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Klassenkampf findet alltäglich statt

Ist die Arbeiterklasse noch ein politisch relevantes Handlungssubjekt?
von Werner Seppmann

Vorbei sind die Zeiten, als selbst in linken Diskussionen problematisiert wurde, ob es eine Arbeiterklasse überhaupt noch gibt. Die große Krise hat zumindest in dieser Hinsicht für Klarheit gesorgt: Selbst im Parteiprogramm der LINKEN wird von der Arbeiterklasse gesprochen.
Doch nicht selten wird bezweifelt, ob sie noch als progressiver Faktor, als Subjekt grundlegender Transformationen im Sinne von Marx und Lenin gelten kann, weil sie stark fragmentiert sei und ihr quantitativer Umfang sich zurückgebildet habe.
Beides trifft zweifellos zu, aber selbst nach den fragwürdigen Erfassungsmethoden der bürgerlichen Sozialstatistik gelten in der BRD immer noch mehr als 9 Millionen Erwerbstätige als Arbeiter. Auch kann nicht unberücksichtigt bleiben, dass viele statistische Kategorisierungen willkürlich sind, und die Arbeiterklasse tatsächlich umfangreicher ist, als oft behauptet wird. Zum Beispiel sind klassische Arbeitertätigkeiten, die ausgelagert wurden, aus der Statistik verschwunden – obwohl es sie weiter gibt: Das ist beim Beschäftigten im Ersatzteillager eines Autozulieferers ebenso der Fall wie beim Gabelstaplerfahrer, wenn er Leiharbeiter ist. Auch Vertragsarbeiter gelten sozialstatistisch nicht mehr als Arbeiter, sondern werden selbst dann als «Dienstleiter» kategorisiert, wenn sie Motoren bauen.
Gerade die Parole von der Dienstleitungsgesellschaft relativiert sich bei genauer Betrachtung, denn die Hälfte aller sogenannten Dienstleistungen (die zwei Drittel aller Beschäftigungsverhältnisse umfassen) sind produktionsbezogene Tätigkeiten.
Dem produktiven Sektor sind somit nicht ein Drittel, sondern zwei Drittel aller Beschäftigten zuzuordnen. Schon Marx hat im Kapital auf diesen Aspekt des Strukturwandels der Arbeiterklasse und der Ausbeutungsformen hingewiesen: «Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen.»

Spaltungstendenzen
Diese methodische Präzisierung ändert natürlich nichts an den Fragmentarisierungstendenzen innerhalb der Arbeiterklasse. Und sie werden weiter zunehmen! Beispielsweise bedeutet Digitalisierung, dass die Schere zwischen qualifizierter Arbeit und der «Randbeschäftigung» weiter auseinandergehen wird. Auch sind digital vermittelte und gesteuerte Tätigkeiten immer seltener mit persönlichen Kontakten verbunden und dadurch die (Selbst-)Organisation der Lohnarbeiter schwieriger geworden.
Die Arbeiterklasse ist nicht zuletzt deshalb aufgesplittert, weil selbst durch die einzelnen Belegschaften hindurch heute gravierende Spaltungslinien verlaufen – und nicht nur zwischen den Festangestellten, also den sogenannten «Kernen» und den prekär Beschäftigten.
Das bleibt nicht ohne Konsequenzen: Obwohl sich alle Lohnarbeiter prinzipiell in einer kollektiven Sozialsituation befinden, die durch den objektiven Gegensatz zum Kapital geprägt ist, wird es immer schwieriger, die gemeinsamen Interessen unmittelbar zu erkennen. Aber gerade deshalb ist es notwendig, die nach wie vor existierenden gemeinsamen Interessen zu thematisieren.
Die besten Voraussetzungen zur Schaffung von Gegenmachtstrukturen bieten, trotz aller arbeitsorganisatorischen und sozialrechtlichen Aufsplitterungen, immer noch die Kernbereiche des Industriesystems, also die großen Betriebe, obwohl ihre Zahl abgenommen und ihre durchschnittliche Größe sich reduziert hat. Doch die Betriebsgröße ist für die politische Sozialisation und die Organisationsfähigkeit der Lohnabhängigen von geringerer Bedeutung als die Qualität und Nachdrücklichkeit der Interessenartikulation, die Tradition (oder eben auch die fehlende Kontinuität) der Klassenkämpfe und die aus diesen Erfahrungen resultierenden Bewusstseins- und Handlungseinstellungen.

