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Auf der Suche nach der Arbeiterklasse

Ein bisschen Empirie schadet nie
von Angela Klein

Auf der Suche nach der Arbeiterklasse muss Jörg Miehe tief graben. Denn es ist nicht nur so, dass die Beschäftigtenzahlen in der Grundstoffproduktion und dem verarbeitenden Gewerbe mit Ausnahme der Kfz-Produktion (und einiger stagnierender Bereiche wie der Mess- und Steuertechnik sowie der Energieversorgung) samt und sonders rückläufig sind. Es ist auch so, dass unter den Arbeitnehmern, die bei den einzelnen Wirtschaftszweigen aufgeführt sind, der Anteil der Arbeiter gegenüber dem der Angestellten rückläufig ist. Es boomen stattdessen Datenverarbeitung und Dienstleistungen ­«aller Art» für Unternehmen (häufig sind das Bereiche, die zuvor aus den Unternehmen ausgelagert wurden), Handel und Gastgewerbe sowie die Bereiche der Daseinsvorsorge Erziehung/Unterricht und Gesundheit.

Mehr Qualifizierte, mehr Angestellte
Für die Verteilung der Arbeitnehmer auf die sechs Sektoren der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung stützt sich Miehe auf die amtliche Statistik. Für eine genauere Aufschlüsselung der Arbeitnehmer in den verschiedenen Sektoren zieht er sowohl die Statistik der Erwerbstätigen nach Berufsgruppen aus dem Mikrozensus als auch die Berufsstatistik der Bundesagentur für Arbeit zu Rate. Er geht sie Wirtschaftssektor für Wirtschaftssektor durch und kommt dabei durchaus zu überraschenden Ergebnissen.
So zeigt er für die chemische Industrie, dass der Arbeiteranteil (qualifiziert, angelernt und unqualifiziert) zurückgeht, während das studierte Fachpersonal zunimmt und die Zahl der Techniker fast gleich bleibt. Diese Tendenz zur Verringerung der unteren Qualifikationen zugunsten der jeweils höheren findet sich, so Miehe, durchgehend in der materiellen Produktion, wobei die Proportionen je nach Wirtschaftszweig unterschiedlich sind.
Insgesamt konstatiert er in der materiellen Produktion, einschließlich der Unternehmensdienste, eine Zunahme von Technikern und Ingenieuren – und von Angestellten. Die Angestelltenberufe haben darüber hinaus auch deshalb dramatisch zugenommen, weil auch die nichtproduktiven Wirtschaftszweige erheblich zugenommen haben. Deutliche Zuwächse einer Arbeiterbevölkerung sieht Miehe bei Pack- und Lagertätigkeiten sowie im Versandhandel.
Miehe vertritt eine sehr enge Definition von Arbeiterklasse. Er versteht darunter diejenigen, die manuell tätig und im produktiven Sektor beschäftigt sind. Bei diesen allein sieht er die Voraussetzungen gegeben, dass sie «als soziale Gruppe mit eigener Lebenswelt, sowie als politisch organisierte und in sozial-politischer Bewegung befindliche Klasse aufgefasst werden» kann. Im Unterschied zu einem weiten Begriff von Arbeiterklasse, der alle dazuzählt, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um zu leben, hat sein Ansatz den Vorzug, dass er genau hinschauen und Sektor für Sektor auseinanderfriemeln muss, was dort alles unter den Begriff «Arbeitnehmer» fällt und wer davon Arbeiter ist.
Heraus kommt eine überaus verdienstvolle Fleißarbeit, die es ermöglicht, die realen Verschiebungen zwischen den Tätigkeiten wie auch im Status der Arbeitnehmer (Angestellte/Arbeiter, Vollzeit/Teilzeit, Leiharbeit usw.) genauer unter die Lupe zu nehmen.
Denn es hilft ja nichts: Die weite Definition von Arbeiterklasse mag ja die politisch «richtigere» sein, allein sie gibt als solche wenig Auskunft über die realen Spaltungen, Bewusstseinsdifferenzierungen, Veränderungen und Möglichkeiten der kollektiven Organisierung, die für die Konstituierung von Klassenbewusstsein so wichtig sind.

