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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2019 |

Versailles – der überforderte Frieden

Eine Last, an der wir heute noch tragen
von Paul B. Kleiser

Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. München: C.H.Beck, 2018. 1531 S., 38 Euro

Die Konferenz von Paris und Versailles, die am 28.Juni 1919 mit einem umfangreichen Vertragswerk zu Ende ging, hat im 20.Jahrhundert weitreichende Auswirkungen gehabt.
Unter Ausschluss des Deutschen Reiches, das als Gegner der Entente an der Konferenz nicht teilnehmen durfte, waren in Plenarsitzungen und Ausschüssen weitreichende Bedingungen für einen Friedensschluss formuliert worden. Den Vertretern des Reiches wurden die Ergebnisse am 7.Mai 1919 eröffnet, ohne dass es einen Verhandlungsspielraum gegeben hätte. Den deutschen Politikern blieb nur die Wahl zwischen Annahme oder Ablehnung des Pakets. Problematisch waren vor allem die Feststellung der Alleinschuld des Reiches am Krieg sowie die willkürlich auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzten Reparationszahlungen – fast das Dreifache des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 1913. Versailles wurde daher zu einem Kampfbegriff der Rechten gegen die «Erfüllungspolitiker» und die Weimarer Republik.
Der in Freiburg lehrende Historiker Jörn Leonhard hat mit Der überforderte Frieden einen 1500 Seiten dicken Wälzer vorgelegt, in dem der mehr als ambitionierte Versuch gemacht wird, den Ersten Weltkrieg wirklich als Weltkrieg zu begreifen und alle wesentlichen Zusammenhänge und Entwicklungen bis nach Afrika und Australien nachzuzeichnen. Allein die beeindruckende Bibliografie umfasst 100 Seiten. Schon vor ein paar Jahren hatte Leonhard mit Die Büchse der Pandora eine Analyse des Ersten Weltkriegs vorgelegt, in die er – wie in seinem neuen Buch – auch kulturelle und mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen eingearbeitet hatte.
Das neue Werk stellt eine Art Fortsetzung der Büchse der Pandora dar. Besonders wichtig ist dem Autor, keine deterministische Geschichtsdeutung vorzulegen, sondern die relative Offenheit der Situation zwischen 1918 und 1923 und die teilweise abrupten Wendungen nach dem Krieg aufzuzeigen, wobei er betont, welchen häufig selbstgeschaffenen Zwängen und Illusionen die jeweiligen Protagonisten ausgesetzt waren. So glaubte wohl eine Mehrheit der Deutschen, besonders der Entscheidungsträger, 1918 bis zuletzt an einen «Siegfrieden», Versuche des Papstes oder sogar von Reichskanzler Bethmann-Hollweg, Möglichkeiten eines Friedens auszuloten, wurden im Ansatz abgeblockt.
Gerade in Deutschland hatte die Politik wenig zu melden; die wichtigen Entscheidungen wurden von der Obersten Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff getroffen. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 sahen sie sich auf der Siegerstraße; sie erkannten weder die zunehmende Erschöpfung der Zivilbevölkerung und der Soldaten an der Front, noch die aufgrund des Kriegseintritts der USA langsam größer werdenden Ressourcen der Entente. Als im September 1918 die Niederlage deutlich wurde, drängten Hindenburg und Ludendorff plötzlich und in voller Panik die Politik, dem US-Präsidenten eilends ein Friedensangebot zu übermitteln; dessen «Vierzehn Punkte» sollten die Grundlage bilden.
Der im Eisenbahnwaggon vor Compiègne von Matthias Erzberger unterzeichnete Waffenstillstand stellte de facto eine Kapitulation dar.
Ein Jahr später leugnete Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuss des Parlaments seine Verantwortung und verkündete: «Nicht die Truppen der Entente haben uns besiegt, sondern Deutschlands ärgster Feind, das eigene Volk in seiner Eigenart, hat den Zusammenbruch herbeigeführt.» Die Dolchstoßlegende war geboren.

