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	<title>SoZ - Sozialistische Zeitung &#187; Feuilleton</title>
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		<title>Den Betrieb &#252;bernehmen</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 15:50:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur dritten Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg Anfang November fand auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin eine internationale Konferenz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zur dritten Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg</strong></p>
<p>Anfang November fand auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin eine internationale Konferenz zum Thema «Belegschaftseigentum, Kooperativen und Genossenschaften: Einstieg in die Transformation?» statt. Der Vorbereitung der Konferenz widmete sich die dritte Ausgabe der Zeitschrift Luxemburg. Einige Autoren waren auch zu Gast bei der Konferenz.<br />
<span id="more-3697"></span>Das Editorial formuliert die Frage, ob sich heute aus den verschiedenen Versuchen, Alternativen zum kapitalistisch genutzten Eigentum zu erproben, neue Perspektiven f&#252;r eine gesellschaftliche Transformation ergeben. Dazu gibt es einen Konzeptteil. Es folgen l&#228;nderbezogene R&#252;ckblicke auf historische Anl&#228;ufe, gefolgt von gegenw&#228;rtigen Ans&#228;tzen zur nicht-kapitalistischer Aneignung.</p>
<p>Mit Blick auf die Akteure der Umgestaltung und in der Geschlechterperspektive reflektieren Cornelia M&#246;hring und Katharina Schwabedissen Frigga Haugs «Vier-in-einem»-Perspektive. Das Heft schlie&#223;t mit Artikeln zu Streitpunkten &#252;ber die Wege erfolgreicher sozialer Transformation.</p>
<p>Im Konzeptteil wirft Heinz Bierbaum einen Blick zur&#252;ck auf deutsche gewerkschaftliche Erfahrungen bei der &#220;bernahme von Betrieben durch die Belegschaften und skizziert die von Linken in der IG Metall diskutierte Idee der «Wirtschaftsdemokratie». Jessica Gordon Nembhard und Emily Kawano stellen am Beispiel von drei US-Kooperativen Entstehung, Ausstrahlung und Grenzen gegenw&#228;rtiger kooperativer Wirtschaftsformen vor.</p>
<p>Mit gr&#246;&#223;erem historischen Radius und interessanten Einblicken in die Fr&#252;hphase der Kooperativbewegung wird die US-L&#228;nderstudie von Immanuel Ness erg&#228;nzt. Alex Demirovic thematisiert die Bedingungen, unter denen sich Betriebe in Belegschaftshand entwickeln, welchen Hindernissen sie ausgesetzt sind und wie Erfolge auf diesem Wege unterst&#252;tzt werden k&#246;nnten. Tim Hunt stellt in seinem Beitrag &#252;ber kooperative Wirtschaftsformen in Grossbritannien die Frage, ob sie bereits ein Mikrokosmos einer neuen Gesellschaft sind oder den politischen Wandel eher in die Sackgasse f&#252;hren. Boris Kanzleiter w&#252;rdigt die Tragf&#228;higkeit des jugoslawischen Selbstverwaltungsmodells, und J&#246;rg R&#246;ssler erinnert an das kleine Zeitfenster, in dem DDR-Belegschaften einen selbstst&#228;ndigen Zugriff auf ihre Betriebe wagten. Petra Brangsch beschreibt, wie das Experimentieren mit neuen Eigentumsformen w&#228;hrend der Perestroika scheiterte.</p>
<p>Henning S&#252;ssner Rubin erinnert an den «Lohnempf&#228;ngerfonds» des schwedischen Gewerkschafts&#246;konomen Rudolf Meidner, dessen Realisierung diese Fonds auf lange Sicht in den Besitz von mehr als die H&#228;lfte der Aktien von Schwedens gr&#246;&#223;ten Unternehmen gebracht h&#228;tte.</p>
<p>Dario Azzellini schreibt &#252;ber das soziale Laboratorium Venezuela. Am Beispiel der Aluminiumh&#252;tte Alcasa verdeutlicht er, woran Genossenschaften scheitern k&#246;nnen und wie das zu verhindern ist. Eine Lehre: R&#228;te, die nicht auf ausdr&#252;cklichen Wunsch der Arbeiter gebildet werden, haben keine Aussicht auf Erfolg. Die Zahl der R&#228;te wachse st&#228;ndig. Doch sei noch nicht absehbar, ob sie sich gegen staatliche Verwaltungsstrukturen f&#252;r die Betriebe durchsetzen k&#246;nnen.</p>
<p>Carl Davidson macht die Leserinnen und Leser mit dem baskischen Konzern Mondragón bekannt und fragt sich, ob hier ein Modell f&#252;r den Sozialismus im 21. Jahrhundert entsteht. Die interessante Erfolgsgeschichte der weltweit gr&#246;&#223;ten Industriekooperative mit &#252;ber 100000 Besch&#228;ftigten und einem Umsatz von 13,9 Mrd. Euro gewinnt auch dadurch nochmal an Bedeutung, dass die Firma mit der USW, der gr&#246;&#223;ten US-Industriegewerkschaft, eine Zusammenarbeit vereinbart hat, um in den abgest&#252;rzten Regionen des Rust Belt arbeitereigene Unternehmen zu gr&#252;nden.</p>
<p>Weitere L&#228;nderberichte kommen aus Italien, wo der genossenschaftliche Sektor immer schon eine bedeutende Rolle spielte, und aus S&#252;dafrika. Hier stellt Vishwas Satgar Genossenschaften vor, die biologischen Landbau betreiben und neue Besch&#228;ftigungsfelder f&#252;r Erwerbslose schaffen. Er sieht darin ein gro&#223;es Potenzial. Doch es sei nur auszusch&#246;pfen, wenn es zu einer Vernetzung und einem Wissensaustausch der lokalen Initiativen kommt.</p>
<p>Im Schlussteil beantwortet Christoph Behr die Frage, wie es die Linkspartei schaffen k&#246;nnte, «mit normalen Mitteln nicht mehr zerst&#246;rt zu werden», und John Holloway und Hilary Wainwright debattieren dar&#252;ber, ob der Staat nur als feindliche Macht zu betrachten ist oder ob er eine Rolle im Prozess der gesellschaftlichen Transformation spielen kann.</p>
<p>Das Themenheft bietet einen interessanten &#220;berblick &#252;ber historische und aktuelle Versuche, Alternativen zum kapitalistischen Eigentum zu finden. Doch geht dies ein wenig auf Kosten der analytischen Tiefe. Ein Mangel ist auch, dass nicht-sozialwissenschaftliche Akteure erfolgreicher Betriebs&#252;bernahmen wie z.B. des Euzkadi-Werks in Mexiko oder von Zanon in Argentinien nicht selbst zu Wort kommen. &#220;berhaupt k&#246;nnte eine Fortsetzung der lobenswerten Themenbearbeitung durch die RLS darin bestehen, soziale Akteure vergleichbarer Initiativen an einen Tisch zu bringen.</p>
<p>Jochen Gester</p>
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		<title>«Sie ist so schwer zu fangen&#8230;»</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 15:46:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Frauenfiguren bei Christa Wolf von Tanja Schultz Anfang Dezember starb Christa Wolf. Deutschlandradiokultur entschied sich, am Samstag nach der Nachricht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Frauenfiguren bei Christa Wolf</strong></p>
<p>von <em>Tanja Schultz</em></p>
<p>Anfang Dezember starb Christa Wolf. Deutschlandradiokultur entschied sich, am Samstag nach der Nachricht einen Ausschnitt aus einer ihrer Lesungen auszustrahlen.<br />
<span id="more-3692"></span>Eine wunderbare Entscheidung, so konnte man diese melancholische, aber doch feste, fast strenge Stimme in sich aufnehmen, versuchen, sie zu speichern, bevor sie nur noch ein Hall der Erinnerung wird. Christa Wolf, Jahrgang 1929, las aus ihrem letzten Roman Stadt der Engel (2010). Und man wird diese Stimme vermissen.</p>
<p>Was bleibt? Das ist der Titel einer ihrer wichtigsten Erz&#228;hlungen – ein Text. Und das ist ihr zu w&#252;nschen, dass ihre Texte bleiben. Das Get&#246;se um sie als &#246;ffentliche Person wird verhallen. Jahrgang 1929, daran muss man erinnern. Diese Frau hat als junges M&#228;dchen den Krieg erlebt und Zeit ihres Lebens versucht, nicht zu verh&#228;rten. Das verbindet auch ihre unvergleichlichen Frauenfiguren.</p>
<p><strong>Lebensschw&#228;che, Lebensst&#228;rke</strong></p>
<p>Da ist Christa T., die Figur, die von Kriegserfahrungen gepr&#228;gt, der Ich-Erz&#228;hlerin begegnet und eine nachhaltige Faszination aus&#252;bt. Christa T., die Tr&#228;umerin und Fantastin, die versucht, ganz bei sich zu bleiben und entlang der schmerzhaften Grenze zwischen Tr&#228;umen und Tun tr&#228;umt. «Sie sah auch, wie man anfing zu entschl&#252;pfen, die blo&#223;e H&#252;lle, den Namen zur&#252;ck zu lassen. Das hatte sie nicht gekonnt.» Die Welt, die sie vorfindet, beschreibt sie wie folgt – und es bleibt offen, welche Realit&#228;t der 50er Jahre sie beschreibt: die Nachkriegszeit oder die beginnenden Verkrustungen des sozialistischen Gesellschaftsprojekts: «Eine K&#228;lte in allen Sachen. Die kommt von weit her, durchdringt alles. Man muss ihr entweichen, ehe sie an den Kern kommt. Dann f&#252;hlt man sie nicht mehr.»</p>
<p>Christa T. die Zweiflerin, jene, welche sich M&#252;he gab hineinzupassen (worein auch immer), aber nie so ganz zu passen schien, sich nie wirklich passend machen konnte, die ihren Namen als Brandmal beschrieb, als Zeichen f&#252;r eine Wunde, die sie war. «Sie aber sich selbst bis zum &#220;berdruss bekannt und schmerzhaft unbekannt.» (Zitate aus Nachdenken &#252;ber Christa T.) Diese bewunderte Frau ist mit einer gewissen Lebensschw&#228;che ausgestattet, die zugleich als Empfindsamkeit ihre St&#228;rke ausmacht. Die einzige M&#246;glichkeit f&#252;r sie zu leben ist das Schreiben. Immer: so auch in der Selbstanzeige «eine Art Mitschrift w&#228;re mein Schreibideal: Mein ‹Griffel› folgte m&#246;glichst genau der Lebensspur, die Hand die ihn f&#252;hrte w&#228;re meine Hand und auch nicht meine Hand, viele und vieles schriebe mit, das Subjektivste und das Objektivste verschr&#228;nken sich unaufl&#246;sbar, ‹wie im Leben›, die Person w&#252;rde sich unverstellt zeigen, ohne sich zu entbl&#246;&#223;en &#8230; verdiente sich so vorurteilsfreie Aufmerksamkeit&#8230;» (Auf dem Weg nach Taboo).</p>
<p>Christa Wolf und die von ihrer Hand entworfenen Frauenfiguren setzen sich aus. Sie sind verletzlich, aus den Wunden heraus stark, immer versucht, nichts Fremdes weder von innen noch von au&#223;en zuzulassen. Die schwach-starken Frauen &#252;ben auf Generationen von Frauen eine zeitlose Faszination aus. Diese Frauenfiguren entweichen aber auch: «Denn sie ist so schwer zu fangen. Selbst wenn ich es schaffen k&#246;nnte, alles getreulich wiederzugeben, was ich von ihr noch wei&#223; oder in Erfahrung gebracht habe, selbst dann w&#228;re es denkbar, dass derjenige, dem ich alles erz&#228;hle, den ich brauche und jetzt um Beistand angehe, dass er am Ende nichts von ihr w&#252;sste.» (Christa T.)</p>
<p><strong>Der blutrote Faden</strong></p>
