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Frauen im subsaharischen Afrika

Opfer von Landraub und patriarchalischen Strukturen
von Klaus Engert

Die Wirklichkeit der überwältigenden Mehrheit der Frauen in Afrika ist nach wie vor von ökonomischer wie ideologischer Abhängigkeit in einer männerdominierten Lebenswelt geprägt.

Die reichste Frau Afrikas ist die Ehefrau des angolanischen Präsidenten, Isabel dos Santos. Sie hat in den 38 Jahren, in denen ihr Ehemann an der Macht war, mit seiner Hilfe ein Milliardenvermögen zusammengerafft. Aber Isabel dos Santos ist für die Situation der afrikanischen Frauen nicht repräsentativ – allenfalls ist sie ein Beispiel dafür, wie abhängig diese in der Regel vom Wohlwollen der Männer sind – ebenso wie in Nigeria die zweitreichste Frau Afrikas, Folorunso Alakija, ebenfalls Milliardärin und erfolgreiche Geschäftsfrau. Die Grundlage für ihr Vermögen stammt aus einem Ölfeld, das sie vom seinerzeitigen Militärdiktator Ibrahim Babangida zugeschustert bekam.

 

Religion und Tradition

Die Strukturen der traditionellen Stammesgesellschaften existieren in weiten Teilen des subsaharischen Afrika parallel zu den offiziellen politischen Strukturen weiter und sind in verschiedenen Staaten auch in der Verfassung festgeschrieben, z.B. in Nigeria: Es handelt sich dabei um kleinere oder größere «Königreiche», deren Oberhaupt, der Oba, von einem Kreis von «Kingmakers», Männern aus bestimmten Familien, aus den Mitgliedern eben dieser Familien auf Lebenszeit gewählt wird. (Theoretisch können auch Frauen als Regentinnen eingesetzt werden, bei den Yoruba kam das auch gelegentlich vor, aber gemäß der Tradition werden sie dann nicht mehr als Frauen betrachtet…)  Die Entscheidung darüber, ob der jeweilige Kandidat «der Richtige», ist, trifft aber letztendlich nicht der Rat, sondern das Orakel. Das wird durch eine traditionelle spirituelle Person befragt – das Amt wird von der jeweils «amtierenden» Person, meist ein Mann, aber durchaus auch Frauen, an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin weitergegeben.

Interessant ist dabei, dass diese Befragung des Orakels, das auf dem traditionellen vorchristlichen und vormuslimischen Glauben an die Götter des Landes beruht, ungebrochen sowohl in den muslimischen wie den christlichen Gemeinschaften praktiziert wird und dar­in auch keinerlei Widerspruch gesehen wird.

Der genannte Rat der Königsmacher ernennt bei den Yoruba auch die Iyalode, eine Frau, die für alle Belange der Frauen zuständig ist und im Rang dem jeweiligen Oba am nächsten steht. Daneben gibt es bei verschiedenen Stämmen, wie den Igbo, auch noch separate Frauen«räte», deren Vertreterinnen einen Sitz im Ältestenrat haben. Trotzdem gilt generell, dass die Frauen über ihre Vertreterinnen zwar durchaus ein Mitspracherecht haben, aber die Machtstruktur klar patriarchalisch organisiert ist.

In den muslimischen Gebieten im Norden Nigerias ist die Herrscherwürde, etwa beim Sultan von Sokoto oder beim Emir von Kano, vererbt und ausschließlich Männern vorbehalten.

 

Landwirtschaft und Subsistenz

Die Situation der Mehrheit der afrikanischen Frauen ist dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar zu 60–80 Prozent zur Nahrungsmittelproduktion beitragen (in Nigeria sind es rund 70 Prozent), aber nur einen marginalen Anteil am Landbesitz haben, im Durchschnitt im subsaharischen Afrika 15 Prozent, wobei es große Unterschiede gibt – in Mali sind es 5 Prozent, den höchsten Anteil haben sie in Botswana mit 30 Prozent. In den letzten Jahren wird aber die Quelle der Subsistenz, die die Landarbeit der Frauen für die Familien darstellt, zunehmend bedroht.

