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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2019 |

Ist der Deutsche «Fußball»-Bund noch zu retten?

Wenn der Kommerz Überhand nimmt
von Mirko Düsterdieck*

Der Fußball, weltweit die Sportart Nr.1, befindet sich zur Zeit in einer ganz erheblichen Daseinskrise.
Schmiergeldskandale und mafiöse Führungsstrukturen bei der FIFA; auf den Baustellen für die WM 2022 in Qatar herrschen sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse mit unzähligen tödlichen Unfällen; in der englischen Premier League und der Serie A in Italien vergeht nicht ein Spieltag, wo es nicht zu rassistisch motivierten Beleidigungen oder Übergriffen kommt – und das europäische Ta­lent­scout­ing in Brasilien und in Afrika ist stellenweise nichts anderes als moderner Menschenhandel. Aber auch in Deutschland kommen die Einschläge näher. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schlittert seit ein paar Jahren von einer Krise in die nächste…
Otto Rehhagel sagte einmal: «Die Wahrheit liegt auf dem Platz.» Aus der Sicht des legendären Meistertrainers mag das stimmen. Der Satz negiert aber, dass Fußball schon immer ein Spiegelbild der gesellschaftlicher Verhältnisse war. In der Nachkriegszeit wurde bis 1966 von der Kreisklasse bis zur Bundesliga (sie wurde 1963 vom DFB eingeführt) immer sonntags gespielt. Erst seit der gesetzlichen Einführung der fünftägigen Arbeitswoche im Jahr 1967 wurde immer samstags gespielt.
Damals war der bezahlte Profifußball noch verpönt und galt als anrüchig. Die Spieler gingen – zumindest auf dem Papier – einer regulären Arbeit nach und bekamen außer Essen und Punktprämien nach den Spielen nichts weiter. Selbst der Starstürmer «uns» Uwe Seeler vom Hamburger SV klapperte unter der Woche als Handelsvertreter jeden Schuhladen in Norddeutschland ab, bevor er abends auf dem Trainingsplatz stand. Die Eintrittspreise für die Stadien waren spottbillig und Werbung auf den Trikots war verboten.
Fußball hatte damals vor allem in Deutschland noch ein Malocherimage. Ganze Schichtkolonnen von Krupp, Hoesch, Thyssen und der Ruhrkohle AG pilgerten in die Stadien von Essen, Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen usw. Viele Spieler waren damals absolute Identifikationsfiguren und traten auch entsprechend bodenständig und hemdsärmelig auf. Das galt allen voran für den Weltmeister von 1954, Helmut «Boss» Rahn. Er kam wie so viele Spieler aus eher ärmlichen Verhältnissen. Die Väter dieser Spieler waren entweder im Krieg gefallen oder schufteten in den Zechen und Stahlwerken im Ruhrgebiet. Den «Boss» traf man auch nach seiner aktiven Karriere in irgendwelchen Eckkneipen in den Essener Stadtteilen Altenessen und Katernberg.

Erste Zäsur
1971 kam es dann erstmals zu einer Zäsur. Die finanziellen Begehrlichkeiten innerhalb der Bundesliga und der entsprechende finanzielle Aufwand für die Vereine wurde nach und nach größer. Das Vollprofitum hielt ab Ende der 60er Jahre Einzug in die Bundesliga. Ein sportlicher Abstieg aus der Liga kam einer finanziellen Katastrophe gleich. Im Abstiegskampf der Saison 1970/1971 kamen dann einige «findige» Vereinsfunktionäre auf die Idee, die Dinge gewissermaßen anders zu regeln…
Spieler wurden bestochen und ganze Spiele verschoben. Der erste Bundesligaskandal zog seine Kreise.
In diesen Skandal waren insgesamt 52 Spieler aus 7 Vereinen, 2 Trainer und 6 Vereinsfunktionäre involviert. Reinhard «Stan» Libuda von Schalke 04 nahm damals Schmiergeld in Höhe von 7000 Mark an. Es war der Fehler seines Lebens, wie Libuda selbst später sagte. Libuda war eigentlich ein eher schüchterner und sensibler Mensch. Privat erholte er sich bis zu seinem Tod im Jahr 1996 nie wieder davon.
Der DFB reagierte auf den Skandal mit drakonischen Strafen. Einige Spieler wurden zunächst lebenslang gesperrt. Im Hinblick auf die anstehende WM 1974 im eigenen Land revidierte der DFB aber seine gerichtlichen Urteile und begnadigte sämtliche am Skandal beteiligten Nationalspieler nach spätestens zwei Jahren. Gleichzeitig musste sich der DFB allerdings eingestehen, dass er das Heft des Handels schon lange verloren hatte und seiner Kontrollfunktion nur unzureichend nachgekommen war. Die Deckelung der Spielergehälter wurde abgeschafft, Verträge und Ablösesummen konnten jetzt frei verhandelt werden. Das war für die Vereine Fluch und Segen in einem.