Das nationale Selbstbestimmungsrecht
Leonhards Versailles-Buch beginnt – nach dem Hinweis auf die Spanische Grippe, die auch wegen der Erschöpfung der direkt und indirekt vom Krieg betroffenen Gesellschaften mehr Opfer gefordert hat als der Krieg selbst – mit der Darlegung des neuen Prinzips der nationalen «Selbstbestimmung», wie es nach der Russischen Revolution im November 1917 von den Bolschewiki und im Januar 1918 vom US-Präsidenten Woodrow Wilson (auf der Grundlage der Arbeiten seines außenpolitischen Beraters Edward M. House) verkündet wurde.
Dieses Prinzip musste vor allem in multiethnischen Reichen wie der Habsburgermonarchie oder dem Osmanischen Reich Sprengkraft entfalten; allerdings standen seiner Umsetzung nicht nur bei den Mittelmächten zahlreiche Hindernisse und Interessen gegenüber. Denn abgesehen davon, dass die Entente bis Anfang 1918 aus ordnungspolitischen Gründen vom Erhalt der Habsburgermonarchie ausging, waren weder Frankreich noch Großbritannien bereit, ihre Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen. Schon während des Krieges wurden im arabischen Raum mit der Sykes-Picot-Linie die Interessensphären abgesteckt; nach der Entdeckung von Öl in Kurdistan (Mossul, sodann Kirkuk) wurde auch die kurdische Selbstbestimmung fallen gelassen. Italien forderte (und erreichte) aus strategischen Gründen die Brennergrenze mit dem deutschsprachigen Südtirol und hatte bereits 1911 Libyen zu Kolonie gemacht. Und der Verlauf der Grenzen von Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen oder der Ukraine war alles andere als klar und unumstritten.

Konfliktherd Nahost
Wiewohl das Prinzip zur Friedenssicherung durchgesetzt werden sollte, brachte seine Umsetzung zahlreiche Konflikte bis hin zu Kriegen mit sich. Das galt vor allem im Bereich des Osmanischen Reichs, wo die nach dem Waffenstillstand von Moudros (im Oktober 2018, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten) im Abkommen von Sèvres (1920) anvisierten Staaten der Armenier und Kurden nie zustande kamen und Konflikte auftauchten, die teilweise bis heute weiterbestehen. Das Abkommen von Lausanne 1923 sah dann ganz andere Regelungen vor.
Wegen der unterschiedlichen Interessen der europäischen Großmächte und der neuen nationalistischen Bewegungen der Türken und Araber zog sich der «Nachkrieg» bis 1923 hin. Hinzu kam die große strategische Bedeutung der Region wegen des Suezkanals, über den die Verbindungen der Briten nach Indien und zu den Ölfeldern liefen; wegen des Zugangs zum Schwarzen Meer und vor allem auch wegen der Nähe zur revolutionären Sowjetunion, die man unbedingt eindämmen wollte. Im Kaukasus entstanden drei neue Staaten.
Wegen des innenpolitischen Drucks und der hohen Verschuldung von Franzosen und Briten mussten beide Länder ihre Truppen im östlichen Mittelmeer drastisch reduzieren. Den Preis dafür zahlten u.a. die mit den Briten verbündeten Griechen, deren Versuche, gemäß der Logik des Abkommens von Sèvres mit militärischen Mitteln Venizelos’ «megali idea» zu verwirklichen und ein Großgriechenland zu schaffen, von den nationaltürkischen Truppen des Kemal Pascha im Blut erstickt wurde. Zur Einhegung der Bolschewiki setzten die Franzosen hinfort auf Polen und Rumänien.

