Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2019 > 04 > Die Zukunft ist Geschichte

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2019 |

Die Zukunft ist Geschichte

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Berlin: Suhrkamp, 2019. 640 S., 26 Euro
von Paul B. Kleiser

Die besten Bücher über die untergegangene Sowjetunion und die postsowjetischen Erfahrungen stammen von Frauen. Das bekannteste Beispiel ist die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihr Buch Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Oder aber die Bücher der erst 1967 geborenen Masha Gessen, deren neuestes Werk Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor, gerade auf deutsch erschienen ist.
Das Buch erzählt die Geschichte von sieben Intellektuellen, die mehrheitlich Mitte der 80er Jahre, also bei Amtsantritt von Gorbatschow und seines heterodoxen Vordenkers Jakowlew, geboren wurden und aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen. Ihre Eltern haben die Erschütterungen der Zeit von Gorbatschow und den schließlichen Untergang des Realsozialismus miterlebt; die Kinder dann die Krisen und Kriege unter Boris Jelzin und Wladimir Putin.
Besonders nah an der Macht waren der Physiker und Gouverneur von Nishni-Nowgorod (ehemals Gorki), Boris Nemzow, und seine Tochter Shanna – der Vater wurde wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge unter Jelzin als Ministerpräsident gehandelt, bis er sich zum Gegner des Tschetschenienkriegs entwickelte und in Ungnade fiel. Als einer der bekanntesten Anführer der liberalen Opposition wurde er am 27.Februar 2015 in Kremlnähe ermordet; es ist mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass der Mord nicht ohne Putins Einverständnis passieren konnte.
Das Buch wurde von einer lesbischen Frau verfasst, die mit einer großen Präzision und Sensibilität Stimmungen und psychische Prozesse unter Bedingungen totaler Unsicherheit vor dem Hintergrund des Zerfalls der Sowjetunion zu schildern weiß; sie legt auch ein besonderes Augenmerk auf die Mechanismen der Ausgrenzung von sexuellen und nationalen Minderheiten, die nach einigen Liberalisierungen nach 1990 in der Putin-Zeit einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Sie erklärt, warum westliche Totalitarismuskonzepte nicht so richtig auf die sowjetische Wirklichkeit passen, und warum es so schwierig ist, eine präzise sozialwissenschaftliche Definition des Regimes von Wladimir Putin zu erarbeiten.
Unter Jelzin galt die Parole: «Bereichert euch!» Fabrikdirektoren und andere rissen sich die Filetstücke der zu privatisierenden Betriebe unter den Nagel. Daraus entstand die neue Schicht der Oligarchen, die so lange schalten und walten konnten, wie sie sich nicht mit der Staatsmacht anlegten. Der Yukos-Milliardär Chodorowski schlug dabei über die Stränge und wanderte ohne präzise Anklage für lange Jahre ins Gefängnis. Gegen Ende der Regierungszeit Jelzins brach 1998 wegen seiner Schuldenpolitik eine schwere Finanzkrise aus, die dazu führte, dass der Rubel sich im freien Fall befand. Außerdem wurden der Staat als wenig handlungsfähig und die gesellschaftliche Entwicklung als chaotisch wahrgenommen. In einer Gesellschaft, in der die Staatspartei bislang «eine administrative Kommandoorganisation» war, die «als oberster Gesetzgaber, Verteiler, Überwacher und Wahrheitsmonopolist» (Jakowlew) handelte, entstand eine «bis dahin nie gekannte Angst» und die Sehnsucht nach der (angeblich besseren) Vergangenheit.
«Die Russen waren der Befragung von 1999 zufolge nostalgischer gestimmt als je zuvor. Auf die Frage: ‹Würden Sie eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor 1985 vorziehen?› antwortete damals eine klare Mehrheit von 58 Prozent mit ‹Ja›. 1994 waren es noch 44 Prozent gewesen. Der Anteil derer, die die Veränderungen der frühen Neunziger als positiv wahrnahmen, sank weiter. Zugleich stieg die Zahl derjenigen, die nach eigener Aussage damit nicht zurechtkamen, deutlich an. Auch die entferntere Vergangenheit erschien zunehmend reizvoll: 26 Prozent der Befragten – 8 Prozent mehr als 1994 – meinten, die Herrschaft Stalins habe dem Land gut getan. Diejenigen, die ihn negativ sahen, waren jetzt in der Minderheit. Die Russen hielten sich weiterhin überwiegend für ‹offen› und ‹duldsam›, der Anteil derer, die diese Eigenschaften nannten, war gestiegen. Zugleich schienen die Befragten nun toleranter gegenüber ‹Abweichlern› zu sein. Nur noch 15 Prozent wollten Homosexuelle ‹liquidieren› (!); 1994 waren es 22 Prozent gewesen. Allerdings fiel auch die Zahl derer, die sie ‹sich selbst überlassen› wollten, von 29 auf 18 Prozent. Die große Mehrzahl der Russen wollte den Homosexuellen in ihrer Mitte jetzt ‹helfen› – eine Einstellung, die an das mittelalterliche Leitbild des Beistands für die Bedrängten erinnerte. Die Ergebnisse passten ins Bild der allgegenwärtigen Sowjetnostalgie: Auch sie standen für eine Rückkehr zum paternalistischen Staat.»
Unter solchen Bedingungen wundert es nicht, dass aus der Entourage Boris Jelzins ein farbloser früherer KGB-Agent zum Präsidentschaftskandidaten ausgeguckt wurde, der die Wahlen schließlich auch gewann: Wladimir Putin. Gessen nennt ihn die «fleischgewordene Vereinigung von Charisma und Bürokratie».
Angesichts der ideologischen Leere kehrten die Geister der Vergangenheit zurück. Einer von Putins Beratern wurde der «Nationalbolschewik» Alexander Dugin, der nicht zufällig mit zahlreichen Rechtsextremen (Le Pen) befreundet ist. Er macht überall (westliche, zionistische, orange oder schwule) zersetzende Gefahren aus. «Der Nationalbolschewismus ist eine Weltanschauung, die sich auf die totale und radikale Negation des Individuums … stützt.» Wie hieß es doch bei den Nazis: «Du bist nichts, dein Volk ist alles!»


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Trackback diesen Artikel  |  Kommentare als RSS Feed abonnieren