200 Jahre Theodor Fontane


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: http://www.sozonline.de
Artikel-Link: http://www.sozonline.de/2019/07/200-jahre-theodor-fontane/
Veröffentlichung: 01. Juli 2019
Ressorts: Buch, Startseite, Zur Person

«Ich habe mich heut der Reaction verkauft»
von Paul B. Kleiser

Im Unterschied zu den anderen Autoren des «poetischen Realismus», die im deutschsprachigen Raum die wichtigsten Novellen und Romane des 19.Jahrhunderts verfasst haben – etwa Theodor Storm, Wilhelm Raabe oder die beiden Schweizer Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer –, hatte Theodor Fontane immer ein großes Lesepublikum. Nach dem Ende der DDR hat der Einfluss dieses urpreußischen Autors wohl noch zugenommen. Besonders seine «Frauenromane», die eigentlich Gesellschaftsromane sind, Cécile, Stine, Frau Jenny Treibel und natürlich Effie Briest, erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Sie sind hervorragende Zeugnisse der preußischen Stände- bzw. Klassengesellschaft unter Wilhelm I., die Fontane mit viel Ironie und oft Sarkasmus beschreibt.
Am stärksten kritisiert er die neureichen Bourgeois, die alles dafür tun, ihren Reichtum zu erhalten und zu mehren. So entscheidet die neureiche Unternehmergattin Jenny Treibel, dass ihr Sohn Leopold die Tochter eines Gymnasialprofessors nicht heiraten darf, weil diese zwar schön und intelligent ist, aber eben nicht die erwartete große Erbschaft einbringen wird. Die Hochzeiten haben «standesgemäß» zu sein; wirkliche Liebesbeziehungen sind in dieser Welt Skandale; sie bestehen (wie in Irrungen, Wirrungen) einen Sommer lang und werden dann einfach aufgelöst. Die Klassenschranken scheinen unüberwindbar.

Das Elternhaus
Fontane entstammte sowohl mütterlicher- wie väterlicherseits einer Hugenottenfamilie aus der Gascogne, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 durch Ludwig XIV. aus Frankreich vertrieben wurde und im Brandenburg des «Großen Kurfürsten» Aufnahme fand. Zwei Generationen lang waren sie als Zinngießer tätig, dann wurde Porzellan für sie wichtiger. Schließlich wechselte der Großvater von Theodor als Zeichenlehrer in den Dienst am königlichen Hof.
Die Fontanes waren stolz auf ihre Herkunft aus der Gascogne und nahmen rege am Gemeindeleben der Hugenotten in Berlin teil. Sie besaßen ihre eigenen Kirchen- und Gemeindesäle und pflegten ihre kulturellen Besonderheiten. Durch die Hardenbergschen Reformen wurden die Hugenotten 1809 den übrigen Bürgern gleichgestellt. Fontanes Vater wurde schließlich selbständiger Apotheker, ein Beruf, den der junge Fontane später auch selbst erlernte – was er jedoch nach 1848 in vielen biografischen Angaben verschwieg. Der Vater huldigte der Spielsucht, was dazu führte, dass er mehrfach die Apotheke wechseln und deshalb die Familie immer wieder umziehen musste. Einige Jahre lebte die Familie in Swinemünde an der Ostsee.
Zu seinem 200.Geburtstag sind mehrere Biografien erschienen; die interessanteste scheint mir die der Züricher Germanistin Regina Dieterle, die auch mehrere Jahre Vorsitzende der Theodor-Fontane-Gesellschaft gewesen ist.* Ihr wohlinformiertes Buch bringt einiges Neue, vor allem über die Jahre 1830–1860. Sie legt auch ein besonderes Augenmerk auf die Frauen in Fontanes Umgebung, seine Mutter, die Ehefrau Emilie und die Tochter Jenny. Für die ersten 20 Jahre stellt sich allerdings das Problem, dass kaum Dokumente vorliegen und die Autorin häufig auf Vermutungen angewiesen ist; zurecht zeigt sie an einigen Beispielen auf, dass Fontanes eigene Darstellungen der Jugendzeit aus seinen späten Jahren geschönt wurden und mit Vorsicht zu genießen sind.

