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Auch Lehrer arbeiten auf Verschleiß

GEW kämpft für neue Arbeitszeitordnung
von Violetta Bock

Osterferien, sechs Wochen Sommerferien, Weihnachtsferien, wie schön wäre es, wieder in der Schule zu sein. Noch immer assoziieren viele den Lehrerberuf mit langen Ferien. Stattdessen herrscht Lehrermangel, allein an Grundschulen spricht man von 2000 fehlenden Lehrkräften. Und ebenso wie in der Pflege fehlen nicht nur Lehrer, die vorhandenen arbeiten auf Verschleiß. Eine neue Studie über die Arbeitszeit von Lehrern gibt der Forderung der GEW Niedersachsen nach Entlastung nun Vorschub.

Der Kern der Lehrtätigkeit wandelt sich. Die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen veröffentlichte im vergangenen Januar die «Zeiterfassungsstudien zur Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland», die im Auftrag der GEW erstellt wurde; es handelt sich um die vierte Studie zu diesem Thema. Die Sozialwissenschaftler Thomas Hardman und Frank Mußmann vergleichen darin zwanzig Studien zur Arbeitszeit aus den vergangenen 60 Jahren und werten diese aus.

Die Ergebnisse bestätigen den langfristigen Trend in allen Schulformen, dass der Anteil der Unterrichtsstunden an der gesamten Arbeit abnimmt. Aber eben nur der Anteil. Insgesamt kommt die Studie zum Ergebnis, dass sich der Kern der Tätigkeit verändert hat. Betrug der Anteil des Unterrichts an der Gesamtarbeitszeit anfangs an Grundschulen noch über 50 Prozent, ist er inzwischen auf etwa 40 Prozent, und an Gymnasien von 40 auf heute etwa 30 Prozent gesunken. Die festgelegten Unterrichtsstunden sind nahezu gleich geblieben. Dass ihr Anteil dennoch sinkt hängt damit zusammen, dass inzwischen immer mehr Aufgaben von Lehrern erwartet werden: mehr erzieherische Aufgaben, mehr Mitwirkung an den Schulen, das Schreiben von Gutachten, mehr Elterngespräche. Nicht zuletzt sind es die Lehrerinnen und Lehrer, die neue Herausforderungen bewältigen müssen, ohne dass ihnen die Zeit, die sie dafür brauchen, angerechnet wird: Ganztagsunterricht, Inklusion, Sprachförderung… War dies am Anfang vor allem an Gymnasien und Gesamtschulen zu beobachten, holen die Grundschulen in den letzten Jahrzehnten auf.

Im Schnitt arbeiten Lehrkräfte 1 Stunde und 40 Minuten pro Woche mehr als vergleichbare Beschäftigte im öffentlichen Dienst, Schulferien sind dabei bereits eingerechnet. Bei 14–19 Prozent des Lehrpersonals wurden wöchentliche Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden festgestellt. Dies verstößt gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz und geht zulasten der Gesundheit – umso mehr als Erholungsmöglichkeiten im Schulalltag fehlen: Die Siebentagewoche in der Schulzeit und die Entgrenzung der Arbeitszeit bis in den späten Abend ist inzwischen die Regel.

Das Problem ist die fehlende, von allen anerkannte Berechnung der Arbeitszeit. So gibt es zwar Pflichtstunden für den Unterricht. Alle weiteren außerunterrichtlichen Verpflichtungen (Unterrichtsvorbereitung, Konferenzen, pädagogische Kommunikation, Klassenfahrten u.v.m.) werden zeitlich nicht näher bestimmt. Aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes sollten die 40 Stunden im Vergleich zu anderen Beschäftigten des öffentlichen Diensts nicht überschritten werden, die Realität sieht jedoch anders aus.

 

Neue Arbeitszeitordnung

Die GEW versucht seit längerem, eine neue Arbeitszeitordnung durchzusetzen. Nicht nur der Gleichbehandlungsgrundsatz werde verletzt, sondern ebenso die Fürsorgepflicht durch den Dienstgeber. Gerichte hatten in den letzten Jahren den Ländern viel Gestaltungsspielraum bei der Festsetzung der Arbeitszeit eingeräumt und damit die vorhandenen Studien ignoriert. Die Dienstgeber führten Überstunden auf individuelle Kompetenzen und Erfahrungen zurück und übergingen damit das grundsätzliche Problem.

2015 wollte die Kultusministerin von Niedersachsen, Frauke Heiligenstadt (SPD), die Arbeitszeit der Gymnasiallehrer um eine weitere Stunde auf 24,5 Wochenstunden anheben. Nachdem die Lehrer protestierten und eine Lehrerin klagte, gab das Oberverwaltungsgericht der Klägerin Recht. Damit liegt in Niedersachsens Gymnasien die Zahl der Unterrichtsstunden weiterhin bei 23,5 Stunden, an Realschulen bei 26,5 Stunden, an Hauptschulen bei 27,5 Stunden und an Grundschulen bei 28 Stunden. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat zugleich festgelegt, dass die tatsächliche Belastung ermittelt werden muss. Die nun vorgelegte Studie hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Damit konnte zwar eine weitere Anhebung der Stundenzahl abgewendet werden, aber die Senkung der Unterrichtseinheiten steht nach wie vor aus. Da die Politik weiterhin nicht einlenkt, reichen nun mit Unterstützung der GEW Lehrer in Niedersachsen Klage ein, um die bestehende Arbeitszeitordnung zu ändern, angefangen bei einer Grundschulleiterin und einem Grundschulleiter. Bundesweit soll in allen Bundesländern im ersten Quartal die Arbeitszeit erfasst werden. Der Thüringer Philologenverband macht am 19.Februar bis zum 18.März den Anfang und ruft Lehrer zur Beteiligung an der Studie auf.


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