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Warum Arbeitszeitverkürzung?

Karl Marx stellte einst am Kapitalismus das Vampyrhafte, Blutsaugende fest, es äußert sich vor allem in der Verdichtung der Arbeit und in der Verlängerung des Arbeitstags. Demgegenüber steht ein Heer von Erwerbslosen und Unterbeschäftigten. Erstere machen den Weg frei für eine Schicht von Pflichtarbeitern, die für lau arbeiten müssen und als «Gegenleistung» in Form von ALG II kaum das Notwendigste zum Überleben bekommen. Zweitere kumulieren häufig mehrere Minijobs, um über die Runden zu kommen.

Diese Entwicklung ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Die Arbeiterbewegung hat dagegen stets die Verkürzung der Arbeitszeit gesetzt. Die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag hat als erster in England der Frühsozialist Robert Owen in den Jahren 1830–1834 erhoben. Seither hat sie nichts an Aktualität eingebüßt, manche Beschäftigte würden sich heute freuen, sie hätten «nur» einen Acht-Stunden-Tag, dem enormen Produktivitätswachstum und der Einführung der 35-Stunden-Woche zum Trotz.

Als Mitte der 80er Jahre – auch mit Hilfe von Gewerkschaften und von Linken – der Normalarbeitstag verpönt und die Flexibilisierung der Arbeitszeiten als Gewinn an Zeitsouveränität verkauft wurde, erfand der Kapitalismus sehr subtile und teuflische Werkzeuge, um aus einem Arbeitstag von nominal 7 Stunden (der eh nur in ausgewählten Branchen galt) einen von 10 Stunden und mehr zu machen: durch Nichtanrechnung von Pausenzeiten, von Leerzeiten, von Fahrzeiten. Die Arbeitszeiten wurden stark individualisiert, was für den Unternehmer den Vorteil hat, dass die kollektive Aktion und das dadurch erzeugte Gefühl der Solidarität in der Belegschaft kolossal erschwert und die Herausbildung von Klassenbewusstsein behindert wird. Jeder Versuch, das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder gesellschaftsfähig zu machen, muss sich also zunächst damit auseinandersetzen, wie es wieder in die Betriebe zu bekommen ist, d.h. Mittel und Wege finden, wie auch neue Formen der Solidarität entwickelt werden können.

Die Individualisierung hat auch einen gesellschaftspolitischen Niederschlag gefunden: Die Umverteilung der Arbeit gilt heute nicht mehr als das Erfolgsrezept gegen die Zwillingsplage Arbeitslosigkeit und Arbeitshetze. Viele Menschen halten das bedingungslose Grundeinkommen (bGE) und die solidarische Ökonomie für eine erfolgversprechendere Perspektive. Während das bGE die Individualisierung radikalisiert, erfreut sich der der solidarischen Ökonomie zugrunde liegende Gedanke «Kooperation statt Konkurrenz» angesichts der neuen Weltwirtschaftskrise wachsender Aufmerksamkeit. Ein Grund mehr, auch hier aus Erfahrungen zu lernen.


Es gibt ein Leben vor dem Tod – das gilt es zu leben
von Manfred Dietenberger

Das wird niemand bestreiten, Männer und Frauen wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Dass kürzere Arbeitszeiten – wenn sie nicht durch Arbeitsverdichtung kompensiert werden – wesentlich zur Sicherung von Arbeitsplätzen beigetragen, belegen die Krisenjahre 2008/2009, wo in vielen Großbetrieben Kurzarbeit verhängt wurde.

Aber der Arbeitsplatzerhalt ist meiner Meinung nach nicht einmal die entscheidende Begründung, weshalb der Kampf für die Arbeitszeitverkürzung neu aufgenommen werden sollte. Wir brauchen eine generelle Arbeitszeitverkürzung aus Gründen der Beschäftigungsgerechtigkeit, der Geschlechtergerechtigkeit, der Lebensqualität und der gesellschaftlichen Teilhabe.

Ohne offensive Gegenwehr bleibt das ein frommer Wunsch. Denn nicht nur in den Dienstleistungsbranchen sieht die Realität total anders aus. Wir erleben in Deutschland, wie die prekäre und unstetige Arbeit immer mehr zunimmt. Besonders junge Menschen haben darunter zu leiden. Leiharbeit, Minijobs oder unfreiwillige Teilzeitarbeit sind Alltagsrealität von weit über sieben Millionen Menschen in Deutschland. Sie müssen sich als billigste Flexibilitätsreserve des Kapitals durchs Leben mühen.

