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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2018 |

Klaus Gietinger: November 1918. Der verpasste Frühling des 20.Jahrhunderts

Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth. Hamburg: Nautilus, 2018. 270 S., 18 €
von Reiner Tosstorff

Ein neues Buch von Klaus Gietinger
Der 100.Jahrestag der Novemberrevolution führt seit geraumer Zeit zu einer Fülle von Veröffentlichungen, was der Bedeutung dieses Ereignisses durchaus angemessen ist.
Neben zahlreichen Lokalgeschichten oder Darstellungen von Umwälzungen, welche die Revolution ermöglicht hat – wie die Durchsetzung des Frauenwahlrechts –, steht der zentrale politische Umbruch im Vordergrund. Die gekrönten Häupter fielen, wenn auch nur im übertragenen Sinne, schließlich handelte es sich in Deutschland nicht um das Frankreich der Jahre ab 1789. Und das Land wurde eine Republik.
Doch das war nur die politische Form, in der sich ganz verschiedene und im wesentlichen sogar gegenläufige Entwicklungen zwischen den Arbeiter- und zunächst auch noch Soldatenräten einerseits und der im Auftrage der sozialdemokratischen Regierung Eberts und Scheidemanns kämpfenden Reichswehr und den Freikorps andererseits abspielten. Und so gilt auch für die Unzahl der neuen Veröffentlichungen, dass sie sich ganz unterschiedliche Darstellungen und Deutungen zurechtlegen.
Die meisten feiern das Ergebnis der Kämpfe in den Jahren 1918/19, da damit das Fundament der Weimarer Republik gegen den Ansturm der «Extremisten von links und rechts» gelegt worden sei. Doch in nicht wenigen wird gezeigt, dass damals nicht eine Republik aus der «Vernunft der Mitte» heraus geschaffen wurde, sondern eher die Hoffnungen auf eine grundlegende Umwälzung der gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den Weltkrieg möglich gemacht hatten, blutig beerdigt wurden. Das gilt insbesondere für die vor fast zwei Jahren auch ins Deutsche übersetzte, auf seiner Doktorarbeit basierenden Arbeit des irischen Historikers Mark Jones (Am Anfang war Gewalt: Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik).
Hier sollen nun eine Neuerscheinung vorgestellt werden, die die Entwicklung jener Jahre in anschaulicher und handlicher Form nachzeichnet und sich dabei den Ansprüchen ihrer Akteure verpflichtet fühlt. Dies ermöglicht auch einen für heute wichtigen politischen Blick auf die Vergangenheit.
Klaus Gietingers Buch thematisiert die Gesamtentwicklung der Revolution von ihrem Ausbruch 1918 bis zur Niederschlagung ihrer letzten Ausläufer im Frühjahr 1919.
Gietinger hat sich in den vergangenen Jahren, nach zahlreichen Regiearbeiten für Film und Fernsehen, z.B. beim Tatort und zuletzt auch bei einem Dokumentarfilm zur Ermordung Benno Ohnesorgs am 2.Juni 1967, vor allem durch seine hartnäckige Aufarbeitung der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Januar 1919 einen Namen gemacht – etwa durch eine mehrfach überarbeitete und ergänzte detailgetreue Untersuchung des Ablaufs und die Durchleuchtung des Hintergrundes in einer Biografie des Offiziers, der diese Tat organisierte und dafür niemals zur Verantwortung gezogen wurde.
Das vorliegende Buch zeichnet nun, nach einleitenden Bemerkungen zum Stand der Geschichtsschreibung und der Auseinandersetzung um ihre Deutung, den Verlauf jener etwa neun Monate nach, die den Ablauf vom Aufbruch im November 1918 bis zur blutigen Niederlage der verschiedenen regionalen Ausläufer der Novemberrevolution umfassen.