Vom Apotheker zum Literaten
Zunächst sollte der älteste Sohn von Louis Henry Fontane dem Vater, damals Besitzer der Löwen-Apotheke in Neuruppin, in diesem Gewerbe nachfolgen. Damit fiel die Wahl auf Theodor, dessen Begeisterung sich in Grenzen hielt. Er hospitierte in diversen Apotheken, darunter solchen in Sachsen.
In Leipzig schrieb der junge Fontane Gedichte für die oppositionelle Zeitschrift Die Eisenbahn des Demokraten Robert Binder. Laut Dieterle stand die Eisenbahn «für rasche Verbindung, internationale Kommunikation, Demokratie». «Dampf und Eisenbahn sind nun einmal demokratische Mächte des Lebens, das lässt sich nicht ändern.» Fontane benutzte bei seinen Reisen dieses Verkehrsmittel häufig. Auch verkehrte er in der Oppositionsgruppe «Allgemeinheit», die für eine liberale Verfassung und einen demokratischen Nationalstaat kämpfte.
Als im März 1848 in Berlin die Revolution ausbrach, erklärte der König, er wolle Pressefreiheit «gewähren», den Landtag einberufen, eine Verfassung erlassen, die Zollschranken beseitigen und die deutsche Nationalflagge auf den öffentlichen Gebäuden wehen lassen. Vater und Sohn Fontane standen im März ganz auf der Seite der rebellierenden Bürger und Arbeiter. Sie verurteilten den Einsatz des Militärs und standen für die demokratischen Rechte des Volkes ein. Der Vater wurde sogar zum Wahlmann für die Frankfurter Nationalversammlung gewählt.
Nach der Niederschlagung der Revolution wollte Fontane seiner Apothekertätigkeit ein Ende setzen und vom Schreiben leben; das war umso schwieriger, als er 1850 Emilie Rouanet geheiratet hatte. Er heuerte also bei der neugegründeten preußischen «Centralstelle für Preßangelegenheiten» an, die die heimische Presse auf Linie bringen und ausländische Presseorgane auswerten sollte. An seinen Freund Bernhard von Lepel schrieb er: «Ich habe mich heut der Reaction für monatlich 30 Silberlinge verkauft … Ich debütire mit Ottaven zu Ehren Manteuffels. Inhalt: der Ministerpräsident zertritt den Drachen der Revolution.» 1852 wurde er auf seinen Wunsch hin offiziell nach London entsandt; dort konnte er deutsche politische Flüchtlinge treffen, ohne sich mit deren Problemen herumschlagen zu müssen.
Nach seiner Rückkehr gründete er mit Freunden den «Rütli-Bund» (vgl. Schillers Wilhelm Tell), an dem im Laufe der Zeit auch Paul Heyse, Theodor Storm, der von der dänischen Regierung Berufsverbot bekommen hatte, und der Maler Adolph Menzel teilnehmen sollten.
Einige der Freunde verkehrten in der Bellevuestraße 13, wo der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle seine Treffen abhielt; es kam sogar zu konspirativen Zusammenkünften zwischen Lassalle und dem neuen Ministerpräsidenten Bismarck, da beide für die kleindeutsche Lösung unter Ausschluss Österreichs eintraten und außerdem Gegner des politischen Liberalismus waren. Nach dem Tod Lassalles am 31.August 1864 in einem Duell bei Genf lernte Fontane Lassalles Freund, den Reformpädagogen Karl Alexi, kennen; über einen weiteren, diesmal gemeinsamen Freund, den Dichter Christian Friedrich Scherenberg, schrieb er später sogar eine Biografie. In seinem Spätwerk Der Stechlin taucht Lassalle ebenfalls auf; außerdem soll die Wohnung des Barons Botho von Rienäcker in Irrungen, Wirrungen nach dem Bild von Lassalles Wohnung gestaltet sein.