<p>Dass man diese Frauenfiguren kaum zu fassen bekommt und sie doch nachhaltig und deutlich in Erinnerung bleiben, dieses Wolfsche Ph&#228;nomen gilt umso mehr f&#252;r ihre mythische Frauenfiguren. Kassandra und Medea. F&#252;r die Protagonistinnen aus dem Geteilten Himmel und Christa T. war die Ehe noch eine Option des Zusammenseins und, wie es in Christa T. zu lesen steht, ein Damm. «D&#228;mme bauen, gegen unm&#228;&#223;ige Anspr&#252;che, phantastische W&#252;nsche, ausschweifende Tr&#228;ume. Einen Faden in die Hand nehmen, der in jedem Fall unter allen Umst&#228;nden weiterl&#228;uft&#8230;» (Christa T.). Die Ehe wird hier verstanden als Schutzwall vor der Lebensschw&#228;che und der Empfindsamkeit. Jener Faden der Ehe, die Neuerschaffung der Frau als Ehefrau, wird hier noch als Option gedacht.</p>
<p>Aber er bildet keinen Schlusspunkt, der Faden wird weitergesponnen: Kassandra verweigert sich der traditionellen Frauenrolle als Hausfrau und Mutter, stattdessen wird sie Seherin und Heilerin – wie auch Medea Heilerin und Seherin ist, eine Option, die durch das mythische Muster bereitgestellt wird. «Erst als Besitz, Hierarchie, Patriarchat entstehn, wird aus dem Gewebe des menschlichen Lebens, das die drei Uraltfrauen &#8230; in der Hand hatten, jener blutrote Faden herausgerissen, wird er auf Kosten der Gleichm&#228;&#223;igkeit verst&#228;rkt&#8230;» (Medea).</p>
<p>Dieser blutrote Faden, von dem hier die Rede ist, ist die Spur der Mitschrift und der prophetischen K&#246;rpersprache. Es ist die Sprache eines gedachten, authentischen K&#246;rperbezugs. So kann Kassandra sagen: «Meine Kopfhaut zog sich zusammen, es musste gef&#228;hrlich sein» (Kassandra). Oder Agameda, die &#252;ber die Heilerin und vermeintliche Bruderm&#246;rderin Medea sagt: «Oder vor kurzem, als sie krank wurde. Als h&#228;tte sie geahnt, dass das Verh&#228;ngnis n&#228;herr&#252;ckte» (Voraussetzung einer Erz&#228;hlung: Kassandra).</p>
<p>Die empfindsame Haut, die offenen Wunden, welche die Haut der Frauen zum Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen werden l&#228;sst, ist die St&#228;rke dieser neuen Frauen. Und bespiegelt noch einmal die Lebensschw&#228;che der Frauen aus den Texten zuvor als die unmittelbare St&#228;rke. Akamas reflektiert im Medea-Roman &#252;ber den Ursprung der Wirkung, welche Medea auf ihn hat: «Vor allem war sie ihm unheimlich. Sie war, wie soll ich das ausdr&#252;cken, zu sehr Weib, das f&#228;rbte auch ihr Denken» (Medea).</p>
<p>Ihre Unheimlichkeit gr&#252;ndet auch in einer Art Unantastbarkeit, sie wirkt als h&#228;tte eine unsichtbare Hand einen unsichtbaren Kreis um sie gezogen. Sie lebt in einem Matriarchat, ihre F&#228;higkeit zu prognostizieren, unantastbar zu sein begr&#252;ndet sich darin. Mit ihrer magischen Kraft kann sie Verh&#228;rtungen l&#246;sen: So legt sie Jason die Hand auf den Nacken und kann auf diese Weise seine Verh&#228;rtungen l&#246;sen – Verh&#228;rtungen der m&#228;nnlichen Welt, die auf ein Leben in oder mit der L&#252;ge und der Verstellung zur&#252;ckgef&#252;hrt werden.</p>
<p>Der Medea-Roman l&#228;sst die Fremdheit der Frauenfigur Medea wachsen, ihre prophetische Kraft scheint an ein System gebunden zu sein – au&#223;erhalb ist sie keine Heldin, sondern erscheint vielmehr als Opfer, sie kann sich nicht sch&#252;tzen. Die T&#228;terschaft der Medea ist ein Produkt der m&#228;nnlichen Erz&#228;hlweise, der Ger&#252;chte. Medea wird verkannt und verraten.</p>
<p>In Stadt der Engel berichtet die Ich-Erz&#228;hlerin von einem Ausflug: «Broken. Ein treffender Ausdruck &#8230; Dann habe ich lange im Museum vor dem Medea-Kleid der Jana Sterbak gestanden: Ein Frauenk&#246;rper, aus Draht geflochten, umgeben von einer Installation aus elektrischen Dr&#228;hten, die an eine Steckdose angeschlossen waren und die st&#228;ndig aufgl&#252;hten, f&#252;r kurze Zeit erloschen, wieder aufgl&#252;hten. Alles brannte auf der Haut der Frau, es war ja das Kleid, das Medea der Glauke gegeben haben soll, der Nebenbuhlerin, und das deren Haut verbrannte. Auf einer Projektionsfl&#228;che erschien ein Text, den ich mir abschrieb: ‹&#8230;die Frau mit der brennenden Haut, die in meine Haut schl&#252;pfen m&#246;chte, um mich f&#252;hlen zu lassen, was sie f&#252;hlt, um von ihrem Schmerz befreit zu sein, und die sich doch nicht heimisch f&#252;hlen kann im K&#246;rper der anderen. Bekannte Sehnsucht. Bekannte Entt&#228;uschung.›» (Stadt der Engel.) Und so schreibt Christa Wolf mit brennender Feder, wie es im Kindheitsmuster im Dialog mit der von ihr so verehrten Ingeborg Bachmann auf der Haut und ins Ged&#228;chtnis.</p>
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		<title>Biermann ist tot – Degenhardt lebt</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2011/11/biermann-ist-tot-degenhardt-lebt/</link>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 10:38:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Tode des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt von Bernd K&#246;hler, Liedermacher und Grafiker Zwei Geburtstage von Liedermachern, die die sp&#228;ten Nachkriegsdeutschlands [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zum Tode des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt</strong></p>
<p>von <em>Bernd K&#246;hler, Liedermacher und Grafiker</em></p>
<p>Zwei Geburtstage von Liedermachern, die die sp&#228;ten Nachkriegsdeutschlands entscheidend mitgepr&#228;gt haben, standen im November 2011 an. Wolf Biermann wurde 75 und Franz-Josef Degenhardt starb nach langer schwerer Krankheit kurz vor seinem 80.</p>
<p>Am Vorabend seines Todes hatte Biermann seinen Sangesbruder auf WDR5 noch «als schlechten Gitarrespieler, minder begabten Lyriker und &#252;berhaupt als absch&#228;umenden Dreckskerl» abgekanzelt.<br />
<span id="more-3496"></span>F&#252;r mich war Biermann schon 1998 nach seinem vielzitierten Privatkonzert in Wildbad-Kreuth gestorben, als er unter dem Motto «Nur wer sich &#228;ndert, bleibt sich treu», vor der feixenden Meute der CSU-Landesgruppe seine Lieder aus DDR-Zeiten zum Besten gab.</p>
<p>Degenhardt, der in einem fr&#252;hen Interview neben Brassens und Villon auch Biermann, Neuss und Tucholsky als seine Seelenverwandten bezeichnet hatte, ist diesen Weg nie gegangen, blieb sein Leben lang der radikalen Linken verbunden, allen Widrigkeiten zum Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Widrigkeiten.</p>
<p>Verabschiedet hat sich der gro&#223;e Erz&#228;hler schon mit seiner letzten CD, die nicht, wie in vielen Nachrufen erw&#228;hnt, die Scheibe D&#228;mmerung war, sondern Dreizehnbogen. Da war er schon l&#228;nger nicht mehr aufgetreten, doch die Stimme klingt frisch, wenn er von der Reise «den Fluss hinunter» erz&#228;hlt oder in seiner Interpretation von Louis F&#252;rnbergs «Jeder Traum» sein knappes Lebensres&#252;mee zieht: «Jeder Traum, an den ich mich verschwendet / Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont / Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet / Alles hat am Ende sich gelohnt. // Ja, ich hab mein Schicksal l&#228;ngst beschlossen / als ich mich zum Widerspruch entschied / Wenn ich singe Freunde und Genossen / gehen unsre Tr&#228;ume durch mein Lied.» Einfache Wahrheiten, gelassen und in sich ruhend zur gezupften Gitarre auf den Punkt gebracht.</p>
<p>Er hat ihn nie aufgegeben, diesen Traum, dass ein f&#252;r alle menschenw&#252;rdiges Leben erreichbar ist. Auch in den bitteren 90er Jahren nicht. Als ich und viele andere die Gitarre in die Ecke stellten, weil keine T&#246;ne und Worte mehr zu finden waren, die unsere Entt&#228;uschung und Ratlosigkeit h&#228;tten zum Ausdruck bringen k&#246;nnen, sa&#223; er zum Interview beim NDR (ja, jetzt holte man ihn, den kommunistischen Barden, weil man dachte, er w&#252;rde sich vorf&#252;hren lassen) und erkl&#228;rte ganz selbstverst&#228;ndlich, warum er seinen Schritt auch jetzt nicht bereue, von der SPD in die DKP gewechselt zu sein, weil dort ja immerhin noch Kommunisten organisiert seien, die eine Fundamentalopposition in diesem Land dringend brauche. Da konnte der Moderator sich winden wie er wollte, er musste ihn ausreden und dann auch noch sein Lied «aus der Gruft heraus» singen lassen: «Das REICH erwacht zu neuer Gr&#246;&#223;e / wir haben ged&#252;ngt / KAMERAD / jawoll, mit Blut und Blut / und ihr fahrt jetzt die Ernte ein».</p>
<p>Diese Warnung kam damals wenigen &#246;ffentlich &#252;ber die Lippen, obgleich die Bedrohung allgegenw&#228;rtig war. Franz-Josef Degenhardts Lieder waren durchdrungen von dieser Melange aus Erkenntnis und Widerspruch, die doch fast nie im nur Agitatorischen versank. Deshalb haben uns seine Lieder so ber&#252;hrt, haben unsere Biografien gepr&#228;gt. Seine Typen, wie Natascha Speckenbach oder Rudi Schulte wurden gute Bekannte, seine Situationsbeschreibungen hallten in uns wieder, als h&#228;tten wir sie selbst erlebt. Wer solches erreicht, ist ein gro&#223;er K&#252;nstler.</p>
<p>Meine erste pers&#246;nliche Begegnung war ein gemeinsames Konzert im Mannheimer Rosengarten 1972. Da war ich der jugendliche Rebell, der punkm&#228;&#223;ig in die Gitarre drosch und die Revolution beschwor bis die Saiten rissen, und er war schon der Erz&#228;hler, der uns mit seiner gelassenen &#220;berzeugung in den Bann zog. Das letzte Gespr&#228;ch war, als er mich 2008 nach meiner neuen Solo-CD anrief, um mir erstmal f&#252;r mein jahrelanges Politisch-musikalisch-aus-der-Welt-Sein den Kopf zu waschen, dann aber auch, um mir zu dieser CD zu gratulieren. Es gab nicht viele &#220;berschneidungen, unsere Auftrittswelten waren zu verschieden, und doch war er mir ein guter Bekannter, Vertrauter, in dessen Liedern ich versank, auf der Suche nach der Magie seiner Worte, nach dem Wesentlichen seiner k&#252;nstlerischen Arbeit. Wenn ein deutscher Liedermacher mich nachhaltig gepr&#228;gt hat, dann war er es, immer wissend, dass seine Art etwas Unerreichbares sein w&#252;rde.</p>
<p>Im Sommer traf ich eine j&#252;ngere Genossin aus der antiimperialistischen Szene, die lange Jahre in Berlin gelebt hat. Auf meine Frage, was sie dort so gemacht habe, meinte sie kurz: «Ich habe f&#252;r die Revolution gearbeitet.» Sie geh&#246;rt zu denen, die Franz-Josef Degenhardt in dem Buch Brandstellen mit viel Sympathie beschreibt: «Zwischen den Zelten sa&#223;en, standen und lagen junge Leute: F&#252;rsten in Lumpen und Loden, Prinzessinnen in Jeans und Tramps in Levis-Leinen und Parkas. Wenn sich irgendwo Widerstand organisierte in diesem Staat, lief diese Nachricht schneller als Notierungen an der B&#246;rse. Hoffnung macht hellh&#246;rig. Ohne Leute dieser Art w&#228;re zu allen Zeiten manche Widerstandsaktion, Erhebung, Revolte oder sogar Revolution gescheitert, manche allerdings auch gelungen. Sie waren unberechenbar…» F&#252;r diese Genossin geh&#246;ren die Lieder von Franz-Josef-Degenhardt genauso zu ihrem Leben wie die von Ton-Steine-Scherben.</p>
<p>Das ist so und das wird so bleiben. Franz-Josef Degenhardt ist tot, doch seine Lieder, Texte und B&#252;cher leben weiter. Oder radikaler: «Degenhardt lebt – Biermann ist tot», wie es ein Blogger auf die Webseite des Freitag schrieb.</p>
