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Die vollendete Revolution

Anmerkungen zur Erinnerungspolitik der russischen Oktoberrevolution
von Christoph Jünke*

Die Oktoberrevolution ist nicht mehr der Prüfstein innerlicher Politik. Trotzdem kommt man nicht an ihr vorbei.

Im Jahre 1967, sozusagen auf halbem Wege von der Russischen Revolution bis heute, hielt Isaac Deutscher seine noch im selben Jahr unter dem Titel Die unvollendete Revolution veröffentlichten Trevelyan-Vorlesungen und zog dabei die Bilanz seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der sowjetrussischen Revolution und ihren Folgen. Diese Revolution sei, so der als linker Stalinismuskritiker bekannte und international geachtete Historiker, noch nicht zu Ende. Diese Revolution sei noch immer in Bewegung, könne uns «noch immer durch ihre scharfen und plötzlichen Wendungen überraschen», denn ihr Erbe behaupte sich «auf jeden Fall in irgendeiner Form in der Gesellschaftsstruktur und in der Meinung des Volkes».

Deutscher meinte damit, dass sich die Russische Revolution noch immer in der Gesellschaftsstruktur der sowjetischen Gesellschaft direkt niederschlage, dass in der Sowjetunion (und in dem seit 1945 neu entstandenen sogenannten Ostblock) noch immer die kapitalistische Marktwirtschaft abgeschafft sei und wir es noch immer mit einer verstaatlichten Planwirtschaft und ihren nichtkapitalistischen, sozialen Errungenschaften zu tun hätten, die auch von der Mehrheit der Bevölkerung im Grundsatz gutgeheißen würden. Ein Großteil selbst der oppositionellen Bewegungen in dem damals sogenannten «real existierenden Sozialismus», ob reformkommunistische Bewegungen «von oben» oder antistalinistische Bewegungen «von unten», versuchten sich nicht an einer grundsätzlichen Abschaffung der dort herrschenden Verhältnisse, sondern an ihrer – mal mehr, mal weniger radikalen – Reform.

Wie richtig Deutschers Einschätzung damals noch war, zeigte sich im kurz darauffolgenden «Prager Frühling» mit seiner Parole von einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz», der im Jahre 1968 die Tschechoslowakei und den Ostblock an den Rand einer solch revolutionären Reformbewegung führte. Und noch 1980/81 begann die polnische Solidarnosc mit einer sich auf einen besseren, «wirklichen» Sozialismus berufenden Arbeiterrevolte. Selbst in den Reformbewegungen der zweiten Hälfte der 80er Jahre, ob in Russland oder selbst noch in der ehemaligen DDR, waren oppositionelle Kräfte präsent, die am ursprünglichen Sinn der russischen Räte-Revolution anzuknüpfen versprachen – wenn auch wohl nicht mehr in der gesellschaftlichen Mehrheit.

Heute, weitere dreißig Jahre später, lässt sich mithilfe der Kriterien Isaac Deutschers feststellen, dass diese sich in der Gesellschaftsstruktur und der Bevölkerungsmeinung behauptende Russische Revolution gleichsam vollendet, mindestens aber beendet ist. Hat die Oktoberrevolution bis in die roten 70er Jahre hinein die linken Selbstverständnisdebatten stark geprägt – «Wie hältst du es mit der Sowjetunion?», war der Prüfstein innerlinker Politik und Streitkultur –, so spielt diese Revolution heute nur noch negativ eine Rolle. Allenfalls in kleinen linken, oft sektenhaften Grüppchen kommt dem Bezug auf sie noch eine identitäre Rolle zu. Im allgemeinen jedoch gilt die Revolution als beendet, d.h. ihre Gesellschaftsstrukturen sind Geschichte und werden von der Mehrheit der Bevölkerungen, in Ost wie West, nicht weiter verteidigt. Unter der Hegemonie des globalisierten Neoliberalismus haben es die Ideen einer kollektiven und solidarischen Gemeinwirtschaft und das Ethos direkter Produzentendemokratie mehr als schwer.