Minderheitenschutz à la carte
Neben dem Prinzip der Selbstbestimmung sollte auch der Minderheitenschutz im Vertragswerk verankert werden. Mit dem wiedergegründeten Polen wurde ein entsprechendes Abkommen vereinbart, das jedoch nur vorsah, «die freie Ausübung einer Glaubensrichtung, einer Religion oder eines Glaubens nicht (zu) verbieten oder (zu) stören». Minderheiten konnten sich auch nicht an den Völkerbund wenden, dessen Gründung von Präsident Wilson noch vor seiner Rückreise in die USA durchgesetzt worden war. An eine politische Autonomie, wie sie die Bolschewiki für die Minderheiten im Zarenreich vorsahen, war im Falle Polens nicht gedacht; der französische Verhandlungsleiter Georges Clemenceau versicherte dem Polen Paderewski, der Vertrag bedeute «keine Anerkennung der Juden als separate politische Gemeinschaft innerhalb des polnischen Staates».
Dasselbe galt natürlich auch für Deutsche und Ungarn.
Während in Südschlesien Volksabstimmungen über den Verbleib beim Reich oder die Angliederung an Polen vorgenommen wurden, wurde die Provinz Westpreußen mit Posen einfach annektiert. Auch die Abtrennung Danzigs vom Reich erfolgte aus strategischen Gründen (Meerzugang) ohne Volksbefragung. Und die Selbständigkeit Irlands musste mit Waffengewalt gegen die Briten durchgesetzt werden.

Der schwierige Friede
Laut Leonhard wird jeder Krieg dreimal geführt; zunächst konkret von der Eröffnung des Feuers bis zum Schweigen der Waffen. Sodann vom Waffenstillstand über die Friedensverhandlungen bis hin zum Friedensvertrag, wobei sich viele Fragen des Umgangs von Siegern und Besiegten vor dem Hintergrund von Gewalt und Zerstörung stellen. Und schließlich nach der Rückkehr der Soldaten, wenn die Kämpfe um das Gedächtnis und die Erinnerung beginnen. Gerade am deutschen und französischen Beispiel bilden die Erinnerungen an «la grande guerre» einen starken Kontrast zur Logik der Dolchstoßlegende eines angeblich «im Felde unbesiegten Heeres», dem die «Heimatfront» sozusagen in den Rücken gefallen war. Weil die deutsche Propaganda bis kurz vor Schluss wahrheitswidrig behauptet hatte, man stehe kurz vor dem Sieg (obwohl die Frühjahrsoffensive an der Westfront gescheitert war) und dies nach dem Frieden von Brest-Litowsk in bestimmten Maße auch glaubwürdig war, war die Niederlage für viele ein Schockerlebnis. Daraus ergab sich die große Wirkung der Dolchstoßlegende, die von der politischen Rechten ausgenützt wurde.
Die Konferenz von Versailles brachte zahlreiche Neuerungen in die internationale Politik. Wilson legte sein Hauptaugenmerk auf die Gründung des Völkerbunds als Kern der «Friedensarchitektur» – auf dessen konkrete Befugnisse konnte man sich allerdings nicht einigen.
Wie standen Selbstbestimmungsrecht und Minderheitenschutz zueinander, wie sollten die neuen Grenzen festgelegt werden, nach welchen Kriterien ergaben sich welche Reparationsforderungen und welche Strafrechtsbestimmungen sollten auf wen Anwendung finden?
Der Handlungsspielraum der Konferenzteilnehmer wurde auch durch eine Reihe von Gegebenheiten begrenzt – zunächst durch die immer heftigeren Konflikte zwischen den Siegermächten: Ende März 1919 stand die Konferenz wegen französischer Forderungen (Abtrennung des Rheinlands und der Saar) und italienischer Forderungen (Fiume/Rijeka) kurz vor dem Scheitern.
In die Zeit der Konferenz fielen in zahlreichen Ländern, vor allem im Bereich der früheren Imperien, heftige Umbrüche; in Bayern, Bremen und Ungarn wurden Räterepubliken gegründet. Der Mitte April vorgelegte Vertragsentwurf war von zahlreichen Widersprüchen durchzogen, etwa einer paternalistischen Logik für die Kolonien, die nicht in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Für die deutschen Kolonien erfand man ein Mandatsmodell. Die japanische Forderung nach Gleichberechtigung aller Rassen wurde abgewiesen; man kam Japan aber hinsichtlich der Schantung-Frage (und damit in seinem imperialen Verhältnis zu China entgegen). Denn man fürchtete einen Pakt des Landes mit Russland und dem Deutschen Reich.
Störend ist, dass der Autor fast immer «Bolschewiki» schreibt, auch wenn die Kommunistischen Parteien anderer Länder oder gar nur die radikale Linke gemeint sind. Ansonsten aber ein äußerst lesenswertes Buch.


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