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Wendland: Der Castor kommt

Ein Überblick über die geplanten Protestaktionen
von Mischa Aschmoneit

Wenn Anfang November die Castor-Transporte wieder rollen, wird es im Wendland zahlreiche Veranstaltungen und Protestaktionen geben.
Das Wendland ist seit Jahrzehnten eine widerständige Region, dementsprechend gibt es das ganze Jahr über Veranstaltungen zu unterschiedlichen Aspekten der Atompolitik. Wenn allerdings ein Castor-Transport ansteht, überschlagen sich die Ereignisse, die Veranstaltungen und Aktionen folgen dichter aufeinander. Auf der Internet-Seite www.castor.de gibt es einen prall gefüllten Kalender mit aktuellen Terminhinweisen.

Nach bisherigen Informationen wird der Castor am 5.November in Frankreich losfahren, kurz zuvor werden die ersten Menschen in den wendländischen Widerstandscamps Köhlingen, Metzingen, Hitzacker, Splietau, Langendorf, Gusborn und Gedelitz erwartet. Dort gibt es Übernachtungsmöglichkeiten für viele tausend Menschen. Der Platz wird auch benötigt, denn am 6. November um 13 Uhr werden Zehntausende vor dem Verladekran in Dannenberg demonstrieren. Und Tausende derer, die nicht nur protestieren, sondern Widerstand leisten wollen, werden in den Widerstandscamps Wärme und Nahrung finden.

Zwei Etappen

Der Widerstand wird in zwei Etappen geleistet: Zunächst konzentrieren sich die Aktionen auf die Schiene, auf der der Zug mit dem Atommüll zum Verladekran transportiert wird. Aller Voraussicht nach wird der Verladekran erst am Sonntag angesteuert, sollten die Widerstandsaktionen in Frankreich und die Gleisblockade in Süddeutschland Erfolg haben, wird der Atommüll allerdings erst deutlich später das Wendland erreichen. Absehbar ist, dass es Sonntag die ersten Aktivitäten verschiedener Bündnisse und Aktionsgruppen an der Schiene gibt; das reicht von Sitzblockaden der Gruppe Widersetzen übers Schottern bis hin zur kreativen Umgestaltung der Schienenstrecke. Sollte der Castor später eintreffen, werden sich diese Aktionen solange wiederholen, bis der Castor umgekehrt ist oder den Verladekran erreicht hat.

Das Verladen dauert mehrere Stunden, Zeit für die Aktivisten, sich zu erholen. Denn danach geht der Widerstand auf der Straße in die Hochphase. Die bewährten Menschenblockaden der Kampagne X-tausendmalquer werden den Castor auf der Straße stoppen, die Bäuerliche Notgemeinschaft wird sicherlich wie in den Vorjahren mit Kreativität und Entschlossenheit die Straße dichtmachen und zahlreiche kleinere Aktionsgruppen tragen ihren Teil dazu bei, dass der Castor enorme Problem haben wird, sein Ziel zu erreichen.

Die Schotter-Aktion

Die bundesweite Kampagne «Castor Schottern» wird am Sonntag, den 7.November, mit Hunderten und Tausenden Menschen auf den letzten Kilometern vor dem Verladekran, dort, wo nur noch der Castor fahren darf, auf die Schiene gehen. Das wird so ähnlich aussehen wie in Heiligendamm, es wird mittels der Fünf-Finger-Taktik die Polizeiabsperrung umgangen oder durchflossen. Auf der Schiene angekommen, werden Hunderte Menschen mit Händen und Füßen den Schotter unter den Schienen entfernen, während Tausende untergehakt in Menschenketten die Schotterer vor der Polizei schützen. Wir werden auf einer möglichst großen Breite ein möglichst tiefes Loch schottern. Gibt es ein kleines Loch, kann der Atommüllzug nicht drüber fahren, weil die Strecke instabil ist. Das Loch muss erst zugeschüttet, die Schiene repariert werden. Beteiligen sich jedoch Tausende daran, wird das Loch riesig – und dann wird der Castor nicht nur symbolisch gestoppt.

Schottern ist nichts Neues im Wendland, das gab es schon immer. Auch Massenaktionen wie die Schienensitzblockade von Widersetzen oder die Straßensitzblockade von X-tausendmalquer sind bewährte Aktionsformen. Wir kombinieren als Kampagne «Castor Schottern» lediglich die Aktionsform «schottern» mit der Massenorientierung. Wir sind eine Ergänzung zu den anderen Aktionen, zu denen wir ein solidarisches Verhältnis haben – und sie zu uns.

Wir erfahren als Kampagne sehr, sehr viel Unterstützung, grade auch vor Ort im Wendland. Viele unserer Aktivisten, die dort leben, berichten, dass es so eine solidarische und erwartungsvolle Stimmung schon seit Jahren nicht mehr gegeben habe. Der Widerstand ist bunt, ist solidarisch und gewinnt dadurch an Stärke.

