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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Trauerspiele, in Chemnitz und in Berlin

Ein Nachtrag zum „Wunder“ von Chemnitz

von Helmut Dahmer, Wien

Am 27. August 2018 ereignete sich im sächsischen Chemnitz (vormals „Karl-Marx-Stadt“) ein Wunder – nicht das erste dieser Art. Dort hatte sich die Nachricht verbreitet, am Rande eines Stadtfests sei am Vorabend ein 35jähriger, David H., bei einer Auseinandersetzung mit Ausländern erstochen worden. Zuvor habe er noch versucht, eine deutsche Frau vor Zudringlichkeiten zu bewahren…


Sogleich riefen verschiedene rechte Organisationen – an denen in Chemnitz seit DDR-Zeiten kein Mangel ist – zu einem „Trauermarsch“ auf, und alsbald versammelten sich fünf- bis sechstausend Menschen, die diesem Ruf folgten. Ihnen standen etwa tausend Chemnitzer gegenüber, die begriffen, dass an dieser „Volkstrauer“ etwas faul war, und darum auf die „Ausländer raus!“-Sprechchöre mit der Losung „Herz statt Hetze“ antworteten. Am 1. September, dem Jahrestag des „Ausbruchs“ des zweiten Weltkriegs, kam es dann zu einer Wiederholung des Trauer-Aufmarschs, an dem sich nun etwa 8.500 „Trauernde“ aus Nah und Fern beteiligten, diesmal eskortiert von einem großen, überregionalen Polizeiaufgebot.

Die vor Fremden in Schutz genommene Frau hatte sich da bereits in Luft aufgelöst. Zwei Angreifer wurden verhaftet, einer von ihnen kam nach drei Wochen mangels Beweisen frei, ein dritter verschwand spurlos. Allmählich hatte sich auch herumgesprochen, dass es sich bei dem Getöteten um den Sohn eines kubanischen Vaters und einer deutschen Mutter handelte, der politisch eher „links“, nämlich antifaschistisch, eingestellt gewesen sei. Nach den rassistischen Kriterien der Neofaschisten vom Schlage des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), die Menschen „anderen“ Aussehens, „anderer“ Herkunft, „anderer“ Hautfarbe kurzerhand „Alis“ nannten und sich aus dieser „Gruppe“ ihre Opfer suchten, wäre David H. – ein Mensch „mit Migrations-Hintergrund“ und noch dazu eine „linke Zecke“ – für sie ein ideales Hass-Objekt gewesen. In diesem speziellen Fall aber wurde David H. von den Rechten nicht als „Ali“ verbucht, sondern – ohne Ansehen seiner Person – als „einer von uns“, also als deutscher Volksgenosse behandelt, und nur darum schrie sein von „Fremden“ vergossenes Blut nach Rache…

Dass ein paar Tausend Chemnitzer und viele Zugereiste von plötzlicher Empathie für einen Unbekannten derart übermannt wurden, dass sie ihre, vom Zorn auf „die üblichen Verdächtigen“ befeuerte Ergriffenheit öffentlich demonstrierten, gehört zu den Wundern unserer Gegenwart, die es zu entzaubern gilt. Hatte etwa die Chemnitzer Trauergemeinde die sattsam bekannte, der Mehrheit der Nachkriegsdeutschen bescheinigte „Unfähigkeit, zu trauern“ überwunden? Waren sie endlich von der Liebe zum Nächsten (unter ihresgleichen) zur Liebe auch zum Fremden und Fernen übergegangen, von der Heimat- zur Welt- und zur allgemeinen Menschenliebe?
Da marschierten Tausende, die beim jährlichen Gedenken an die Chemnitzer „Reichskristallnacht“ (1938) und an die Opfer des Holocausts auf dem (Chemnitzer) Stephansplatz fehlen, und nie auf den Gedanken kämen, am 27. Januar ihre Trauer für die Millionen in Auschwitz Umgebrachten zu bekunden. Da waren Tausende, denen die Mordopfer der „NSU-Zelle“ im benachbarten Zwickau so gleichgültig blieben wie die des einstigen Modell-Konzentrationslagers „Sachsenburg“ vor ihrer Haustür und die ungerührt das „Schicksal“ jener anderen Tausenden zur Kenntnis nahmen und nehmen, die auf ihrer Flucht nach Deutschland in der Sahara verdursten oder im Mittelmeer ertrinken.

