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Die offenen Adern Afrikas

Es tut dem Kontinent nicht gut, dass sich das internationale Großkapital für ihn interessiert
von Klaus Engert

Afrika ist seit kurzem ins Zentrum der geopolitischen Aufmerksamkeit der Industriestaaten gerückt – wegen seiner Bodenschätze, wegen seiner Kriege, wegen seiner Flüchtlinge.

Die weißen Flecken auf der Karte des zweitgrößten Kontinents der Erde sind seit dem 19.Jahrhundert beseitigt, aber die Blutflecken darauf wurden seither immer größer. Ein Buch wie das von Eduardo Galeano über 500 Jahre Ausbeutung Lateinamerikas (Die offenen Adern Lateinamerikas, 1971) würde über das subsaharische Afrika sehr viel umfangreicher ausfallen: Afrika, insbesondere das sog. Schwarzafrika, die Geburtsstätte des Homo sapiens, ist seit dem Altertum Opfer permanenter Ausbeutung, von Sklavenhandel, Konflikten zwischen den (Kolonial-)Mächten und direkter wie indirekter politischer Einflussnahme durch Krieg, Mord und Bestechung. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn die Methoden seit den Zeiten des Sklavenhandels etwas subtiler, wenn auch nicht weniger verheerend, geworden sein mögen.

 

Der Sklavenhandel

Vom 16. bis 19.Jahrhundert wurden (geschätzt) 29 Millionen Männer, Frauen und Kinder aus Schwarzafrika als Sklaven zur Arbeit in die überseeischen Kolonien, nach Nordafrika und in den Nahen Osten «exportiert». Mindestens 12 Millionen davon gehen auf das Konto der europäischen Kolonialmächte (England, Spanien, Portugal, Niederlande, Frankreich), drei Viertel davon kamen aus Westafrika, der Rest aus Zentral- und Südwestafrika. Der größte Umschlagplatz war die Bucht von Benin, zum Beispiel das nigerianische Badagry. Etwa 17 Millionen wurden von meist muslimischen Sklavenhändlern in den Nahen Osten und nach Nordafrika verschleppt – in Saudi-Arabien gab es Sklaverei bis 1963.

Nicht alle Sklaven überlebten die Überfahrt in die «Neue Welt», 10–20 Prozent starben während der Reise an Entkräftung, Skorbut oder Infektionen. Die Holländer führten besonders genau Buch, daher weiß man, dass zwischen 1620 und 1803 auf holländischen Schiffen im Durchschnitt 14,8 Prozent der «Fracht» verstarben…

Seit langem gibt es eine wissenschaftliche Debatte darüber, ob und wie sich der Sklavenhandel auf die Bevölkerungsentwicklung ausgewirkt hat. Das ist nicht leicht zu beantworten – Tatsache ist jedenfalls, dass der Anteil der afrikanischen Bevölkerung an der Weltbevölkerung im Jahr 1900 mit 7 Prozent auf einem historischen Tiefstand lag und sich erst im 20.Jahrhundert wieder erholte. Das lag allerdings auch an anderen Faktoren, z.B. an den Folgen der von den Kolonialisten eingeschleppten Erkrankungen, gegen die die einheimische Bevölkerung keinerlei Immunität hatte: Tuberkulose, Pocken und auch die Pest, von der Schwarzafrika durch die natürliche Barriere, die die Sahara darstellte, lange verschont geblieben war. Hinzukommen Kriege, die von einzelnen einheimischen Herrschern einzig zu dem Zweck angefangen wurden, um die Gefangenen an die Sklavenhändler verkaufen zu können.

 

Krieg und Frieden

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es im subsaharischen Afrika (mindestens) 59 Kriege, Aufstände oder bewaffnete Konflikte gegeben, 9 davon halten derzeit noch an, fast alle lassen sich auf das Erbe oder die Gegenwart des Kolonialismus und Neokolonialismus zurückführen.

Es sind Grenzkriege wegen der ohne Rücksicht auf kulturelle Gegebenheiten von den Kolonialmächten gezogenen Staatsgrenzen, Befreiungs- und Unabhängigkeitskriege gegen die Kolonialmächte oder die Apartheidregime in Südafrika und Rhodesien/Zimbabwe, Aufstände gegen vom Ausland gestützte Diktatoren wie im Kongo oder in Somalia, von außen angezettelte Konflikte um der Verfügungsmacht über Rohstoffe willen – wie im Falle der Ermordung Patrice Lumumbas und dem nachfolgenden Katangakrieg, gern auch unter Beteiligung ausländischer Truppen bzw. Söldner…

Ein Ende ist nicht abzusehen. Dabei sind die vielen «kleinen» Binnenkonflikte, wie z.B. der Krieg im Norden Nigerias gegen Boko Haram oder der Krieg der Lord’s Resistance Army in Uganda noch gar nicht mitgezählt.

Eine Folge sind die seit Jahrzehnten wachsenden Flüchtlingsströme auf dem gesamten Kontinent – wir kommen darauf auf den Folgeseiten noch zurück.

 

Die «großen Brüder»

Die ehemaligen Kolonialmächte, wie derzeit Frankreich in Mali, wachten und wachen auch nach dem Ende der Kolonialära darüber, ihren Einfluss nicht zu verlieren, dabei geht es vor allem um die unermesslichen Bodenschätze des Kontinents, von denen in erster Linie die internationalen Konzerne, in zweiter Linie eine verschwindend kleine superreiche Oberschicht in den betroffenen Ländern profitiert, seien es Edelmetalle, Uran, Diamanten, Mineralien, seltene Erden oder Öl.

Die Masse der Bevölkerung, die von dem Segen in der Regel nichts abbekommt, leidet unter den durch die Förderung verursachten ökologischen Verheerungen – Gifte, Wassermangel, Ölverschmutzung, Verlust von Anbauflächen und damit der Grundlage für die Subsistenz.

Hinzukommt, dass Afrika in großem Umfang als Müllhalde für die Industriestaaten dient. Von Hamburg aus werden täglich Container mit als Gebrauchtware deklariertem Elektro- und Elektronikschrott nach Westafrika verschifft und dieser dort entweder notdürftig repariert (was nur bei etwa 30 Prozent gelingt) oder unter unsäglichen Bedingungen auf den Müllhalden recycelt, um die verwertbaren Metalle wie Gold oder Kupfer zu extrahieren.

Alles, was an Fahrzeugen bei uns nicht mehr auf die Straße darf, wird von spezialisierten Exportunternehmen nach Afrika verschifft und verpestet dort die Luft – Städte wie Lagos muten an wie ein kollektiver mobiler Autofriedhof. Und auch für das Problem des Atommülls darf Afrika als «Lösung» herhalten: Als 2009 ein geständiger Mafioso in Italien enthüllte, dass die ’Ndrangheta in den 90er Jahren einen Frachter mit Atommüll im Mittelmeer versenkt hatte, sagte er außerdem laut ntv noch aus, dass die ’Ndrangheta Tausende Fässer mit radioaktivem Inhalt nach Afrika gebracht habe – unter den Augen der italienischen Armee seien diese im damals von Italien kontrollierten Hafen des somalischen Bosasso zum Verschwinden gebracht worden.

Es gibt guten Grund zu der Befürchtung, dass das derzeit neu erwachte Interesse der Industriestaaten an Afrika und der Wettlauf um Marktanteile und Einfluss alles noch schlimmer machen wird. Es hat noch keiner Gegend der Welt gut getan, wenn sich das internationale Großkapital für sie zu interessieren begonnen hat…


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