Ein kleines Häuflein
Bei seinem Bemühen abzugrenzen, was heute in der BRD zur Arbeiterklasse gezählt werden kann, kommt Miehe zu folgendem Ergebnis:
Für das Jahr 2008 stellt er fest, dass im gewerblichen Bereich (der auch die industrielle Produktion umfasst) 10,7 Mio. Erwerbstätige beschäftigt waren, davon fast 5 Mio. Arbeiter und 4,2 Mio. Angestellte – im Kern der materiellen Produktion inzwischen also fast ebensoviele Angestellte wie Arbeiter.
Zählt man die mit der materiellen Produktion produktiv notwendig verbundenen Wirtschaftszweige hinzu, kommt er auf 17,7 Mio. Erwerbstätige von insgesamt 38,7 Mio. – davon 14,4 Mio. Lohnabhängige, und davon wiederum 7,4 Mio. Angestellte (von insgesamt 20,7 Mio.) und 6,9 Mio. Arbeiter (von insgesamt 9,8 Mio.).
Im Endergebnis schmilzt das, was Miehe zu einer «modernen Arbeiterklasse im orthodoxen Sinn» zählt, auf 6,6 Mio. (für das Jahr 2008). Eine kleine Minderheit, von der auch Miehe sagen muss: «Eine orthodox gefasste Arbeiterklasse [kann] schon heute quantitativ keine hegemoniale politische Rolle mehr spielen.»

Was ergibt sich daraus?
Trotz – oder wegen – dieses engen Begriffs von Arbeiterklasse kommt Miehe zu interessanten politischen Schlussfolgerungen:
Zunächst einmal betont er ausdrücklich, dass das Schwinden der Arbeiterklasse nicht bedeutet, dass die industrielle Produktion schwindet. «Im Gegenteil, sie wird stofflich erweitert, innerhalb schon industrialisierter Gesellschaften und durch die Entwicklung neuer industrialisierter Gesellschaften … aber ihre Ausstattung mit Arbeitskräften vom Typus Arbeiterklasse verringert sich nach und nach.» «Mit zunehmender kapitalistisch vorangetriebener Produktivität und zunehmender, auch technischer Vergesellschaftung und Arbeitsteilung reduziert sich daher das Feld produktiver Kapitalverwertung wieder.»
Das kleine produzierende Gewerbe verschwindet, dafür entsteht neu ein kleines Gewerbe der Installation, Instandhaltung und Reparatur industrieller Güter. «Vor allem aber entsteht ein Sektor gesellschaftlich notwendiger, kollektiver Dienstleistungen.» «Der fortlaufende Prozess der Industrialisierung … mündet daher darin, dass die Industrie … zwar die Lebensweise beherrscht. Aber der gesellschaftlich dafür notwendige Arbeitsaufwand in der Industrie selbst nimmt tendenziell ab und damit auch die Zahl der dort tätigen Menschen.» «Die knappe Mehrheit der Lohnarbeiter in der weit gefassten materiellen Produktion besteht noch aus Arbeitern, aber die Tendenz geht dahin, dass die verschiedenen Angestellten die Mehrheit bilden, und dieser Zeitpunkt ist nicht mehr fern».
Seine Schlussfolgerung ist dann doch überraschend: «Die große Mehrheit der anderen Lohnabhängigen [die aus seiner engen Definition von Klasse herausfallen] … kann keinesfalls als sozialökonomische Einheit gefasst werden. Ihre grundlegende Gemeinsamkeit, über keine eigenen Produktionsmittel zu verfügen, bringt keine praktisch wirksame gemeinsame Interessenlage gegenüber dem Kapital zustande. Sie daher als Gesamtklasse gegenüber dem Kapital zu behandeln … führt an der ökonomischen und sozialen Wirklichkeit vorbei und politisch in die Wirkungslosigkeit. Die tatsächliche Gemeinsamkeit, die objektiv vorhanden ist, stellt alle Lohnabhängigen unterhalb einer vagen Grenze der Entlohnung, der Arbeitsbedingungen und der Stellung im Betrieb in ein gemeinsames Verhältnis gegenüber dem Staat … Erst eine einsehbare, mit dem Staat verknüpfte Alternative zu den akuten kapitalistischen Verhältnissen wird eine breite politische Wirksamkeit erlangen können.»
Einen gravierenden Mangel hat die Arbeit: Die Verlagerung von Produktion ins Ausland wird statistisch nicht erfasst, obwohl die Globalisierung als entscheidender Motor der Veränderung der Produktionsstruktur ab den 90er Jahren erkannt wird. Für die Diskussion über Umfang und Zuschnitt der Arbeiterklasse ist der Blick über die Grenzen hinaus jedoch unerlässlich.

Jörg Miehe: Vom Schwinden der Arbeiterklasse. Zur Struktur der Erwerbstätigkeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der BRD von 1957/70 bis 2005/2008. Berlin 2017.


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