Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2018 > 04 > Deutsch-türkische Verhältnisse

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2018 |

Deutsch-türkische Verhältnisse

Waffen über alles
von Serdar Kazak

Wenn ich versuche, das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland zu verstehen oder sogar zu erklären, merke ich, dass ich eigentlich versuche, Kaffeesatz zu lesen.

Je nach Blickwinkel kann man es so sehen, dass die demokratische Bundesrepublik versucht, die Türkei durch einen kritischen Dialog zur Vernunft zu bringen. Genausogut kann man es aber auch so sehen, dass die arme Türkei sich gegen die imperialistische Einmischung der Bundesrepublik wehrt. Naja, das liegt in der Natur des Kaffeesatzlesens, es sagt mehr über das Unterbewusstsein des Lesers als über die reale Situation.

Mein Artikel in SoZ 2/2018 war auch so ein Beispiel für Kaffeesatzleserei. Ich schrieb, die Bundesregierung gehe im Fall der verhafteten Journalisten «vor einer terroristischen Regierung in die Knie», damals sah ich in der Türkei die Seite, die Druck macht, und in Deutschland die Seite, die nachgibt. Da habe ich die demokratische Rolle der Bundesrepublik etwas übertrieben.

Wenn ich mir in letzter Zeit die verbale Kritik bei gleichzeitiger praktischer Zusammenarbeit betrachte, denke ich, der unausgesprochene «Kniefall» der Bundesregierung war eher eine theatralische Geste als ein Zugeständnis. In einer Zeit, da die Türkei in Efrîn einmarschiert, um das Gebiet ethnisch zu säubern, ist es besser, die (teilweise heimlichen) Waffenlieferungen als Kniefall zu inszenieren.

Um das besser zu verstehen, sei ein kurzer Blick auf die Außenpolitik der Türkei in den letzten zehn Jahren geworfen.

Der verwirrte Kunde

Ein verwirrter Kunde, der große Träume hat, ist immer der beste für einen Verkäufer. Es gibt nichts Besseres für die Industrie als ein armer Mann, der ein zu großes Geschäft gründen möchte und dafür bereit ist, viele Jahre seines zukünftigen Leben zu verpfänden. Die Außenpolitik der Türkei bietet das Bild eines verwirrten Mannes, der große Träume hat, dafür immer mehr Waffen kaufen möchte und immer mehr Jahre seines künftigen Lebens verpfändet.

Die außenpolitische Strategie der AKP-Regierung wurde neben US-amerikanischen Beratern hauptsächlich von Ahmet Davutoglu konzipiert, der später Außenminister und noch später Ministerpräsident wurde. In seinem Buch, das er in 2001 unter dem Titel Stratejik derinlik (Die strategische Tiefe) veröffentlichte, formulierte er, wie wichtig es sei, für die Türkei ein Einflussgebiet vom Irak über den Kaukasus bis nach Bosnien zu bestimmen. Das Gebiet, das er beschrieb, entspricht mehr oder weniger der Ausdehnung des Osmanischen Reiches.

Diesem Buch zufolge bedeutete die Ablehnung des osmanischen Erbes eine große Schwächung. Die Türkei trage nicht nur Verantwortung für die ehemaligen osmanischen Gebiete, sie sei auch berechtigt, sich um diese Teil der Erde zu kümmern. Um ihr  internationales Gewicht zu Steigern, müsse die Türkei zu ihren osmanischen Wurzeln zurückkehren und sich in diesen Regionen aktiv reinmischen.

Ein Satz aus seinem Buch war besonders interessant: «Die Verteidigungslinie von Istanbul liegt in Bosnien und an der Adria, die Verteidigungslinie der Ost-Türkei liegt im Kaukasus.» Es ist kaum zu glauben, aber diese Idee ist inzwischen die offizielle Meinung der regierenden Partei in der Türkei.

Re-Osmanisierung

Die Re-Osmanisierung der Gesellschaft und die De-facto-Abrechnung mit der bürgerlichen (kemalistischen) Revolution war nichts anderes als die innenpolitische Umsetzung dieser Strategie.

So eine möchtegernimperialistische Strategie ist für ein Land mit ziemlich begrenzten Möglichkeiten nicht nur eine total realitätsferne Vorstellung und eine absolute Illusion, sondern auch eine große Gefahr für die Region. Die Türkei träumt davon, die Rolle zu spielen, die das Osmanische Reich im 17.Jahrhundert gespielt hat. Sie träumt von weit vorgeschobenen Verteidigungslinien in Sarajevo oder im Kaukasus. Dabei ist sie in Efrîn zum Beispiel selbst nach wochenlangem Kampf nicht mal ein paar Kilometer in die Tiefe vorgerückt. Ihre Niederlagen werden immer empfindlicher, doch steigert das nur ihre Aggressivität und Brutalität, und zwar exponenziell.

Trotz aller Niederlagen befeuert diese völlig realitätsferne Vorstellung von der Rückkehr zu osmanischer Herrlichkeit seit Jahren nicht nur die Regierung, sondern auch viele Menschen in der Türkei. Millionen Menschen (auch der Staatspräsident) schauen in den Zauberspiegel und sehen dort den Bürger (oder Präsidenten) einer Weltmacht. Es ist zwar völlig unrealistisch, aber dennoch eine schöne Salbe für die Seele der AKP-Basis, die unter einem starken Minderwertigkeitskomplex leidet.

Das neo-osmanische Betäubungsmittel ist für die AKP mittlerweile nicht mehr ein kontrolliertes Instrument, womit sie bei Wahlen ein paar Prozentpunkte mehr bekommen kann, sondern eine Überlebensnotwendigkeit.

Waffen, Waffen?…

Das macht die Türkei besonders interessant für die Waffenindustrie. Die türkische Regierung braucht Waffen, viele Waffen, viel mehr als früher, aber auch möglichst günstige Waffen, am besten auch das Know-how, um diese Waffen zu bedienen. In den letzten Jahren hat sie versucht, eigene Panzer zu entwickeln. Was sie am Ende bauen konnte, war ein Panzer ohne Motor und ohne Bewaffnung. Sie wollte auch ein eigenes Flugzeug bauen. Was sie am Ende geschafft hat, ist die Montage der F16-Flugzeuge mit amerikanischen und israelischen Teilen.

Eine Panzerfabrik und natürlich das deutsche Know-how von Rheinmetall wäre zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall mehr als nur eine Salbe für die sterbende Seele der Regierung. Dafür wäre die Türkei bereit, von der Geiselnahme von Journalisten bis hin zu Knechtschaftsverträgen alles zu riskieren.

Welche Zugeständnisse Deutschland machen musste, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass die Bundesregierung gegen den Einmarsch in Efrîn nichts tut und weiterhin Waffen liefert.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.