Revolution und…
Vorangeschickt wird eine kurze Skizze der Faktoren, die überhaupt erst zur Revolution führten:
– das Ja der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zum Krieg am 4.August 1914 mit der Folge der Spaltung der Arbeiterbewegung;
– das Schicksal der Massen, die entweder an der Front verbluteten oder in der «Heimat» unter ständiger Mehrarbeit und Hunger litten;
– und schließlich der einzige Ausweg, dem Sturz der Monarchie, aus der Zwangslage zwischen den Rettungsmanövern der kaiserlichen Regierung (nun mit sozialdemokratischer Beteiligung) und dem Untergangswillen der Marineführung, die möglichst viele in einer letzten blutigen Seeschlacht mitreißen wollte.
Den Hauptteil der Darstellung bildet die genaue Nachzeichnung der verschiedenen Etappen der nun einsetzenden Entwicklung. Wie am 9.November alles in einer scheinbar neu gefundenen Einheit begann, als sich die beiden sozialdemokratischen Parteien – die der Kriegsbefürworter (der SPD) und die der Kriegsgegner (der 1917 abgespaltenen USPD) – zur gemeinsamen Regierung in Gestalt des Rats der Volksbeauftragten fanden.
Wie auf diesen, nach außen harmonischen, Anfang fast unmittelbar die Bemühungen folgten, die Weiterentwicklung der Revolution, die ja zunächst nur die politische Spitze gestürzt hatte und die ihren genauen Inhalt, den Charakter der Gesellschaft, noch bestimmen musste, aufzuhalten. Diese Bemühungen gingen von der Führung der Armee aus, fanden aber in der Spitze der Sozialdemokratie um Friedrich Ebert einen nur zu willigen Bündnispartner, der gewillt war, die Regierungsmacht dafür einzusetzen.

…Konterrrevolution
Schritt für Schritt zeichnet Gietinger die sich daraus entwickelnden Etappen der Gegenrevolution nach:
– die Entwaffnung der revolutionären Matrosen in Berlin, die Einflussnahme auf die Räte bis hin zum Beschluss des Reichsrätekongresses zur Selbstabschaffung im Dezember 1918 dank sozialdemokratischer Mehrheit, gegen die USPD;
– die Auseinandersetzungen im Januar 1919 in Berlin, bei denen zum ersten Mal die aus demobilisierten Armeeangehörigen geschaffenen Freikorps, ergänzt mit Freiwilligen aus dem Bürgertum, als Sturmtruppe der Konterrevolution eingesetzt wurden. Jahrzehntelang wurden diese Kämpfe als kommunistischer Spartakus-Aufstand von einer Geschichtsschreibung der Sieger verleumdet, obwohl sie mehr aus einer Situation der Provokation entstanden waren, um die noch verbliebenen bewaffneten revolutionären Kräfte auszuschalten. Sie lieferten den Vorwand zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Die Folgen der Niederlage
Das blutige Wirken der Konterrevolution in der Hauptstadt Berlin setzte sich in den folgenden Monaten in der «Provinz» fort: mit massiven Streiks angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Lage, mit Versuchen der Ausrufung einer Reihe von Räterepubliken, wovon die bayerische nur die letzte war, die am weitesten ging. Auch diese Versuche waren angesichts der Entschlossenheit der Regierung Ebert mit ihrem Kriegsminister Gustav Noske, die eine zentralisierte Armee und die Freikorps zur Verfügung hatten, zum Scheitern verurteilt. Zumal diesen mit einem Schießbefehl die Erlaubnis zum offenen Terror auch gegenüber Zivilisten gegeben wurde, was nicht einmal das alte Preußen gekannt hatte.
Im Inneren errang damit das Militär des Kaiserreichs im Zusammenwirken mit der sozialdemokratisch geführten Regierung den Sieg, den es sich im Weltkrieg ab 1914 gegen die Alliierten erträumt, den es aber nicht erreicht hatte. Das änderte allerdings nichts an der Niederlage im Weltkrieg, wie die Sieger im deutschen Bürgerkrieg feststellen mussten, als ihnen in Versailles die Friedensbedingungen der Alliierten präsentiert wurden. Trotz «Sicherstellung» der Heimatfront war eine Wiederaufnahme des Kriegs unmöglich und sie mussten dies schließlich akzeptieren.
Damit hatte sich das Kräfteverhältnis in Deutschland grundlegend gewandelt. In abschließenden Bemerkungen skizziert Gietinger die sich aus dieser Situation ergebenden Momente:
– wie in die Weimarer Verfassung mit einem Notstandsparagrafen der Weg zu ihrer Abschaffung gelegt wurde;
– und wie im März 1920 beim Kapp-Putsch aus der von der Ebert-Regierung mobilisierten Konterrevolution mit den Freikorps im Zentrum eine tödliche Gefahr für die Republik und die gesamte Arbeiterbewegung erwuchs. Zwar konnte der nach seinem Hauptorganisator benannte Putsch noch niedergeschlagen werden, weil es zu einer breiten Mobilisierung mit dem ersten Generalstreik in Deutschland kam. Aus dieser unerwartet entstandenen Einheitsfront in der Aktion ergab sich eine Linkswende, die eine letzte Chance zur Einleitung einer grundlegenden Umwälzung im Lande bot – sie wurde verpasst.
Gietinger liefert eine flüssig zu lesende und kompakt geschriebene Darstellung, die ganz auf die politisch-militärische Konfrontation konzentriert ist. Durchaus lässt der Autor auch sein emotionales Engagement dabei spüren.

