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Ökonomie: Krise ohne Ende

Der Kapitalismus stößt an seine inneren und äußeren Grenzen
Gespräch mit François Chesnais

Für den marxistischen Ökonomen François Chesnais trifft der Kapitalismus, gebeutelt von seinen inneren Widersprüchen und konfrontiert mit der ökologischen Krise, auf «unüberwindbare Schranken». Das Gespräch mit ihm führte Henri Wilno für die französische Monatszeitschrift L’Anticapitaliste.

 

Unter marxistischen Ökonomen gibt es eine anhaltende Debatte über die Ursachen der aktuellen Krise. Was ist deine Position dazu?
In den vergangenen neun Jahren hat sich meine Position natürlich entwickelt. In einem Beitrag vom Herbst 2007 zum Symposium «Marx international»1 habe ich gleich gesagt: Diese Krise, die auf sehr klassische Weise im US-amerikanischen Kreditsystem begonnen hat, ist eine Überproduktions- und Überakkumulationskrise, die auf einer massiven Verschuldung von Unternehmen und Privathaushalten beruht – neuartige Finanzierungsinstrumente haben das ermöglicht – und deren Schauplatz der Weltmarkt ist. Der Zusammenbruch der Lehman Bank im September 2008 hätte beinahe das gesamte Weltfinanzsystem in den Abgrund gerissen und hat weltweit eine Rezession ausgelöst, die nur von China rasch gestoppt werden konnte.

Auf Weltebene hat es dann eher eine Umstrukturierung als eine Zerstörung des produktiven Kapitals gegeben. Das gilt nicht für das fiktive Kapital, d.h. für die Inhaber von Aktien und Privatobligationen, die sich davon eine Gewinnbeteiligung versprechen, oder die Inhaber von Staatsanleihen, die über den Mechanismus der öffentlichen Verschuldung an Steuergelder rankommen. Für diese stellen diese Titel ein «Kapital» dar, von dem sie eine regelmäßige Rendite in der Form von Zinsen und Dividenden erwarten. Unter dem Aspekt der Bewegung des produktiven Kapitals, das Wert und Mehrwert produziert, sind sie bestenfalls nur die «Erinnerung» an eine bereits getätigte Investition, von daher der Begriff «fiktives Kapital».

In den letzten Monaten fiel mir ein selten zitierter Text von Ernest Mandel aus dem Jahr 1981 in die Hände, der die Folgen der damals noch in den Anfängen steckenden Automatisierung behandelt. Mandel schreibt, dass «die Ausdehnung der Automatisierung jenseits einer bestimmten Grenze unvermeidlich erstens zu einer Verringerung des Gesamtvolumens des produzierten Wertes, dann zu einer Reduzierung des Gesamtvolumens des produzierten Mehrwerts» führt.2 Er sieht darin eine unüberwindliche Grenze, Trägerin der «Tendenz des Kapitalismus zum endgültigen Zusammenbruch».

Die Automatisierung blockiert, wenn sie über einen gewissen Schwellenwert hinausgeht, die Möglichkeit, die organische Zusammensetzung des Kapitals weiter zu reduzieren, d.h. das Verhältnis zwischen dem Wert der Produktionsmittel und der Summe der Löhne weiter zuungunsten der letzteren zu verschieben, sodass das Zusammenspiel der Faktoren, die dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate entgegenwirken, sporadisch wird und aus einer relativen Grenze eine absolute Grenze wird.

In einem Text aus dem Jahr 2012 spricht Robert Kurz von der «unzureichenden realen Mehrwertproduktion» vor dem Hintergrund der «dritten industriellen Revolution» (der Mikroelektronik). Die Schwäche der produktiven Investition bewirkt, dass das fiktive Kapital zunehmend in einem geschlossenen Gefäß lebt. Da die «Birnbäume weniger Birnen liefern» (Marx), außer bei Staatsanleihen, besteht die Arbeit der Trader darin, Profite zu machen, die für die meisten Transaktionen minimal sind, indem sie von einem Bereich des Marktes zu einem anderen übergehen. Das Resultat ist eine endemische finanzielle Instabilität, die Herausbildung von Blasen, was ein weiteres Merkmal der aktuellen Phase ist.