<p>Bernd K&#246;hler, Liedermacher und Grafiker</p>
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		</item>
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		<title>«Le Temps des Cerises» oder: Mein Opa war Weber und Tenor</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2011/11/die-chansonsangerin-blandine-bonjour/</link>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 08:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Chansons&#228;ngerin Blandine Bonjour Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Chansons&#228;ngerin Blandine Bonjour</strong><br />
<strong></strong></p>
<p>Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von der Pariser Kommune und anl&#228;sslich des 140.Jahrestags der blutigen Niederschlagung der Kommune. Besonders Blandine ber&#252;hrte das Publikum, wenn sie &#252;ber den Hintergrund und die Geschichte der einzelnen Lieder sprach. Inspiriert von den «Chansons sans cigare» die sie uns pr&#228;sentierten, wollten wir Blandine die Gelegenheit geben, uns mehr von ihr zu erz&#228;hlen.<br />
<span id="more-3314"></span>Geboren bin ich in Lyon – die Stadt der canuts, der Seidenweber. Vor ziemlich genau 180 Jahren, Ende November 1831 probten die Seidenweber aus Lyon den ersten Arbeiteraufstand in Europa. Sie protestierten gegen die H&#228;ndler, die den niedrigen Preis, den sie zahlten, mit der ausl&#228;ndischen Konkurrenz begr&#252;ndeten. Im Kampf um einen Mindestlohn beschlossen die Arbeiter am 21.November 1831, unter dem Motto «Vivre en travaillant ou mourir en combattant» («Arbeitend leben oder k&#228;mpfend sterben») zu streiken. Die Aufst&#228;ndischen besetzten eine Kaserne und auch das Rathaus von Lyon. Niedergeschlagen wurde die Revolte von den Streitkr&#228;ften unter der F&#252;hrung des Herzogs von Orléans, es gab rund 600 Tote, 10000 wurden aus der Stadt vertrieben. 1834 begehrten die Seidenweber erneut auf, diesmal wurden sie von Adolphe Tiers, dem Henker der Kommune von 1871, blutig unterdr&#252;ckt.</p>
<p><strong>Kindheit und Jugend</strong></p>
<p>Meine fr&#252;hen Kindheitsjahre in der Lyoner Rue Laurent Mourguet pr&#228;gten nachhaltig meine sp&#228;tere Entwicklung. Die Stra&#223;e ist benannt nach Laurent Mourguet, ein Arbeiter, der die Handpuppe «Guignol» erfunden hat, ein frecher Kasper mit losem Mundwerk, der regelm&#228;&#223;ig seinen Widersacher, den Gendarmen «Flageolet» &#228;rgert. Sein Freund ist «Gnafron», benannt nach Laurent Mourguets Freund im wirklichen Leben. Angeblich tr&#228;gt die Figur des «Guignol» auch die Gesichtsz&#252;ge Mourguets. Erst sp&#228;t entdeckte ich diesen Zusammenhang, voll Freude, denn die Figur des «Guignol» hat viel mit mir zu tun. Aufgewachsen bin ich in einem streng katholischen Milieu, wo aber sehr viel im Schulchor gesungen wurde – ebenso zu Hause und auch bei den Pfadfinderinnen.<br />
Mein Vater leitete den Kirchenchor der Gemeinde. Mein Gro&#223;vater m&#252;tterlicherseits sang in seiner Freizeit, neben seiner Arbeit in der Seidenindustrie in Lyon. Auch das wei&#223; ich erst seit kurzem, und es ist wichtig f&#252;r mich, denn es verst&#228;rkt meine Bindung zur Stadt Lyon und meine Verwurzelung dort, die nach wie vor sehr stark ist.<br />
Schon immer habe ich mich sehr f&#252;r historische Zusammenh&#228;nge und Traditionen interessiert. Ab der Pubert&#228;t habe ich viermal wegen irgendwelcher Lappalien die Schule gewechselt (es waren immer katholische Einrichtungen). Der H&#246;hepunkt meiner Disziplinverst&#246;&#223;e war bei einer Weihnachtsfeier im Internat, als ich «Potemkine», das Lied von Jean Ferrat &#252;ber die Revolte der Matrosen in der ersten russischen Revolution, sang (das Lied ist auf unserer CD Chansons sans cigare zu h&#246;ren) und dann auch noch die Dreik&#246;nigsmesse am 6.Januar 1968 schw&#228;nzte. Ich wurde ohne R&#252;cksicht auf das bevorstehende Abitur von der Schule verwiesen.<br />
Schon mit 14 Jahren interessierte ich mich f&#252;r Emile Zola – mehrere B&#252;cher von ihm standen auf dem Index der katholischen Kirche. Ein anderer Lieblingsautor von mir war Jules Vallès, ein Journalist und Schriftsteller, der in die Pariser Kommune gew&#228;hlt wurde. An der Universit&#228;t von St.Etienne, eine Stadt nahe Lyon, studierte ich dann Germanistik und Geschichte. Ich gr&#252;ndete eine Singgruppe, «Les années 30». Im Jahr 1969 kam ich im Sommer nach Deutschland. Dort traf ich auf meine gro&#223;e Liebe und studierte dann in Aachen Romanistik und Geschichte. Wir kehrten nach Frankreich zur&#252;ck, unser erster Sohn wurde geboren. Vier Jahre lang lebten wir in einem Le Corbusier-Haus in der kleinen Stadt Firminy, dort arbeitete ich im Kulturverein «Travail et culture» (Arbeit und Kultur). 1981 kamen wir wieder nach Deutschland zur&#252;ck, nach Mannheim, unser zweiter Sohn kam auf die Welt und wir hatten ein Pflegekind.</p>
<p><strong>Die Begegnung mit Bernd K&#246;hler</strong></p>
<p>Neben der Kindererziehung arbeitete ich als Franz&#246;sischlehrerin und als Erzieherin in einem Kinderhort. Irgendwann schenkte mir mein Mann ein Akkordeon.<br />
2003 traf ich bei einem unkonventionellen Franz&#246;sischkurs auf den Liedermacher Bernd K&#246;hler. Dazu muss ich sagen, dass ich in 40 Jahren Praxis noch nie jemandem Franz&#246;sisch beibringen konnte, ohne Chansons zu singen!<br />
Und Bernd K&#246;hler – damals in einer Ruhephase – sprang direkt drauf an und begeisterte sich ungemein f&#252;r die franz&#246;sischen Chansons des «anderen Frankreichs». So fing es an…<br />
Durch Bernd wurde mir die unterschiedliche Liederkultur unserer beiden L&#228;nder klar. Ich recherchierte gezielt Lieder, die mich in meiner Kindheit und Jugend ber&#252;hrt hatten und fand oft einen gesellschaftlichen Hintergrund. Das beste Beispiel ist «Le temps des cerises» («Die Zeit der Kirschen»), das Jean-Baptiste Clément 1866 schrieb. Als er 1871 die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune mitansehen musste – f&#252;r die er selbst gek&#228;mpft hatte –, widmete er das Lied einer mutigen Krankenschwester, die auf den Barrikaden fiel. Der Text – es war urspr&#252;nglich ein Liebeslied – spricht von einer «offenen Wunde», von einer «Erinnerung, die ich im Herzen behalte». Solche Worte k&#246;nnen sowohl eine gescheiterte Revolution wie eine verlorene Liebe wachrufen. Man k&#246;nnte eine poetische Metapher darin sehen: man spricht von einer Revolution, ohne sie zu benennen.<br />
Die «blutige Woche» war Ende Mai 1871, also in der Zeit der Kirschen. Die Kirschen erinnern an S&#252;&#223;e und Sommer, an etwas Fr&#246;hliches, sogar Festliches. So transportiert das Lied eine gewisse Nostalgie sowie eine volkst&#252;mliche Fr&#246;hlichkeit und bleibt seit 140 Jahren eines der bekanntesten Lieder, die man in Frankreich zu jeder Gelegenheit singt, z.B. am Ende eines Festessens, bei einer Demonstration oder zur Erinnerung an den Mai 1871.<br />
«Le temps des cerises» ist das erste Lied, das Bernd und ich 2008 zusammen sangen. Wir entwarfen ein Programm mit Liedern aus dem «anderen Frankreich» und gaben im August 2008 unser erstes Konzert in Valprivas, in der Auvergne, das erste gro&#223;e Konzert war in Mannheim, im Dezember 2008.<br />
Schon vorher habe ich &#246;ffentlich gesungen, in den 90er Jahren gr&#252;ndete ich gemeinsam mit Florence Launay in Mannheim den Chor «Les balladines» (was soviel wie Balladens&#228;ngerinnen hei&#223;t).</p>
<p><strong>Unsere Lieder</strong></p>
<p>Das franz&#246;sische Chanson ist das Erbe einer literarischen Tradition, die bis zu den Urspr&#252;ngen unserer Sprache zur&#252;ckreicht. Ohne bis zu den troubadours des 11.Jahrhunderts zur&#252;ckzugehen, die in okzitanischen Dialekten schrieben, hat man ca. 2000 Chansons von trouvères (Minnes&#228;nger am Ende des 12.Jahrhunderts) erfasst – leider oft ohne Melodien. Das franz&#246;sische Chanson zeichne sich durch den Vorrang des Textes &#252;ber die Musik aus und widerspiegelt getreu seine jeweilige Zeit.<br />
Deswegen reicht unsere Chanson-Auswahl von den ber&#252;hmtesten Chansons von Georges Brassens («L’Auvergnat», «La Mauvaise Réputation») oder Moustaki («Ma Liberté», «Sans la nommer») &#252;ber die Kampflieder der 70er und 80er Jahre («La Blanche Hermine», «Le Chiffon Rouge») bis zu den antifaschistischen Liedern («Chant du Partisan», «Chant des Marais») oder Antikriegsliedern («Le Déserteur», «Giroflé»). Nicht zu vergessen «Les Canuts», die Seidenweber, die versprechen: «Wir weben das Leichentuch der alten Welt!»<br />
Derzeit kann man unsere «Chansons sans cigare» – von Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler – auf der 2010 entstandenen CD h&#246;ren. Der Titel bezieht sich auf ein Foto, auf dem ich zuf&#228;llig Zigarre rauchend abgebildet bin und das Klischeebild eines Kapitalisten, der Zigarre raucht und einen Hut tr&#228;gt.<br />
Auf unserer neuen CD, Les Nouveaux Mousquetaires, die Ende dieses Jahres erscheint, wird die H&#228;lfte der Lieder international sein (t&#252;rkisch, sizilianisch, deutsch, italienisch…). Aber «Die Internationale» wird in der puristischen Tradition der Pariser Kommune gesungen, wie Eugène Pottier sie im Juni 1871 schrieb.<br />
Eine Eigenkomposition (Text: Bonjour/Musik: K&#246;hler) gibt dem neuen Album seinen Namen, «Les Nouveaux Mousquetaires». Wie sagt Bernd K&#246;hler: «Eine W&#252;rdigung der neuen Bewegungen, die auf den Stra&#223;en und Pl&#228;tzen der heutigen Zeit ihre Klingen mit den M&#228;chtigen kreuzen».</p>
<p><em>Mehr zu Bernd K&#246;hler und Blandine Bonjour findet sich auf ihren Internetseiten: www.blandinebonjour.de und www.ewo2.de/schlauch-live/aktuell.htm.</em></p>
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		<title>Das richtige Bewusstsein und die sozialistische Demokratie</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Sep 2011 18:23:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Georg Lukács]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor vierzig Jahren starb Georg Lukács (1885–1971) von J&#252;rgen Meier Als der Schriftsteller Tibor Déry vor vierzig Jahren am Grab [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vor vierzig Jahren starb Georg Lukács (1885–1971)</strong></p>
<p>von J&#252;rgen Meier</p>
<p>Als der Schriftsteller Tibor Déry vor vierzig Jahren am Grab seines Freundes Georg Lukács stand, wandte er sich mit der folgenden Frage an die gro&#223;e Schar der Trauerg&#228;ste: «Was war es, was uns f&#252;r seine Arbeit und seine Pers&#246;nlichkeit gleicherma&#223;en einnahm? In einem Wort zusammengefasst m&#246;chte ich sagen: seine Liebe zum Menschen.»</p>