Die trauernd Protestierenden bildeten eine stumme, zornbebende Menge von Mitläufern, die sich widerstandlos von kleinen Gruppen lautstarker Vorsprecher bevormunden ließ, die „Ausländer raus!“ skandierten und mit erhobenem Arm den längst verewigten Führer des deutschen Menschenfresser-Staats hochleben ließen, so, als lebten sie noch in der grandiosen, zwölfjährigen „Vogelschiss“-Zeit, wie sie kürzlich Gauland, der oberste AfD-Jägermeister, zu ihrem Vergnügen nannte.

Sind alle Trauermarschierer also verkappte Nazis? Nein. Sie sind die Nachfolger jener 11.7 Millionen (oder 33 Prozent) der Wähler, die bei den letzten freien Reichstagswahlen im November 1932 für Hitlers Partei und seine „braunen Bataillone“ stimmten. Und sie wissen so wenig wie einst ihre Groß- und Urgroßeltern, was sie umtreibt und was sie tun. Jene Vorfahren wurden erst von Hitler und Himmler, dann von Ulbricht und Mielke zu verschreckten Untertanen erzogen. Und allzu viele der in solchen Familientraditionen Aufgewachsenen trauern noch immer den Wohlfahrtsdiktaturen nach, die den „Unseren“, wohlgemerkt: nur den Unseren, Arbeit und Brot bescherten, sofern sie nicht aufmuckten, taten, was immer von ihnen verlangt wurde, und nachschrien, was die amtierenden Propagandaminister ihnen soufflierten.
Doch zurück zum Mirakel von Chemnitz. Viele Nachkommen der Gefolgsleute jener Diktaturen, die die Geschichte stillzustellen suchten, haben sich aus den Stromschnellen der Gegenwart in eine Traumwelt des kollektiven Narzissmus’ geflüchtet, die leicht zu einer Albtraumwelt wird. Wo aber geträumt wird, braucht es Traumführer, und so schritten denn auch führende AfD-Politiker zufrieden den im Volkstraum Befangenen auf Chemnitzer Straßen voran.

Eine brisante Mischung von „Betroffenheit“, Trauer, Zorn und Empörung diente als Gefühlskitt, der die Menge zusammenhielt, die sich vor dem 40 Tonnen schweren Dickkopf Karl Marxens sammelte. Dem SED-Regime längst entkommen, war dieser Marx den Protestlern gleichgültig, der seinerseits gelassen über die Aufgeregten hinwegzusehen schien. Seit dem Marx der Psychologie, Sigmund Freud, ist bekannt, dass sich am Grunde einer jeden Trauer etwas verbirgt, das er „Hassbefriedigung“ nannte. Und so brach sich denn auch an den Rändern des Aufmarschs der geballte Hass der „trauernden“ Menge in Protuberanzen Bahn. Da kam es zu „unschönen“ (Seehofer) Szenen, zu „Ausschreitungen“ authentischer Biodeutscher gegenüber eher „undeutsch“ Aussehenden. (Der anschließende Streit über die Frage, ob man diese Attacken, die auf Video-Aufnahmen festgehalten wurden, „Hetzjagden“ nennen dürfe – und ob es solche überhaupt gegeben habe –, hätte beinahe zum Bruch der „Großen Koalition“ und zu Neuwahlen geführt, die die regierenden Parteien über alles fürchten.)

