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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2010 |

Jovan Nikolic

Jovan Nikolic wurde 1955 in Jugoslawien geboren. Beide Eltern waren Musiker. Seine Kindheit verbrachte Nikolic zunächst auf Reisen mit seinen Eltern, später ging er in der Kleinstadt Cacak zur Schule und absolvierte eine Ausbildung als Maschinenbautechniker.
Mit 22 Jahren veröffentlicht er seine ersten Gedichte. Danach erscheinen zahlreiche Lyrikwerke, Theaterstücke, Libretti und politische Satiren. Er wird zu einem vielbeachteten Nachwuchsautor in Jugoslawien, erhält Preise und Auszeichnungen.

Er übt Kritik an den serbischen Großmachtambitionen in Wort und Schrift. Das NATO-Bombardement veranlasst ihn 1999 zur Emigration. Seit dieser Zeit lebt Jovan Nikolic in Köln. Im deutschsprachigen Raum ist er vor allem als Ko-Autor des im Jahr 2000 vom Romatheater Pralipe im Rahmen der Ruhrfestspiele uraufgeführten Dramas Kosovo mon amour und als Songtexter für Emir Kusturicas Film Schwarze Katze, weißer Kater bekannt geworden.

Seit 2000 ist er stellvertretender Vorsitzender des Internationalen Romani-Schriftstellerverbands (IRWA).
Der nachfolgende Text ist in seinem neuen Buch zu finden, das voraussichtlich im Herbst 2010 erscheint.

APATHIE
Jenen Herbst verbrachte ich in einem Asylantenheim in Eisenhüttenstadt, direkt an der polnischen Grenze. Als ich noch die Kraft und den Willen hatte, «mein Leben zu ändern», schrieb ich in mein Tagebuch:
Ich betrachte die Gestalt eines dunkelhäutigen Mannes, der seit dem frühen Morgen auf der Kante eines riesigen, hässlichen Betonwürfels sitzt. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, lässt er seinen ganzen Körper hängen, die Hände auf die Knie gestützt, die Ellbogen seitlich gedreht, starrt er irgendwohin auf den Boden zwischen seinen Füßen. Meine Einbildungskraft vergleicht ihn mit Rodins «Denker». Es wäre gut möglich, am Ende des Jahrhunderts in dem Mann ein neues Modell der Skulptur zu erkennen. Sie könnte heißen: Apathie.
Der Mann unter meinem Fenster, ein Gefangener wie ich, blieb nach dem Frühstück stundenlang in der gleichen Pose auf dem leeren Blumenkasten sitzen, fast reglos.
Wie ein Denkmal für die Millionen namenloser Ausländer, Asylanten, Staatenlosen und Emigranten, die auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben durch Europa irren.
Für alle, die sich auf dem festgetretenen Boden im Hof des Asylantenheims, zwischen den dunklen Backsteingebäuden einer ehemaligen Kaserne, getrennt von der Welt durch hohen dreifachen Stacheldraht dahinschleppen, von unsichtbaren Fesseln behindert.
Ein Denkmal für jene unglücklichen Freiheitssuchenden, die sich vorkommen wie Schiffbrüchige auf einer öden Insel, die einem mit Macht und Reichtümern beladenen Überseedampfer um Hilfe anrufen. Dann überlassen sie ihre (für die Beamten der zivilisierten Welt) völlig nutzlosen Leben der ersten großen Welle, die sie zurückspült in die unbegreifliche Tiefe des Nicht-Vorhandenseins…


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