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Hoch-Zeiten für Wucher

Der Anstieg der privaten Verschuldung fördert einen neuen, alten Geschäftszweig: den Wucher
von David Stein

Die fortgesetzte Abwälzung der Krisenlasten auf die unteren Einkommen befördert eine neue Blase: die Kreditkartenblase. Mit unheilvollen Folgen.

Die Aussichten auf den Brexit sind düster. Besonders für die Pauperisierten am unteren Teil der Sozialpyramide in Großbritannien. Die Konsumausgaben im Mai 2017 liegen um 0,8 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreswert. Die Verbraucher spüren die Auswirkungen steigender Preise und eines zögerlichen durchschnittlichen Lohnwachstums von 1,7 Prozent. Die Reallöhne stagnieren zwar schon seit über zehn Jahren. Die Lohnsteigerungen bewegen sich jetzt aber deutlich unterhalb der Inflationsrate von 2,9 Prozent (Mai 2017), was für Millionen Briten deutliche Reallohnverluste bedeutet. Die Anhebung der Mehrwertsteuer trifft ebenfalls die Armen besonders hart.

Die Konsequenz: Immer mehr Menschen müssen ihre Lebenshaltungskosten auf Pump finanzieren und die Ungleichheit der Einkommen steigt rasant. Seit dem Referendum für den Brexit am 23.Juni 2016 haben sich die Kreditkartenschulden britischer Konsumenten um 10 Prozent erhöht. Es ist das Gegenteil von dem eingetreten, was die Brexit-Befürworter versprochen haben: Die Armen werden immer ärmer.

 

Hypothekenkredite

Die Privatschuldenökonomie hängt auch in Großbritannien – wie in den meisten Ländern – sehr stark am Immobilienmarkt. Aber nicht so ausgeprägt wie in anderen Staaten. Die Verschuldung der Privathaushalte weist in Großbritannien (ebenso wie in den USA) Besonderheiten auf, die nicht nur für die Schuldner, sondern für das Finanzsystem in beiden Ländern sehr bald problematisch werden können. Kredit ist nicht Kredit, die Unterschiede der Verschuldung und der daraus resultierenden Risiken sind entscheidend.

2016 hat die US-Lebensversicherung Standard Life die Verschuldung der privaten Haushalte in verschiedenen Ländern untersucht. Das Ergebnis: An der Spitze stand Australien, wo die Quote bei etwas über 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lag, dicht gefolgt von Dänemark (122 Prozent). Auch in anderen Ländern ist die Verschuldung der Privathaushalte nicht gerade gering: Es folgen die Schweiz mit 121 Prozent, die Niederlande mit 111,5 Prozent und Länder wie Kanada, Norwegen, Schweden, Großbritannien oder Südkorea, wo die Quote zwischen etwa 80 und fast 100 Prozent des BIP liegt.

Hauptgrund für den Anstieg der Verschuldung privater Haushalte ist die Finanzierung von Immobilien. Maßgeblich verantwortlich für die Verschuldung von Privatpersonen ist die Aufnahme von Hypothekendarlehen für den Kauf eines Eigenheims. Die 2007 beginnende Finanzkrise hat gezeigt, dass Hypothekarkredite auch für Gläubiger keine sichere Bank sind (Sub­prime-Kredite in den USA) und Immobilien zur Absicherung des Kredits kein wirksamer Schutz vor einem Kollaps der Haus- und Wohnungsbesitzer und des gesamten Immobilien- und Finanzmarkts.

Bei Hypothekarkrediten ist das Finanzsystem erheblichen Zinsänderungsrisiken ausgesetzt. Schnell steigende Zinsen können dazu führen, dass viele ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Das könnte eine gefährliche Spirale in Gang setzen, gerade dann, wenn Immobilienpreise in überhitzten Märkten deutlich steigen und der monatliche Schuldendienst immer mehr vom Nettoeinkommen verschlingt. Dieses Risikoszenario hat sich gegenwärtig noch nicht realisiert. Ganz anders bei Verbraucherkrediten in Großbritannien und in den USA, wo bereits die Hütte brennt.

 

Verbraucherkredite: die nächste Blase?

Verbraucher in Großbritannien und den USA sind zum Erhalt ihres Lebensstandards gezwungen, vermehrt ungesicherte Darlehen aufzunehmen, die sie später womöglich nicht zurückzahlen können. Besonders dramatisch ist nach neuen Analysen der Citigroup und der Bank of England der Anstieg bei Überziehungskrediten und Autokrediten – sie belaufen sich auf insgesamt 126 Milliarden Pfund. Allein die Kreditkartenverschuldung hat eine Höhe von 66 Milliarden Pfund erreicht.

Der Konsumentenkredit könnte sich zur nächsten großen Blase entwickeln. Analysten rechnen mit erheblichen Verlusten in den Bereichen Privatdarlehen, Autofinanzierung und Kreditkarten, da bei einer steigenden Inflation der Druck auf das verfügbare Einkommen weiter zunehmen wird. Der größte Verlust wird im Bereich der Kreditkarten erwartet. Banken und Kreditkartenunternehmen sind deshalb bei der Kreditvergabe, angehalten durch die Aufsichtsbehörden, vorsichtiger geworden. Die Institute sind selbst noch von der Finanzkrise geplagt und müssen ihre Risiken abbauen. Damit kann eine Spezies besonders übler Beutelschneider ihre bisherige Nischenexistenz verlassen und zum Krisengewinner werden: sog. Payday Lender, die außerhalb von Großbritannien und den USA bisher nur in Entwicklungsländern agierten.

