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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2011 |

Jenseits des Wachstums stehen viele Fragezeichen

Bemerkungen zum Attac-Kongress
von Angela Klein
Am Wochenende vom 20. bis 22.Mai stellte sich Attac einer grundsätzlichen Wachstumskritik.
Die Themenstellung traf einen Nerv, das ist unbestreitbar. Mit 2500 Teilnehmenden gehört der Kongress zu den großen Ereignissen in diesem Jahr. Viele junge Leute fühlten sich davon angezogen, für viele von ihnen ist Wachstumskritik eine Chiffre für das Unbehagen an den Widersprüchen und Zerstörungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft. Ob sie auch ein Einstieg in Kapitalismuskritik ist, bleibt dahin gestellt. Auch ansonsten war alles da, was im weiteren Sinne zur Linken gehört, mit Ausnahme der radikalen Linken, die auffallend schwach präsent war.

Es sei gleich vorweggenommen: Der Kongress hat nicht gehalten, was das Thema versprach. Es sei auch vorneweg gesagt: Das ist nicht allein die Schuld von Attac. Die hier formulierte grundsätzliche Kritik daran ist also auch als Einladung, besonders an die antikapitalistische Linke, zu verstehen, an dem Thema verstärkt weiter zu arbeiten.

Die Fokussierung auf die Frage: Brauchen wir Wachstum? hat die Referenten und die Teilnehmenden dazu verleitet, sich eilig und manchmal unreflektiert zur Wachstumskritik zu bekennen, um dann alsbald zu den Konzepten zurückzukehren, die sie eh seit Jahren vertreten – unabhängig von jeder Wachstumskritik. Gewerkschafter präsentierten ihr Konzept der Wirtschaftsdemokratie, Sven Giegold feierte den Green New Deal als gelungenes Konzept, den Diskurs der Grünen hegemonial zu machen, Vertreter der lokalen Ökonomie hatten hier eh ein Heimspiel – um nur einige zu nennen.

Auch die vorgestellten praktischen Initiativen wie die Attac-Initiative für Energiedemokratie u.a. sind aus anderen Anstößen hervorgegangen. Dort, wo es praktisch wurde, war der Kongress eh am besten, aber das bestätigt, dass reale ökologische Konzepte und Alternativen in einzelnen Sektoren sehr weit gediehen sind: Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Reform der Städte, um nur einige zu nennen. Das verbindet sich jedoch noch nicht zu einem Gesamtbild.

Die These «Wir brauchen weniger Wachstum» sagt aber für sich genommen über Voraussetzungen und Grundsätze einer ökologischen Kreislaufwirtschaft, die darüber hinaus auch noch sozial ist, wenig aus. Sie ist abstrakt, weil losgelöst von jeder Gesellschaftskritik. Wachstumskritik ist vielfach eine Chiffre für Kapitalismuskritik, aber nur wenige schafften es, die ökologische Kritik wirklich aus der Kapitalismuskritik zu entwickeln und mit ihr zu verbinden. Herausragend an dieser Stelle: Elmar Altvater. In ihrer Abstraktheit versperrt sie eher den Weg zum Verständnis der Zusammenhänge.

Ein großes Manko war auch, dass die Vertiefung in die naturwissenschaftlichen Einsichten über ökologische Zusammenhänge  für die über 70 Veranstaltungen kein Thema war. Dabei ist fundierte ökologische Kritik ohne naturwissenschaftliche Kenntnisse nicht zu leisten, die Selbstgenügsamkeit einer Gesellschaftskritik, die meint, ohne diese Kenntnisse auskommen zu können, ist dabei Teil des Problems (schon Marx beklagt diese Spaltung, die ebenfalls ein Ergebnis des Kapitalismus ist, bis ins 18.Jahrhundert hinein kannte man das nicht).

Die Abstraktheit der These ermöglicht aber auch, dass sie mit Konzepten verbunden wird, die mit dem gesellschaftspolitischen Anliegen von Attac, das immer auch betont auf soziale Gerechtigkeit gerichtet ist, wenig zu tun haben. So wurde auf der Auftaktveranstaltung leider auch Niko Paech ein Podium gegeben, der bei vielen als Linker durchgeht, aber eine klare Brücke zu liberalen Aposteln der Wachstumskritik schlägt. O-Ton etwa: Wachstum reduzieren wir, indem wir die Arbeitsteilung reduzieren, das aber bedeutet, dass wir die Arbeitszeit verlängern und den Gürtel enger schnallen müssen.

Den liberalen Propheten des Minuswachstums sollte Attac kein Forum bieten. Die Abgrenzung von ihnen impliziert aber jene engere Verbindung von Kapitalismuskritik mit einer ökologischen Fragestellung, die dem Kongress von seiner ganzen Anlage her fehlte.

Zu guter Letzt: Es hätte dem Kongress gut getan und ihn gewissermaßen geerdet, wenn er den zahlreichen Erfahrungen mit Wirtschafts- und Lebensformen Raum gegeben hätte, die versuchen, sich im Kleinen von den Zwängen der Konzerne freizumachen und eigene Wege zu gehen. Davon gibt es in Deutschland viel mehr, als wir ahnen.


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