Werbung und Sponsoring
1973 kam es dann innerhalb der Bundesliga zu einer zweiten und bis heute nachhaltigen Zäsur:
Der damals klamme Meister von 1967, Eintracht Braunschweig, bekam als erster Bundesligaverein 100000 Mark für eine Trikotwerbung geboten. Sponsor war damals der Likörfabrikant Günter Mast. Sein Getränk «Jägermeister» sollte die Spielerbrust zieren. Der DFB war aus moralischen Gründen dagegen und wollte keine laufenden Litfaßsäulen in der Bundesliga sehen. Andere Kritiker sprachen von einer Schnapsidee. Schlussendlich gab der DFB nach. Andere Vereine und Clubs zogen postwendend nach.
Ab diesem Zeitpunkt wurde die vollumfängliche Kommerzialisierung und Kapitalisierung des Sports im allgemeinen und des Fußballs im speziellen vorangetrieben. Gemessen an den heutigen Werbeverträgen in der 1.Bundesliga waren die gezahlten Beträge für die Vereine und Clubs damals geradezu lächerlich. Die heutigen 18 Vereine aus der 1.Bundesliga nehmen in der aktuellen Saison allein durch das Trikotsponsoring 190 Millionen Euro ein. Nach oben gibt es keine Grenze.
Seit dem Jahr 2001 ist für die 36 Proficlubs der 1. und 2.Liga die Deutsche Fußball-Liga GmbH (DFL) zuständig. Die DFL handelt unter anderem die Fernsehrechte und die dafür zu zahlenden Summen aus. Die DFL ist auch die größte Lobbyorganisation im gesamten deutschen Sport! Der DFB ist nur noch für die Nationalmannschaften, die 3.Liga, den Amateurfußball, die Schiedsrichter und für die Regeln und das Statut zuständig. Im DFB sind wiederum 21 Regionalverbände mit 165000 Mannschaften in 25000 Vereinen organisiert. Der DFB ist mit etwa 6 Millionen Mitgliedern der größte Sportverband in der Welt.

Der DFB und die Vergangenheit…
Wer allerdings glaubt, dass der DFB aufgrund seines anfänglichen Zögerns in Sachen Werbung und Kommerzialisierung als politisch-moralische Instanz taugt, der irrt gewaltig.
Es hat weit bis in die 90er Jahre gedauert, bis sich der DFB mit seinem Vorgängerverband in den zwölf Jahren Naziherrschaft ernsthaft beschäftigt hat. Mit der Stiftung des Julius-Hirsch-Preises, den der DFB erst im Jahr 2005 eingeführt hat, erinnert er an den ermordeten deutsch-jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch (1892–1943), stellvertretend für alle Opfer der Nazibarbarei. Ausgezeichnet werden Personen, Initiativen, Fußballfanclubs, Vereine und Fanprojekte, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung in Vereinen, Stadien und in der gesamten Gesellschaft stellen.
Der Fußball als die Massensportart schlechthin ist auf der ganzen Welt schon immer politisch instrumentalisiert worden. Es stellt sich aber die Frage, warum der Fußball dies zuließ? Nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz im Berner Wankdorf-Stadion schmetterten Tausende von deutschen Fußballfans die erste Strophe des Deutschlandlieds. In der damaligen Wochenschau wurde die Tonsequenz kurzerhand abgeschaltet. Der Präsident des DFB, Peco Bauwens, setzte jedoch am 6.Juli, zwei Tage nach dem WM-Titel, bei den landesweiten Jubelfeiern noch einen drauf und gab ausgerechnet im Münchner Löwenbräukeller (ehemals Bürgerbräukeller) mit seiner im NS-Jargon gehaltenen Ansprache zur Kenntnis:
«Da haben die Jungens es wirklich gezeigt, was ein gesunder Deutscher, der treu zu seinem Lande steht, zu leisten vermag. Sie haben im Lande des Turniers daran gedacht, ans Vaterland, das teure: Ich schließ mich an, das halte ich fest, mit deinem ganzen Herzen, und hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.»
Ein weiterer dunkler Fleck in der Geschichte des DFB war sein Agieren vor und während der WM 1978 in Argentinien. 1976 putschte sich der General Jorge Videla an die Macht und errichtete in dem südamerikanischen Land am Río de la Plata eine faschistische Militärdiktatur. Ihr fielen offiziellen Angaben zufolge 30000 Menschen zum Opfer. Sie wurden zumeist aus Hubschraubern in den Río de la Plata geworfen oder in Kellern der Geheimpolizei zu Tode gefoltert. Die deutsche Austauschstudentin Elisabeth Käsemann wurde von den Schergen des Diktators Videla 1977 ermordet und verscharrt, da sie vermeintlich mit inländischen Oppositionellen sympathisiert hatte.
Der deutsche Botschafter in Buenos Aires verständigte den damaligen DFB-Präsidenten und FIFA-Vizepräsidenten Hermann Neuberger (CDU-Mitglied) zwei Tage vor dem geplanten Länderspiel zwischen dem amtierenden Weltmeister Deutschland und dem WM-Gastgeberland 1978, Argentinien. Statt das Testspiel unter Angabe des Grundes abzusagen, verschwieg Neuberger mit Hilfe des Botschafters die Nachricht vom Tod der deutschen Studentin und lies das Spiel stattfinden. Ein paar Tage später kam sie dann doch an die Öffentlichkeit. Die damaligen Nationalspieler schämten sich für ihren Präsidenten, einer sagte: «Hätten wir das gewusst, wären wir von uns aus nicht angetreten.» Neuberger merkte sich das und verpasste pünktlich zum WM-Start dem gesamten deutschen Team einen Maulkorb. Er selbst gab im deutschen WM-Quartier dem hochdekorierten Nazi-Oberst Hans-Ulrich Rudel eine Privataudienz. Rudel hielt sich seit seiner Flucht aus Europa nach dem Krieg in Südamerika auf und beriet, ähnlich wie Klaus Barbie (der Schlächter von Lyon), südamerikanische Militärdiktaturen.
Die DFB-Oberen möchten nur ungern auf die Vorgänge von vor über 40 Jahren angesprochen werden, doch die DFB-Zentrale in Frankfurt am Mai an der Otto-Fleck-Schneise heißt heute noch Hermann-Neuberger-Haus.