Trotz hoher Arbeitslosigkeit schuften sich zur gleichen Zeit Millionen Menschen krank, und die stetig zunehmende Arbeitsbelastung hat fatale gesundheitliche Folgen. Burnout und Depressionen sind nur einige der negativen gesundheitlichen Folgen – nicht nur für die Arbeitenden, auch für ihre Familien. Die Balance zwischen Leben und Beruf wird mehr und mehr gestört.

Dazu kommt, dass von Stundenlöhnen unter 10 Euro niemand auskömmlich leben kann. Der niedrige Lohn wirkt häufig als Peitsche, um Überstunden zu fahren oder einen Zweitjob anzunehmen.

Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet

So gewinnt der Wunsch nach einem «guten Leben» mehr und mehr an Bedeutung. Charakteristisch für die kapitalistische Gesellschaft ist neben dem wachsenden Gegensatz zwischen Arm und Reich der Widerspruch zwischen Personengruppen mit Zeit im Überfluss und solchen in Zeitnot. Frauen leiden darunter mehr als Männer, Jüngere mehr als Ältere. Zeit aber braucht jede und jeder, der aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben und es mitgestalten will.

Dabei ist die Wirkung total flexibler Arbeitszeiten noch schädlicher als die von langen Arbeitszeiten. Eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen bzw. abhängig Beschäftigten von 35–40 Wochenstunden  beschreibt längst nicht mehr den tatsächlichen Werktag. Der «normale», für alle gleich lange Voll-Arbeitstag ist ein Auslaufmodell. Auch die gesellschaftliche Funktion der Feiertage und Wochenenden als kollektiven Ruhezeiten wird ausgehöhlt. Damit verschwindet auch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Betrieb und Privatsphäre, zwischen der von der Erwerbsarbeit beanspruchten Zeit und der Lebenswelt. Dort, wo es Normalarbeitszeit noch gibt, wird auch sie weiter flexibilisiert und die Grenze zwischen Arbeit und Leben damit aufgehoben. Immer öfter nehmen Beschäftigte nach Geschäftsschluss, oder übers Wochenende, ihre Arbeit mit nach Hause. Die «unsocial hours» (unsozialen Stunden), die nicht für Freundschaften, Familie oder Liebschaften zur Verfügung stehen, greifen wie eine Krake in die Privatsphäre – und dies über den Kreis der typischen Schichtarbeiter weit hinaus.

Die Arbeitszeit steigt, weil die Einkommen sinken

Atypische Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu wie ein Krebsgeschwür. Leben und Arbeiten werden immer prekärer – finanziell, weil der Lohn für die Arbeit die Existenzkosten oft nicht mehr deckt, aber auch unter dem Gesichtspunkt der Verwaltung der eigenen Zeit: Mit befristeten Arbeitsverträgen ist kein dauerhaft gesichertes Einkommen zu erzielen, bei ständig wechselnden Arbeitszeiten lassen sich keine sozialen Kontakte mehr pflegen, Lebensplanung ist ein Fremdwort geworden, Existenzsicherheit schwindet selbst dort, wo junge Menschen noch mit gut bezahlten Jobs ins Berufsleben einsteigen können.

Um ihre Unterhaltskosten zu decken, hat sich die Gesamtarbeitszeit der Familien im Vergleich zu den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts heute mehr arbeiten – fast unbemerkt erhöht. Selbst die Lebensarbeitszeit wurde mit der Heraufsetzung der Renteneintrittsalter verlängert. Leben reduziert sich mehr und mehr allein auf die Arbeit zum Broterwerb. Immer weniger hat Arbeit mit etwas «er»schaffen zu tun, immer mehr verkommt sie zu einer nur noch mehr Profit generierenden Maloche.

Die deutsche Industrie hat die Produktivität pro Beschäftigtenstunde in den Jahren 1991 bis August 2008 (dem Monat vor dem Ausbruch der Krise) um über 100% gesteigert – d.h. es wird in derselben Zeit doppelt soviel produziert; selbst in der Gesamtwirtschaft ist die Produktivität pro Erwerbstätigenstunde um mehr als ein Drittel gestiegen. Das hat aber weder zu ordentlichen Lohnerhöhungen noch zu einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit geführt.