Leerstellen
Die Darstellung ist also lebendig, doch hat sie mit dem von ihm gewählten Fokus auch Grenzen, die sicherlich auch durch den begrenzten Umfang eines Taschenbuchs vorgegeben sind.
Frauen als Akteurinnen der Revolution – in deren Gefolge ja nicht nur das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, sondern die Frauen zugleich nach der Rückkehr der Männer von der Front im November 1918 wieder massiv aus der industriellen Produktion herausgedrängt wurden und das nicht ohne Konflikte – kommen hier nur am Rande vor. Etwa auf Seite 57 mit einem Hinweis auf eine der wenigen Frauen bei den Revolutionären Obleuten in Berlin. Das spiegelte allerdings auch die damalige Realität der (durch Facharbeiter oder Intellektuelle) männlich dominierten Arbeiterbewegung wider.
Aber auch die betriebliche Dimension spielt bei ihm keine Rolle, wie man auch nicht die grässliche Versorgungslage, den Kampf gegen den Hunger und die dadurch hervorgerufene Demoralisierung und Abstumpfung vergessen darf. Aber das wäre dann auch ein wesentlich dickeres Buch geworden. Und gerade auf diesen Gebieten muss auch noch viel Forschung geleistet werden.

Mehr als nur Verrat
Es bleibt natürlich die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung. Sie werden hier nur knapp angedeutet. Eine einfache «Verratsthese», die das Verhalten der Sozialdemokraten im Individualpsychologischen ansiedelt, weist er zurück und sieht stattdessen viel grundlegendere Tendenzen einer Verbürgerlichung am Werk, die die im Kaiserreich als Parias verfolgten Sozialdemokraten im Laufe der Zeit zur Anpassung brachten. Zur Illustration solcher grundlegenden Mechanismen zieht er Beispiele aus dem Verhalten einiger heutiger, führender Betriebsratsvorsitzender in der Automobilindustrie heran.
Insgesamt handelt es sich um eine durch und durch runde, politisch zentrierte Darstellung, die trotz der komplexen Entwicklung jener Zeit vergleichsweise knapp gehalten ist. Sie beruht auf einer breiten Durchsicht vieler neuer Arbeiten, wobei das erwähnte Buch von Mark Jones besonders zu erwähnen ist, und vor allem auf eigenen Forschungen des Autors, insbesondere im Zusammenhang mit der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Somit ist dieses Buch für alle, die an einem kompakten Überblick interessiert sind, äußerst zu empfehlen.
Karl Heinz Roth hat zu dem Buch ein Vorwort beigesteuert, in dem er die Novemberrevolution und ihre Niederschlagung in einen breiten zeitlichen wie räumlichen Zusammenhang einordnet und daraus unter anderem die Forderung ableitet, es solle ein biografisches Handbuch der etwa 5000 Menschen erstellt werden, die dem konterrevolutionären Terror in Deutschland 1918/19 zum Opfer fielen. Adressiert hat er die Forderung an die Historische Kommission der SPD, wegen der Mitverantwortung der Partei Eberts und Scheidemanns. Die Ironie der Geschichte will es, dass dieser Adressat soeben durch die Führung der SPD unter Andrea Nahles den Modernisierungs- und Einsparmaßnahmen zum Opfer gefallen und aufgelöst worden ist.
Oder ist das ein praktisches Signal zur Entsorgung unbequemer Geschichte? Zumindest lieferte Martin Schulz dafür erst neulich wieder eine Vorlage, die allerdings nur wiederholt, was parteiamtlich bereits seit 1919 verkündet wurde, als er im Spiegel vom 25.8.2018 in einer Besprechung der neuen Biografie des seinerzeitigen prominenten SPD-Führers Hermann Müller formulierte: «Ihm und Ebert gelang es aber nach Kriegsende, die Arbeiterbewegung wieder zusammenzuführen und somit einen Bürgerkrieg in Deutschland zu vermeiden.»


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