 

Es droht also eine Perpetuierung der Krise?
Ja, umso mehr als ihre wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen sich nun auch mit dem Klimawandel verbinden. Zwei machtvolle Mechanismen, die als «prozyklisch» betrachtet wurden, sind strukturell geworden und führen zu einer Situation, in der es aus der Krise keinen Ausweg, d.h. keine neue lange Phase der Kapitalakkumulation geben kann.

Der erste Mechanismus ist bekannt: Es die bedingungslose Verteidigung des Anspruchs der Gläubiger der öffentlichen Hand auf den Schuldendienst, was zu Sparhaushalten und zu Angriffen auf die sozialen Rechte führt.

Die Rolle des zweiten Mechanismus wird gerade erst erkennbar: Es sind die Auswirkungen der Automatisierung, die wegen der kapitalistischen Konkurrenz, der tendenziellen Abnahme des Mehrwerts und der Schwierigkeit, die Aktionäre zu befriedigen, nicht abgeschwächt werden kann. Man muss sich nur anschauen, was im Bankensektor gerade beginnt, das ist zweifellos «die Stahlindustrie von morgen».

Darüber hinaus wird sich die Wirtschaftskrise, je länger sie sich hinzieht, desto mehr mit den ökonomischen, sozialen und politischen Auswirkungen des Klimawandels verbinden. Auch die Beziehungen, die der Kapitalismus zur «Natur» hergestellt hat, sind an eine Grenze angelangt. Marx konnte die Zerstörung insbesondere der Biosphäre durch die kapitalistische Produktion noch nicht vorhersehen. Er hat sich darauf beschränkt, die Erschöpfung der Böden infolge der Industrialisierung der landwirtschaftlichen Produktion vorauszuahnen. Einige Marxisten haben versucht, die Lücke zu schließen, indem sie die Zerstörung nichterneuerbarer Ressourcen und später den Klimawandel als eine «äußere Grenze» des Kapitalismus definierten.3101

Ich vertrete die These, dass die Grenze eine dem Kapitalismus immanente ist, weil es dem Kapitalismus unmöglich ist, seine Beziehungen zur Umwelt zu verändern. Vor diesem Hintergrund macht die Unterscheidung zwischen «innerem Widerspruch» und «äußerem Widerspruch» keinen Sinn mehr. Tatsächlich hindert ihn die grenzenlose Bewegung der Kapitalverwertung durch den endlosen Zyklus von Produktion und Verkauf der Waren daran, die Emission von Treibhausgasen zu verlangsamen und den Rhythmus der Ausbeutung nichterneuerbarer Ressourcen zu kontrollieren. Der Mechanismus, der in die «Konsumgesellschaft» mit ihrer sinnlosen Verschwendung mündet, ist folgender: Damit das Kapital sich selbst reproduzieren kann, muss sich der Verwertungszyklus mit «Erfolg» schließen, d.h. die produzierten Waren müssen verkauft werden.

Damit die Aktionäre befriedigt werden, muss eine gewaltige Menge von Waren auf den Markt geworfen werden, in denen sich die im Wert enthaltene abstrakte Arbeit konkretisiert. Für das Kapital ist es belanglos, ob diese Waren tatsächlich «nützliche Dinge» darstellen oder ob sie es nur dem Anschein nach sind. Der einzige Maßstab des Nutzens ist der, Profit zu erzielen und den grenzenlosen Prozess der Kapitalverwertung fortzusetzen, sodass die Unternehmen Meister der Reklame geworden sind, indem sie denen, die real oder fiktiv (Kredit) über Kaufkraft verfügen, zeigen, dass die Waren, die sie anbieten, für sie «nützlich» sind.

