungsrechten») verurteilt werden. Oder auch in den Tausenden, die friedlich vor den Türen der offiziellen Konferenz demonstriert und versucht haben, einen Dialog mit den «offiziellen» Repräsentanten zu führen, die aber von der Polizei mit Tränengas und Gummiknüppeln empfangen wurden, während ihre Sprecher wie Tadzio Müller wegen «Anstiftung zur Gewalt» festgenommen wurden.

Die Hoffnung liegt auch in führenden politischen Persönlichkeiten wie dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales, der sich (als eine der ganz wenigen Ausnahmen) mit der Bewegung für Klimagerechtigkeit solidarisch gezeigt und den Kapitalismus als System angeprangert hat, das für die globale Erderwärmung verantwortlich ist.
Vor vielen Jahren sagte der berühmte Dichter und Sänger Joe Hill von der revolutionären Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) zu seinen Genossinnen und Genossen, kurz bevor er von den staatlichen Behörden unter falschen Anschuldigungen hingerichtet wurde: «Trauert nicht, organisiert!» Wir müssen in unsere Länder zurückfahren und die Menschen organisieren in den Städten und auf dem Land, in den Betrieben und Schulen, auf den Straßen, um eine breite internationale Bewegung des Kampfes gegen das System aufzubauen, um radikale Veränderungen durchzusetzen nicht um «den Planeten» zu retten, der ist nicht in Gefahr, wohl aber um das Leben auf dem Planeten vor der Zerstörung zu retten.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.