Gemischte Gefühle, vermischte Gerüchte, widersprüchliche Berichte und – unvereinbare Deutungen. Was eigentlich war in Chemnitz geschehen, was bedeutet das, und was wiegt schwerer: „Volks“-Trauer oder „Volks“-Zorn, Asylanten-Untat oder Migranten-Hatz? Darauf gibt es keine Antwort, weil schon die Frage falsch, nämlich ethnozentrisch gestellt ist. Weder repräsentierten ja der oder die Messerstecher jene Millionen Menschen, die seit Krieg und „Wiedervereinigung“ nach Deutschland kamen, noch war das imaginäre „Volk“ identisch mit den zornig Trauernden und ihren Demagogen auf der einen oder den Gegendemonstranten auf der anderen Seite.

Hätte ein deutscher Hooligan am Rande des Chemnitzer Stadtfests einen deutschen oder einen ausländischen Touristen erschlagen – kaum hätten Tausende auf Straßen und Plätzen um ihn getrauert oder gar die Kneipe demoliert, vor der das Verbrechen geschah…
Die (von für solche Fälle stets wieder hervorgekramten Gerüchten umschwirrte) Meldung, einer ihrer Mitbürger sei von Fremden umgebracht worden, aktivierte die schwelenden Ängste vor Überfremdung und Übervorteilung und die Suche nach den für diese Gewalttat und für die Misere der Gegenwart Verantwortlichen.

Die Demagogen, die den Trauerzug anführten und in seinem Schutz agitierten, wähnen (oder geben doch vor), sie hätten die Schuldigen längst gefunden: Die regierenden Parteien, die das „Volk“ an die hereinströmenden Fremden „verrieten“, statt das Land zu einer Festung auszubauen, die Wohlfahrt der eigenen Leute auf Dauer zu sichern und den edlen Volkskörper von allem Fremden zu reinigen. Im Gefolge der allgemeinen „Verunsicherung“ durch die große Finanzkrise und durch das Auftauchen der Vorhut des verelendeten Teils der Menschheit an den EU-„Außengrenzen“ fanden sie bei Allzuvielen Gehör, gab es doch niemanden, der sich getraut hätte, „den Menschen draußen im Lande“ reinen Wein einzuschenken, ihnen also die Finanzkrise und die internationale Migrations-Misere verständlich zu machen. Den die Regierung stellenden Parteien fiel dazu nur das Gestammel ein, man müsse „die Sorgen der Menschen ernstnehmen“. Das aber sind gerade jene Sorgen, die die Besorgten selber nicht verstehn.

Immer mehr von ihnen versuchen nun, sich das, was ihnen unheimlich ist, weil sie es nicht verstehen, bipolar – nach dem alten Schema „wir“ gegen „sie“ – zurechtzulegen. Krisen und Kriege, Globalisierung und Klimawandel, Digitalisierung und Sozialabbau gelten ihnen als Machenschaften dunkler Mächte, gegen die nur eines helfe: Sich (wie in Chemnitz) zusammenzurotten, das „Eigene“ mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, und alle, die nicht zum Stamm gehören, samt den „Volks-Verrätern“ zu verjagen…

Der Totschlag eines Mitbürgers brachte bei Tausenden von Chemnitzern das Fass der Ressentiments zum Überlaufen. Ressentiment-Geladenen aber präsentiert die soziale Welt sich als eine des (ewigen) Kampfes von Wir-Gruppen gegen Fremdgruppen um knappe Ressourcen. Ihr Boot ist immer schon voll, und sie laufen jedem nach, der Deutschland den Deutschen verspricht oder „America first“ zum Regierungsprogramm macht.

Die große Chemnitzer Demonstration der Verängstigten und Besorgten stand im Zeichen des verhohlenen Ethnozentrismus, der die Trauer borniert und den die Trauer maskiert. Video-Aufnahmen von Attacken Trauernder auf „Dunkelhäutige“ aber brachten den xenophoben Unter- und Hintergrund dieser Kollektiv-Trauer an den Tag.