<p>Bedenkt man, dass Lukács, wie Déry in seiner Trauerrede sagte, zwar «bescheiden im Umgang mit Menschen» war, aber «unbarmherzig im Verkehr mit Ideen», so zeigt sich diese Liebe zum Menschen bei Lukács in einer Art Differenzierung zwischen dem einzelnen Alltagsmenschen und dessen Bewusstsein und dem gesellschaftlichen Sein.<br />
<span id="more-2859"></span> <strong>Richtiges oder falsches Bewusstsein?</strong></p>
<p>Das war die Frage, die Lukács’ Leben und Werk durchzieht. W&#228;hrend er den Menschen achtungsvoll gegen&#252;ber trat, bek&#228;mpfte er deren Bewusstsein, wenn ihm dieses ein falsches zu sein schien. F&#252;r die Aufk&#252;ndigung der Freundschaft zu seinem ehemaligen Heidelberger Studienfreund Ernst Bloch soll allein dessen Wertsch&#228;tzung f&#252;r den Dramatiker Beckett verantwortlich gewesen sein. Bloch habe hier sein falsches, sein «romantisches Bewusstsein» offenbart.</p>
<p>Lukács f&#252;hrte zeitlebens einen «unbarmherzigen» Streit um die richtige Sicht der Wirklichkeit. Kitsch, schrieb Lukács in seiner &#196;sthetik, richte sich nicht darauf, «durch wahrheitsgetreue Wiedergabe der Welt zum Wesen der Menschen zur&#252;ckzufinden, sondern im Gegenteil darauf, diese so zurechtzur&#252;cken &#8230; dass sie den sachlich unberechtigten W&#252;nschen und Illusionen entspricht, sie illustriert».</p>
<p>Sein Buch Geschichte und Klassenbewusstsein, das bereits 1923 im Malik-Verlag erschien, beeinflusste sp&#228;ter ma&#223;geblich die «68er Bewegung» in Westeuropa. «Die Achtundsechziger», schreibt die Lukács-Sch&#252;lerin Agnes Heller, «suchten krampfhaft nach einer messianischen Erkenntnistheorie und Anthropologie. Lukács hatte in der Studie unter Verwendung von Kantischen und Hegelschen Figuren eine Analyse der b&#252;rgerlichen Entfremdung vorgelegt.»</p>
<p>&#220;ber 40 Jahre nach seinem Erscheinen ergriff dieses Buch mit seiner These, dass das &#252;ber ein entsprechendes Bewusstsein verf&#252;gende Proletariat in dem Augenblick die Macht erringe, da es erkenne, dass es zur Erl&#246;sung der Welt berufen ist, die westeurop&#228;ische Studentenbewegung. Dieses «messianische Sektierertum», so Lukács kurz vor seinem Tod, sei f&#252;r den Erfolg von Geschichte und Klassenbewusstsein in Westeuropa verantwortlich gewesen.</p>
<p>Lukács hatte sich zu dieser Zeit l&#228;ngst von seinem Fr&#252;hwerk distanziert und beobachtete den Einfluss seines Buches mit gro&#223;er Skepsis. In diesem Buch, so Lukács selbst, fehle die Universalit&#228;t des Marxismus, die aus der anorganischen Natur die organische ableite und aus der organischen Natur, vermittelt durch den Prozess der Arbeit, die Gesellschaft. Auf die b&#252;rgerlichen Intellektuellen h&#228;tten gerade diese M&#228;ngel des Buches – das Fehlen des ontologischen Marxismus – &#252;berzeugend gewirkt.</p>
<p>In einem Brief an Lukács best&#228;tigt Frank Benseler diese Einsch&#228;tzung. «Im Grunde ist das die Situation der gesamten fortschrittlichen b&#252;rgerlichen Intelligenz. Sie alle w&#252;nschen Gerechtigkeit; glauben dies aber denkend erreichen zu k&#246;nnen durch geistige Formen usw.; sie scheuen vor den Konsequenzen des wahren Engagements zur&#252;ck» (6.Dezember 1961).</p>
<p><strong> Entideologisierte Intelligenz</strong></p>
<p>Lukács hatte diese Affinit&#228;t der b&#252;rgerlichen Intelligenz zum Ideologisieren bereits drei&#223;ig Jahre vor diesem Brief beschrieben. In seinem Essay Grand Hotel Abgrund (1933) schreibt er, die Intellektuellen seien «gebannt im Zauberkreis der Ideologie» und reagierten auf die ver&#228;nderten gesellschaftlichen Bedingungen «mit einem falschen Bewusstsein», das nicht einfach vom Himmel falle oder auf einen b&#246;sartigen Charakter zur&#252;ckzuf&#252;hren sei.</p>
<p>«Die gesellschaftliche Arbeitsteilung bringt es notwendig mit sich, dass die Ideologen stets an die unmittelbar vorangegangenen und zeitgen&#246;ssischen Ideologen ankn&#252;pfen, dass sie ihre Kritik der Gegenwart stets in der Form einer Kritik der gegenw&#228;rtigen und vergangenen Ideologien vollziehen.» Sie bez&#246;gen sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf Theorien &#252;ber diese Wirklichkeit, zitierten Nietzsche, Heidegger, Sartre oder wen auch immer, und blieben in ideologischen Problemen stecken.</p>
<p>F&#252;r Lukács war Ideologie aber nicht mit Wirklichkeit identisch. Die Aufgabe der Ideologie sah er darin, «die von der &#214;konomie im gesellschaftlichen Leben ausgel&#246;sten Konflikte bewusst zu machen und auszufechten» (Ontologie). Da die Intelligenz aber die Ideologie selbst schon als Wirklichkeit einstufe, und sich als geistige Elite f&#252;r v&#246;llig unideologisch ansehe, k&#246;nne sie nicht den «Kernpunkt des Klassenkampfes, die Scheidung der Klassen, von Revolutionen und Konterrevolutionen: die Frage der Ausbeutung klar» erblicken.</p>
<p>Drei&#223;ig Jahre sp&#228;ter (1963) bezeichnet Lukács diese Eigenschaft der Intelligenz als fehlendes «ontologisches Bewusstsein», womit er ein anderes meinte als das Klassenbewusstsein, das er 1923 in Geschichte und Klassenbewusstsein beschrieben hatte. Die b&#252;rgerliche Intelligenz beziehe sich – bedingt durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, in der sie Produktion und Propaganda der Ideologie als Lebensbesch&#228;ftigung, als geistige und materielle Basis der eigenen Existenz betreibe – auf die eigenen Ideen und glaube so tats&#228;chlich an die eigene gesellschaftliche F&#252;hrerrolle, deren Bewusstsein das gesellschaftliche Sein pr&#228;ge. Daraus w&#252;rde die Negation jeglicher Ideologie abgeleitet und der «Entideologisierung» das Wort gepredigt, die den Einzelmenschen auffordere, rein rational zu handeln. Um echten Konflikten den N&#228;hrboden zu entziehen, komme es nur darauf an, sich rein «sachlich» durch rationelle Vereinbarungen und Kompromisse zu einigen.</p>
<p>In sogenannten Weiterbildungsseminaren wird diese Form der «Entideologisierung» in allen modernen Betrieben und Institutionen heute trainiert. Die Entideologisierung bedeute «die unbeschr&#228;nkte Manipulierbarkeit und Manipulation des gesamten Menschenlebens». Diese «entideologisierte» Einstellung zur Wirklichkeit, so Lukács, nehme nur den einzelnen Menschen zur Kenntnis, nicht aber das gesellschaftliche Sein, das unabh&#228;ngig vom Einzelmenschen existiere, das dieser bei Geburt vorfindet und in das er sich so oder so f&#252;gen muss. Der Fetisch der Freiheit, der auf dieser Basis der «Entideologisierung» gedeihe und den Lukács in den USA als vorherrschend kritisierte, sei ein «h&#246;chst ideologischer» Begriff, der die Menschen mit falschem Bewusstsein f&#252;lle, indem er sie von ihrer Gattungsm&#228;&#223;igkeit isoliere. Die Fetischisierung der Freiheit frage nicht nach dem sozialen Gehalt der menschlichen Beziehungen, sondern «partikularisiere» den Menschen zu einem simplen Bed&#252;rfnisatom.</p>
<p><strong>Sozialismus ist totale Demokratie</strong></p>
<p>Der Ruf nach «Freiheit, Gleichheit, Br&#252;derlichkeit» der b&#252;rgerlich-demokratischen Revolutionen schuf die politische Gleichheit der Menschen und beseitigte aristokratische Privilegien. «Dass damit die &#246;konomischen und sozialen Privilegien unangetastet blieben», so Lukács 1942, «dass die faktische &#246;konomische und soziale Nichtgleichberechtigung der Menschen erst in der vollendeten Demokratie der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ihre Widerspr&#252;che in reiner Form, auf h&#246;chster Stufe entfaltet hat, bildet das gro&#223;e Problem des Weitergehens der Menschheit &#252;ber die politische Demokratie» hinaus (Zur Kritik der faschistischen Ideologie).</p>
<p>Die «b&#252;rgerliche Art der Demokratisierung», schrieb er 1968 in Anlehnung an Marx, f&#252;hre dazu, dass f&#252;r den Menschen die anderen «Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit» bilden.</p>
<p>Lukács, der den Untergang der Sowjetunion nicht mehr erlebte, st&#252;tzte seine Theorie von der «sozialistischen Demokratie» auf die Alltagserfahrung der Menschen. Im Alltag sind die Menschen arbeitende, sich reproduzierende und genie&#223;ende. Anders als die «politische Demokratie» der b&#252;rgerlichen Art, sei die «sozialistische Demokratie» unmittelbar und total. Sie grenze die Felder der Arbeit nicht aus, wie die «politische» oder die «repr&#228;sentative Demokratie», die sich in die &#214;konomie und die Verwertung der Arbeit nicht einmischt.</p>
<p>«Die sozialistische Demokratie – basiert auf dem t&#228;tigen realen Menschen, wie er wirklich ist, wie er in seiner eigenen Alltagspraxis zu wirken gezwungen ist – verwandelt in ihrer &#228;u&#223;eren und zugleich inneren Entfaltung vom Menschen unbewusst (oder mit falschem Bewusstsein) hervorgebrachte Produkte in zielbewusst f&#252;r den Menschen selbst geschaffene Gegenst&#228;ndlichkeiten, deren Hervorbringen mithin der subjektiven T&#228;tigkeit einen Sinn, eine Erf&#252;llung verleiht, die damit den daran mitwirkenden Mitmenschen aus einer Schranke des eigenen Seins, der eigenen Praxis in deren unentbehrlichen und als solchen bejahten Mitarbeiter und Helfer verwandeln.» (Sozialismus und Demokratisierung.)</p>
<p>Die R&#228;tebewegung, entstanden 1871 in Paris, neuerweckt 1905 und 1917 in der russischen Revolution, war f&#252;r Lukács ein Beispiel f&#252;r diese «neue» Form der Demokratie, die nicht die Erfindung einzelner Revolution&#228;re sei, sondern die das Volk selbst auf die Tagesordnung der Geschichte setze. Da dieser demokratische Prozess erlernt werden m&#252;sse, forderte Lukács dazu auf, sich aktiv in die Formen der b&#252;rgerlichen Demokratie einzumischen und deren M&#246;glichkeiten demokratisch auszudehnen.</p>
<p>Sozialismus ist eben nicht einfach die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, sondern Sozialismus ist die totale Demokratie, mit deren Mitteln der Widerspruch von einzelnem Menschen und dessen Gattungsm&#228;&#223;igkeit in ein bewusstes Verh&#228;ltnis ger&#252;ckt wird, das sich nicht mehr unbewusst hinter dem R&#252;cken der Menschen, auf einem abstrakten Markt, nur zu einem falschen, weil partikularen Bewusstsein, entwickeln l&#228;sst. Der Weg zu diesem Ziel ist nicht durch den Willen einzelner Menschen, Gruppen oder Parteien – sei ihre Erkenntnisf&#228;higkeit auch noch so gro&#223; – gewaltsam zu erreichen, sondern ist ein qualitativer Sprung, der am Ende einer kontinuierlichen Steigerung des demokratischen Bewusstseins der Gesellschaft steht.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Der Landschaftsverband Rheinland und seine psychiatrischen Anstalten</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 17:40:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine dunkle Vergangenheit von Lothar Gothe Die Geschichte des Landschaftsverbands geh&#246;rt endlich aufgearbeitet. Hier die Zusammenfassung einer Rede von Lothar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine dunkle Vergangenheit</strong><br />
