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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2017 |

Nachlese zum 8.März

Neues Bewusstsein für kollektives Handeln
Interview mit Cinzia Arruzza

Es scheint, dass die Mobilisierungen zum 8.März dort am stärksten waren, wo das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung am meisten bedroht ist. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Neuen Frauenbewegung der 70er Jahre. Penelope Duggan von International Viewpoint sprach darüber mit Cinzia Arruzza am Beispiel der Frauenbewegung in den USA.

 

Kann man die Women’s Marches in den USA eine neue Bewegung nennen? Vielleicht sogar weltweit?

Als man mir im vergangenen Sommer diese Frage stellte, antwortete ich mit Nein. Zum Glück fällt meine Antwort jetzt anders aus: Ja, ich glaube, dass wir auf internationaler Ebene die Geburt einer neuen feministischen Bewegung erleben. Das heißt natürlich nicht, dass das überall passiert. Am Internationalen Frauenstreik waren fünfzig Länder beteiligt, aber die Streikbeteiligung war in den verschiedenen Ländern sehr ungleich: In Polen, Argentinien, Italien, Spanien, Irland und der Türkei gab es die größten Demonstrationen. In anderen Ländern hatte der Streik ein großes Medienecho.

Möglicherweise erleben wir gerade die ersten Schritte im Wiederaufbau einer starken und breiten antikapitalistischen feministischen Strömung: Dies gilt z.B. für die USA: Hier war der Marsch in New York City mit 7000 Teilnehmerinnen für eine Demonstration mit einer so radikalen Plattform eine der größten seit Jahren. Besonders von Bedeutung ist die Tatsache, dass dies eine international geplante und koordinierte Mobilisierung war. Seit der Bewegung für globale Gerechtigkeit in den frühen 2000er Jahren haben wir ein solches Ausmaß an internationaler Koordinierung nicht mehr erlebt.

 

In den vierzig Jahren, die seit der Neuen Frauenbewegung der späten 60er/frühen 70er Jahren vergangen sind, gab es natürlich feministische Aktivitäten. Aber sie waren fragmentierter, erfolgten vielfach über relativ institutionalisierte Kanäle (Regierungen, NGOs) oder durch eher individuelle Formen des Protests. Dies ist natürlich einem veränderten politischen Kontext geschuldet, angefangen mit dem Postmodernismus der 90er Jahre. Haben wir diese Phase nun überwunden und kehren zu kollektiveren Aktionsformen zurück? Kann man deshalb von einer neuen Welle der Frauenbewegung sprechen?

Ich glaube, die Mobilisierungen zeigen ein neues Bewusstsein von der Notwendigkeit, Solidarität und kollektives Handeln wieder herzustellen. Denn dies ist der einzige Weg, uns gegen die ständigen Angriffe auf unseren Körper, unsere Freiheit und unsere Selbstbestimmung sowie gegen die imperialistische und neoliberale Politik zu verteidigen.

Darüber hinaus bilden diese Mobilisierungen ein Gegengift zur liberalen Verflachung des feministischen Diskurses und seiner Praxis. Gleichzeitig bedeutet aber die Überwindung von Postmodernismus, Individualismus und einer bestimmten Art von Identitätspolitik nicht einfach eine Rückkehr zu den 60er Jahren. Zurückgehen ist nie eine Option, wie uns Marx gelehrt hat. In den letzten Jahrzehnten haben wir ein größeres Bewusstsein über die schichtspezifischen Bedingungen von Cis- und Transfrauen* erworben – je nach ihrer Klasse, Ethnie, Hautfarbe, Alter und sexuellen Orientierung. Eine Herausforderung für die neue feministische Bewegung ist die Bildung von kollektiven Aktions- und Organisationsformen und Forderungen, die diese Differenzen nicht unsichtbar machen, sondern sie im Gegenteil ernsthaft berücksichtigen. Verschiedenheit muss für uns eine Waffe sein, nicht etwa ein Hindernis oder etwas, das uns spaltet.

Aber um so handeln zu können, müssen wir vor allem den am meisten unterdrückten Cis- und Transfrauen Sichtbarkeit, Stimme und eine aktive Rolle ermöglichen. In anderen Worten, der einzige Weg, zu einer wirklich Politik mit universellem Anspruch zu kommen, besteht darin, dass wir von den Differenzen nicht abstrahieren, sondern sie in einer umfassenderen Kritik der kapitalistischen und hetero-patriarchalischen sozialen Beziehungen miteinander kombinieren. Jede einzelne politische Subjektwerdung, die auf einer spezifischen Unterdrückung beruht, kann uns neue Einsichten darüber liefern, wie Kapitalismus, Rassismus und Sexismus unser Leben beeinflussen.

 

Die Selbstbestimmung über unseren Körper und der Kampf gegen Gewalt scheinen die Themen zu sein, die viele Kräfte zusammenführen – viel mehr als z.B. die Rechte von Frauen als Arbeiterinnen. Es gibt Gewerkschaften, die für Frauenrechte aktiv sind und am 8.März zu Streiks aufgerufen haben – wie in Frankreich, wo die CGT und die SUD-Gewerkschaften die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen thematisiert haben. Glaubst du, dass es leichter ist, Frauen in den Stadtteilen zu mobilisieren als am Arbeitsplatz?

Im Gegenteil. Was diese neue feministische Bewegung kennzeichnet ist gerade, dass sie die Frauenarbeit sichtbar macht und Frauen nicht bloß als Frauen, sondern als Arbeiterinnen anspricht. Es war kein Zufall, dass wir für unsere Aktionen am 8.März den Begriff «Streik» übernommen haben. In einer Reihe von Ländern betonten spezifische nationale Plattformen, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur die Form individueller oder häuslicher Gewalt annimmt, sondern auch die Form der schleichenden Gewalt des kapitalistischen Marktes, der Gewalt durch Rassismus, Islamophobie, Einwanderungspolitik und Krieg.

Wir mobilisieren Frauen als Frauen und als Arbeiterinnen: Das war eine der machtvollsten Botschaften des 8.März. Aus diesem Grund sprachen wir in den USA vom «Feminismus für die 99%»: Wir wollen eine feministische Bewegung auf einer Klassenbasis, denn wir sind uns vollkommen bewusst, dass Frauen, und besonders rassistisch unterdrückte Frauen, der am meisten ausgebeutete Teil der Arbeiterklasse sind – und auch der Sektor, der am meisten arbeitet, sowohl zu Hause als auch außerhalb des Zuhauses.

 

In SoZ 3/2017 schrieb Cinzia Arruzza über den Women’s March vom 21.Januar in den USA.

 

*Der Unterschied zwischen Cisfrauen und Transfrauen ist der, dass die ersteren ihr Geschlecht bereits bei der Geburt zugewiesen bekommen, während die letzteren bei der Geburt zunächst fälschlich als «männlich» einsortiert werden.


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