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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2017 |

Chicago, USA: Widerstand im Zeitalter von Trump

Eine Stadt am Rustbelt auf den Beinen gegen Trump
von Gönül Düzer*

Chicago ist bekannt als eine Stadt des Widerstands – in vielen Bereichen: Arbeiterrechte, Rechte der Schwarzen, Widerstand gegen Polizeigewalt, Kampf um die Rechte der Frauen und Homosexuellen. Hier will ich auf die Proteste gegen Präsident Trump eingehen. Ich werde nicht alle Kritik erwähnen, nur einige davon benennen. Ich will zeigen, wie Widerstand sich in Chicago anfühlt und wie er aussieht. Dabei greife ich auf meine eigenen Notizen und Erinnerungen an Protestaktionen zurück.

Die Wahl von 2016 hat die bereits bestehenden Protestgruppen bestärkt und dafür gesorgt, dass Brücken zwischen einzelnen Gruppen gebaut werden. Der erste Protest gegen Trump, an dem ich teilnahm, fand am 11.März 2016 statt. Tausende versammelten sich und protestierten stundenlang, mit der Folge, dass Trump seine Rede an der Universität von Chicago absagte. Wir blockierten die wichtigsten Zufahrtswege zur Universität. Die Nichttoleranz gegenüber Trump war noch voller Hoffnung, es gab noch die Aussicht, vom kleineren Übel regiert zu werden.

 

Not my president

Monate vergingen mit Organisieren, Vorbereiten und gegenseitiger Unterstützung. Nachdem Trump gewählt worden war, riefen mehr Menschen «Not my president!». Am Tag seiner Amtseinführung, am 20.Januar, protestierten Tausende stundenlang im Zentrum der Stadt. Die Leute waren schockiert. Die Leute waren wütend. Die Leute wussten nicht, was passieren würde. Aber die Leute waren auch auf der Straße. Sie zeigten dem Trump-Tower den Stinkefinger! Unterschiedlich radikalisierte Leute hielten Schilder wie «Love Trumps Hate» (Liebe triumphiert über Hass) und «Wir werden nicht kampflos verschwinden». Am augenfälligsten waren Vergleiche mit dem Faschismus und Hitler. Die Protestierenden zögerten nicht zu zeigen, wie Trumps Politik dem klassischen Faschismus ähnelt. Im Gespräch mit ihnen und in den sozialen Medien merkte ich, dass viele Protestierende Neulinge waren.

Die Polizei war da und schützte die Zufahrtswege zum Trump-Tower. Es war klar, dass Trumps Wahlversprechen nicht ohne starken und breiten Widerstand durchgesetzt werden können. Die Protestierenden sprachen über die Abschiebungen und sein zukünftiges Kabinett. Fast jede bereits diskriminierte Bevölkerungsgruppe ist Zielscheibe von Trumps Politik und es war nicht der richtige Zeitpunkt, um still, hilflos und allein zu sein. Es war der Zeitpunkt, die Straßen von Chicago stundenlang zu blockieren, Parolen zu verbreiten, sich stark zu fühlen und den Lake Shore Drive, die Küstenstraße entlang des Michigansees, zu schließen. «The people united will never be defeated», vereint wird man uns nicht schlagen können.

 

Women’s March

Nach dem Wahltag war der Women’s March eine der wichtigsten Aktionen, über die die Menschen sprachen. Der wichtigste fand in Washington D.C. statt, aber fast in allen großen Städten und vielen kleineren Städten fanden am 21.Januar Frauenmärsche statt. Die Zusammensetzung der Frauen, die über den Marsch sprachen, flößte Hoffnung ein. Weiße Frauen der Mittelklasse, die in der Regel nicht so sehr an Frauenkämpfen teilnehmen, bei denen es um Rasse, Klasse, Einwanderungsstatus, geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung geht, sprachen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, bei der Arbeit und in den sozialen Medien darüber, sich am Protest zu beteiligen, und inspirierten viele, daran teilzunehmen.