Wer unterstützt die Aktion?

Die Aktion wird getragen von Aktivisten aus dem Wendland und dem ganzen Bundesgebiet. Zehntausende Aktionszeitungen sind bereits verteilt, Tausende Plakate geklebt und es fanden schon mehr als hundert Info- und Trainingsveranstaltungen statt. Das wäre nicht möglich ohne die Arbeit von zahllosen Aktiven aus verschiedenen politischen Spektren, von Genossen, die sich als autonom bezeichnen über die Interventionistische Linke und die Klimaaktivisten bis hin zur Linkspartei und zahlreichen Gewerkschaftern.

Zusätzlich gibt es mehr als 240 Gruppen und 1100 Einzelpersonen (Stand 25.10), die die Absichtserklärung zum Schottern unterzeichnet haben.

Dass das so ist, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ausdruck einer politischen Entwicklung. Die Kampagne «Castor Schottern» ist ein (!) kleiner, aber massenhafter Übergang vom Protest zum Widerstand – unter Übertretung bestehender gesetzlicher Regelungen. Für viele Menschen in Deutschland und auch für viele Linke ist das ungewohnt, sie kennen politisches Engagement überwiegend als Demonstration oder Wahlkampf. Der Spott des Genossen Lenin, dass die Deutschen eine Bahnsteigkarte für die Revolution auf dem Bahnhof bräuchten, hat eine gewisse Berechtigung – viele Genossinnen und Genossen haben vergessen, dass z.B. erst der Streik da war und danach das Streikrecht kam. Bei einigen Genossen ist eine regelrechte Nachtrabpolitik zu konstatieren. Aber das Ganze ist im Fluss…

Die Kampagne «Castor Schottern» verfolgt innerhalb der breiten Anti-Atom-Bewegung das IRO-Prinzip: intervenieren, radikalisieren, organisieren. Wir intervenieren, wir sind mittendrin, statt nur danebenstehend kluge Kommentare abzusondern. Wir radikalisieren, wir verändern den Diskurs weg von der Hilflosigkeit hin zum Handeln. Und wir organisieren durch unsere Trainings und unsere Vernetzungsarbeit. Und das alles unter den Augen der Öffentlichkeit, mit entsprechender Rezeption: Es gibt keine relevante Zeitung, die nicht über die Kampagne «Schottern» berichtet hat – und das zumeist objektiv. Ähnlich verhält es sich mit TV-Sendern, in denen die Pressesprecher der Kampagne ihre Ziele und Mittel vorstellen konnten.

Mitmachen

Wer mitmachen möchte, soll am Samstag ins Wendland kommen, auf eine der Castor-Schottern-Trainings-Veranstaltungen in den Camps gehen und sich am Sonntag am Schottern beteiligen. Zu empfehlen ist regenfeste Kleidung, festes Schuhwerk und ein ordentliches Paar Handschuhe. Niemand muss alleine gehen, wer noch keine Bezugsgruppe hat (vier bis acht Menschen, die zusammen gehen), findet im Camp eine. Am Sonntag geht es dann von verschiedenen Sammelpunkten gemeinsam (!) auf die Schiene.

Wie schützt man sich vor der Staatsgewalt?

Karl Marx zitiert einen britischen Gewerkschafter bekanntermaßen so: «Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.» Laut Forschungsstelle für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin bringt ein bereits abgeschriebenes AKW einen Gewinn von einer Millionen Euro täglich. Die Endlagerung des Atommülls und die damit verbundenen Castortransporte sind die Achillesverse der Atompolitik, ohne sie scheitert das lukrative Geschäft.

Deshalb werden Abertausende Polizisten aus allen Bundesländern (auch aus denen mit «linker» Regierungsbeteiligung) zusammengezogen, um den Atommülltransport durchzusetzen. Der beste Schutz gegen prügelnde Polizisten und verfolgungswütige Staatsanwaltschaften ist die Massenhaftigkeit und Öffentlichkeit der Aktion sowie die Solidarität untereinander. Es gibt keine Garantie, dass sich Stuttgart 21 nicht wiederholt, aber je mehr Menschen sich am Widerstand beteiligen, desto schwerer fällt es der Gegenseite, ihre Politik durchzuziehen – ihre Legitimität existiert eh kaum noch. Wer juristischen Ärger bekommt, für den stehen die Anwälte des Ermittlungsausschusses Gorleben, der Kampagne «Castor Schottern» und der Roten Hilfe mit Rat und Tat zur Verfügung.

Michael Aschmoneit ist einer der Sprecher der Castor-Schottern-Kampagne.
Alle Infos über den wendländischen Widerstand finden sich in einer Broschüre unter www.contratom.de/ upload/2010_10_23_062753.pdf.


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