Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2013 |

Appell griechischer AktivistInnen von Florenz 10+10 (November 2012)

von Tassos Koronakis, Myrto Bolota, Natasha Theodorakopoulou

Die Lage ist explosiv. die offizielle Arbeitslosenquote liegt für Männer bei 22,5%, für Frauen bei 29%, für junge Leute bei über 50%. In einigen Regionen unseren Landes, die von radikaler Deindustrialisierung und der vollkommenen Auflösung wichtiger wirtschaftlicher Aktivitäten betroffen sind, liegt die Arbeitslosigkeit bei 80%. Die Löhne sind um 40% gekürzt worden, die Realeinkommen sind allerdings (wegen des steilen Anstiegs der Steuerlast) noch stärker gesunken.
Der Sozialstaat, insbesondere das nationale Gesundheitssystem, wird absichtlich abgebaut. In vielen Krankenhäusern fehlen wesentliche Hilfsmittel und Medikamente. Gleichzeitig verlieren viele Tausende von Bürgern wegen der hohen Arbeitslosigkeit ihren Anspruch auf öffentliche medizinische Versorgung. Selbstverständlich wurden Einrichtungen der Psychiatrie, Therapiezentren für Drogensüchtige und Frauenhäuser als erste abgebaut. Betroffene, wie z.B. chronisch Kranke, werden ihrem Schicksal überlassen, bzw. sind auf die Hilfe der Familienangehörigen und Freunde angewiesen.
In großen Städten wie Athen und Thessaloniki sind Fälle von Hunger nicht selten. Viele lokale Solidaritätsgruppen arbeiten – mit bescheidenen Mitteln angesichts der allgemeinen Lage – zusammen mit lokalen Läden und Gaststätten, um den Familien Lebensmittelpakete zukommen zu lassen. Oder sie richten Suppenküchen an öffentlichen Orten ein und bieten somit vielen Mitbürgern wenigstens eine Mahlzeit, wenngleich nicht jeden Tag.
Wir müssen hier auch ein anderes, ebenso gravierendes Problem benennen: den Aufstieg einer faschistischen Partei und die Intensität der Gewalt durch faschistische Banden.
Armut treibt, wie ihr wisst, Völker nicht ins linke Lager. Diese Tendenz kann nicht gestoppt werden, wenn es uns nicht gelingt, Leute mit Taten davon zu überzeugen, dass der einzige Ausweg auf der Seite der Solidarität, auf unserer Seite, zu finden ist.
Auf Initiative von SYRIZA wurde die Kampagne „Solidarität mit allen“ ins Leben gerufen, sie versucht, die Entstehung von unabhängigen, nicht parteigebundenen Solidaritätsnetzwerken zu fördern.
Unsere Erfahrung mit der Vielfalt der Solidaritäts-Netzwerke, die gerade entstehen, ist, dass sie ein wachsendes Vertrauen der Bürger in ihre kollektiven Möglichkeiten bewirken, weil sie ihnen sehr praktisch helfen, der totalen Depression und dem Zusammenbruch zu entkommen. Gleichzeitig vermitteln die entstehenden Netzwerke den Menschen die Erfahrung, dass ihre Kenntnisse und ihre Talente durch die Kooperation mit anderen wachsen und sie dadurch in die Lage versetzt werden, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Warum wenden wir uns an unsere Mitstreiter in Europa?

Einfach weil wir Euch um Unterstützung bitten. Wir können etwas Neues erkennen, das langsam in unserem Land Form annimmt, was wir noch nicht genau definieren können. Wir sind fester Bestandteil dessen, was allmählich aufgebaut wird und wir wollen es auch mit Euch zusammen aufbauen.
Wir bitten nicht um wirtschaftliche Hilfe allgemein, obwohl wir das auch bitter nötig haben. Wir bitten Euch, Kollektive, Initiativen und die Anstrengungen vieler ganz normaler Menschen zu „adoptieren“. Wir möchten, dass Ihr sie kennenlernt, sie besucht und sogar – warum nicht? – an ihrer Seite handelt. Wir wissen, dass viele von Euch aus Ländern des Südens und Ostens Europas kommen, wir alle haben mit gravierenden Problemen zu kämpfen. Lasst uns alle zusammen anpacken, lasst uns unsere gemeinsame Zukunft auf der Basis von Solidarität und Gegenseitigkeit aufbauen.
Darum wagen wir es, die Einrichtung von spezifischen Strukturen vorzuschlagen, deren Gestalt von Euch vorgeschlagen werden kann, um die Bedürfnisse der Menschen für eine bestimmte Zeitspanne zu decken. Eine solche Lösung würde den Menschen die Sorge um ihr tagtägliches Überleben nehmen und würde sie ermutigen, sich wirksamer für den Aufbau einer anderen Gesellschaft zu engagieren.
Die Solidaritäts-Strukturen, die in Griechenland gerade entstehen, sind in vielen Bereichen aktiv: Lebensmittel, Gesundheit, Bildung, solidarische Ökonomie, Kultur, aber auch im Bereich der Rechtshilfe für unsere Mitbürger (außergewöhnliche Steuern, überschuldete Haushalte, Zwangsräumungen).
Ein Schlüsselbereich sind Medikamente. Einige medizinische Einrichtungen im Lande haben angefangen, Impfungen für Kinder zu entwickeln, deren Familien aus dem nationalen Gesundheitssystem herausgefallen sind. Wir stehen in Verbindung mit sozialen Kliniken und sozialen Apotheken, um eine Liste von Medikamenten und Impfstoffen zu erstellen, die existentiell wichtig sind, deren Ankauf in vielen Ländern Europas billiger ist. Wir werden diese Liste bald veröffentlichen und Wege aufzeigen, wie die Medikamente in unser Land transportiert werden können.
Wir wollen vor allem unsere Würde bewahren. Mit diesem Brief laden wir Euch ein, zusammen einen Weg in eine andere Welt einzuschlagen, in der es mehr Licht gibt.

@AI:Kommunizieren können wir über Email: solidarityforall@gmail.com
Tassos Koronakis: 0030-6944-740.587; Myrto Bolota: 0030-6976-266.387; Natasha Theodorakopoulou: 0030-6977-346.322.
Florenz, den 10.11.2012


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.