Oxfam stellte bereits in einer Studie von 2013 fest, dass die zunehmenden Investitionen sowohl inländischer wie ausländischer Firmen in Farmland für große Monokulturen entscheidend dazu beitragen, Frauen den Zugang zu Land zu verbauen – mit Konsequenzen nicht nur für die Subsistenz, sondern auch für die Umwelt: Wissen, praktische Fertigkeiten und nachhaltige Techniken gehen ebenso verloren wie die Artenvielfalt durch die bisher verwendeten unterschiedlichen Saaten.

Von den Entscheidungsprozessen über den Landverkauf sind die Frauen weitgehend ausgeschlossen, meist bewirtschaften sie Land, das dem Mann, der Regierung oder lokalen Chiefs gehört, und wenn sie selbst einen Landtitel haben, werden sie häufig von Männern und/oder der Verwandtschaft unter Druck gesetzt, dem Verkauf zuzustimmen.

Gefördert wird dieser Trend auch durch die mangelnden Bildungschancen, insbesondere für Frauen. Zum Beispiel erreichen im Tschad nur 7 Prozent der Mädchen das Sekundarschulniveau, in der Zentralafrikanischen Republik gehen Mädchen in ländlichen Gebieten im Schnitt nicht mehr als fünf Wochen in ihrem Leben zur Schule. Nigeria, eines der reichsten Länder Afrikas, hält den Negativrekord weltweit: 8,2 Millionen Kinder, vorwiegend Mädchen, gehen überhaupt nicht zur Schule. Und die Situation hat sich in den letzten Jahren verschlechtert.

Teilweise ist das den Austeritätsprogrammen der letzten Jahrzehnte geschuldet, mit Kürzungen im Bildungsbereich und der Einführung von Schulgeld, in Fällen wie Somalia, wo geschätzt nur 10 Prozent der Kinder die Schule besuchen, aber auch dem Krieg bzw. dem Fehlen staatlicher Strukturen.

Allerdings gibt es Ausnahmen, die zeigen, dass es anders geht: In Äthiopien, wo 1970 nur 1 Prozent der Frauen jemals eine Schule besucht hat, haben von den 15- bis 19jährigen Frauen heute 70 Prozent zumindest zeitweise eine Schule besucht, 4 Prozent haben inzwischen einen Universitätsabschluss.

 

Die Marktfrauen am Beispiel Nigerias

Der Verdrängungsprozess, der im Agrarsektor stattfindet, hat seine Entsprechung im informellen Sektor, den traditionell die Frauen beherrschen. Frauen sind hauptsächlich im Verkauf von Lebensmitteln engagiert, entweder durch den Verkauf der eigenen Produkte (vorwiegend auf dem Land) oder der von Zwischenhändlern vermittelten.

Die Marktfrauen sind seit langem gut organisiert und stellen eine wirkliche Macht dar. Sie standen an vorderster Stelle im Kampf gegen die Kolonialherrschaft, vor allem gegen die Besteuerung, mit erstaunlichen Erfolgen, z.B. im nigerianischen Abeokuta. Die Präsidentinnen der Vereinigungen der Marktfrauen in Nigeria werden sowohl auf regionaler wie auf nationaler Ebene gewählt und sind in der Regel gebildete und allgemein respektierte Persönlichkeiten.

In Lagos verhinderten sie mehrfach durch Protestaktionen die Schließung oder Verlegung von Märkten und treten konsequent für Frauenrechte ein. 2012 sagte die damalige Präsidentin der Marktfrauenvereinigung der Hauptstadt Abuja: «Es war offensichtlich, dass die Regierung die Frauen nicht interessierten. So beschlossen wir, statt auf eine Regierung zu warten, die keinerlei Politik für Frauen hatte, uns zusammenzuschließen, um uns selbst stark zu machen.»

Bedroht wird diese Domäne der Frauen von mehreren Seiten: Zum einen von den Männern, die in Zeiten ökonomischer Krise und steigender Arbeitslosigkeit zunehmend in den informellen Sektor drängen und aufgrund ihrer im allgemeinen besseren Bildungsvoraussetzungen einen Konkurrenzvorteil haben – z.B. bekommen sie leichter Bankkredite. Zum anderen aber durch die Zunahme von Supermärkten, vor allem südafrikanischer Ketten, und von Großhandelsunternehmen und Importeuren, die zum Direktverkauf übergegangen sind und die Preise der Marktfrauen unterbieten.

