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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2014 |

Geschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert

Ulrich Herbert: München, C.H.Beck, 2014. 1451 S., 39,99 Euro

von Paul B. Kleiser

Unter den deutschen Historikern, die nach 1950 geboren wurden, nimmt Ulrich Herbert, der an der Universität Freiburg lehrt, einen besonderen Rang ein. Lange Jahre bearbeitete er Themen, die vom historischen «Mainstream» eher links liegengelassen wurden.Einem größeren Publikum wurde er mit seiner mehrfach aufgelegten Dissertation über die «Fremdarbeiter im NS-Staat» bekannt, die im Hinblick auf die Entschädigungsdebatte der 90er Jahre sichtbare Wirkung entfaltete. Danach schrieb er eine kritische Biografie des SS-Manns Werner Best, der wie so viele Nazis in der BRD problemlos seinen Lebensunterhalt als Justitiar beim Stinnes-Konzern verdienen konnte, ohne dass die Justiz sich für seine blutige Vergangenheit interessiert hätte. (Herbert spricht hier vom «Kainsmal der Republik».) Vor gut zehn Jahren veröffentlichte er die Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, die man neben den Arbeiten von Bade als Referenzwerk zu diesem Thema ansehen kann.

Seine gerade erschienene Geschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert, an der er gut ein Jahrzehnt gearbeitet hat, stellt eine herausragende Zusammenfassung zahlloser Studien zu Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazidiktatur, BRD und DDR, Vereinigung der beiden Staaten und deren Folgen für Europa und die Welt dar. Die Darstellung blickt auch bei zahlreichen Gelegenheiten vergleichend über den deutschen Tellerrand hinaus auf die umliegenden europäischen Länder – und auf die USA. Hervorragend sind die Teile über die Logik und permanente Radikalisierung der Gewalt im Dritten Reich und über die zahlreichen Opfergruppen (man sieht, dass das Dritte Reich eines seiner Spezialgebiete ist), sowie die Teile über den Kultur- und Mentalitätswandel in der BRD von einer konservativen, autoritären, «postnationalsozialistischen» Gesellschaft zu einer, in der die neuen sozialen Bewegungen einen deutlichen Demokratisierungs- und Individualisierungsschub durchgesetzt haben.

Herbert bemüht sich, neben zahlreichen Statistiken auch die wichtigsten Erkenntnisse der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte zu integrieren. Dabei ist ein umfängliches Werk von 1250 Textseiten herausgekommen, das der Verlag auch gut in zwei Bänden (vor und nach 1945) hätte herausgeben können.

Der Aufstieg

Ausgangspunkt für die deutsche Geschichte des 20.Jahrhunderts ist der rasche Aufstieg Deutschlands nach der Bismarckschen Reichseinigung von einem beschaulichen Agrar- zu einem führenden Industriestaat. Das Tempo dieser Entwicklung unterscheidet Deutschland deutlich von seinen Konkurrenten, von den USA abgesehen. Bei der Reichsgründung betrug der deutsche Anteil an der weltweiten Industrieproduktion noch 4,9%, der britische 20%, im Jahre 1913 war das Verhältnis schon 14,8% zu 13,6%: man hatte Großbritannien tatsächlich überholt und kämpfte um einen «Platz an der Sonne».

Diese «Neuerfindung der Welt» mit ihren Unsicherheiten der Existenz für alle Klassen führte zu großer «Nervosität» (Modekrankheit der Zeit) und zahlreichen Ängsten aller Art; vor allem das Bürgertum verfiel in «tiefe Selbstzweifel» und opponierte gegen Materialismus und die Macht des Geldes, gegen den «kalten Intellekt», gegen «Entfremdung und Vermassung» und auch gegen die westliche «Zivilisation».

Besonders deutlich wurde der Spagat zwischen Moderne und Nostalgie der guten alten Zeit in der Architektur: Man imitierte die Baugeschichte von der Gotik bis zum Klassizismus – aber natürlich mit fließend Wasser und elektrischer Beleuchtung! Auch die Jugendbewegung suchte dem Gestank und der Hektik in den Städten zu entkommen und wanderte nach Art des Biedermeier in der «heilen», ja paradiesischen Natur.

Für erhebliche Teile der Bevölkerung war die Einbindung in «sozialmoralische Milieus» (Arbeiterbewegung, Katholiken) von großer Bedeutung. Vor allem die verschiedenen Gruppen des Kleinbürgertums wandten sich rechtsextremen Gruppierungen (der Kyffhäuserbund zählte 1910 über 2,5 Millionen Mitglieder) oder gar antisemitischen Parteien zu; deren Bedeutung und Entwicklung wird von Herbert überzeugend herausgearbeitet.

Im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg vermag der Autor wenig Neues vorzutragen, da dieses Thema in den vergangenen Jahren ziemlich erschöpfend behandelt wurde. Er behandelt aber die Rolle der SPD und der Gewerkschaften im Krieg weit ausführlicher und kritischer, als das heute üblich ist. Die Frauenbewegung und ihre Aktivitäten gegen den Krieg, auch die kriegsbedingten Veränderungen in der Lebenssituation von Frauen werden ausführlich herausgearbeitet. Überhaupt durchzieht das Thema Lebens- und Arbeitswelt der Frauen und deren grundlegende Veränderungen das ganze Buch – einer seiner Vorzüge.