Was haben also die, die den Reichtum erwirtschaften, davon gehabt? Sie müssen für denselben Lebensstandard heute mehr arbeiten, und die Arbeit ist mörderischer geworden.

Flexi war der Preis für die 35-Stunden-Woche

Eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit steht deshalb dringend auf der Tagesordnung, auch wenn sie nicht allein und automatisch zu einem «guten» Leben führt. Der vor Jahren erkämpfte Einstieg in die 35-Stunden-Woche sicherte und schuf anfänglich einige hunderttausend Arbeitsplätze. Zu höherer Lebensqualität verhalf er nicht. Im Gegenteil. Die Lage der Lohnarbeitenden hat sich verschlechtert, ihre Existenzunsicherheit verstärkt, und ihre sozialen Beziehungen samt ihrer Gesundheit werden ruiniert. Fast ohne entschiedene gewerkschaftliche Gegenwehr hat es das Kapital geschafft, die Lebenszeit mehr und mehr in ein bloßes Anhängsel der Arbeitszeit zu wandeln. Es ist also an der Zeit, dass wir das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder angehen.

Arbeitszeitverkürzung geht nicht? Das Kapital zeigt selbst, dass es geht, allerdings auf Kosten der Beschäftigten (z.B. durch Erwerbslosigkeit oder erzwungene Teilzeitarbeit oder Minijobs) – aber das liegt am System. Die Unternehmen setzen ihre Interessen durch, so wie es die Absatzlage oder der Konkurrenzdruck bzw. ihre Profitinteressen gerade vorgeben. Mal verlangen sie von ihren Beschäftigten dass sie fürs gleiche Geld plötzlich länger arbeiten oder aber, sie kürzen – zur «Beschäftigungssicherung» und nicht selten im Einklang mit Betriebsrat und Gewerkschaft – die Wochenarbeitszeit auf eine 32- oder sogar nur 30-Stunden-Woche.

In der Krise setzten die Kapitalherren den ganzen Betrieb auf Kurzarbeit. Für die «lieben Mitarbeiter» hieß das massive Lohnverluste und Griff in die Arbeitslosenkasse, aus der die Kurzarbeit bezahlt wurde. Arbeitslosigkeit ist die radikalste Form von Arbeitszeitverkürzung überhaupt.

Zeit fürs Leben

Die kapitalistische Ausbeutung bedeutet buchstäblich Raubbau am Menschen und seiner Gesundheit. Es ist deshalb an der Zeit, den Profitinteressen des Kapitals endlich unsere Lebensinteressen entgegenzusetzen. Das geht sicher nicht ohne Kampf, nehmen wir den aber nicht auf, bleibt’s dabei, dass die Kapitalisten uns weiter ihre asoziale Art der Arbeitszeitverkürzung, Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse aufzwingen.

Wir können den Spieß aber auch umdrehen, einen neuen Schritt zum 6-Stunden-Tag oder zur 30-Stunden-Woche wagen – diesmal allerdings bei tatsächlich vollem Lohn- und Personalausgleich. Damit wir gesund und auskömmlich von unserer Arbeit leben können und die Arbeitszeitverkürzung wirklich uns und unseren Familien zu Gute kommt.

Wir brauchen keine «atmenden Fabriken», sondern selber Luft zum Atmen und Platz und Zeit, um unsere Träume wahr werden zu lassen.

Wir brauchen kürzere Arbeitszeiten, damit wir neben der Arbeit Zeit haben, um über uns und unsere gesellschaftliche Zukunft nachzudenken, damit wir mit anderen darüber diskutieren und organisiert für eine andere Welt kämpfen können.

Um unseren Selbsterhalt willen müssen wir die unerträgliche Arbeitshetze, die unsere Gesundheit, Arbeitskraft und Phantasie zerstört, stoppen. Eine Faustformel könnte sein: «Teilzeit arbeiten, Vollzeit verdienen». Dann bliebe uns wieder Zeit für Familie, Freunde und Nachbarn.

Und es bliebe Zeit für die Kreativität, die wir so dringend brauchen, um grundlegende gesellschaftliche Probleme wie gesunde Ernährung, saubere Umwelt und Bekämpfung des Klimawandels solidarisch anzupacken. Wir brauchen die Zeit für unsere Weiterbildung und auch z.B. für unsere Hobbys.

Es gibt ein Leben vor dem Tod – das gilt es zu leben – dafür lohnt es sich zu kämpfen!

 


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