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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2017 |

Das wichtigste Werk der documenta 14

“The most important piece at documenta 14 in Kassel is not an artwork. It’s evidence.”*
von Serdar Kazak

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Bei dem auf der documenta präsentierten Stück des Forschungsinstituts Forensic Architecture der Londoner Goldsmith University handelt es sich nicht um ein Kunstwerk, sondern um einen forensischen Beweis. Wenigstens hatten die Macher am Anfang nicht vor, ein Kunstwerk zu schaffen. Sie hatten den Auftrag, die existierenden Beweise zum neunten NSU-Mord in Kassel zu analysieren und Klarheit über die staatliche Unterstützung und Verwicklung in den Mord herzustellen. Das Ergebnis ist ein hochkarätiger Film, der seinen verdienten Platz zwischen erlesenen Werken der zeitgenössischen Kunst eingenommen hat. Mit seiner dramaturgischen Struktur, den Plots, dem Finale, der Schlussfolgerung und den mathematisch klar formulierten Aussagen, ist ein spannender Film mit dokumentarischer Ästhetik entstanden.

 

Zur Handlung

2015 wurde eine ganze Akte mit Dokumenten, Bildern und Zeugenaussagen vom neunten NSU-Mord geleakt. Unter diesen im Internet zugänglich gewordenen Dokumenten befand sich auch ein interessantes Polizeivideo. In diesem Film war ein Mann in einem Internetcafé zu sehen. Der Film zeigte, wie er sich am Tag des Mordes dort bewegt hatte. Er versuchte zu erklären, wie er den Ladenbesitzer gesucht, aber nicht gefunden hat. Er sah nichts von dem Mord, hörte keine Schüsse, sah keine Leiche hinter einem 75 cm niedrigen Tisch. Er lief im Raum herum und schaute dabei in alle möglichen Himmelsrichtungen, außer in Richtung der Theke. Man könnte beinahe behaupten, dass er sich bemühte, die Theke nicht zu sehen. Am Ende des Polizeifilms findet der «unschuldige» Mann den Ladenbesitzer nicht, legt das Geld auf den Tisch und verlässt den Laden.

Das Kuriose daran ist: Sowohl die ermittelnden Polizisten als auch die Richter und Staatsanwälte vom Oberlandesgericht in München fanden diese Aussage total plausibel.

Der Mann im Video war der Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme – laut Erzählungen nannte man ihn in seinem Dorf «den kleinen Adolf». Er war damals im hessischen Amt für Verfassungsschutz tätig. Volker Bouffier, der damalige Innenminister und jetzige Ministerpräsident von Hessen, hat nicht erlaubt, ihn zu verhören. Es wurde faktisch nicht erlaubt, gegen ihn zu ermitteln.

Das war genau der Punkt, an dem die Forensic Architects mit ihrer Ermittlungsarbeit angefangen haben. Den Auftrag dazu bekamen sie vom Tribunal «NSU-Komplex auflösen», das vom 17. bis 21.Mai dieses Jahres in Köln stattfand. So begannen die Experten aus London, die geleakten Informationen zu analysieren.

Sie fing mit einer Timeline an. Da die Telefon- und Internetprotokolle exakte Zeitangaben enthalten, war es nicht so schwer, für jede einzelne beteiligte Person die exakte Timeline nachzuzeichnen.

Sie stellten nach den geleakten Zeugenaussagen die exakte Tatzeit fest. Da die Ausloggung von Temme aus seinem «Flirt-Portal», in dem er sich bis zu diesem Zeitpunkt aufhielt, exakt protokolliert war, war es ziemlich einfach festzustellen, dass er nur einige Sekunden Zeit hatte, den Raum vor der Tat zu verlassen. Selbst dann hätte er dem Mörder an der Tür begegnen müssen. Es war nicht so schwer zu beweisen, dass es ihm nicht so einfach möglich war, aus dem Laden rauszugehen, ohne den Mörder wenigstens gesehen zu haben.

Die Crew von Forensic Architecture hat in Berlin im Haus der Kulturen der Welt ein Realsize-Modell vom Internetcafé nachgebaut und hier drei Experimente durchgeführt.

 

Das erste Experiment bezog sich auf die Audio-Wahrnehmung.

Mit Pistole, Schalldämpfern und Kugeln, die identisch denen der im Mord verwendeten und von der gleichen Marke waren, wurden Schüsse abgefeuert. Diese Schüsse wurden aufgenommen und im Modell in Berlin abgespielt. An dem Ort, an dem der Geheimdienstmann Temme gesessen hat, wurden man diese Geräusche gemessen. Selbst unter Einsatz von Schalldämpfern war das Ergebnis mindestens 130 Dezibel laut. Das ist die Lautstärke eines Betonbrechers. Es war laut genug, selbst wenn es nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte. Für einen Menschen mit normalem Gehör war es nicht möglich, «kein außergewöhnliches Geräusch» gehört zu haben.

 

Das zweite Experiment bezog sich auf den Geruch.

Laut seiner eigenen Aussage verließ Temme den Raum innerhalb von 21 Sekunden nach dem Ausloggen aus dem Internet. Der Gestank des Schießpulvers hätte viel länger in der Luft hängen müssen. Ein Geheimdienstagent, der wöchentlich Schießübungen macht, hätte erkennen müssen, dass irgendjemand geschossen hatte.

 

Das letzte Experiment war visuell.

Es wurde eine Kamera auf der Stirn eines Mitarbeiters befestigt, der die gleiche Körpergröße wie Temme hatte. Der Proband ging den gleichen Weg im Raum wie Temme im Polizeivideo. Er blickte, genauso wie Temme, immer in andere Richtungen, außer zur Theke. Am Ende legte er das Geld auf den Tisch, mit der gleichen Körperbewegung, und verließ den Raum. In diesen Bewegungen war die Leiche des Opfers mindestens zweimal im Bild. Also muss er den Toten mindestens zweimal gesehen haben.

Trotz alledem zweifelte die schwarz-grüne Landesregierung von Hessen nie an der «Richtigkeit» der Aussage des V-Manns oder äußerte auch nur Bedenken: Der Herr arbeitet immer noch als Beamter im Regierungspräsidium Kassel in einer Abteilung, in der man Zugang zu den Akten von hessischen Staatsbediensteten hat.

Der Film ist allen zu empfehlen, die sich konkret für die NSU-Morde und allgemein für das Verhältnis von faschistischen Bewegungen und einem bürgerlich-demokratischen Staat interessieren.

 

Der Film «77qm_9:26Min» ist im Rahmen der documenta 14 in Kassel in der Neuen Galerie zu sehen. Für alle, die nicht nach Kassel fahren können, ist es auch möglich, den Film im Internet in  deutscher, englischer und türkischer Sprache zu sehen:
www.forensic-architecture.org/case/77sqm_926min.

 

*«Das wichtigste Werk auf der documenta 14 ist kein Kunstwerk. Es ist ein Beweis.» Titel des ersten Artikels im Kunstmagazin «Artnet» über die documenta 14.


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