 

Die Stunde der Kredithaie

Wenn die Bank den Kredithahn zudreht, bieten sich den Schuldnern nur diese lax regulierten, aber in Großbritannien legalen Kredithaie mit kurzfristigen Überbrückungskrediten zu Wucherzinsen ohne große Formalitäten an. Die Darlehen übersteigen in der Regel kaum ein paar hundert Pfund. Im Idealfall zahlt der Schuldner das Geld zurück, wenn er sein nächstes Gehalt erhält. Aber die Kreditzinsen sind horrend. Auf das Jahr gerechnet betragen sie bis zu 4000 Prozent.

Einer der größten Anbieter ist Wonga («Knete»). Er biete «ein großartiges Preis-Leistungs-Verhältnis», tönt der Gründer Errol Damelin. Dabei sind die Zinsen, die er verlangt, gespenstisch. Wer sich heute bei Wonga 100 Pfund borgt, muss einen Monat später 137 Pfund zurückzahlen. Effektiver Jahreszins: 4214 Prozent. Tatsächlich verlängern diese Haifische in vielen Fällen bereitwillig die Kreditrückzahlung immer wieder. So wird aus einer kurzfristigen Zwischenfinanzierung ein Dauerkredit zum Wucherpreis. Wer am Ende nicht zahlen kann, bekommt es mit häufig aggressiv auftretenden Geldeintreibern zu tun.

Die Jugend ist Hauptverliererin der Wirtschaftsmisere. Ein Viertel der Bürger, die in England und Wales Privatinsolvenz anmelden, ist zwischen 25 und 34 Jahre alt.

 

Gefeierte Startups

Das blühende Geschäft mit den Briten, die bei Banken nicht mehr «kreditwürdig» sind, lockt inzwischen neue Anbieter aus dem Ausland an, die in ihrem Heimatmarkt mit einer strikteren Regulierung zu tun hätten und wo solche horrenden Zinsen nicht durchsetzbar und solche Darlehensverträge nichtig wären.

In diesem Haifischbecken tummeln sich inzwischen auch Finanz-Startups mit Sitz in Deutschland. Sie vermitteln solche Kredite über Internetplattformen an Schuldner außerhalb Deutschlands. Wer einen Kredit beantragen möchte, braucht nicht mehr zur Bank gehen, sondern kann aus vielen Online-Kreditplattformen wählen. Das Geschäftsmodell: Die neuen Anbieter bringen Kreditnehmer und Finanzinvestoren direkt zusammen – anders als eine Bank, die dem einen Geld leiht, das ein anderer als Einlage bei der Bank hält. Teils kommt das Geld für solche Startups sogar von institutionellen Investoren wie Versicherungen. Zu ihnen gehören auch die Plattformen für Mikrokredite zu gespenstischen Zinsen.

Dafür werden sie noch vom Markt gefeiert und mit Preisen überschüttet. Die Politik in Person des CDU-Staatssekretärs im Finanzministerium, Jens Spahn, und des Shooting Star der FDP, Christian Lindner, rührt für diese als «innovative Finanzdienstleister» außerhalb des etablierten Bankensektors hochgehypten Startups mächtig die Werbetrommel.

Eines dieser Startups ist die 2012 in Hamburg gegründete Kreditech. Sie konzentriert sich gezielt auf Kredite an Kunden, die auf herkömmlichem Weg keine erhalten und bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sie den Kredit nicht zurückbezahlt können. Aktiv ist das Unternehmen mit diesem Produkt u.a. in Russland, Spanien, Mexiko, Polen und Tschechien. Nicht in Deutschland. Hier würden sie dafür keine Lizenz erhalten, die Verträge wären wegen Sittenwidrigkeit zum Großteil nichtig. Konsumentenkredite werden bis 500 Euro und mit einer Laufzeit von 30 Tagen vermittelt (in Polen 2500 Euro, Laufzeit ein Jahr).

Dafür hat Kreditech ein Bewertungssystem auf der Basis eines Algorithmus entwickelt, der weniger auf die Bonität, sondern auf das Verhalten potenzieller Schuldner schaut. Er errechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass diese ihre Kredite zurückzahlen. Anders als die deutsche Schufa sucht Kreditech nicht primär nach Versäumnissen bei der Bezahlung von Rechnungen oder bei der Rückzahlung von Schulden in der Vergangenheit, sondern schnüffelt im Netz nach persönlichen Eigenschaften, um das Ausfallrisiko einzuschätzen. Kreditech durchforstet dafür Facebook, Twitter, Amazon oder Ebay – jede Datenspur, die ein Mensch im Netz hinterlässt. Aus bis zu 8000 Variablen setzt die Software ein Bild des potenziellen Schuldners zusammen. Bisher hat dieses rechtswidrige Profiling die deutschen Datenschutzbeauftragten nicht auf den Plan gerufen.

Trotz des rasanten Wachstums betreibt Kreditech ein riskantes Geschäft. In Polen, Tschechien und Spanien liegt die Ausfallquote bei 10–13 Prozent. In neuen Märkten wie Russland sind z.T. 50 Prozent der Schuldner säumig, was dann mit 2 Prozent Zins pro Tag kompensiert wird, um das Geschäft profitabel zu machen. Im Schnitt verlangt Kreditech während der Laufzeit von 30 Tagen zwischen 15 und 35 Prozent. Für einen Monat!

Eine tolle Geschäftsidee auf Kosten der sozial Schwächsten, abgesegnet von deutschen Politikern der bürgerlichen Parteien. Sie sorgen dafür, dass die nach britischem Modell gestrickten Geschäfte auch in anderen Staaten etabliert werden und auch dort die Armen noch ärmer machen.


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