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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2017 |

documenta 14

Ein Streifzug am Rande der diesjährigen Weltkunstausstellung
von Violetta Bock

Die politischste Documenta jüngerer Zeiten, so heißt es zumindest. Seit 1955 verwandelt sich Kassel alle fünf Jahre für hundert Tage in das Zentrum für zeitgenössische Kunst. Begründet wurde sie von Arnold Bode, der in der NS-Zeit als «entartet» gebrandmarkt worden war; die documenta sollte nach dem Krieg die Menschen mit zeitgenössischer Kunst vertraut machen. Diesmal ist Adam Szymczyk Kurator, gemeinsam mit einem internationalen Kuratorenteam.

Lange blieben die konkreten Planungen verborgen, doch früh stand die allgemeine Richtung fest: es sollte politischer werden. Dies zeigt sich schon daran, dass die Ausstellung erstmalig nicht nur in Kassel, sondern auch Athen stattfindet. Es sei das Minimum an Solidarität, die man zeigen könne, wird Szymczyk dazu in der Kunstzeitschrift Monopol zitiert. Allein diese Entscheidung hatte Kritik hervorgerufen.

Ein Besuch lohnt, doch soll er durch diesen Artikel nicht abgekürzt werden. Denn abseits von dem, was sich in den Kunstkatalogen wiederfindet, liefert die Documenta auch immer wieder einen Rahmen für Politisches.

 

Pantheon

Früh bekannt wurde diesmal die Planung für die Errichtung eines Pantheons in Kassel. Die Künstlerin Marta Minujín aus Buenos Aires hatte einen solchen 1983 schon einmal errichtet: Er bestand aus 25000 verbotenen Büchern ihrer Heimat und war ein Symbol für die wiedergewonnene Freiheit. Für Kassel konnten in den letzten Monaten einst oder gegenwärtig verbotene Bücher abgegeben werden, die sich nun, in Folien verpackt, am Friedrichsplatz zum Pantheon in Originalgröße zusammensetzen – genau da, wo 1933 2000 Bücher von den Nazis verbrannt wurden.

Der Pantheon ist verdientermaßen ein Publikumsmagnet, weil es auch ohne große Erklärung ein schönes Bild abgibt, und beim Spaziergang von Säule zu Säule niedrigschwellig zum Nachdenken einlädt. Schließlich lautet das Motto diesmal «Von Athen lernen». Was zu lernen ist, muss jeder tatsächlich selbst herausfinden. Mehr als 150 Künstler bespielen die beiden Orte und thematisieren die Auswirkungen von Neoliberalismus, Kolonialismus, Fluchterfahrungen und zertrümmerten Schiffe auf dem Mittelmeer. Raum wird geöffnet für indigene Völker und deren Kampf um Selbstbestimmung.

 

Konzept

Der rote Faden besteht anscheinend gerade in seiner Nichtexistenz und Auflösung. Die normale Zeitspanne von hundert Tagen wird verlängert durch die zeitlich früher gesetzte Eröffnung in Athen. Der Ort ist jedoch nicht nur auf Athen und Kassel festgelegt, sondern soll über ein Radiobegleitprogramm allen zugänglich werden. Auch Live Streams sprengen die Grenzen des Ortes und tragen zur Dezentralisierung bei.

Die Frage des Verhältnisses von Politik und Kunst trägt viel zur Kritik bei. Das systemkritische Auftreten ist zu begrüßen, aber rückt erstmal nur politische Themen ins Zentrum und führt sie so einem breiteren Publikum wortwörtlich vor Augen, oder, wie dieses Jahr, durch zahlreiche Soundinstallationen in die Ohren.

Auch wenn als großes Banner in der ganzen Stadt der Satz «Wir (alle) sind das Volk» in verschiedenen Sprachen prangt, fragt man sich doch wie bei jeder Documenta, ob von der Kunstausstellung neben dem Kulturestablishment auch Menschen jenseits des Kunstbetriebs angesprochen werden sollen. Trotz aller politischen Ansprüche sind die Eintrittspreise hoch und nicht alles leicht verständlich. Zumindest gibt es auch öffentliche Programme, gerade in Athen günstigere Preise, und nicht zuletzt wurde dort durch die Documenta das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST), das aufgrund der Sparzwänge in den letzten Jahren nicht vollständig geöffnet war, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Neben sehenswerten Einzelausstellungen ist es der Documenta gerade durch die Wahl von Ort, Zeit und dem allgemeinen Motto jedenfalls gelungen, zahlreiche Anknüpfungspunkt zu liefern, die sich im politischen Begleitprogramm in und abseits der Documenta wieder finden. In der Folge einige Schlaglichter auf einzelne Kunstwerke.

 

Aufklärung eines Mordes in Kassel

Am 6.?April eröffnete die Documenta in Athen. Vor genau elf Jahren wurde Halit Yozgat in Kassel Opfer eines NSU-Mordes. Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der documenta14 in Athen sprachen zwei Mitglieder der Initiative 6.April und vom Tribunal «NSU-Komplex auflösen!» als Gesellschaft der Freunde und Freundinnen von Halit. Sie erinnerten an Halit und plädierten unter großem Beifall für eine Überwindung von Nationen und eine Gesellschaft der vielen. Was in der Öffentlichkeit – von Politik und Verfassungsschutz verdeckt – weiter Fragen aufwirft, findet bei der Documenta Gehör. Nicht nur bei der Eröffnung wurde der Mord thematisiert, auch auf dem Übersichtsplan wurde eine Straße in «Halitstraße» umbenannt. Diese Umbenennung fordert vor allem der Vater des Ermordeten, die Stadt hat inzwischen zwar einen Halitplatz geschaffen, aber sich gegen die Umbenennung der Straße entschieden.

