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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2016 |

Bildergeschichten in der Gewerkschaftspresse

Eine andere Art der Agitation
von Tobias Michel

Seit 2011 greifen Tobias Michel und Matthias Berghahn mit ihren Bildergeschichten rund um Sophie den betrieblichen Alltag im Gesundheitswesen auf. Sie erscheinen in der Fachbereichsbeilage «drei», die die Ver.di-Mitgliederzeitung Publik etwa alle drei Monate ergänzt.
«Die Bildergeschichte kann das Unsagbare zeichnen und das Unsichtbare beschreiben.» Der kluge Hannes Binder warnte in der Neuen Zürcher Zeitung («Über das Zeichnen von Worten. Eine kleine Poetik der Graphic Novel», 6.8.2012) zugleich vor einer Trivialisierung durch bloße Illustration.
Aus Sicht der Leser/Zuschauer kombiniert die Aufnahme von Bildungsgeschichten einige Vorzüge von Filmen und Kurznovellen. Das unmittelbar Abgebildete wird – Kamerafahrten gleich – aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Distanzen beobachtet. Diese Bildmacht umgeht manche sprachliche Hürden. Andererseits überlässt die Bildfolge den Lesern das Tempo und die Reihenfolge der Entschlüsselung. Manches Detail wird erst bei einem schnellen Rücksprung auf die vorhergehende Szene verstanden und neu durchdacht.
Wir schildern betrieblichen Alltag mit seinen Konflikten. Genau hier haben auch gewerkschaftliche Zeitungen einen großen blinden Fleck. Zur Arbeit gehören die soziale Beziehungen, die Zusammenarbeit im Team, ebenso der Widerstand, die Ängste, der Frust.
Parallel erleben wir so:
– eine kollegiale Beziehung zwischen Sophie und Ilka,
– die mitverantwortliche Vorgesetzte, Frau Meise,
– eine eher frustige Unterstützung durch den Lebenspartner Kai Kunz,
– einen zwieschlächtigen Betriebsrat,
– eine durchaus problembehaftete Unterstützung durch Ver.di.
Wir zeigen einen Berufsalltag, in dem Frauen das Sagen haben, ob als Kolleginnen oder als deren Chefin. Am konkreten Beispiel werden arbeitsrechtliche Fragen und Konflikte durchgespielt.

Die Form
Diese Inhalte bedingen die Form: Es geht nicht um künstlerische Überhöhung oder Brechung. Das Offensichtliche, jedoch hinten den Mauern der Betriebe Verborgene, wird sachlich gezeigt. Die Sprache (Wortebene) bleibt ebenfalls klar und unmittelbar. Die in ihrem Inhalt und auch der Form nach eher realistischen Abbildungen berichten aus einer bisher nicht ausgeleuchteten Arbeitswelt im Gesundheitswesen, der patienten- und bewohnerfernen Versorgung. Die stärker reduzierte Darstellung der Titelheldin Sophie erleichtert die Identifikation mit ihr. Die Bildhintergründe schildern dagegen detailreich Arbeitsumgebungen, aber auch Privates. Vorbilder sind hier vielleicht die Farbholzschnitte des Japaners Kuniyoshi Utagawa (1798–1861) oder Mr.Block (1912).
Eine jeweils eingeschobene private Zwischenszene spiegelt den Konflikt und nutzt dabei Analogien der Alltagserfahrung. Sie parodieren zugleich die Superhelden-Comics, in denen der Held sich aus einem gewöhnlichen Berufsleben heraus verkleidet, um die Welt zu retten.
Dies wird sparsam ergänzt um die abstrakten Worte, als Sprechblasen oder auch als Zeichen für Geräusche.
Nicht in den einzelnen Bilder, sondern erst in deren Abfolge werden die Geschichten erzählt. Genauer: «zwischen den Bildern» ergänzen die Leserinnen und Leser für sich Sinn und stellen Zusammenhänge her. Anders als Fotos lesen sie diese Art von Zeichnungen auf ihre beabsichtigte oder vermeintliche Bedeutung hin; sie verdichten das Erzählte.
Die Grammatik der Bildungsgeschichten geht dabei über die der Comic-Heftchen für Kinder und Jugendliche zwar hinaus, bleibt jedoch eher konventionell. Eine dreimonatlich erscheinende Beilage würde sich überfordern, wollte sie die kulturellen Grundfertigkeiten der Leser erweitern. Sie muss daran anknüpfen. Den oft comic-unerfahrenen Lesern (normale Gewerkschaftsmitglieder) können wir keine ehrgeizigen Übersetzungsleistungen zumuten. Sie beherrschen meist nur wenige der in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten in dieser Kunstgattung herausgebildeten Konventionen (Bedeutungsmuster).

Neuland
Trotz der eingesetzten, eher konventionellen Mittel bleibt dennoch unser Anspruch, auch innovativ zu sein.
Zunächst inhaltlich, als «Gewerkschaftscomic». Hier sind wir ohne Vorbild, wenn auch ein knappes Jahr später R.Alff und Prof.Däubler im Bund-Verlag eine kleine Reihe von Comic-Geschichten auflegten: «Irrwitzige Geschichten aus dem Alltag eines Betriebsrats». Und in Publik 5/2015 erschien eine ganzseitige Bildungsgeschichte, die sich an Auszubildende wandte. Doch sie fiel eher in Kinder-Comic-Klischees zurück: Ein Ver.di-Boy und ein Ver.di-Girl trinken den Zaubertrank «Ver.di», um mit Superkräften und Twitter die übrigen Azubis zu mobilisieren.
Weitergehend versuchen wir, auch formal Neuland zu betreten.
Die Verhältnisse im Alltag sind nicht klar, ebenso auch nicht die gezeichneten Linien und Gestalten. Wir brauchen Nuancen/Schattierungen. So können wir Übersichten, aber auch Details erkennbar machen. Der Vorteil gegenüber fotorealistischen Darstellungen ist, dass sich Zeichnungen auf das Wesentliche konzentrieren. Dies macht sie für die Leser leichter entziffer- und deutbar. Wir haben uns dennoch entschieden, die Akteure und ihre Umgebung nicht auf Symbole zu reduzieren. Die Akteure sollen nicht nur bloße Ikonen von Metabeschäftigten sein, sondern die Vielschichtgkeit unseres betrieblichen Alltags andeuten. Uns geht es ums Erzählen, also um zeitliche Abfolgen, und ebenso um Zusammenhänge. Dazu brechen wir immer wieder aus dem Schemaabfolgen der rechteckigen Rahmen aus.
Die widerstreitenden Interessen und deren Argumente werden in den Gesprächen gegenübergestellt. Wir ergänzen um knappe arbeitsrechtliche Hinweise und kommentieren dies durch Couplets, kurz zitierte und meist mehrdeutige Liedtexte von Sophies Kollegin Ilka. Wichtiger ist es uns, dass jeweils unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten durchgespielt werden, mal individuell, mal kollektiv.


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