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Eine Partei für die Ungleichheit

Wer steckt hinter der AfD und was hält die Partei zusammen?
von Andreas Kemper*

In der AfD tummeln sich sehr unterschiedliche Menschen und es fühlen sich sehr unterschiedliche Menschen von ihr angezogen. Das ist ein Geheimnis ihrer Wahlerfolge. Ihren Organisatoren ist es gelungen, fast alles aufzusaugen, was sich an rechtem Potenzial in der BRD im Laufe der Zeit angesammelt hat. Was die AfD zusammenhält, wer hinter der Partei steht und was die verschiedenen Strömungen wollen, hat Andreas Kemper in einem Vortrag in Köln dargelegt. Die nachstehenden Beiträge basieren auf diesem Vortrag.

 

Ist die AFD rechtsextrem? Die Frage ist schwierig, weil die Trennlinie gegenüber dem neoliberalen Mainstream nicht so eindeutig ist.

Was die AfD zusammenhält, ist eine strategische Kooperation von Strömungen, die alle einer gemeinsamen Ideologie anhängen, nämlich dass Menschen grundsätzlich nicht gleich viel wert sind. Die Partei saugt alles auf, was mehr Ungleichheit will, und bündeln das zu einer Art Partei.

Angefangen hat es mit einer Riege von Professoren um Bernd Lucke, die die uneingeschränkte Herrschaft des Marktes und mehr Ungleichheit zwischen arm und reich wollen. Nachdem die Professoren die Partei verlassen haben, ist es Sven Tritschler aus Köln, der diese Position prominent vertritt. Er führt mit Markus Frohnmaier zusammen den Vorsitz der Jungen Alternative und arbeitet für die rechtsextreme Fraktion im Europaparlament «Europa der Nationen und der Freiheit».

Im Zusammenhang mit dem Neoliberalismus ist ja auch wieder die Rede von einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Ähnlich wie im Mittelalter zählt nicht mehr die Leistung, sondern die Herkunft. Reich wird, wer reiche Vorfahren hat. Und jedes Jahr werden an die 300 Milliarden Euro vererbt. Wer als Arbeiterkind geboren wird, hat da keine Chance.

Tritschler gehört der «Libertäten Alternative» an, die möchte die Rente genauso wie die Entwicklungshilfe komplett abschaffen. Alles soll privatisiert werden, auch alle Unternehmen und staatlichen Beteiligungen. Der Staat soll nur noch Eigentum schützen – mit Hilfe privater Armeen und einer privaten Polizei.

 

Ungleichwertigkeit…

Die zweite ideologische Strömung ist die antisäkulare und christlich-fundamentalistische. Sie will nicht eigentlich kirchliche, sondern evangelikale und katholisch-fundamentalistische Einflüsse stärken. Beatrix von Storch ist eine prominente Vertreterin dieses Flügels. Sie hat eine Gruppe namens «zivile Koalition» um sich, die mit Dutzenden Internetauftritten arbeitet und sich vor allem dem Schutz der traditionellen Familie verschrieben hat. Vor Weihnachten wurde ein Newsletter verschickt, in dem stand, Weihnachten ist das Fest der Ungleichheit – denn es ist das Fest der Familie und die besteht für Storch aus Vater, Mutter, Kind.

Diese Strömung betont die Ungleichheit und Ungleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern, Heterosexuellen und Homosexuellen. Dass es um Ungleichwertigkeit geht, würde diese Strömung abstreiten, nicht aber, dass es um mehr Ungleichheit geht. Ungleichheit an sich macht aber gar keinen Sinn, sie wird erst dann wichtig, wenn damit Ungleichwertigkeit verbunden ist. Wenn gesagt wird, Mütter müssen wieder ihren Platz als Mütter einnehmen können, dann ist damit verbunden: In der Küche sind Männer nicht so viel wert, dafür sind Männer in Parteien mehr wert. Bei verantwortungsvollen Jobs sind Männer mehr wert und Frauen weniger. Über diesen zugeschriebenen Platz kommt die Ungleichheit herein.