Die Documenta trägt in diesem Fall nicht nur zur Öffentlichkeit, sondern auch zur Aufklärung bei, indem die Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme untersucht wird. Temme, der sich während des Mordes in dem Internetcafé aufhielt, sagte immer wieder aus, er habe nichts mitbekommen. Das Forschungsinstitut Forensic Architecture der Londoner Goldsmith University stellt in den Ausstellungsräumen in einem Film den minutiösen Ablauf den Tathergang nach. Verschiedene Szenarien werden nachgezeichnet, Geräusche, Gerüche und Ablauf rekonstruiert. Es ist Kunst und zutiefst politisch, indem es Fragen aufwirft und zur Suche nach der Wahrheit beiträgt.

 

An Distomo erinnern

Am 10.Juni eröffnete die Documenta in Kassel – dies ist in Griechenland der wichtigste Gedenktag an die Opfer der Naziherrschaft, es ist der Jahrestag des Massakers von Distomo 1944. Mit Veranstaltungen und einer Kundgebung, organisiert vom Arbeitskreis Distomo, wurde an diesen Tag erinnert und vor allem an die Forderung der von Deutschland bis heute verweigerten Entschädigungsansprüche für die Opfer. Die Kundgebung konnte nur am Rande der Documenta stattfinden, da die Eröffnungsrede dort der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt. Der Gedenktag wurde also am Platz um die Ecke mit Schildern und einem Ausschnitt aus einem Theaterstück begangen. Ebenfalls anwesend war Argyris Sfountouris, Überlebender des Massakers von Distomo. Gemeinsam mit dem AK Distomo konnte er im offiziellen und öffentlichen Documenta-Programm das «Parlament der Körper» eröffnen, das Aktivisten entlang von gesellschaftlichen Fragen direkt in das Programm einbindet.

 

«kein mensch ist illegal»

Die Kampagne «kein mensch ist illegal» wurde 1997 während der Documenta X als Netzwerk von antirassistischen, migrantischen und flüchtlingssolidarischen Gruppen gegründet, vor genau 20 Jahren. Auch dies wurde genutzt. In einer Aktionswoche wurde die Kampagne reflektiert, Forderungen erneuert und Aktionen für die Zukunft geplant. Es gab rassismuskritische Stadtspaziergänge, Diskussionen, Performances sowie eine Demonstration zum Thema. Die Eröffnungsveranstaltung mit damaligen Gründern der Initiative wurde ebenfalls ins offizielle Documenta-Programm beim «Parlament der Körper» aufgenommen.

 

Besetzung der «Villa Rühl»

In Kassel herrscht nicht nur Wohnraummangel, sondern seit Jahren wird um fehlende Freiräume gekämpft. Am Pfingstwochenende vor Eröffnung der Documenta in Kassel besetzten Aktivisten kurzerhand eine seit Jahren leerstehende Villa, die sich im Besitz des Landes Hessen und der Universität befindet. Die Documenta positionierte sich nicht öffentlich dazu, doch der Kontext bestärkte das Projekt. Nicht zuletzt, weil direkte Parallelen zum besetzten City Plaza Hotel in Athen gezogen werden konnten, welches von Räumung bedroht ist. Dort leben 400 Geflüchtete und verwirklichen einen Ort der Hoffnung und Solidarität. Die Besetzer der Villa in Kassel haben eher die Errichtung eines sozialen Zentrums im Auge und wurden letztendlich am 19.Juni geräumt. Durch die Documenta erhielten sie zwar internationale Aufmerksamkeit, die Räumung wurde dennoch durchgeführt, um das Haus wieder dem Leerstand zuzuführen.

 

Und doch immer wieder ­Widersprüche 

Viele Proteste und Themen werden also thematisiert, finden teils Duldung durch die Documenta, werden teils auch integriert und unterstützt. Andere dagegen dürfen auch nicht zu nah an die Kunst heran. So erhielt etwa jemand einen Platzverweis von der documenta GmbH, weil er ein Schild mit den Schriftzügen «Kriegs-Stadt Kassel baut Waffen» auf der einen Seite und «Documenta-Stadt Kassel macht Kunst» auf der anderen Seite durch das Pantheon der Bücher getragen hatte. Er musste weichen, ebenso wie andere, die nicht zu nah an den offiziellen Documenta-Kunstwerken ihrer Kreativität freien Lauf lassen sollten, selbst wenn es am Fuß des Monuments der Meinungsfreiheit in Gestalt des Pantheons der Bücher passiert.

Die Dezentralität der Documenta spiegelt sich also auch auf der politischen Ebene wieder. Ergebnis ist eine Anhäufung verschiedenster Termine und paralleler Strukturen. Viele Gruppen versuchen, die Documenta zu nutzen, um für ihre Themen Aufmerksamkeit in neuer Öffentlichkeit zu gewinnen, und teils gelingt dies ganz gut. Das Zusammenführen der Kämpfe findet allerdings ungewollt gerade durch den Rahmen der Documenta statt.


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