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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aron Amm: Moribund. Ein Amerika-Roman

Berlin: KLAK-Verlag, 2019. 379 S., 16,90 Euro
von Manuel Kellner

Die Aero-Company produziert Flugzeuge und gerät nach dem 11.September 2001 unaufhaltsam in den Strudel der Pleite. Gordon Stahl bleibt nichts zu erben. Zuletzt spekuliert er noch vergebens auf eine politische Karriere. Privat – in seiner Ehe mit Maureen – ist er ohnehin schon gescheitert. Letztlich bringt er sich um. Der amerikanische Traum umgekehrt.
Sein einziger Freund war im Grunde Isaac, mit 15 Vollwaise, der von den Stahls aufgenommen worden war. Auch dem gelingt nichts wirklich, angefangen mit seinem Studium. Als Manager des vom Unternehmen gehaltenen NBA-Basketballteams scheitert er auch. Da die Playoffs nicht erreicht werden, wird das Team vom Hauptsponsor gekauft und umgesiedelt. Isaac verarmt und wird obdachlos.
Seine langjährige Verlobte Liv hat ihn da schon verlassen. Unter dem Einfluss ihrer Freundin, der UAW-Streikführerin Natascha, hatte sie sich zu Besuch beim Patriarchen-Pärchen Stahl ohnehin daneben benommen und von den schlechten Arbeitsbedingungen der Beschäftigten bei der Aero-Company gesprochen.
Rotimi Emenike, der in einer Zeitungsredaktion arbeitet, lebt getrennt von Michelle Odinga. Ihr gemeinsamer Sohn Miles Kaze lebt bei ihm. Er hat es nicht leicht mit dem unangepassten Jugendlichen, der noch keine 18 Jahre alt ist, und freut sich desto mehr, dass der in einen gemeinsamen Ausflug einwilligt. Gekonnt beiläufig wird klargemacht, dass es sich um Schwarze handelt. Bei der Schilderung der Autofahrt wird die Intensität der Vaterliebe sehr deutlich. Doch der Ausflug endet damit, dass Miles mit einer Tüte Bonbons und einem Handy in den Händen von einem weißen Wachmann erschossen wird.
Der Roman ist ein echter Thriller, zugleich eine kunstvoll verwobene Familiensaga. Noch die beispielhaft geschilderten Basketballspiele sind spannender als jede Livereportage. Persönliche Hoffnungen und Kämpfe werden mit den grundlegenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verknüpft, vom Klassenkampf bis hin zu den Abgründen der Geschlechterbeziehungen.
So handelt es sich auch um ein Sittengemälde der US-amerikanischen Gesellschaft von 9/11 und dem Beginn des «Kriegs gegen den Terror» bis 11/9, dem Wahlsieg Trumps. Figuren aus allen Klassen und Schichten der Gesellschaft, von den Armen über die normalen Beschäftigten und Mittelschichtler bis hin zu Mitgliedern der Kapitalistenklasse werden lebendig und in Farbe geschildert.
Es ist auch ein eminent politisches Buch, aber unaufdringlich, ohne je eine nervende Stimme aus dem «Off» mit erhobenem Zeigefinger belehren zu lassen.
So sehr der Roman von Anfang bis Ende in Atem hält, hatte ich am Ende doch das Gefühl, es hätten auch einige Dutzend Seiten weniger sein können. Manche Nebenfiguren werden eingeführt, ohne zu verdeutlichen, in welcher Beziehung sie zu den Hauptsträngen der Handlung stehen.
Allerdings werden diese in den Schlusskapiteln kunstvoll zusammengeführt. Am Ende steht der Mörder von Miles Kaze als Angeklagter vor Gericht. Werden die Geschworenen die Aussagen der Zeugen angemessen würdigen? Ist nicht klar wie der helle Tag, dass hier ein unschuldiger, wehrloser, völlig argloser Jugendlicher ohne jeden Anlass erschossen wurde?
In dieser Zeit entsteht die Bewegung «Black Lives matter».


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