 

Immer noch eine Gretchenfrage

Sei das bedauerlich oder nicht, wichtiger ist, dass dieser Befund einer überwiegend nicht mehr identitär umkämpften und instrumentalisierten Geschichte auch sein Gutes hat, denn er macht, so möchte man meinen, mehr Souveränität im Umgang mit der Revolution und ihrem Erbe möglich.

Die objektiven Voraussetzungen dafür sind gut: Hat sich denn nicht in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren der ideologische Rauch früherer Zeiten stark aufgelöst? Hat denn nicht die Geschichte ihr berühmtes Urteil gesprochen und erlaubt nicht die Erfahrung des Zusammenbruchs einen neuen, qualifizierten und vor allem nüchternen Blick auch auf alte politische und theoretische Debatten? Die so lange verschlossenen Ostblockarchive sind jedenfalls offen, die Forschung der letzten Jahrzehnte hat ein so umfangreiches  Material zutage gefördert, dass kaum noch alte Fragen offen bleiben müssen. Einmal mehr gilt: Mehr Souveränität im Umgang mit der Revolution, ihrem Erbe und dem eigenen Umgang mit diesem sind möglich und wünschenswert.

Einfach ist dies trotzdem nicht. Denn die Revolution kann nicht losgelöst werden von ihren despotischen Formen der 30er Jahren, von der «Entartung» der Revolution im historischen Stalinismus und seinen Verbrechen, die noch immer wie ein Alp auf unseren Hirnen und Schultern lasten, weil sie im sozialistischen Namen begangen und lange Jahre und Jahrzehnte im sozialistischen Namen verteidigt wurden. Dieses Erbe hinterlässt den Linken (dies zum ersten) die politisch-moralische Pflicht zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und zur Ehrung der Opfer – noch immer alles andere als selbstverständlich. Und es hinterlässt den Linken (dies zum zweiten) die Pflicht, in der eigenen politischen Theorie und Praxis glaubhaft zu machen, dass so etwas niemals mehr geschehen kann. Beide Aspekte sind ebenso eine Frage der politischen Moral wie der politischen Aktualität, denn die Meinung der Mehrheitsbevölkerung fragt die Linken immer wieder zu Recht: Wie haltet ihr es mit den despotischen Formen sozialistischer Politik und was versteht ihr darunter, wenn ihr von Sozialismus und sozialistischer Demokratie redet?

Wer einen Sozialismus des 21.Jahrhunderts möchte, ist also gehalten, sich und anderen Rechenschaft abzulegen über seine Haltung zum Sozialismus des 20.Jahrhunderts – und das heißt nicht zuletzt zur Russischen Revolution und zu der von dieser stark beeinflussten kommunistischen Weltbewegung. Über dieses Erbe nachzudenken und dabei die Oktoberrevolution und ihre Folgen kritisch aufzuarbeiten, gehört zu den besten Diensten, den man den Kämpfern und Opfern dieser Geschichte wie den heutigen und morgigen Emanzipationsbewegungen leisten kann.

 

Die Diskussion ist nicht abgeschlossen

Die subjektiven Voraussetzungen für eine solche linke Geschichtspolitik sind allerdings, vor allem in Deutschland, nicht ganz so gut. Hier, wo der Kalte Krieg stärker noch als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern zu den Strukturbedingungen von Politik und Wissenschaft gehörte und vor allem die innerlinken Fronten bis in die späten 80er Jahre prägte, konnte zwischen bürgerlichem (und d.h. in der Regel auch sozialdemokratischem) Antikommunismus und stalinistischem Kommunismus Drittes nur wachsen, wenn es sich gleichzeitig von der sozialistischen Idee überhaupt verabschiedete («Nicht rechts, nicht links, sondern vorn»). Entsprechend wurde Antistalinismus in Deutschland politisch und gesellschaftlich immer nur als Antikommunismus toleriert – in Ost wie West. Und noch immer wird hier der Begriff des Stalinismus gerne in die gezielt relativierenden Anführungszeichen gesetzt, gegen das vermeintliche «Totschlagargument» gewettert und mit erhobenem Zeigefinger prophylaktisch vor «undifferenziertem Antistalinismus» gewarnt.