Nicht gerade zeittypisch sind auch die größeren Abschnitte über die Vorgeschichte und die massiven Auswirkungen der Oktoberrevolution auf den Krieg (Unruhen und Massenstreiks in zahlreichen Ländern) und die sozialen Bewegungen, vor allem die Arbeiterbewegung der Weimarer Republik, die in vielen neueren Darstellungen eher unterbelichtet bleiben.

NS-Zeit und Nachkrieg

Im Nationalsozialismus wurde der Widerspruch zwischen der Moderne und der «guten alten Zeit» auf die Spitze getrieben:

«Die Zielvorstellung der Volksgemeinschaft, schon seit der Jahrhundertwende über die politischen Lager hinweg verbreitet, beinhaltete die Ablehnung der modernen Gesellschaft mit ihren sozialen und konfessionellen Gegensätzen, die Kritik an Parteienstaat und moderner Kultur, sowie die Vision der harmonischen nationalen Gemeinschaft. Das war keine deutsche Besonderheit; man kann nachgerade von einer Hegemonie des nationalen Gemeinschaftsgedankens in den 1930er Jahren sprechen: eine politisch-ideologische Gegenbewegung zum Aufstieg des Klassenkampfgedankens in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg in fast ganz Europa.»

Wer nicht zur rassistisch und eugenisch definierten Volksgemeinschaft gehörte, wurde immer stärker mit Gewalt (dem zentralen «Wesenselement» des Regimes) überzogen und ausgegrenzt, schließlich nach Beginn des Krieges vernichtet.

Nachdem seit gut 20 Jahren der Holocaust im Zentrum der Forschung stand, geht Herbert auch auf die weniger bekannten Opfer ein, neben «Geisteskranken» (Aktion T4), Sinti und Roma und Homosexuellen vor allem die über 3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die man umbrachte oder dem Hungertod überließ. Der Schuldenberg des Reiches (die Aufrüstung war im wesentlichen durch Kredite finanziert worden) belief sich auf 452 Mrd. oder dem Fünffachen des Sozialprodukts. Die «Währungsreform» von 1948 (der Startschuss zur Gründung des Weststaates) war daher eine «historisch nahezu einzigartige Enteignungsaktion», die Sachwertbesitzer massiv begünstigte. Verlierer waren auch die etwa 30 Millionen «Entwurzelten» aus den östlichen Reichsteilen und anderen europäischen Ländern.

Herbert arbeitet heraus, dass die deutsche Teilung keineswegs alternativlos war, sondern Produkt der bedingungslosen «Westorientierung» Adenauers und des Kalten Krieges, der mehrfach auch heiß hätte werden können.

Während die Stabilisierung der BRD vor allem über das durch Marshall-Plan und Koreakrieg induzierte «Wirtschaftswunder» und später den Ausbau des Sozialstaats erfolgte, blieb die DDR zumindest bis 1955, vielleicht bis zum Mauerbau 1961, Verhandlungsmasse der Sowjetunion mit dem Westen, «ein Staat unter Vorbehalt». Sie wurde durch den Arbeiteraufstand vom 17.Juni 1953 nachhaltig erschüttert, Herbert charakterisiert ihn als eine «der größten Arbeiterrevolten der jüngeren deutschen Geschichte», bei der in über 250 Städten Mobilisierungen stattfanden und zwei Drittel der Verhafteten Arbeiter waren. Von diesem Schock konnte sich die SED-Führung nie mehr ganz erholen: Sie blieb eine Diktatur einer Minderheit, die letztlich von der Sicherung durch die Sowjetarmee abhing.

Kulturwandel

Die Brutalität des Naziregimes und die Weigerung der jungen BRD, die Naziverbrecher zu verfolgen, spielte in den politischen Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre, in der Studentenbewegung und den späteren linken Gruppen bis hin zur RAF eine wesentliche Rolle. Dies unterschied die deutsche Bewegung (abgesehen von Italien) von vergleichbaren Bewegungen in Europa, in den USA, Mexiko, Japan usw. Durch die sozialliberale Koalition ab 1969 erhielt Westdeutschland einen erheblichen gesellschaftlichen Modernisierungsschub.

«Selbstbild und Selbstverständnis der Gesellschaft der Bundesrepublik hatten sich in den Jahren seit der Großen Koalition unübersehbar verändert. Es war westlicher, europäischer, liberaler, auch linker geworden … Im kulturellen Bereich hatte sich die tradierte Ablehnung von moderner Gesellschaft und Massenkultur durch die Konservativen weitgehend verflüchtigt. Zwar war die kulturkritische Klage über den Zerfall der Familien, Hedonismus und egoistischen Individualismus nicht verstummt, aber da diese Phänomene bis weit in die Lebenswelt auch der konservativen Gesellschaftsschichten hineinreichten, verloren solche Beschwerden an Überzeugungskraft.»

Nun begannen die Konservativen, auf Wachstum und Technikbegeisterung zu setzen, während die ökologisch gewendeten Linken den Wachstumsfetischismus und die «Bewusstseinsindustrien» kritisierten und eine ökologische Wende einforderten. Mit dem Niedergang der klassischen Industrien begann auch der Niedergang des «sozialdemokratischen Modells».

Die Globalisierung und die digitale Revolution reduzierten die Handlungsmöglichkeiten des Nationalstaats, ohne dass dies durch internationale Organisationen aufgefangen würde. Die Folge ist eine national und weltweit rasch zunehmende soziale Ungleichheit.


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