 

Genitalverstümmelung

Obwohl in den meisten Ländern Afrikas die Genitalverstümmelung als der brutalste Ausdruck der Frauenunterdrückung inzwischen gesetzlich verboten ist, dank des jahrelangen Kampfes der Frauenbewegung und internationaler Frauenorganisationen wie Terre des femmes, wird sie weiterhin praktiziert. Spitzenreiter ist Somalia mit einer Rate von 98 Prozent verstümmelter Frauen, gefolgt von Guinea mit 97 Prozent, Ägypten mit 91, Sierra Leone mit 90, Mali mit 89 und der Sudan mit 88 Prozent.

Von den 29 afrikanischen Ländern, in denen laut Terre des femmes FGM (female genital mutilation) praktiziert wird, gibt es in Liberia, Somalia, Sierra Leone, Mali, Kamerun (wo «nur» 1 Prozent der Frauen beschnitten ist) und im Sudan kein explizites Gesetz gegen diese Praxis.

Nigeria hat 2017 ein solches Gesetz verabschiedet, eine führende Rolle im Kampf gegen die Verstümmelung und für das gesetzliche Verbot spielten dort die Ehefrauen zweier ehemaliger Präsidenten, Stella Obasanjo und Patience Jonathan.

Nigeria ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass die jahrtausendealte Praxis der FGM nichts damit zu tun hat, welcher Religion die Betroffenen angehören: In Nigeria finden sich im muslimisch geprägten Nordosten des Landes mit 4 Prozent die niedrigsten Raten, während im christlich geprägten Südwesten 48 Prozent verstümmelt sind. Auch in diesem Fall ist neben der Tradition der Bildungsstand ein entscheidender Faktor. Mit zunehmendem Bildungsstand nimmt auch die Rate an FGM kontinuierlich ab.

Die gesetzlichen Regelungen sind das eine, die Durchsetzbarkeit, aber auch die Bereitschaft der – männerdominierten – Staatsorgane, das Gesetz auch zur Anwendung zu bringen, eine ganz andere Sache.

 

Frauenbewegung

Oberflächlich gesehen hat die Frauenbewegung in Afrika durchaus Fortschritte gemacht. Ein paar (willkürliche) Beispiele:

– In einer Reihe von Staaten bekleiden Frauen bereits hohe politischen Positionen (u.a. in der Elfenbeinküste, in Burkina Faso, Guinea, Nigeria, Südafrika, Uganda…).

– In Zambia, wo fast 80 Prozent der Frauen in der Landwirtschaft arbeiten, haben nicht zuletzt ihre Proteste dazu geführt, dass ein Gesetz verabschiedet wurde, das den Import billiger (meist subventionierter) landwirtschaftlicher Produkte verbietet.

– In Südafrika wurde die Gleichstellung der Geschlechter 1996 in der Verfassung verankert.

– Auf der Klimakonferenz in Marrakesch 2016 spielten Klimaexpertinnen aus Afrika eine wichtige Rolle.

Es gibt auch inzwischen eine Reihe von Frauenorganisationen, wie z.B. FEMNET, die sich für eine länderübergreifende panafrikanische Frauenbewegung einsetzen – neben den offiziösen panafrikanischen Frauenvereinigungen. Aber das Problem ist, dass es sich dabei zumeist um Aktivistinnen aus der dünnen gebildeten Schicht handelt, das Gros der Afrikanerinnen ist aufgrund der oben geschilderten Situation 24 Stunden am Tag mit dem Überleben beschäftigt und dazu noch von den notwendigen Bildungsmöglichkeiten weitgehend abgeschnitten.

Und was die in Führungspositionen aufgestiegenen Frauen betrifft, so hat die Uganderin Sylvia Tamale, eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen Afrikas, Juristin und ehemals erste Dekanin der ugandischen Staatsuniversität, im letzten Jahr in einem Vortrag am Viktoriasee, «Afrikas Feminismus in der Krise», mit der Quotenpolitik, die es in Uganda gibt, gnadenlos abgerechnet: «Jetzt haben wir schon 30 Prozent Frauen im Parlament und alle knien nieder und loben den Präsidenten», sagte sie, kritisierte scharf den «liberalen Feminismus» und stellte fest, dass der Feminismus in Afrika in einer Krise steckt.


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