Zu erklären ist dies mit der spezifischen Ungleichzeitigkeit der deutschen Linken: Hat sich der sozialistische Antistalinismus der einstmals Neuen Linken im Westen mit deren Zerfall und Transformation in den 80er Jahren in einen grün-alternativen Antikommunismus gewandelt und von sozialistischen Ideen gänzlich abgewandt, bekam der Ende dieser 80er Jahre ebenso machtvoll wie verspätet sich durchsetzende ostdeutsche Antistalinismus schnell das Geschmäckle einer Hilfsagentur westlicher Vereinnahmung.

Doch die politischen Folgen, beispielsweise für die Linkspartei und ihre Glaubwürdigkeit, sind noch heute zu spüren. Selbst in der eigenen intellektuellen Traditionspflege ist die nun gesamtdeutsche Linke (jenseits der fast schon antipolitischen Tradition der Frankfurter Schule) kaum über jene «Linie Luxemburg–Gramsci» hinausgekommen, die trotz ihrer immanenten Qualität ein vor allem vorfaschistisches und vorstalinistisches Marxismus- und Sozialismusverständnis transportiert. Und entsprechend werden heutige Geschichtswerke, die selbst die dümmsten Mythen des Hochstalinismus reproduzieren und bemerkenswert offen für Stalin und den Stalinismus Partei ergreifen, nicht nur wieder zunehmend gern verlegt, sondern auch, mit gleich mehreren Auflagen, zu «Bestsellern» des linken Buchmarkts, während ihre Kritiker, so sie sich denn überhaupt artikulieren, entsprechend belächelt und ignoriert werden. Auch heute noch gilt deswegen der von Manfred Behrend vor nun 20 Jahren festgestellte, traurige Befund, dass der Stalinismus kein eigenständig gepflegtes Thema auf der deutschen Linken ist und mindestens «im Beschönigen und Lobpreisen Stalinscher Taten und in der Unterdrückung antistalinistischer Kritik» fortlebt.

Doch sind es gerade die dissidenten Kommunisten, linken Sozialisten und undogmatischen Marxisten gewesen, die sich seit den 20er und 30er Jahren um eine marxistische Stalinismuskritik bemühten, die naturgemäß auch die Größe und Grenzen der sowjetrussischen Revolution selbst ins kritische Visier nahm. Vieles von dem, was da in den Bibliotheken und Archiven auf seine Wiederentdeckung wartet – und in den letzten Jahren stückweise auch wiederentdeckt wird –, hat die nagende Kritik der Mäuse gut überstanden. Es sollte weiter hervorgeholt und mit den neuen Erkenntnissen und Erfahrungen konfrontiert werden – wie gesagt: so nüchtern und sachlich wie möglich und jenseits apologetischer Glaubensbekenntnisse und desinteressierter Distanzierung von der gesamten alt-sozialistischen Tradition. Ein umfangreiches Erbe an Kritik und Engagement ist hier noch anzutreten und aufzuarbeiten.

Es gibt also guten Grund, sich mit der vollendeten Revolution und ihrem Erbe auseinanderzusetzen. Und vielleicht ist es ja heute möglich, das Erbe und den Charakter dieser Revolution sachlicher zu diskutieren. Schmerzhaft wird dies nichtsdestotrotz sein, denn man kommt dabei kaum darum herum, auch die alten Kämpfe neu und selbstkritisch zu durchfechten. Dies erfordert, soll die Diskussion produktiv werden, eine neue Streitkultur, eine genossenschaftliche Diskussionskultur, bei der die Gebote wissenschaftlicher Disziplin und politischer Pluralität nicht verletzt werden sollten – eine Kunst, die als kollektiv gelebte von deutschen Linken wohl noch zu lernen ist.

 

* Christoph Jünke war lange Jahre Redakteur der SoZ und arbeitet heute als Historiker und Publizist. Jüngst herausgegeben hat er Marxistische Stalinismus-Kritik im 20.Jahrhundert. Eine Anthologie (Köln: Neuer ISP-Verlag, 2017) sowie (zusammen mit Bernd Hüttner): Roter Oktober 1917. Beiträge zur Geschichte der Russischen Revolution (Berlin: RLS, 2017).


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