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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2017 |

Marxistische Stalinismuskritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie

(Hrsg. Christoph Jünke.) Köln, Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2017. 616 S., 29,80 €
von Manuel Kellner

Zwischen Revolution und Bürokratie

Die Sowjetunion und die Einparteienherrschaft der KPdSU gibt es nicht mehr, die DDR mit der «führenden» Staatspartei SED auch nicht, und die meisten poststalinistischen Kommunistischen Parteien sind kaum noch ein Schatten einstiger Größe. Die bürgerliche Ideologie beherrscht in den besonders kruden Formen des Neoliberalismus Universitäten und öffentliche Meinung. Was liegt da eigentlich an linker, dazu noch marxistischer Stalinismuskritik?

Dazu verweist der Herausgeber dieser Anthologie in seiner problemgeschichtlichen Einleitung auf ein eigenes Buch von 2007, Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute. Es geht ihm um Probleme der heutigen Linken. Der Stalinismus und die zeitgeschichtliche Erfahrung mit den sich «sozialistisch» nennenden Staaten spielen eine große Rolle für die noch lange nicht überwundene Glaubwürdigkeitskrise der sozialistisch-kommunistischen und marxistisch-revolutionären Ideen. Daran gemessen spielt die Aufarbeitung der Erfahrungen mit autoritären, bürokratischen Diktaturen im Namen des Sozialismus, Kommunismus, Marxismus, Leninismus in der heutigen, marxistisch orientierten Linken eine kümmerliche Rolle. Christoph Jünke fast die Problemlage gerade für die deutsche Linke aus seiner Sicht wie folgt zusammen:

«Hat sich der sozialistische Antistalinismus der einstmals Neuen Linken im Westen mit deren Zerfall und Transformation in einen grün-alternativen Antikommunismus gewandelt … bekam der Ende dieser 80er Jahre ebenso machtvoll wie verspätet sich durchsetzende ostdeutsche Antistalinismus schnell das Geschmäckle einer Hilfsagentur westlicher Vereinnahmung. Entsprechend ist die nun gesamtdeutsche Linke in der eigenen intellektuellen Traditionspflege kaum über jene ‹Linie Luxemburg–Gramsci› hinausgekommen, die trotz ihrer immanenten Qualität ein vor allem vorfaschistisches und vorstalinistisches Marxismus- und Sozialismusverständnis transportiert. Und entsprechend werden heutige Geschichtswerke, die selbst die dümmsten Mythen des Hochstalinismus reproduzieren und bemerkenswert offen für Stalin und den Stalinismus Partei ergreifen, nicht nur wieder zunehmend gern verlegt, sondern auch, mit gleich mehreren Auflagen, zu ‹Bestsellern› des linken Buchmarktes, während ihre Kritiker, so sie sich denn überhaupt artikulieren, entsprechend belächelt oder ignoriert werden.»

Darum präsentiert Christoph Jünke ganz überwiegend sehr gediegene Texte zum Thema (u.a. von Victor Serge, L.D.Trotzki, Leo Kofler, Henri Lefebvre, Roman Rosdolsky, Jacek Kuron/Karol Modzelewski, Isaac Deutscher, Ernest Mandel, Oskar Negt, Rudolf Bahro), die bislang viel zu wenig rezipiert wurden. Deren Kenntnis ist für die Bilanz der realgeschichtlichen Erfahrungen mit dem «Nominalsozialismus» ebenso wichtig wie für die Erkenntnis, dass ursprünglich revolutionäre marxistische Ideen als Staatsdoktrin des «Marxismus-Leninismus» zu einer Rechtfertigungslehre der Bürokratenherrschaft verkamen.

Eine wichtige Fragestellung ist: Gab es zwischen den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution und der Zeit unter Stalin einen radikalen Bruch oder hauptsächlich eine Kontinuität autoritärer und undemokratischer Regierungspraxis? Im Buch erscheinen beide polaren Positionen als Klammer: Der erste Aufsatz von Christian Rakowski von 1928, «Die Ursachen der Entartung von Partei und Staatsapparat (Brief an Walentinow)», betont den Bruch und schildert die drastischen zahlenmäßigen, materiellen und sozialpsychologischen Unterschiede zwischen den führenden Parteimitgliedern und -angestellten der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution und denen nach einigen Jahren Herrschaft der Stalinfraktion. Der letzte Beitrag ist von Boris Kagarlitzki 1982 geschrieben, «Die Bolschewiki und die Intelligenzija zwischen Revolution und Bürokratie», hier werden besonders die Elemente der Kontinuität hervorgehoben.

Christoph Jünke betont selbst die Unvollständigkeit der Anthologie, die auch eine Monographie nicht ersetzen könne. Es fehlen wichtige Autoren vor allem aus den 20er Jahren, die sich selbst als Marxisten verstanden hatten, seien es Sozialdemokraten wie Otto Bauer oder der spätere Paul Levi, seien es Linkskommunisten wie Karl Korsch oder Amadeo Bordiga. Der Autor verweist dazu auf die Literaturliste «zum Weiterlesen».


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