Gerade hatte der fatale CSU-Innenminister und Heimatdichter Seehofer den Einfältigen im Lande die Welt noch einmal erklärt. Einzig die „Migration“, sagte er, Beifall heischend (mit Blick auf die bevorstehenden bayrischen Landtagswahlen und die Konkurrenz der Rechten), sei „die Mutter aller (politischen) Probleme“ in Deutschland. Im Umkehrschluss heißt das aber, wenn es gelänge, weitere Migrationen zu stoppen, besser noch, bereits erfolgte Einwanderung rückgängig zu machen, wären all unsere Probleme gelöst. Gerade so sagen es die Nazis von heute, die keine sein wollen, schon seit vielen Jahren. In der Albtraumwelt dieser Demagogen und ihrer Klientel sind an die Stelle der „gelben“ Gefahr, vor der die Altvordern zitterten, und der „roten“, gegen die Hitler seinen „Vernichtungskrieg“ führte (und vor der die Nachkriegs-CDU zu warnen nicht müde wurde), die heutigen Migranten (vor allem die muslimischen Glaubens) getreten. Sind aber (einzig) die Migranten unser Unglück, dann darf es die andere Gefahr, die von den Übeltätern in unserer Mitte ausgeht, die sich in Chemnitz (wie zuvor schon an vielen anderen Orten) in „Menschenhatz“ übten, eigentlich gar nicht geben. Denn sie sind die lebendige Erinnerung daran, dass es auch unter lauter Abstammungs-Deutschen Probleme und Gefahren gibt. Besser wäre es also, die „unschönen“ Ereignisse kurzerhand zu leugnen, am allerbesten: sie nachträglich irgendwie ungeschehen zu machen. Zwar „geschahen die Exzesse [in Chemnitz] vor aller Augen“, doch kann nicht sein, was – aus Gründen der CSU-Staatsräson – nicht sein darf.

Der (medialen) Verleugnung (ver-)störender Dokumente zwecks Begradigung der Anti-Migrations-Heimatfront widmete sich, wenig überraschend, der amtierende Verfassungsschützer Maaßen, ein Seehofer-Adlatus, der in der Bild-Zeitung behauptete, bei dem inzwischen berühmt gewordenen Video, das eine der (Chemnitzer) „Hetzjagden“ auf Ausländer zeigt, handele es sich („möglicherweise“) um den Versuch interessierter Kreise, mit manipuliertem Bildmaterial vom „eigentlichen“ Verbrechen (dem „Mord“ an David H.) „abzulenken“. Als gewiefter Geheimdienstler spickte er seine Behauptung rabulistisch mit allerlei Kautelen, die es ihm später ermöglichen sollten, das Gesagte zu dementieren (oder es als „falsch verstanden“ zu deklarieren).

Maaßen sollte eigentlich (seit 2012) den durch die NSU-Affäre gründlich diskreditierten Verfassungsschutz reorganisieren, um das „Vertrauen“ zu dieser dubiosen Truppe „wiederherzustellen“. Stattdessen reihte er sich nun würdig ein in die trostlose Galerie der Verfassungsschutzpräsidenten, die der berüchtigte „Türmvater John“ (in den Jahren 1950-54) eröffnet hatte.

In dem Berliner Satyrspiel, das dem Chemnitzer Trauerspiel folgte, hielt Seehofer seinem Untergebenen und Gesinnungsgenossen Maaßen die Treue und arrangierte ihm zuliebe eine Umstrukturierung seines Ministeriums. Am Ende dieser Rochade – bei der es sich wahrlich nicht um eine bloße „Personalie“ handelt – wurde der bisher für „Innere Sicherheit“ zuständige (SPD-)Staatssekretär, dem auch der Verfassungsschutz unterstand, in den Ruhestand abgeschoben, um für Maaßen Platz zu machen. Der wurde belohnt, indem er nicht nur interimsmäßig weiterhin den Verfassungsschutz leiten soll, sondern zudem den Platz seines bisherigen Vorgesetzten einnimmt… (Diese befremdliche „Entscheidung“ der Vorsitzenden der drei regierenden Parteien wurde dann – weil u. a. die SPD-Parteibasis revoltierte – dahingehend nachgebessert, dass Maaßen nicht „befördert“ wird, sondern im Hause Seehofer die für ihn neu geschaffene Stelle eines „Sonderberaters“ (für alles) bekam…)
Deutschland, kein Sommermärchen!

20.9. / 3.10.2018


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