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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Radiokultur und Radiozukunft bei WDR 3

von Angela Huemer

16642 Personen haben bis dato mit ihrer Unterschrift gegen die geplanten «Reformen» beim Sender WDR 3 protestiert. Gesammelt hat sie die Initiative «Die Radioretter».

Eigentlich sind mit der Verbreitung des Internet und seit der Erfindung der sog. «Podcasts» – seit man also einzelne Sendungen jederzeit nachhören kann –, ganz zu schweigen vom neuen Digitalradio und den zunehmend weiter verbreiteten Internet-Radiogeräten so etwas wie goldene Zeiten für das Medium Radio angebrochen. Früher hat man rasch mal eine, auch noch so wichtige, Sendung «überhört», heute ist, so sagen Medienanalysten, Radio als mobiles Medium beliebter als Mobiltelefone (von denen viele auch eine Radiofunktion haben); heute kann man Sendungen auch sehr einfach nachhören oder sogar mittels frei verfügbarer Programme aufzeichnen.

Was aber ist der Inhalt der geplanten Reformen bei WDR 3? Zunächst die Kürzung von Wortsendungen wie «Resonanzen», eine tägliche zweistündige Sendung mit dem Anliegen, «die Welt aus dem Blickwinkel der Kultur» zu betrachten.

Ein beliebtes Unwort bei allen Radioreformen ist die erwünschte bessere «Durchhörbarkeit», was immer das heißen mag. Etwa besser weghören können? Nicht so viel nachdenken müssen beim Zuhören?

Genauso schändlich sind die Pläne, das Musikprogramm vom Computer generieren zu lassen und nur kleinere Eingriffen durch erfahrene Musikredakteure vorzusehen. Angeblich erlaubt das einen besseren Zugriff auf das Archiv. Genau das aber wird viele Hörer vertreiben, denn wenn ich einfach nur Klassik «durchhören» will, geh’ ich auf iTunes und höre beliebige Klassiksender aus aller Welt, die mittlerweile jederzeit verfügbar sind, oder ich höre eigene CDs. WDR-3-Musik hört man wegen der besonderen Mischung, die geboten wird, und wegen Aufnahmen, die sonst nicht verfügbar sind.

Zugegeben, die Autorin ist bekennender Radiosnob, groß geworden mit dem österreichischen Radio Ö1, das, seit ich es höre, nur ganz wenige, sehr behutsame Reformen durchgeführt hat. So gab es beispielsweise die legendäre «Technische Rundschau» vom Herrn Ingenieur Hugo Kirnbauer ganze 50 Jahre lang, von 1947 bis 1997. Er sprach ca. 15 Minuten über irgendwelche technische Neuerungen, die man meist weder wissen wollte noch verstand – trotzdem lauschte man gebannt. Dann ging der Herr Ingenieur in Rente und kein anderer konnte seine Sendung so machen wie er. Darum endete sie.

Vor einem Jahr, im Februar, meldete die britische Zeitung The Guardian Rekordeinschaltquoten für den Radiosender BBC Radio 4. Grund war der arabische Frühling, aber auch ein Höhepunkt in der seit 60 Jahren ausgestrahlten Hörspielserie The Archers – eine der Figuren starb nämlich auf dramatische Weise.

Auf Ö1 höre ich zweistündige Features zum Thema «Kulturpessimismus» oder ebenso lange Städteporträts. Oder aber fünf Minuten täglich über das Ende des Römischen Reiches oder jeden Tag fünf Minuten über irgendein Tier oder eine Pflanze, von deren Existenz ich nicht einmal wusste. Oder ich höre im Podcast 45 Minuten über Vitruvius, den ersten Architekturtheoretiker, oder über die Revolution von 1848 (beides BBC Radio 4), jeweils im Dialog mit Experten und so erzählt, als ob es etwas Gegenwärtiges wäre.

Die Liste hörenswerter Dinge ist lang. Hoffen wir, dass sie auch bei WDR 3 genauso lang und vielfältig bleibt und wir uns nicht «umhören» müssen.

Unterschriften werden gesammelt unter www.die-radioretter.de.


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