Am Tag des Marsches war es warm und hell in Chicago. Kinder spielten auf dem Gras, die Frauen trugen ihre selbstgemachten Schilder, Männer brachten ihre Unterstützung für die Frauen zum Ausdruck. Der Anblick der vielen Babies und Kinder bei ihrem ersten Protest machte die Atmosphäre noch wärmer. Hunderttausende versammelten sich in der Chicagoer Innenstadt. Ich habe noch nie an so einem großen politischen Protest teilgenommen. Die schwarzen Frauen betonten, wie wichtig ein Feminismus ist, der über Rassengrenzen hinweg reicht. Mit ihren Schildern zeigten sie, wie ihr Leben, neben der Tatsache, dass sie eine Frau sind, auch vom Immigrationsstatus, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer sexuellen Identität beeinflusst ist.

Den Erfolg von Protesten kann man auf unterschiedliche Art und Weise messen. Der wichtigste Erfolg des Frauenmarschs war meiner Ansicht nach, dass viele Leute politisiert wurden. Damit die Bewegung in Schwung bleibt und anhält, ist es jedoch wichtig, dass weiterhin weiße Heterofrauen mobilisiert werden und Verbindungen zu anderen Themen hergestellt werden.

 

Der Einwanderungsstopp

Wenige Tage nach diesen tagelangen und starken Anti-Trump-Protesten unterzeichnete Trump eine Direktive, die für 120 Tage die Neuansiedlung von Flüchtlingen in den USA stoppen soll, syrischen Flüchtlingen auf unbestimmte Zeit die Einreise verwehrt und Einwanderern aus sieben, mehrheitlich muslimischen Ländern: Iran, Irak, Syrien, Libyen, Somalia, Jemen und Sudan für 90 Tage ebenfalls die Einreise verwehrt – darunter auch solchen, die eine Green Card haben. Tags darauf waren die Nachrichten voll von Einwanderern, die über Dokumente verfügen, aber auf den Flughäfen festgehalten werden. Die Nachrichten von Protesten im John-F.-Kennedy-Flughafen in New York waren ermunternd. In Chicago wurde die Nachricht von einem Notprotest am O’Hare-Flughafen wieder und wieder verbreitet. Vom frühen Morgen an wurde dieser Protest vorbereitet, rund tausend Protestierende versammelten sich am Terminal 5 des Flughafens. Die Menschen kamen mit Luftballons und Willkommensschildern. Einwanderungsanwälte stellten ihre Dienste gratis zur Verfügung, um den Festgehaltenen zu helfen und den Missbrauch von Rechten zu dokumentieren. Im Terminal gab es eine große Gruppe, die vor dem Ausgang auf die Gepäckausgabe warteten. Die Rufe da drinnen hörten nicht auf.

Draußen warteten die Protestierenden auf den Gehsteigen, sie skandierten und verfolgten die Informationen über die festgehaltenen Einwanderer und Flüchtlinge, die die Organisatoren regelmäßig verkündeten. Dann sprengten wir mithilfe der Organisatoren die Polizeibarrikade und blockierten die einzige Straße vor dem internationalen Ankunftsterminal. Der nachhaltige zivile Widerstand dauerte mehrere Stunden. Wir hörten, dass vier Leute freigelassen wurden, aber wir riefen, dass wir nicht weggehen werden, bis auch die anderen rauskommen. Das taten wir auch. Um 22.30 Uhr erfuhren wir, dass alle, die festgehalten worden waren, freigelassen wurden. Teil einer Aktion zu sein, bei der man erreicht, was man fordert, ist ein wunderbares Gefühl. Kleine Kinder trugen ihre eigenen Schilder und riefen: «Lasst sie rein!» Und da wir nicht wichen, mussten sie sie reinlassen.

Vielleicht wird die Anti-Trump-Identität demnächst zum einenden Band zwischen den Kämpfen. Dafür müssen auch die Gruppen teilnehmen, die weniger von Diskriminierung betroffen sind. Das Leben von allen in den USA wird von Trumps Politik betroffen sein. Die Leute dürfen nicht aus BarmherzigkeitsgGründen am Protest teilnehmen, sondern weil sie verstehen, dass es keinen Frieden für irgendjemanden geben wird ohne Gerechtigkeit für alle.

 

* Die Autorin ist vor kurzem in die USA eingewandert und lebt in Chicago. Zuvor lebte sie in der Türkei und in Deutschland. Sie ist Aktivistin und widmet sich den Themen Arbeit, Gender und Einwanderung.


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