<em>von Lothar Gothe</em><br />
Die Geschichte des Landschaftsverbands geh&#246;rt endlich aufgearbeitet. Hier die Zusammenfassung einer Rede von Lothar Gotte vor dem Gesundheitsausschuss des NRW-Landtages am 10.Juni 2011.</p>
<p><span id="more-2569"></span>Im Jahr 1969 zog ich mit anderen APO-Leuten in das Haus Salierring 41 in K&#246;ln ein. Es war eine Art Keimzelle des sp&#228;teren SSK. In unserer WG lie&#223;en wir auch Obdachlose &#252;bernachten. So kamen Heimz&#246;glinge und Psychiatrieinsassen zu uns. Ihre Berichte &#252;ber k&#246;rperliche &#220;bergriffe, Dem&#252;tigungen, sexuellen Missbrauch, Zwangsarbeit, Freiheitsberaubungen und die Unm&#246;glichkeit, sich dagegen zu wehren, waren so ersch&#252;tternd, dass wir sie zun&#228;chst f&#252;r ma&#223;lose &#220;bertreibungen hielten. Derartige staatliche Gewalt und Rechtlosigkeit kannten wir bis dato nur aus Berichten von geflohenen Oppositionellen aus s&#252;damerikanischen und afrikanischen Diktaturen oder dem Nazireich. Heute sind diese grausamen Einzelheiten bekannt, damals geschah dies alles im Verborgenen.</p>
<p>Es stellte sich heraus, dass der Landschaftsverband Rheinland (LVR), eine Mammutbeh&#246;rde mit damals 12.000 Angestellten und einem Milliardenetat f&#252;r die rheinischen Heime und Anstalten hauptverantwortlich war. In der &#214;ffentlichkeit fast unbekannt, unterlag diese Monsterverwaltung keiner unabh&#228;ngigen Kontrolle, und es stand ihr kein demokratisch legitimiertes Parlament gegen&#252;ber. Das ist auch heute noch so.</p>
<p><strong>Menschenversuche</strong></p>
<p>Die ehemalige Abtei Brauweiler war im 19.Jahrhundert eine sog. «Arbeitsanstalt», in Nazideutschland diente ein Teil als Gestapo-Gef&#228;ngnis, nach dem Krieg brachten hier die Amerikaner sog. «Displaced Persons» unter. Danach war hier die «Rheinische Landesarbeitsanstalt», bis das Geb&#228;ude 1969 in eine Fachklinik f&#252;r Psychiatrie und Neurologie umgewandelt wurde. 1978 wurde die Klinik geschlossen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang gab es eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem SSK, nachdem der LVR gegen ein Flugblatt des SSK klagte, das dieser nach der Schlie&#223;ung verbreitet hatte. «Der Skandal ist, dass Menschen wie Vieh gehalten werden k&#246;nnen, mit D&#228;mpfungsmitteln vollgestopft … Brauweiler ist nicht ein einzelner Missstand, denn in keinem anderen Landeskrankenhaus (LKH) ist es anders als dort», hie&#223; es u.a. in dem Flugblatt. Ich wurde als Unterzeichner ohne weitere Nachpr&#252;fung per Strafbefehl wegen Beleidigung verurteilt. Im zivilrechtlichen Verfahren lie&#223; das Landgericht die &#196;u&#223;erungen jedoch zu, soweit sie Brauweiler betrafen, untersagte aber die weitergehenden.</p>
<p>&#220;ber Jahre jagte ein Skandal den n&#228;chsten: Brauweiler, D&#252;ren, Bonn usw. Keiner wurde vom LVR selbst aufgedeckt. Im Gegenteil: Verdunkeln, Vertuschen, Hausverbote, Strafanzeigen gegen uns statt gegen seine eigenen T&#228;ter waren die &#252;blichen Reaktionen.</p>
<p>Mitte der 70er Jahre wurden uns zw&#246;lf Doktorarbeiten der Universit&#228;t D&#252;sseldorf zugespielt: Die Doktoren hatten im LKH Grafenberg f&#252;r eine D&#252;sseldorfer Pharmafirma an Patienten, Zwangsuntergebrachten, eine Studie mit nicht zugelassenen Medikamenten durchgef&#252;hrt und akribisch die qualvollen, teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen notiert. Die Herren wurden nicht zur Verantwortung gezogen, wohingegen in den N&#252;rnberger Prozessen &#196;rzte verurteilt worden waren, weil sie &#228;hnlich qu&#228;lerische Versuche mit Meerwasser an KZ-H&#228;ftlingen durchgef&#252;hrt hatten.</p>
<p>Der <em>Stern</em> ver&#246;ffentliche Berichte von russischen Dissidenten &#252;ber deren Misshandlungen in den psychiatrischen Anstalten. Das Schlimmste sei, so erkl&#228;rten sie, das Haldol und beschrieben dessen schwere Nebenwirkungen. Was der KGB als Foltermittel importierte und einsetzte, war in den hiesigen Psychiatrien ein medizinischer Renner. Weil es geschmack- und geruchlos ist, lie&#223; es sich unbemerkt in Getr&#228;nken verabreichen. An Wochenenden war es Usus, dass Pfleger per «Bedarfs- verordnung» die Insassen mit einer Zusatzdosis «pflegeleicht» machten.</p>
<p>W&#228;hrend diese mit Blickstarre und aus dem Mundwinkel tropfendem Speichel im chemischen Nebel dahind&#228;mmerten, konnten jene in Ruhe Skat kloppen.Ende der 70er Jahre r&#252;gte Amnesty International in seinem Jahresbericht die Bundesrepublik wegen Menschenrechtsverletzungen in den psychiatrischen Einrichtungen. Das zugrunde liegende Beweismaterial stammte &#252;berwiegend vom SSK, es betraf in der Hauptsache die Anstalten des LVR.</p>
<p>Sp&#228;testens da w&#228;re es f&#252;r den LVR angebracht gewesen, eine scharfe Z&#228;sur durchzuf&#252;hren, die Ursachen f&#252;r die katastrophalen Tatbest&#228;nde zu erforschen und die Fehlentwicklungen offen zu legen. Unweigerlich w&#228;re aber das braune Netzwerk ans Tageslicht bef&#246;rdert worden.</p>
<p><strong>Das Tabu Klausa</strong></p>
<p>Das Haupthindernis f&#252;r einen offenen Umgang mit der «j&#252;ngsten Vergangenheit» scheint mir in der Person des Udo Klausa zu liegen, der den LVR 21 Jahre lang autorit&#228;r gef&#252;hrt und gepr&#228;gt hat. Bis heute steht er beim LVR auf einem Denkmal, an dem zu r&#252;tteln sich immer noch keiner traut.</p>
<p>Das Tabu Klausa blockiert die historische Aufarbeitung der 50er, 60er und 70er Jahre, wie man auch an der Studie «Versp&#228;tete Modernisierung» erkennen kann. Er &#252;bte unbestreitbar von 1954 bis 1975 einen beherrschenden Einfluss aus und regierte autokratisch den LVR unter souver&#228;ner Missachtung des Parlaments. Zur Aufdeckung der Ursachen des Nachkriegselends muss man seine Geisteshaltung und Vergangenheit aufdecken.</p>
<p>Weil das bisher nicht geschah, will ich dies nun anhand der mir vorliegenden, nat&#252;rlich unvollst&#228;ndigen Informationen darstellen. Dies soll ein Ansto&#223; f&#252;r eine grundlegende Forschung sein, die l&#228;ngst &#252;berf&#228;llig ist.</p>
<p>1926 trat Klausa als «gl&#252;hender Nationalist» in die illegale Reichswehr ein, 1933 «auf dringendes Anraten eines Freundes» in die NSDAP und in die SA. Von 1939 bis 1945 war er Landrat im Generalgouvernement, in einem Landkreis im annektierten Polen. 1942 habe er sich zur Wehrmacht gemeldet, weil er von den Judendeportationen erfahren habe, das Landratsamt sei dann bis Kriegsende kommissarisch von seinen Stellvertretern ausge&#252;bt worden.</p>
<p>Doch heute ist l&#228;ngst belegt, dass in jedem polnischen Landkreis gleich nach dem Einmarsch der Deutschen schlimmste Verbrechen an der j&#252;dischen und nichtj&#252;dischen Bev&#246;lkerung begangen wurden. Kaum vorstellbar also, dass Klausa nicht direkt oder indirekt daran beteiligt war.</p>
<p>Wir erfahren nichts &#252;ber seinen milit&#228;rischen Rang und den in der SA: Nach dem Krieg konnte er einen «Persilschein» seines Wehrmachtskameraden Graf Baudissin vorlegen. 1938 ver&#246;ffentlichte er beim Kohlhammerverlag die Hetzschrift «Rasse und Wehrrecht», er forderte u.a. die «Aussonderung der Entarteten», die einige Jahre sp&#228;ter unter dem Decknamen «Euthanasie» durchgef&#252;hrt wurde.</p>
<p><strong>Klausas Mitarbeiter</strong></p>
<p>Klausa ist kein Einzelfall. Der Euthanasiegutachter Friedrich Panse machte als Klinikchef Karriere, obwohl er mindestens 15 Menschen in den Tod geschickt hat und traumatisierte Soldaten mit Elektroschocks versah.</p>
<p>Auch andere rheinische Klinikchefs, die Menschen selektiert hatten, wurden sp&#228;ter wegen «Befehlsnotstand» von deutschen Gerichten freigesprochen. Welch furchtbare Situation f&#252;r &#252;berlebende Anstaltsinsassen und Heimz&#246;glinge, wenige Jahre nach Kriegsende wieder mit dem alten Nazipersonal konfrontiert zu sein!</p>
<p>Da der Landschaftsverband erst 1953 gegr&#252;ndet wurde, beg&#252;nstigte dies die Wieder- und Neubesch&#228;ftigung belasteter Nazis. Es hat den Anschein, dass hier deutlich mehr belastete Nazis als in anderen Beh&#246;rden untergekommen sind. Das k&#246;nnte die grundrechtswidrigen Verh&#228;ltnisse erkl&#228;ren, die noch mehr als 30 Jahre nach Gr&#252;ndung der Bundesrepublik vorzufinden waren, ausgerechnet in den staatlichen Einrichtungen, in welchen der Nazismus schlimmste Mordtaten ver&#252;bt hat.</p>
<p>Anstatt aber diese Hintergr&#252;nde offen zu legen herrscht bis heute eine unglaublich devote und unterw&#252;rfige Haltung gegen&#252;ber Klausa vor. Als er prunkvoll verabschiedet wurde, hatte der SSK eine Protestkundgebung vor dem Landeshaus angemeldet, welche der Polizeipr&#228;sident untersagte, das Gericht aber erlaubte. Ich wurde festgenommen. Meine «Straftat»: Ich hatte Klausa wahrheitsgem&#228;&#223; und eher verharmlosend als «Altnazi» bezeichnet! Zu seinem Abschied konnte man im Hausblatt Neues Rheinland lesen: «Wenn Klausa auf Veranstaltungen erschien, hochgereckt und formvollendet, war das in der Regel so, wie wenn sich ein Rassepferd in eine Herde von Ackerg&#228;ulen verirrt h&#228;tte.»</p>
<p>Es fiel wohl keinem der instinktlose Vergleich des Verfassers von «Rasse und Wehrrecht» mit einem Rassepferd auf.</p>
<p><strong>Bis heute</strong></p>
<p>Immer noch herrscht eine g&#228;hnende Leere, wo die historisch-kritische Auseinandersetzung mit ihm und seinesgleichen und dem Geist zu finden sein m&#252;sste, der f&#252;r die menschenverachtenden Verh&#228;ltnisse in den LVR-Einrichtungen verantwortlich ist. Die Mitarbeiter des LVR-Archivs wagen es offenbar auch nicht, zur Kl&#228;rung des LVR-Nachkriegselends beizutragen. Im Gegenteil: Statt es zu f&#246;rdern, behinderten sie gerade erst k&#252;rzlich das Sch&#252;lerprojekt des Pulheimer Gymnasiums, das die historische Aufarbeitung des Skandals um das ehemalige Landeskrankenhaus Brauweiler zum Thema hat, und versuchten, die Ver&#246;ffentlichung zu verhindern!</p>
<p>Was der LVR bis heute unterlassen hat, haben die Sch&#252;ler zumindest f&#252;r Brauweiler geleistet und werden daf&#252;r am 28.Juli durch die K&#246;rber-Stiftung im Bonner Haus der Geschichte ausgezeichnet. Welche eine schallende Ohrfeige f&#252;r den Landschaftsverband!</p>