Konservative, Neureiche und Lassalle
Schon früh zeichnete sich bei ihm ein großes Interesse für die britische Literatur ab. Einflüsse von Walter Scott und William Thackeray lassen sich an vielen Stellen aufzeigen. Als Korrespondent verbrachte Fontane mehrere Jahre (1856–1859) im liberalen England, wo er gleich Marx von Edgar Bauer im Auftrag der Dänen bespitzelt wurde. Doch seine Sehnsucht nach dem Heimatland hielt ihn davon ab, sich dort auf Dauer niederzulassen: «Ich liebe nämlich das Land, in dem ich geboren wurde, mehr, aufrichtiger, selbstsuchtloser als die Mehrzahl meiner hier lebenden Landsleute und fühle, bei meiner wachsenden Neigung, vaterländisches Leben künstlerisch zu gestalten … die Trennung vom Vaterlande allerdings empfindlicher als mancher andere.»
Nach seiner Rückkehr nahm er aus finanziellen Gründen eine Stelle bei der reaktionären Neuen Preußischen Zeitung, genannt Kreuzzeitung, an. Diese Zeitung war ein 1848 von Ludwig von Gerlach, Hermann Wagener und Otto von Bismarck gegründetes Kampforgan gegen Liberalismus und Fortschritt. Die Kreuzzeitung hatte «Vorwärts mit Gott für König und Vaterland!» in ihrem Titelsignet. Sie gab sich preußisch und kämpfte gegen alles Moderne. Ihre Leser gehörten mehrheitlich zum preußischen Landadel, außerdem zu den streng lutherischen Kirchengemeinden in der Provinz. Wer in der liberalen Epoche zu Anfang der 1860er Jahre diese Zeitung abonniert hatte, war zumeist der Reaktion zuzurechnen.
Seine Erfahrungen mit den Konservativen hat Fontane später öfters in seine Bücher einfließen lassen. Der Industrielle Treibel ist ein typischer Konservativer, der vom Liberalen Schmidt gerügt wird: «Jeder Lebensstellung entsprechen auch bestimmte politische Grundsätze. Rittergutsbesitzer sind agrarisch, Professoren sind nationale Mittelpartei, und Industrielle sind fortschrittlich. Seien Sie doch Fortschrittler. Was wollen Sie mit dem Kronenorden?» Darauf Treibel (der im übrigen kräftig berlinert): «Nach demselben Ansatz hab ich mir auch den Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahintergekommen, daß mir der Konservatismus, ich will nicht sagen mehr abwirft, das wäre vielleicht falsch, aber besser zu mir paßt, mir besser kleidet.»
Heftige Schläge bekommen in Fontanes Romanen dagegen die Vertreter der neuen Bourgeoisie ab, die zumeist als raffgierig und mit Ellbogenmentalität dargestellt werden. So schreibt er über die bürgerliche Bildungsidee: «Gebildetsein heißt nun: sich nicht merken lassen, wie elend und schlecht man ist, wie raubtierhaft im Streben, wie unersättlich im Sammeln, wie eigensüchtig und schamlos im Genießen» (Unzeitgemäße Betrachtungen).
Die Kreuzzeitung gewährte den Redakteuren große Freiheit, und da Fontane hauptsächlich britische Ereignisse aus Politik, Literatur und Kultur bearbeiten sollte, konnte er seine britischen Erfahrungen und Kenntnisse relativ neutral schildern. Man ließ ihm genügend Zeit für andere Aktivitäten. Das war ihm wichtig, da er bereits an seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg arbeitete, die ihn als Literaten bald auch einem größeren Publikum bekannt machen sollten. Der erste Band erschien 1862 und wurde positiv aufgenommen. Für die weiteren Bände verteilte Fontane Fragebögen an Geistliche, Lehrer und adelige Familien und übernahm Auszüge aus den zugesandten Antworten und Beschreibungen in die weiteren Bände, wobei er seine schriftstellerische Aufgabe darin sah, dem «Stoff» die richtige «Form» zu geben. Auch über die Kriege gegen Dänemark und vor allem gegen Frankreich verfasste er dicke Bücher. Sie waren so erfolgreich, dass er die Arbeit bei der Kreuzzeitung beendete und Theaterkritiker der liberalen Vossischen Zeitung wurde. Insgesamt dürfte er über 4000 Zeitungsartikel (zumeist ungezeichnet) verfasst haben.
Fontane war einer der frühesten Autoren, der sich nach den ersten Erfolgen ganz aufs Schreiben verlegte und davon leben wollte und konnte. Dazu sammelte er nach Apothekerart Ideen und Stoffe in speziellen Kästchen. «Ich sammle jetzt Novellenstoffe, habe fast ein Dutzend, will aber mit der Ausarbeitung nicht eher vorgehn, als bis mir noch mehr zur Verfügung stehn. Es liegt für mich etwas ungemein Beruhigendes darin, über eine Fülle von Stoff disponieren zu können.» Obwohl er seinen ersten Roman Vor dem Sturm erst mit 59 Jahren veröffentlichte, hatte er seit dem 30.Lebensjahr permanent geschrieben und einiges an Lyrik publiziert.

*Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. München: Hanser, 2018. 832 S., 34 Euro.