 

In Bezug auf die Umweltkrise wird häufig der Begriff «Anthropozän» (das «Zeitalter des Menschen») verwendet, um auf die Verantwortung des Menschen zu verweisen. Du lehnst den Begriff ab. Warum?
Der Begriff «Anthropozän» wurde von einigen Wissenschaftlern erfunden, um die aktuelle geologische Ära zu kennzeichnen, die durch die Tatsache charakterisiert ist, dass die «Menschheit» eine geologische Kraft wird, die an der Veränderung der Gesamtheit der klimatischen, geologischen, atmosphärischen Phänomene beteiligt ist.

Jason W. Moore z.B., ein Umwelt- und Wirtschaftshistoriker aus den USA, stellt eine Verbindung her zwischen der – von Francis Bacon und René Descartes theoretisch bestimmten Wende in der Auffassung von der Beziehung des Menschen zur Natur und der zeitgleichen Wende in den Beziehungen unter den Menschen mit der Entstehung der modernen Sklaverei und der imperialistischen Herrschaft.

Moore trifft den Nagel auf dem Kopf. Er benutzt den Begriff «Kapitalozän», das bedeutet, dass wir im «Zeitalter des Kapitals» und nicht im «Zeitalter des Menschen» leben. Der Begriff «Zeitalter des K01apitals» hat für ihn nicht nur eine ökonomische Bedeutung, sondern bezeichnet eine Weise, die Natur zu organisieren, indem sie zu etwas dem Menschen äußerliches und auch für den Menschen «billiges» (englisch cheap) gemacht wird, in dem Doppelsinn, den dieser Begriff im Englischen haben kann: etwas, das preiswert ist, aber auch im Sinn des Verbs cheapen, das verbilligen, herabsetzen, degradieren bedeuten kann.3 Dies gilt ebenso für die Arbeiterinnen und Arbeiter, da die Intensität der Ausbeutung der Arbeitskraft in den Bergwerken und Plantagen einen Höhepunkt erreicht hatte.

 

Du hast die Debatte über die Grenzen des Kapitalismus neu angefacht. Im Gegensatz zu den 30er Jahren ist heute der Aufstieg reaktionärer Kräfte jeden Typs offensichtlich, nicht aber der Arbeiterbewegung; die Antiglobalisierungsbewegung stagniert bestenfalls, die Umweltbewegung ist auf lokaler Ebene zu massivem Widerstand in der Lage, aber nicht darüber hinaus… Wie sehen da die Perspektiven und die Ansatzpunkte für revolutionäre Marxisten aus?
Man muss mit der Analogie der 30er Jahre aufpassen, da sie in wachsendem Maße von der Perspektive eines neuen Weltkriegs geprägt waren. Aber ansonsten hast du recht. Es liegt alles in den Händen derer, die «unten» sind. Das Gewicht der Erwerbslosigkeit lastet auf den Arbeiterkämpfen. Die momentane Aufgabe besteht darin, die Empörung in den vielen Bereichen, in denen sie entfacht wird, in Wut zu verwandeln, ihre Keime zu säen und sie zu unterstützen, wo sie ausbricht. Wesentlich ist, sie gegen das Kapital und das Privateigentum zu wenden. Es sind die Überzeugung und die klare Benennung des Feindes, die die Stärke der Kämpfe für die Umwelt ausmachen. Dagegen stagniert die Antiglobalisierungsbewegung, weil sie den antikapitalistischen Anteil, den sie hatte, eliminiert hat.

 

François Chesnais ist Mitglied der französischen NPA (Neue Antikapitalistische Partei) und des wissenschaftlichen Beirats von Attac. Sein jüngstes Werk ist Finance Capital Today (Boston, Leiden: Brill, 2016).

 

1 Veröffentlicht in: A l’Encontre-Carré rouge, Nr.1, 2007.

2 Ernest Mandel: Kontroversen um «Das Kapital». Berlin: Dietz, 1991. S.293. Ursprünglich in: Ernest Mandel: Introduction. In: Karl Marx: Capital. Vol.3. Harmondsworth: Penguin, 1981. S.78.

3 Jason W. Moore: Capitalism in the web of life. Ecology and the accumulation of capital. London, New York: Verso, 2015.


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