<p>Es kann nicht l&#228;nger hingenommen werden, dass der LVR inzwischen zwar das Elend, die Menschenqu&#228;lerei und die Rechtlosigkeit seiner Schutzbefohlenen beklagt, andererseits aber die politischen Ursachen weiter im Dunkeln halten will. Ich fordere daher die &#252;berf&#228;llige, offene und ehrliche Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte – so peinlich sie auch ausfallen m&#246;ge.</p>
<p>Deshalb schlage ich vor, dass der Gesundheitsausschuss bis dahin ein Zeichen f&#252;r wahre Betroffenheit und echtes Mitgef&#252;hl setzt: Auf dem Gel&#228;nde des fr&#252;heren LKH Brauweiler soll neben die vorhandene Gedenktafel f&#252;r die Opfer des Naziterrors eine weitere f&#252;r die Nachkriegsopfer angebracht werden, da sie genauso unschuldig und grausam zu Tode gekommen sind. Drei Namen sollen exemplarisch genannt werden: Marion Masuhr, die totgespritzt wurde, Fritz Feyerabend, der beim Fluchtversuch abst&#252;rzte, und Kurt Konopka, der von Pflegern zu Tode gepr&#252;gelt wurde.<br />
<em>Lothar Gothe hat in den 70er Jahren die Sozialistische Selbsthilfe K&#246;ln und die Antipsychiatriebewegung im Rheinland mitbegr&#252;ndet, seit 20 Jahren ist er &#214;kobauer. Als politischer Aktivist ist er engagierter denn je.</em></p>
<p><em>Am 16.Juli 2011 ist um 15.35 Uhr (Wiederholung am 17.Juli um 18.05 Uhr) auf WDR5 eine Radiosendung &#252;ber ihn zu h&#246;ren: «Eine kurze Geschichte von&#8230;»</em></p>
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		<title>Daimler muss wegen Verbrechen in Argentinien vor Gericht</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 17:32:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Das kann sehr teuer werden von Gaby Weber Die Daimler AG muss sich auf einen Zivilprozess wegen «crimes against humanity» [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das kann sehr teuer werden</strong><br />
<em>von Gaby Weber</em><br />
Die Daimler AG muss sich auf einen Zivilprozess wegen «crimes against humanity» vorbereiten – Verbrechen gegen die Menschheit, die nicht verj&#228;hren. Es geht um Beihilfe zum Mord an den Betriebsaktivisten in den Jahren 1976 und 1977, als in Argentinien eine Milit&#228;rdiktatur herrschte.</p>
<p><span id="more-2566"></span>Ende Mai entschied ein US-Berufungsgericht in Kalifornien, dass f&#252;r die Klage der Angeh&#246;rigen der in Argentinien verschwundenen Daimler-Gewerkschafter die Gerichte in San Francisco zust&#228;ndig sind. Mit der Entscheidung wurde die schwierigste juristische H&#252;rde genommen, n&#228;mlich die geografische Zust&#228;ndigkeit – eine Ohrfeige f&#252;r den Konzern.</p>
<p>W&#228;hrend der Diktatur waren in der argentinischen Niederlassung von Mercedes-Benz mindestens vierzehn Betriebsr&#228;te verschleppt und ermordet worden. Das Unternehmen hatte, der vereidigten Aussage ihres Justiziars zufolge, die Folterkammern der Gener&#228;le mit Brutk&#228;sten ausgestattet – die Manager sollen sich Babys der ermordeten Regimegegnerinnen widerrechtlich angeeignet haben.</p>
<p>Strafrechtlich sind die Verantwortlichen f&#252;r diese Verbrechen bis heute nicht zur Verantwortung gezogen worden. Der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck (damals Republikanischer Anwaltsverein, heute Europ&#228;isches Zentrum f&#252;r Verfassungs- und Menschenrechte, ECCHR, <a href="http://www.ecchr.eu">www.ecchr.eu</a>), erstattete Anzeige, aber die Staatsanwaltschaft in N&#252;rnberg stellte das Verfahren ein, weil, so ihre Begr&#252;ndung, nicht nachgewiesen wurde, dass die verschwundenen Arbeiter nicht irgendwann wieder auftauchen w&#252;rden.</p>
<p>Auch in Argentinien, wo ab 2003 die Amnestiegesetze aufgehoben wurden, kamen die Ermittlungen nicht voran. Die Staatsanwaltschaft von Buenos Aires gab das Verfahren an ein Provinzgericht ab, und dort schl&#228;ft es seitdem sanft.</p>
<p>Die Hinterbliebenen reichten 2004 in den USA Klage gegen die DaimlerChrysler AG ein. Sie st&#252;tzten sich dabei auf das Alien Tort Claims Act, ein Gesetz aus dem Jahr 1789 – ein guter Jahrgang also. Das ATCA wurde damals gegen Piraten erlassen, die in der Karibik ihr Unwesen trieben. Es erlaubt, bei Gewaltverbrechen, die in internationalen Gew&#228;ssern von Ausl&#228;ndern ver&#252;bt werden, US-Gerichte anzurufen – denn die Tribunale der Bahamas oder der Cayman Islands, wo die Piraten beheimatet waren, h&#228;tten ihre Delikte kaum abgeurteilt. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gruben Menschenrechtler die Vorschrift wieder aus, um s&#252;damerikanische Folterer in den USA abzuurteilen. In Lateinamerika verhinderten Amnestiegesetze die Strafverfolgung.</p>
<p><strong>US-Justiz geht auf Distanz</strong></p>
<p>Ich &#252;berredete die Opfer von Mercedes-Benz Argentina, den Schritt in die USA zu wagen – das war damals alles andere als einfach. 2004 hatte in Buenos Aires gerade Pr&#228;sident Néstor Kirchner die Amnestiegesetze annulliert und sich selbst vor der UNO zum «Sohn der Maiplatz-M&#252;tter» erkl&#228;rt. Und in den USA lie&#223; George W. Bush die Folterkammern in Guantánamo und an anderen Orten auf Volltouren laufen. Gerade erst (2003) hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass nach dem ATCA nur noch Verfahren er&#246;ffnet werden sollten, f&#252;r die es keinen anderen, besseren Gerichtsstand g&#228;be. So wollte Corporate America verhindern, f&#252;r seine Untaten in der Dritten Welt zu Hause haftbar gemacht zu werden.</p>
<p>Daimler wiegte sich in Sicherheit, konnte sogar die Zustellung der US-Klage in Stuttgart verhindern, weil es das Oberlandesgericht Karlsruhe davon «&#252;berzeugen» konnte, dass das US-Verfahren die Sicherheit der Bundesrepublik gef&#228;hrden w&#252;rde (<a href="http://www.gabyweber.com/prozesse">www.gabyweber. com/prozesse</a>).</p>
<p>Noch unter Bush verloren die Kl&#228;ger die erste Instanz, die Hinterbliebenen sollten in Deutschland oder in Argentinien klagen, meinte der Richter. Dann gewann Barack Obama die Wahlen und die Stimmung kippte. Trotzdem urteilte im August 2009 der District Court in San Francisco gegen die Zust&#228;ndigkeit, die deutsche Bundeskanzlerin soll zuvor ihrem Amtskollegen ihre Bedenken vorgetragen haben.</p>
<p>Von den drei Richtern hielt einer, Stephen Reinhardt, im Urteil seine dissidente Meinung fest. Ausl&#228;ndische Konzerne, die auf dem US-Markt hohe Profite einfahren, m&#252;ssten sich auch der US-Gerichtsbarkeit stellen. So erziele die Daimler AG 45% ihres gesamten Gewinnes aus Verk&#228;ufen in den USA, allein aus Kalifornien stammten 2,4%. Das Stuttgarter Unternehmen sei alleiniger Inhaber des Aktienkapitals von Mercedes-Benz-USA, die Niederlassung m&#252;sse alle Werbekampagnen und die Besetzung von Chefposten absegnen lassen. Doch Reinhardt wurde &#252;berstimmt.</p>
<p>Der US-Opferanwalt Terry Collingworth beantragte zwar noch die Einberufung des Gro&#223;en Senats zu dem Fall, aber den Weg zum Obersten Gerichtshof wollte er nicht beschreiten, um einen negativen Pr&#228;zedenzfall zu vermeiden.</p>
<p><strong>Stimmungsumschwung</strong></p>
<p>Damit schien der Rechtsweg in den USA ausgesch&#246;pft. «Wir stehen wieder vor der Wand», sagte damals Graciela Gigena, eine der Witwen, «gegen so viel Macht gibt es keine Gerechtigkeit.» War es ein Fehler gewesen, die US-Justiz angerufen zu haben, fragte ich die Kl&#228;gerinnen. Denn jedesmal schmerzt die Erinnerung an die Morde von damals. Nein, war die Antwort, der Versuch hatte sich gelohnt. Und von den feinf&#252;hlenden Worten des dissidenten US-Richters Reinhardt in der Urteilsbegr&#252;ndung waren die Kl&#228;gerinnen sichtlich ger&#252;hrt, Tr&#228;nen sind geflossen. Dies schrieb ich Richter Reinhardt.</p>
<p>Was danach, hinter den Kulissen, passierte, geht aus den Akten nicht hervor. Aber Anfang letzten Jahres setzten sich die drei Richter erneut zusammen, annullierten ohne Begr&#252;ndung ihr eigenes Urteil und beschlossen, in Pasadena erneut &#252;ber die Zust&#228;ndigkeit verhandeln zu lassen. Die US-Anw&#228;lte rechneten nicht mit einem schnellen Urteil – vor allem da Ende 2010 ein New Yorker Berufungsgericht in einem Verfahren gegen Shell (Nigeria) beschlossen hatte, dass das Alien Tort Claims Act nur noch gegen Individuen, aber nicht gegen Unternehmen anzuwenden sei.</p>
<p>Menschenrechtsorganisationen k&#252;ndigten daraufhin den Gang zum Supreme Court an – und niemand rechnete damit, dass die kalifornischen Richter noch vor dem Obersten Gerichtshof entscheiden w&#252;rden. Das Gegenteil passierte. Nunmehr ist klar, dass sich die Daimler AG nicht mehr hinter technischen Zust&#228;ndigkeitsfragen verstecken kann – «ein riesiger Erfolg f&#252;r die Menschenrechtsbewegung», so der Generalsekret&#228;r des ECCHR, Klack.</p>
<p><strong>Augen zu und durch</strong></p>
<p>Das Stuttgarter Unternehmen hat angek&#252;ndigt, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen – damit kann es ein paar Monate gewinnen. Aber die Entscheidung ist getroffen, Daimler’s Standing in den USA, immerhin sein gr&#246;&#223;ter Absatzmarkt, scheint in Mitleidenschaft gezogen zu sein – nicht zuletzt, weil es in Wall Street nicht mehr gelistet ist. Es will nicht, dass die US-B&#246;rsenaufsicht SEC in seine B&#252;cher schaut.</p>
<p>Der schw&#228;bische Autobauer wird sich also f&#252;r seine Beteiligung an den Morden in San Francisco verantworten m&#252;ssen – in &#246;ffentlicher Verhandlung, mit Zeugen, Geschworenen und Journalisten.</p>
<p>Warum, fragen sich Beobachter, hat das Unternehmen zu keinem Zeitpunkt versucht, auf andere Weise Verantwortung f&#252;r die Geschehnisse zu &#252;bernehmen? Ein Zivilprozess bedeutet mit Sicherheit einen erheblichen Imageschaden und birgt das Risiko einer astronomischen Geldstrafe.</p>
<p>Seit 1999 recherchiere ich zu Mercedes-Benz Argentina, in drei Kontinenten bringen seitdem Anw&#228;lte den Fall vor die Gerichte. Auch wenn die anzeigenabh&#228;ngige Presse dazu vornehm schweigt, die Vorw&#252;rfe sind der interessierten &#214;ffentlichkeit bekannt, wurden mehrfach auf den Aktion&#228;rsversammlungen dargelegt. Ein britischer oder ein US-Konzern h&#228;tte in einer solchen Situation vermutlich einen externen Krisenberater hinzugezogen. Und der h&#228;tte geraten: Holt die Kuh vom Eis und entschuldigt euch mit sch&#246;nen Worten!</p>
<p>Doch Schrempp, Zetsche und die Aufsichtsr&#228;te r&#252;hrten keinen Finger. Ihnen fiel nichts besseres ein, als nur auf Zeit zu spielen – nach der Devise: Soll es doch mein Nachfolger richten. Doch sp&#228;testens mit dem Urteil vom Mai ist das Eis gebrochen. Es wird ernst f&#252;r die Daimler AG. Jetzt hat sie es nicht mehr mit einer Handvoll Menschenrechtsbewegter zu tun, sondern mit der US-Justiz, und das kann sehr teuer werden.</p>