Spätrömische Dekadenz
Die Nachfolger von Hermann Neuberger, ebenfalls allesamt mit einem CDU-Parteibuch ausgestattet, bekleideten vor ihrer DFB-Präsidentschaft zum Teil hohe Positionen – so etwa Gerhard Mayer-Vorfelder. MV, wie er immer genannt wurde, war u.a. lange Jahre Finanzminister in Baden-Württemberg. Die Synergie von Parteipolitik und Fußball stellt für den DFB bis zum heutigen Tag kein Problem dar. Man(n) regelt die Dinge auf dem kleinen Dienstweg…
Allerdings sind dem DFB die Dinge in den letzten Jahren mehr und mehr entglitten. 2017 stellte das Finanzamt dem DFB eine Steuernachzahlung in Höhe von 19,2 Millionen Euro in Rechnung und erkannte der WM 2006 im eigenen Land nachträglich die Gemeinnützigkeit ab. Undurchsichtige Finanzströme, der Vorwurf des gekauften WM-Zuschlags und andere merkwürdige Vorgänge veranlassten das Finanzamt Jahre später, noch einmal genau hinzuschauen. Die beiden DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach bezichtigten sich gegenseitig, schwarze Kassen im Verband geführt zu haben. Niersbach, der vor seiner Zeit als Präsident verschiedene hauptamtliche Funktionen im Verband innehatte, musste am 9.November 2015 zurücktreten. Einige Tage zuvor litt er in einer offiziellen Pressekonferenz zu den Steuervorgängen an akutem Gedächtnisschwund.
Während der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ließen die DFB-Funktionäre die Korken knallen. Eine zwanzig Personen zählende Delegation haute im Gastland innerhalb von sechs Tagen laut einem Bericht des Spiegel 370000 Euro auf den Kopf. Der Flug und die Hotelzimmer inkl. normaler Verpflegung sind in dieser Summe nicht mit eingerechnet! Nun ist das Frankfurter Finanzamt wieder tätig geworden, die Untersuchungen dauern noch an.
Der letzte DFB-Präsident Reinhard Grindel, ehemaliger CDU-MdB, stolperte über nicht veröffentlichte Nebeneinkünfte und über eine 11800 Euro teure Schweizer Uhr, die ihm ein ukrainischer Oligarch und Fußballverbandsfunktionär geschenkt hat. Am 2.April dieses Jahres gab er seinen Rücktritt bekannt. Ein Nachfolger soll im September auf dem DFB-Verbandstag gewählt werden.

Abwärtsstrudel
Die Kritik am DFB und der DFL wächst. Seit einiger Zeit nehmen sich Fanclub-Verbände, linke Ultragruppen und das Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) Stellung gegenüber dem DFB und der DFL. Sie fordern u.a. die Abschaffung der Montagsspiele, demokratische Strukturen in den Verbandsgremien und treten der anhaltenden Kommerzialisierung im Fußball entgegen.
Wenn der DFB nicht schleunigst seine gesamten Strukturen quasi auf halb acht dreht und sich von der CDU-Parteibuch-Protektion löst, darüber hinaus den Amateurfußball bzw. Breitensport schützt und finanziell besser ausstattet, wird er schweren Zeiten entgegengehen.
Das Problem ist, dass dann die gesamte Sportart in Deutschland in einen Abwärtsstrudel gerät und somit für viele Kinder und Jugendliche nicht mehr interessant und attraktiv ist.
Dabei sind es gerade die unzähligen kleinen Dorf- und Stadtteilvereine, die auf ehrenamtlicher Basis eine Menge Zeit in die Nachwuchsarbeit stecken.

* Der Autor ist sportpolitischer Sprecher der Fraktion Kasseler LINKE.


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