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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2013 |

Bei Vio.Me, Thessaloniki, ist die Produktion jetzt in Arbeiterhand

Wir denken, dass das die Zukunft der Arbeiterkämpfe ist“,
sagt Makis Anagnostou, Vertreter der Betriebsgewerkschaft von Vio.Me

Seit Mai 2011 hat die Belegschaft der Baustoffe produzierenden Fabrik Viomichaniki Metaleftiki (Vio.Me) keinen Lohn mehr gesehen. Eigentümer und Manager haben sich davon gemacht. Zurückgelassen haben sie den Maschinenpark, die Arbeiter haben ihn besetzt und vor Demontage geschützt, er war ihr Unterpfand für jede weitere Perspektive.

Am 12.Februar haben 40 von ihnen die Produktion in Eigenregie wieder aufgenommen.

Zuerst hatten die Arbeiter versucht, Druck auf die Betriebsleitung auszuüben, dass sie die Fabrik wieder in Betrieb nimmt. Danach bemühten sie sich darum, mögliche Investoren zu finden. Alle diese Anstrengungen scheiterten. Aufgrund dieser Erfahrungen reifte in der Belegschaft die Einsicht, dass sie ihre Arbeitsplätze nur retten können, wenn sie die Fabrik in Selbstverwaltung übernehmen: „Angesicht einer Arbeitslosigkeit von fast 30%, sinkenden Löhnen, abgespeist mit leeren Versprechungen und Steuererhöhungen, ohne Lohn seit Mai 2011, in einer von den Eigentümern verlassenen Fabrik, in der die Produktion stillstand, haben die Arbeiter von Vio.Me auf ihrer gewerkschaftlichen Vollversammlung beschlossen, sich nicht mit langfristiger Arbeitslosigkeit abzufinden, sondern darum zu kämpfen, die Fabrik zu übernehmen und selbst zu betreiben. Es ist nun an der Zeit für Arbeiterkontrolle bei Vio.Me!“, heißt es in einer Solidaritätserklärung, die von zahlreichen namhaften Persönlichkeiten unterschrieben ist (www.viome.org). Nach 13 Monaten Fabrikbesetzung nahmen sie auf einer Vollversammlung folgende Beschlüsse an:

1. Die frühere Betriebsleitung muss die Schulden des Unternehmens bis zum Zeitpunkt dieser Beschlussfassung komplett übernehmen.

2. Der frühere Verwaltungsrat gilt als zurückgetreten, ein neuer wird gewählt, der hauptsächlich aus Vertretern der Arbeitnehmer bestehen wird. Seine Mitglieder können von der Vollversammlung der Arbeitnehmer direkt abberufen werden.

3. Die neue Gesellschaft finanziert sich prinzipiell aus dem Arbeitslosengeld, auf das die Arbeitnehmer Anspruch haben, und aus dem Zuschuss für arbeitslose Unternehmer, den das Arbeitsamt (OAED) zahlt.

4. Die Anteile an der Gesellschaft werden genossenschaftlich unter die Arbeitnehmer aufgeteilt. Alle, die keine Anteile übernehmen wollen, werden die Arbeit in der Fabrik gemäß dem kollektiven Tarifvertrag fortsetzen.

5. Für die neue Gesellschaft wird eine genossenschaftliche Rechtsform gesucht.

Neue Herausforderungen Das Unternehmen, das die Arbeitnehmer aufzubauen versuchen, hat sehr große Bedeutung. Haben sie Erfolg, kann es ein Beispiel für alle Arbeitnehmer sein, die in diesem Moment angegriffen werden, und eine Dynamik zur Ausbreitung der Arbeiterverwaltung und der Arbeiterkontrolle auch auf andere Fabriken und Arbeitsstätten auslösen.
Eine hierarchisch organisierte, von Bossen diktierte Produktion wird nun durch eine von der Belegschaft direkt geplante Produktion ersetzt. Die Entscheidungen werden in der Vollversammlung gefällt, alle bekommen den gleichen Lohn. Die Arbeiter planen außerdem, das Unternehmen auf die Produktion umweltverträglicher Produkte zu orientieren. Die Fabrik stellt Baumaterial von Qualität her: Mörtel, Putz, Klebstoffe für Fliesen und Verbundmaterialien, wasserdichtes Fugenmaterial usw.). Die Belegschaft steht jetzt vor der Herausforderung, einen Markt dafür zu finden, in Griechenland oder auf dem Balkan. Die Herstellungskosten sind hoch, und die ersten paar Monate werden entscheidend sein. Die Arbeiter haben einen soliden Business-Plan und sind sehr optimistisch, was den Erfolg der Bemühungen betrifft, dennoch wird es einige Zeit dauern, bevor sie sich auf dem Markt behaupten können. Doch sie sind auf Benefizaktionen und Spenden angewiesen, um über die ersten Produktionsmonate zu kommen. Die breite Unterstützung durch soziale Bewegungen soll auch dafür sorgen, dass ihre Produkte über bestehende Strukturen der sozialen und solidarischen Ökonomie vertrieben werden können. Zudem sind die Arbeiter bemüht, neue, biologisch abbaubare und nicht giftige Produkte für den Haushalt herzustellen. Dies ist im krisengetriebenen Griechenland der erste Versuch, einen Industriebetrieb in Selbstverwaltung zu führen. Die Arbeiter von Vio.Me. sind zuversichtlich, dass andere ihrem Beispiel folgen werden. Solidarität Um ihre Initiative herum hat sich eine Solidaritätsbewegung entwickelt. Die Arbeiter haben sich mit anderen Arbeitenden und Kollektiven aus ganz Griechenland vernetzt und dadurch große Unterstützung erhalten, dank derer sie ihr Überleben und das ihrer Familien sichern konnten. Der Tag vor der Wiederaufnahme der Produktion war ein großer Festtag, begleitet von einer großen Demonstration in die Innenstadt und einem Benefizkonzert, das mit sechstausend Menschen überfüllt war – an die tausend mussten draußen bleiben. Den Höhepunkt des Abends bildete eine Ansprache der Arbeiter, in der sie erklärten, wie sie sich eine andere Gesellschaft vorstellen: gerecht, solidarisch und selbstverwaltet. Am nächsten Tag zog ein weiterer Marsch zur Fabrik, wo die Arbeiter schon auf ihn warteten. In dessen Beisein und unter den Augen der Massenmedien wurde die neue Produktion mit großem Hallo wiederaufgenommen. Die Arbeiter organisierten anschließend eine Betriebsführung, bei der sie den Unterstützenden und den Journalisten den geplanten Produktionsprozess erklärten.

Die Solidaritätsbewegung ist bis nach Köln geschwappt. Dort hat sich das Griechenlandsolidaritätskomitee die finanzielle und politische Unterstützung dieses Betriebs auf die Fahnen geschrieben. Es hat dazu bereits eine Veranstaltung organisiert, Geld gesammelt und eine Broschüre erstellt. (Kontakt: manfred.48@gmx.net)

Spenden können direkt an die Arbeitergewerkschaft von Vio.Me in Thessaloniki überwiesen werden, siehe dazu den „Donate“-Button auf der internationalen Solidaritätswebseite www.viome.org. Auf dieser Seite findet sich auch die Prinzipienerklärung, die die Grundsätze und die Mechanismen der Entscheidungsfindung enthält. Solidaritätserklärungen und Fragen können gerichtet werden an: protbiometal@gmail.com


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