<p><em>Gaby Weber arbeitet als Journalistin und verfolgt den Fall Daimler seit 1999, seit sie ihn das erste Mal im WDR &#246;ffentlich machte. Mehr zum Thema auf:</em> <a href="http://www.gabyweber.com">www.gabyweber.com</a></p>
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		<title>Frauenfu&#223;ball-WM</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 15:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Playboy und Barbiekick von Reinhard Krennbrunner, Clemens Schotola, Nicole Selmer Am 26.Juni wurde im Berliner Olympiastadion die 6.Frauenfu&#223;ball-WM er&#246;ffnet. Und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Playboy und Barbiekick<br />
</strong><em>von Reinhard Krennbrunner, Clemens Schotola, Nicole Selmer</em></p>
<p>Am 26.Juni wurde im Berliner Olympiastadion die 6.Frauenfu&#223;ball-WM er&#246;ffnet. Und noch immer tut sich die M&#228;nnerwelt schwer damit, darin nicht mehr zu sehen als ein sportliches Ereignis auf hohem Niveau.</p>
<p><span id="more-2555"></span>Dass die Inszenierung der diesj&#228;hrigen Frauenfu&#223;ball-WM in Deutschland als Massenevent aufgeht, daran besteht inzwischen kein Zweifel mehr. Auch dank moderater Preise – Vorrundentickets ab 10 (erm&#228;&#223;igt) bzw. 20 Euro – gingen in den ersten vier Verkaufsphasen bis Mitte M&#228;rz 515.000 Karten &#252;ber die Schalter, die restlichen 285.000 d&#252;rften ebenso ihre Abnehmer finden. Im fu&#223;ballverr&#252;ckten Deutschland wird selbst das Spiel zwischen Australien und &#196;quatorialguinea vor f&#252;nfstelliger Zuschauerzahl &#252;ber die B&#252;hne gehen.</p>
<p>«Die Spiele werden gro&#223;artig besucht sein. Es wird ein Eventpublikum hingehen und auch viele fu&#223;ballbegeisterte M&#228;nner», sagt der US-Politologe und Kulturwissenschaftler Andrei Markovits. «Ich war schon 1999 und 2003 bei den Weltmeisterschaften dabei, auch da waren die Stadien voll.</p>
<p>Aber bei der amerikanischen Women’s Professional Soccer schaut es schon ganz anders aus. Die Liga hat in den wenigen Jahren ihrer Existenz Millionen Dollar Verlust eingefahren. Ein Team nach dem anderen macht zu, obwohl sie die besseren internationalen Spielerinnen haben», so der Autor des Buchs <em>Im Abseits</em>.<em> Fu&#223;ball in der amerikanischen Sportkultur</em>. Eine Fu&#223;ballrevolution durch die WM sagt Markovits daher auch nicht f&#252;r Deutschland voraus. «Frauen- und M&#228;nnerfu&#223;ball sind zwei Welten, das ist wie Leichtgewicht und Schwergewicht. Das Event wird gro&#223;, aber das, was eine bestimmende Kampfsportart wie den M&#228;nnerfu&#223;ball ausmacht, ist nicht das Event, sondern was vorher und nachher passiert.»</p>
<p>Allgemein gilt die mangelnde Aufmerksamkeit in den Medien auch in Deutschland weiterhin als Grundproblem des Frauenfu&#223;balls. Bessere Vermarktung ist gefragt, aber wie?</p>
<p>Birgit Prinz hat darauf schon nach dem ersten WM-Titel im Jahr 2003 eine Antwort gefunden: «Wir wollen unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern», sagt die Nationalst&#252;rmerin. Diese Haltung mag Prinz weiterhin vertreten, beim DFB ist man indes offen f&#252;r andere Perspektiven. Teammanagerin Doris Fittichen gab zu Beginn des WM-Jahres die Parole aus, die Spielerinnen per Werbespots und Fotoshooting nicht nur als Fu&#223;ballerinnen, sondern als «interessante Pers&#246;nlichkeiten» zu vermarkten. Und sollte eine von ihnen ihre Pers&#246;nlichkeit durch Fotos im Playboy noch interessanter gestalten wollen, w&#252;rde man ihr keine Steine in den Weg legen.</p>
<p>Im Februar 2011 pr&#228;sentierte der DFB die WM-Barbies: Unikate, gefertigt nach dem Vorbild von Nationaltrainerin Silvia Neid und – ausgerechnet – Birgit Prinz. Die tauchte zur Pressekonferenz gar nicht erst auf, daf&#252;r erz&#228;hlte Neid, dass sie als Kind lieber mit B&#228;llen und Autos gespielt habe. Das ist vielleicht sympathisch, aber vermarktungstechnisch nicht gelungen. «Wenn ich eine Aktion wie die Barbies mache, dann muss ich auch wirklich dazu stehen», sagt Daniel Schaaf. Die Kommunikationswissenschaftlerin forscht, gef&#246;rdert durch ein Stipendium der FIFA, an der Deutschen Sporthochschule in K&#246;ln zur Vermarktung von Frauenfu&#223;ball. Was Sponsoren Frauenfu&#223;ball interessiert, hat Schaaf in Befragungen ermittelt, die Antwort lautet: eher das Frausein als der Fu&#223;ball. «Bei der Vermarktung von Sportlerinnen geht es um drei Dinge: den Bekanntheitsgrad, die Medienpr&#228;senz auch au&#223;erhalb der Sportberichterstattung und eine hohe physische Attraktivit&#228;t mit Sexappeal.»</p>
<p>Damit hat die j&#252;ngere deutsche Spielerinnengeneration, die 2007 den zweiten WM- und 2009 den EM-Titel holte, einen merklich entspannteren Umgang als Prinz. Im Werbespot eines Elektroh&#228;ndlers z&#252;cken Kim Kulig, Simone Laudehr und Celia Okoyino da Mbabi unter dem Motto «Die sch&#246;nste WM aller Zeiten» auf dem Fu&#223;ballplatz erst Lippenstift und Rougepinsel, bevor der Ball im Tor landet. Mit dabei ist auch Lica Bajramaj, Die Hauptverantwortliche daf&#252;r, dass die «Attraktivit&#228;t» des Frauenfu&#223;balls mehr als nur eine sportliche Bedeutung bekommen hat. Bajramaj plaudert gern &#252;ber ihre Vorliebe f&#252;r Kosmetik und Shoppen, schie&#223;t im ZDF-Sportstudio in High Heels auf die Torwand – und trifft. Durch Interviews und Werbung ist sie aktuell die deutsche Nationalspielerin mit der weitaus gr&#246;&#223;ten Medienpr&#228;senz.</p>
<p>Eine Rechnung, die derzeit noch aufgeht, bei der jedoch eine Gefahr droht: Steht die Fokussierung auf pers&#246;nliche Aspekte und physische Attraktivit&#228;t einer Spielerin nicht mehr im Verh&#228;ltnis zur Leistung, hat man es mit dem «Kurnikowa-Syndrom» zu tun – benannt nach der russischen Tennisspielerin Anna Kurnikowa, die &#252;ber ihr erotisches Kapital bei eher mittelm&#228;&#223;igem K&#246;nnen eine sehr gro&#223;e Bekanntheit erlangt hat. Dazu Daniel Schaaf: «Im Teamsport kann es passieren, dass sich Medien und Sponsoren nur auf attraktive Spielerinnen st&#252;rzen und echte Leistungstr&#228;gerinnen au&#223;en vor bleiben, so etwas birgt nat&#252;rlich mittelfristig auch Gefahren f&#252;r ein Mannschaftsgef&#252;ge.»</p>
<p>Eine Sorge, die Markus Juchem vom Frauenfu&#223;ballblog <a href="http://www.womensoccer.de">womensoccer.de</a> teilt: «In den Medien gibt es momentan eine Tendenz zur Boulevardisierung. Manche Redaktionen interessieren sich nicht sehr stark f&#252;r den sportlichen Faktor, sondern mehr f&#252;r das Drumherum. F&#252;r eine gr&#246;&#223;ere Bekanntheit des Frauenfu&#223;balls ist es wichtig, dass beide Bereiche vorankommen.» Dabei ist der sportliche Druck, der auf dem deutschen Team lastet, gro&#223; genug: Bereits der Vizeweltmeistertitel w&#228;re wom&#246;glich entt&#228;uschend, gutes Aussehen hin oder her. Dennoch wird der Lohn eines sportlichen Erfolgs nicht gerecht geteilt werden, sagt Daniel Schaaf. «Der WM-Titel ist elementar, aber es werden nicht alle in gleicher Weise davon profitieren. Das konnte man auch beim Sieg der USA im eigenen Land 1999 sehen, an dem vor allem Mia Hamm und Brandy Chastain verdient haben.»</p>
<p>Die Begeisterung f&#252;r Bajramaj resultiert auch daraus, dass sie einen gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Abstand zur wortkargen Lesbe mit dicken Oberschenkeln darstellt, die sich zum Frisieren nur mit den Fingern durch den Kurzhaarschnitt streicht. Der «Lesbensport» Frauenfu&#223;ball ist f&#252;r Sponsoren und Journalisten weiterhin lebendig und negativ belegt. Aber gerade die Spielerinnen der j&#252;ngeren Generation wollen zeigen, dass die Zukunft des Fu&#223;balls nicht nur weiblich ist, sondern eben auch so aussieht. «Wir sind keine Mannweiber!», sagte etwa U20-Weltmeisterin und Bayern-Spielerin Stefanie Mirlach. Derzeit klafft noch ein gro&#223;er Abgrund zwischen den stereotypen Vorstellungen der unattraktiven Fu&#223;balllesbe, &#252;ber die m&#246;glichst nichts Pers&#246;nliches berichtet wird, und der attraktiven Kickern, die es zu vermarkten gilt.</p>
<p>Die kreative L&#246;sung l&#228;ge woanders, n&#228;mlich in einer Abbildung der tats&#228;chlichen Vielfalt der Spielerinnen. Da h&#228;tte man neben der wenig auskunftsfreudigen Birgit Prinz etwa die schlagfertige Torfrau Nadine Angerer, die sich als bisexuell geoutet hat. Oder U20-Weltmeisterin Alexandra Pop, f&#252;r Daniela Schaaf «eher so der Typ ‹Girl next door›, mit der sich viele M&#228;dchen identifizieren k&#246;nnen».</p>
<p>Dass das volle Spektrum der Spielerinnen in der Vermarktung nicht zum Tragen kommt, erkl&#228;rt sich Schaaf durch den mangelnden Mut der Sponsoren: «Sie setzen lieber auf eine 08/15-Attraktivit&#228;t nach klassischen m&#228;nnlichen Pr&#228;ferenzen. Das hat auch damit zu tun, dass die Entscheidungstr&#228;ger in den Firmen ebenso wie die Sportjournalisten &#252;berwiegend M&#228;nner sind.»</p>
<p>Adressiert wird mit der WM allerdings eine wesentlich vielf&#228;ltigere Zielgruppe: Frauenfu&#223;ball ist nicht Fu&#223;ball f&#252;r Frauen oder gar attraktive Frauen f&#252;r M&#228;nner. Wie bei den Gro&#223;ereignissen der M&#228;nner steht auch bei der WM 2011 eine breitere Basis im Fokus: die Familie mit ihren Kauf- und Konsumgewohnheiten. Perfekt formuliert das FIFA-Partner Hyundai in seinem Claim «F&#252;r die besten Teams der Welt: Familien».</p>
<p><em>Auszug aus: «Einen Sommer lang fliegen». Mit freundlicher Genehmigung von: </em>ballesterer<em> (Wien), Magazin zur offensiven Erweiterung des Fu&#223;ballhorizonts, Nr.62, Mai 2011. Die monatlichen Ausgaben finden sich auf </em><a href="http://www.ballesterer.at">www.ballesterer.at</a>.</p>
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		<title>El Cimarrón</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Apr 2011 15:35:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zum 85.Geburtstag von Hans Werner Henze Zu Ehren des 85-j&#228;hrigen Hans Werner Henze veranstaltete die Werkstatt des Berliner Schillertheaters zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zum 85.Geburtstag von Hans Werner Henze</strong></p>
<p>Zu Ehren des 85-j&#228;hrigen Hans Werner Henze veranstaltete die Werkstatt des Berliner Schillertheaters zu Beginn dieses Jahres einen Zyklus von Auff&#252;hrungen seiner Komposition «El Cimarrón». Das St&#252;ck gilt als eindrucksvolles Beispiel f&#252;r eine zeitgen&#246;ssische Weiterentwicklung politisch engagierter Musik und wird seit Jahrzehnten immer wieder neu arrangiert.</p>