Ähnlich ist es bei der dritten Strömung, die will mehr Ungleichheit zwischen sog. «Biodeutschen» und «Nichtbiodeutschen». «Biodeutsche» sind solche, die nicht nur einen deutschen Pass haben, sondern auch deutsche Vorfahren. Haben sie die nicht, sind sie keine richigen Deutschen. Ein Sprecher dieses Flügels ist Björn Höcke. Er vertritt einen völkischen Nationalismus, das ist eine faschistische Ideologie, die schon in Richtung Nationalsozialismus geht.

Auch Björn Höcke hat zu Weihnachten etwas gepostet, nämlich ein Bild, das von weitem so aussieht wie eine Krippe, aus der Nähe betrachtet ist es ein verschneiter Wald, hinter dem ein Feuer aufleuchtet (wahrscheinlich ein Sonnwendfeuer). Daneben steht eine Strophe aus einem Weihnachtslied, das 1940 ein Nazidichter für die Hitlerjugend geschrieben hat.

 

… und Familismus

Diese drei Strömungen treffen sich in der Ideologie der Ungleichheit, aber auch im Familismus. Familismus ist die Ideologie von der Vater-Mutter-Kind-Familie. Familismus ist familienfeindlich, weil er sich gegen Regenbogenfamilien, gegen Patchworkfamilien, gegen Alleinerziehende und auch gegen die Familien von Nichteinheimischen stellt – auch gegen den Familiennachzug bei Migrantenfamilien.

Die drei Strömungen haben unterschiedliche Gründe, weshalb sie für den Familismus sind. Die neoliberale Fraktion will die traditionelle Familie stärken, weil sie den Sozialstaat abbauen will, das Loch, das dadurch entsteht, soll die Familie auffangen. Die christlich-fundamentalistische Fraktion will die Familie stärken, weil das angeblich so in der Bibel steht. In den Flugblättern der Initiative Familienschutz (TFP) steht aber auch, dass sie gegen die Homoehe ist, weil dann ja nicht mehr klar ist, wie die Abstammungslinien verlaufen. Die christlich-fundamentalistische Fraktion wird vor allem von Adligen getragen. Die sind gegen die Ehe für alle, denn wenn es die gibt, kann man die Adelsstammbäume nicht mehr richtig zeichnen, dann geht alles durcheinander.

Die neue Rechte und die Faschisten sind für die traditionelle Familie, weil sie sie für die Keimzelle der Nation halten – da geht es um die Reproduktion der Deutschen.

Natürlich schweißt sie auch der gemeinsame Feind zusammen, das sind neben den Migranten und dem Islam die sog. Gutmenschen, also diese Linksversifften, die jetzt wieder gegen den Parteitag der AfD mobilisieren.

 

Worüber streitet man sich in der AfD?

Am meisten streiten sich die Fraktionen in der AfD um die Frage: Ist die AfD eine fundamentaloppositionelle Bewegungspartei, wie dies die Strömung um Björn Höcke vertritt? Diesem Flügel geht es nicht so sehr um parlamentarische Arbeit, sondern um Kulturkampf, kulturell die Straßen erobern, die Begriffsherrschaft der Linken durchbrechen usw. Oder soll sie so schnell wie möglich in die Regierung, wo sie natürlich Kompromisse schließen müsste?

Die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit hat sich deutlich gegen den Höckeflügel positioniert, er schade der AfD und ihrem Anliegen, sich dauerhaft als eine Partei rechts von der CDU/CSU zu positionieren.

 

* Andreas Kemper ist Soziologe und befasst sich schwerpunktmäßig mit Klassismus und organisiertem Antifeminismus. Er ist ein genauer Kenner der AfD und hat mehrere Bücher über sie veröffentlicht. In SoZ 6/2014 wurde sein Buch Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition vorgestellt; in SoZ 4/2016 führten wir ein Gespräch mit ihm.


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