Konfliktbewusstsein
Die Bedeutung der industriellen Kernbereiche resultiert nicht zuletzt daraus, dass bei ihren Belegschaften mehr als nur Restbestände eines Bewusstseins über die sozialen Konfrontationslininien existieren, weil in ihnen der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit besonderes intensiv erfahren wird.
Neuere Untersuchungen selbst einer akademischen Soziologie sprechen davon, dass das Lohnabhängigen-Bewusstsein nach wie vor durch die Interessenwidersprüche zwischen Kapital und Arbeit geprägt ist (siehe Weber-Menges¹) und sich in den letzten Jahren ein regelrechter Antikapitalismus verallgemeinert hat (Klaus Dörre²). Mit Erschrecken hat dies in den letzten Jahren auch mehrfach das Meinungsforschungsinstitut Allensbach festgestellt.
Die Grundlage dieser Konstanz konfliktgeprägter Bewusstseins- und Mentalitätsformen ist die Tatsache, dass trotz aller einstellungsverzerrenden Einflüsse und Entwicklungen die Arbeiterklasse immer noch von den arbeitsalltäglichen Erfahrungen einer Dauerattacke des Kapitals auf ihre Arbeitsbedingungen geprägt ist. Permanent wir «restrukturiert», also die Arbeit verdichtet und der Leistungsdruck erhöht, Auslagerungen und Arbeitsplatzabbau betrieben. Klassenkampf (jedenfalls der von oben) findet alltäglich statt und hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten unübersehbar verschärft!
Die Frage nach den günstigeren oder weniger günstigen Voraussetzungen antikapitalistischer Aktivitäten ist mit der historischen Erfahrung verbunden, dass die Konstituierung von politisch relevanten Klassen ein mehrstufiger und anspruchsvoller Prozess ist. Klassenbewusstsein und die Bereitschaft zum Klassenhandeln haben objektive Vorraussetzungen, müssen jedoch erarbeitet werden: Die Bildung einer durchsetzungsfähigen Arbeiterklasse ist eine politische Aufgabe.

Strukturelle Handlungsfähigkeit
Da ein konfrontatives Handeln in den industriellen Kernbereichen von großer Wirkung sein kann, weil sie die Kapitalverwertung an zentraler Stelle stört, ist es nach wie vor sinnvoll, hinsichtlich ihrer Praxisrelevanz, die in den zentralen Bereichen der Produktion Beschäftigten als den Kern der Arbeiterklasse zu definieren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Transformationsprozesse von diesen Kernen alleine getragen werden könnten oder auch müssten: Denn es sind Lohnabhängigengruppen in einem beträchtlichen Umfang außerhalb der industriellen Bereiche entstanden, die strukturell handlungsfähig sind, weil ihre betriebliche Situation zunehmend durch Kollektivität und – vor allem in den Privatisierungszonen öffentlicher Dienste und im Gesundheitswesen – durch ein zunehmendes Konfrontationsklima geprägt wird.
Hinsichtlich dieser Segmente wäre von einer aktionsfähigen Lohnabhängigenklasse zu sprechen. So gehört eine Krankenschwester zwar nicht im traditionellen Verständnis zu Arbeiterklasse, sie ist jedoch mit einer zunehmenden Durchsetzung des Warencharakters ihrer Arbeitskraft konfrontiert und durch betriebliche Organisationsformen, die sich dem Industriestandard annähern, auch strukturell handlungsfähig
Diese Entwicklung relativiert jedoch nicht die politische Bedeutung der Beschäftigten in den industriellen Kernbereichen, weil, wie der Industriesoziologe Michel Schumann treffend bemerkt hat, «das Industriesystem als die entscheidende Stütze materieller Produktion ein Machtzentrum der Gesellschaft [ist]. Immer noch gilt deshalb: Hat man im industriellen Sektor das Sagen, so hat man eine gesamtgesellschaftliche Schlüsselposition inne.»

¹ Sonja Weber-Menges: «Arbeiterklasse» oder Arbeitnehmer? Vergleichende em­pirische Untersuchung zu Soziallage, Lebenschancen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben. Wiesbaden 2004.
² Klaus Dörre et al. (Hrsg.): Das Gesellschaftsbild der Lohnarbeiter­Innen. Sozi­ologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben. Hamburg 2013.
³ Vgl. Werner Seppmann: Die verleugne­te Klasse. Zur Arbeiterklasse heute. Berlin 2010.


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