<p><span id="more-2196"></span>Die Idee dazu entstand 1968 in einem Gespr&#228;ch Henzes mit Hans Magnus Enzensberger, der auch das Libretto f&#252;r Henzes Komposition verfasste. Beide vereinte damals der Wunsch, neuartige politische Songs zu kreieren, ankn&#252;pfend an die Tradition von Eisler und Weill. Enzensberger erz&#228;hlt die Geschichte des Kubaners Esteban Montejo, einem damals noch lebenden entlaufenen Sklaven, eines Cimarrón, dessen Erinnerungen der kubanische Schriftsteller Miguel Barnet durch Tonbandaufnahmen gesichert hatte. Enzensberger schlug Henze vor, diesen Stoff zur Grundlage des Vorhabens zu machen.</p>
<p>Beide konnten Esteban, den Enzensberger trotz seiner 104 Jahre als ungebrochenen, ernsten und hochintelligenten Mann bei bester Gesundheit beschrieb, noch pers&#246;nlich kennenlernen. Der Cimarrón kehrte nach der Aufhebung der Sklaverei wieder auf die Zuckerrohrfelder zur&#252;ck und musste erfahren, dass die neuen Aufseher die alten waren. Er hatte am Unabh&#228;ngigkeitskrieg von 1895 auf Seiten der Aufst&#228;ndischen teilgenommen, trat sp&#228;ter der Sozialistischen Partei bei und schloss sich fr&#252;h der kubanischen Revolution an.</p>
<p>Henze komponierte das St&#252;ck f&#252;r einen Vokalisten, Fl&#246;tisten, Gitarre und verschiedenste Schlaginstrumente. Die Partitur ist nur zum Teil durchkomponiert. Es gibt Stellen, an denen nur eine Grafik Anhaltspunkte f&#252;r denkbare musikalische Umsetzungen gibt. Oft sind nur einzelne T&#246;ne angegeben. Lautst&#228;rke, Phrasierung und Rhythmus zu entwickeln bleibt den musikalischen Akteuren selbst &#252;berlassen, die so eine gro&#223;e Freiheit haben und das St&#252;ck mitbestimmen. So werden unterschiedlichste, den 15 Kapiteln der Lebensgeschichte nachempfundene, Klangbilder erzeugt. Der folgende Text ist eine Auswahl der vertonten Texte.</p>
<p><strong>Jochen Gester</strong></p>
<p><em>Zum Nachlesen und Nachh&#246;ren:</em></p>
<p><em>Miguel Barnet, Der Cimarrón. Die Lebensgeschichte eines entlaufenen Negersklaven in Cuba, Frankfurt: Suhrkamp, 1999</em></p>
<p><em>Audi CD: El Cimarrón von William Pearson und Hans Werner Henze (Komponist), Deutsche Grammophon. 14,99 Euro, MP3 zum herunterladen, 9,63 Euro.</em></p>
<p><strong>I DIE WELT</strong></p>
<p>Fr&#252;her, in der Zeit der Sklaverei, habe ich oft in den Himmel geschaut. Die Farbe des Himmels gef&#228;llt mir sehr. Einmal hat er sich verf&#228;rbt wie eine Kohlenglut, und es gab eine entsetzliche D&#252;rre. Ein anderes Mal verfinsterte sich &#252;ber der ganzen Insel die Sonne mitten am Tag. Es war, als ob der Mond mit der Sonne k&#228;mpfte. Die Welt ging r&#252;ckw&#228;rts.</p>
<p>Manche verloren die Sprache. Andere hat der Schlag getroffen. Ich wei&#223; nicht, woher diese Dinge kommen. Die Natur bringt sie hervor. Die Natur ist alles, auch das, was man nicht sehen kann.</p>
<p>&#220;ber den Menschen sind die G&#246;tter. Ich wei&#223;, dass sie fliegen k&#246;nnen. Alles, wozu sie      haben, bringen sie fertig durch Zauberei.</p>
<p>Warum haben sie nichts gegen die Sklaverei getan? Das geht mir im Kopf herum wie ein Rad.</p>
<p>Angefangen hat die Sklaverei mit den mohnroten T&#252;chern. Fr&#252;her war ganz Afrika mit der alten Mauer umgeben. Die alte Mauer war aus Palmen gemacht, und es wohnten Insekten in ihr, die wie der Teufel stachen und bissen. Deshalb konnten die Wei&#223;en nicht in Afrika eindringen. Bis es ihnen einfiel, auf dem Schiff die roten T&#252;cher zu schwenken.</p>
<p>Als die schwarzen K&#246;nige das sahen, riefen sie: Lauf! Bring mir das rote Tuch! Und die Schwarzen liefen wie L&#228;mmer auf das Schiff und wurden eingesteckt. Die Schwarzen haben immer eine Vorliebe f&#252;r die Farbe Rot gehabt. Das war ihr Verderben. So sind sie nach Kuba gekommen.</p>
<p><strong>II DER CIMARRÓN</strong></p>
<p>Weil ich ein Cimarrón war, habe ich meine Eltern nie kennengelernt. Nicht einmal gesehen habe ich sie. Das ist nicht traurig, denn es ist die Wahrheit. Meine Paten haben mir gesagt, wann ich geboren bin: Im Jahr 1860, am Tag des heiligen Esteban, wie er im Kalender steht. Deshalb hei&#223;e ich Esteban.</p>
<p>Damals haben die Herren die Schwarzen verkauft, als w&#228;ren es Ferkel. Mich auch. Ich kam auf die Zuckerplantage Flor de Sagua. Mit zehn Jahren lief ich zum ersten Male auf und davon. Sie fingen mich und schlugen mich mit der Kette, dass ich es heute noch sp&#252;re. Dann legten sie mir die Handschellen an und schickten mich wieder aufs Feld.</p>
<p>Die Leute schufteten damals wie Str&#228;flinge. Heute will es mir keiner glauben, aber ich habe es selbst erlebt. Wenn ein schwarzes Kind h&#252;bsch und zierlich war, nahmen die Herren es ins Haus und stellten wer wei&#223; was mit ihm an.</p>
<p>Den ganzen Tag stand so ein Junge mit dem Fliegenwedel an dem Tisch, denn die Herren fra&#223;en den ganzen Tag. Wenn ihnen eine Fliege ins Essen fiel, fluchten sie und lie&#223;en ihn verpr&#252;geln.</p>
<p>Ich bin nie im Herrenhaus gewesen.</p>
<p><strong>III DIE SKLAVEREI</strong></p>
<p>Um halb f&#252;nf Uhr fr&#252;h l&#228;utete der Aufseher das Ave Maria. Beim neunten Schlag mussten die Sklaven auf den Beinen sein. Um sechs Uhr schlug die Glocke zum Appell auf dem Platz vor den Baracken, die Frauen links, die M&#228;nner rechts. Es war ein weiter, staubiger Platz. Dort gab es keinen einzigen Baum. Keine Palme, keine Zeder, keinen Feigenbaum. Dann wurden wir auf die Zuckerfelder getrieben. Wir arbeiteten, bis die Sonne unterging. Dann l&#228;utete es zum Gebet. Um neun Uhr schlug die letzte Glocke und der Aufseher legte das gro&#223;e Schloss vors Tor.</p>
<p>In der Sklaverei habe ich gro&#223;e Schrecken gesehen. Im Kesselhaus der Siederei war der Stock. Der Stock war aus dicken Bohlen gemacht, und er hatte f&#252;nf L&#246;cher, f&#252;r den Kopf, die H&#228;nde und die F&#252;&#223;e. Wegen einer Bagatelle, wegen einem Dreck wurden die Sklaven in den Stock geschlagen, zwei oder drei Monate lang. Die Lederpeitsche sa&#223; den Aufsehern locker, die schwangeren Frauen legten sie auf den Bauch, damit das Kind nicht verloren ging. Ich habe viele meiner Br&#252;der mit roten Schultern gesehen. Die zerrissene Haut rieb man mit nassen Tabakbl&#228;ttern, mit Salz und mit     e ein. Das brannte wie Feuer.</p>
<p><strong>IV DIE FLUCHT</strong></p>
<p>Von einem solchen Leben wollte ich nichts mehr wissen.</p>
<p>Wer da blieb, der war ein Niemand. Ich wollte fliehen.</p>
<p>Immer dachte ich an die Flucht.</p>
<p>Oft konnte ich nicht einschlafen, weil ich an die Flucht dachte. Die meisten Sklaven f&#252;rchteten sich vor dem Leben in den Bergen. Eingefangen wirst du doch, sagten sie. Ich dachte mit aber: im Wald ist es besser. Und ich wusste, die Arbeit auf dem Feld, das war wie die H&#246;lle.</p>
<p>Da nahm ich mir den Aufseher vor und lie&#223; den Hund nicht mehr aus den Augen. Ich seh ihn heute noch. Nie nahm er seinen Hut ab. Die Schwarzen f&#252;rchteten ihn. Mit einem Schlag konnte er einem das Fell in Fetzen hauen. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus.</p>
<p>Die Wut fra&#223; mich an wie ein Feuer.</p>
<p>Ich pfiff, und er drehte sich um. Da habe ich einen Stein genommen und ihn mitten in seine Fresse geworfen. Ich habe gut getroffen. Das wei&#223; ich, denn er schrie: Haltet ihn fest!</p>
<p>Ich rannte und blieb nicht mehr stehen, bis ich allein war, in den Bergen, im Wald.</p>
<p><strong>XI DER AUFSTAND</strong></p>
<p>Dann kam die Zeit, wo alle Welt anfing, vom Aufstand zu reden. Es roch nach Krieg.</p>
<p>Mit den Spaniern, hie&#223; es, ist es aus und vorbei, und ¡Viva Cuba libre! Ich h&#246;rte mir alles an und sagte kein Wort.</p>
<p>Die Revolution gefiel mir. Ich hielt gro&#223;e St&#252;cke auf die          en, weil sie ihren Hals riskierten und keine Furcht hatten. Aber t&#228;usche dich nicht! Der Krieg bringt das Vertrauen unter den Menschen um. Deine Br&#252;der sterben neben dir, und du kannst nichts f&#252;r sie tun. Wenn alles vorbei ist, kommen die schlauen Ratten aus den L&#246;chern und machen sich einen guten Tag. Und doch kannst du dich nicht verdr&#252;cken, wenn das Elend zu gro&#223; wird. Du musst dich schlagen, sonst bist du nichts wert.</p>
<p>Die Schwarzen haben nicht lang gefragt, wozu die Revolution da war. Der Krieg musste sein. Niemand wollte mehr die Ketten leiden, das schlechte Fleisch essen und im Morgengrauen auf das Feld gehen.</p>
<p>Es war nicht recht, dass die Wei&#223;en alles hatten, und dass es keine Freiheit gab.</p>
<p>Deshalb zogen wir in den Befreiungskrieg. Es ging um unsere Haut. Wer zu Hause blieb, hatte keine Freunde mehr.</p>
<p>Er starb vor Traurigkeit.</p>
<p><strong>XIV DIE FREUNDLICHKEIT</strong></p>
<p>Das beste, was es gibt, ist, wenn die Menschen wie Br&#252;der zueinander sind. In der Stadt gibt es das nicht oft. In der Stadt gibt es zuviel Reiche. Die Reichen glauben, sie sind die Herren der Welt, und sie helfen keinem Menschen. Auf dem Lande ist es anders. In unserer Gegend waren wir zu unseren Nachbarn wie Br&#252;der. Jeder half dem andern, wenn es um die Aussaat, eine Fuhre oder ein Begr&#228;bnis ging. Eine Palmh&#252;tte zum Beispiel war leicht gebaut und gedeckt, in zwei oder drei Tagen. Alle halfen zusammen. Wir wussten, einer allein wird leicht m&#252;de und richtet nicht viel aus. Was sich in solchen Sachen zeigt, das ist die Freundlichkeit. Viel ist nicht von ihr &#252;brig geblieben auf der Welt. Die Leute sind mir zu feindlich. Deswegen bin ich gern allein.</p>
<p><strong>Zur Person: Hans Werner Henze</strong></p>
<p>wurde 1926 als erstes von sechs Kindern des Lehrers Franz Henze in G&#252;tersloh geboren, der ein bekennender      war und auf die Entdeckung der homosexuellen Neigungen seines Sohnes diesem erkl&#228;rte, «so etwas wie er geh&#246;re ins KZ».</p>
<p>Durch zwei Rundfunkopern, mehrere Sinfonien und Solokonzerte konnte sich Henze schon 1952 als einer der f&#252;hrenden Komponisten seiner Generation profilieren. Besonderes Interesse entwickelte er an der Zw&#246;lftontechnik Sch&#246;nbergs, die er sich autodidaktisch aneignete. Entt&#228;uscht vor allem durch das restaurative politische Klima in Deutschland ging er 1953 nach Italien und trat dort der KP bei.</p>
<p>Sein politische Engagement machte in Deutschland immer wieder Schlagzeilen. So weigerten sich Mitwirkende, bei der Urauff&#252;hrung seiner Oper Das Flo&#223; der Medusa 1968 in Westberlin unter einer roten Fahne und dem Portr&#228;t von Ernesto Che Guevara aufzutreten. Seine 9.Symphonie widmete der Komponist «den Helden und M&#228;rtyrern des deutschen Antifaschismus».</p>
<p>Bis in die 90er Jahre hat Henze seine Werke dirigiert und teilweise auch inszeniert.</p>
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		<title>Ein Fest zum 80. ohne Bernhard?</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 13:02:06 +0000</pubDate>
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