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Frau, Familie, Sexualmoral, Kultur

Frühe Errungenschaften der Oktoberrevolution
von Manuel Kellner

Die junge Räterepublik brachte die rechtliche und politische Gleichstellung der Frauen mit den Männern – ein völliger Bruch mit den Verhältnissen unter dem Zarismus.

Am 19. und 20.Oktober 1917 wurde die zaristische Familiengesetzgebung durch das «Dekret über die Ehescheidung» und das «Dekret über die Zivilehe, die Kinder und die Führung der Personenstandsregister» ersetzt. Für Eheschließung und Scheidung (auch auf Antrag von nur einer der beiden Seiten) genügte nun die einfache standesamtliche Registrierung.

Der Mann war rechtlich nicht mehr Familienchef. Uneheliche Kinder wurden den ehelichen gleichgestellt. Für die Frauen galt formell sexuelle Selbstbestimmung, freie Wahl von Namen, Wohnsitz und Staatsbürgerschaft. Mit einem Gesetz vom 18.11.1920 wurde die Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten straffrei gestellt (später unter Stalin wieder kriminalisiert).

Mit der rechtlichen Gleichstellung war für die realen Verhältnisse freilich noch nicht allzu viel erreicht. Vor allem auf dem Land war die Lage der großen Mehrheit der Frauen schlecht. Sie blieben Haussklavinnen. Die Vorstellungen der bolschewistischen Führung zur gesellschaftlichen Befreiung der Frauen folgten den marxistischen Vorgaben, in deren Mittelpunkt die «Vergesellschaftung der Hausarbeit» stand. In dieser Hinsicht unternahm die junge Sowjetmacht heroische Anstrengungen mit der Schaffung von öffentlicher Kinderbetreuung (Kinderkrippen), allgemein zugänglichen Restaurants oder Kantinen und Wäschereien.

Doch Armut und Elend waren zu groß, um solche Einrichtungen in annähernd ausreichendem Umfang und in ausreichender Qualität zu schaffen – auch in den Städten.

Mit der Bürokratisierung der Sowjetmacht unter Stalin wurde mit dem – und sei es halbherzigen – Kampf gegen die patriarchalische Familie Schluss gemacht. Die Familie – umgetauft zur «sozialistischen» Familie – kam wieder zu Ehren. Die «Grundzelle» einer Gesellschaft, in der Gehorsam die erste Tugend ist, muss auf autoritären Voraussetzungen beruhen.

Die Proklamation der Vollendung des Aufbaus des Sozialismus Mitte der 30er Jahre verhinderte nicht, dass sich die Prostitution erneut ausbreiten konnte – wenn dies auch offiziell nicht zugegeben und schon gar nicht als Symptom gesellschaftlicher Probleme behandelt wurde.

Später, als die Wirtschaftskraft sich deutlich verbessert hatte, waren in der Sowjetunion und in den mit ihr verbündeten osteuropäischen Ländern Gemeinschaftseinrichtungen viel verbreiteter und besser – doch der grundlegende politische und gesellschaftliche Konservativismus der bürokratischen Führungen blieb.

Bereits im November 1917 entkriminalisierte die junge Räterepublik die gleichgeschlechtlichen sexuellen Beziehungen. Im Kapitel über «Familie, Jugend, Kultur» in  Trotzkis Verratener Revolution (1936) findet sich dazu keine Zeile.

Die Entkriminalisierung war Folge der pauschalen Außerkraftsetzung des zaristischen Strafgesetzbuchs. Die große Mehrheit der in der Folgezeit gegründeten Sowjetrepubliken entstand ohne strafrechtliche Bestimmungen gegen Homosexualität. Von Anfang der 20er Jahre an wuchs jedoch der Druck. Als erste Sowjetrepublik kriminalisierte Aserbaidschan die Homosexualität im Jahr 1923. 1926/27 folgten ein Dutzend weiterer, vor allem kaukasischer Republiken.

Ende der 20er Jahre war es mit der relativen Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben vorbei. 1930 wurde Homosexualität in der Sowjetunion zur «Krankheit» erklärt, gegen die präventiv und therapeutisch vorzugehen sei. Am 7.März 1934 trat der Artikel 121 des sowjetischen Strafgesetzbuchs in Kraft, mit dem die Homosexualität generell wieder kriminalisiert wurde. Dieses Strafgesetz wurde auch zur Kriminalisierung politisch missliebiger Personen missbraucht. Auf besondere Weise symbolisiert es die sexualpolitische und kulturelle Reaktion des Stalinismus gegen den emanzipatorischen Aufbruch der Oktoberrevolution.

 

Wissenschaft und Kultur

Mit der Oktoberrevolution begann auch, trotz der erdrückenden materiellen Not, eine beispiellose Blüte der Natur- und Humanwissenschaften, einschließlich der Psychoanalyse (bis 1926). Danach drängte die Stalinführung das unabhängige und kreative Denken auf fast allen Gebieten systematisch zurück. Die politischen Zickzacks der verschmolzenen Partei- und Staatsführung mussten von der Wissenschaft servil nachvollzogen werden. Der Psychoanalyse, deren Einrichtungen und Publikationen zuvor unterstützt worden waren, wurde mit kruden Argumenten der Prozess gemacht, sie wurde als kleinbürgerlich und mit dem Marxismus unvereinbar erklärt.

Auch für die verschiedenen Bereiche des künstlerischen Schaffens läutete die Oktoberrevolution eine Periode äußerster Kreativität und Experimentierfreude ein. Auch diese Entwicklung wurde von der anschließenden Bürokratenherrschaft erstickt und schließlich unterdrückt.

Die Parteiführung maßte sich an, über «gut» und «schlecht» in der Kunst zu bestimmen und führte schließlich den so genannten «sozialistischen Realismus» als obligatorisch ein. Das war alles andere als Realismus, sondern geschmackloser heroisierender Konformismus, der nur dazu diente, die «sozialistischen Errungenschaften» und die «Genialität des Führers» zu belobhudeln.


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