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	<title>SoZ - Sozialistische Zeitung &#187; Im Gespräch</title>
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		<title>«Die vorgeschlagenen Wege vertiefen die EU-Krise nur»</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 17:12:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Joachim Hirsch pl&#228;diert f&#252;r eine wirkliche politische Union K&#246;nnen sich die Regierungen den Erpressungen der Banken und des Finanzkapitals widersetzen? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Joachim Hirsch pl&#228;diert f&#252;r eine wirkliche politische Union</strong></p>
<p>K&#246;nnen sich die Regierungen den Erpressungen der Banken und des Finanzkapitals widersetzen? Ja, sagt Joachim Hirsch, emeritierter Professor f&#252;r Politikwissenschaft der Universit&#228;t Frankfurt. Doch dazu m&#252;ssen sie sich radikal von der neoliberalen Politik abwenden, die immer noch bestimmend ist. Die Frage, ob es einen Ausweg aus der Krise gibt, ist also letzten Endes eine politische und sie erfordert einen Systemwechsel. Die «L&#246;sungen», die derzeit gehandelt werden, werden die Krise eher versch&#228;rfen; dabei geht es auch nicht um mehr oder weniger Europa, sondern um jeweils unterschiedliche Auffassungen vom «nationalen Interesse».<br />
<span id="more-3748"></span>Joachim Hirsch ist Vorstandsmitglied der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico international und Redaktionsmitglied der Internetplattform links-netz.de.</p>
<p>Von Joachim Hirsch erschien zuletzt Der Staat der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Zum Staatsverst&#228;ndnis von Karl Marx, Baden-Baden: Nomos, 2008.</p>
<p><strong>«Die Ursache der Krise liegt nicht bei den Banken, sondern in den Staatsschulden», sagte Josef Ackermann vor dem EU-Gipfel Ende Oktober, der die Erweiterung des Rettungsschirms und eine Erh&#246;hung der Eigenkapitalausstattung der Banken beschloss. Landauf, landab ist der Abbau der Staatsschulden zum g&#228;ngigen Credo geworden. Vor drei Jahren waren die Banken noch die Buhm&#228;nner, ihre Verantwortung f&#252;r die Finanzkrise stand au&#223;er Zweifel. Wie ist ein solcher Stimmungswechsel in so kurzer Zeit m&#246;glich?</strong></p>
<p>Die Aussage von Ackermann ist insofern richtig, als es tats&#228;chlich das Problem der Staatsverschuldung gibt, nicht nur in der Eurozone, sondern im globalen Ma&#223;stab. Dies droht die Eurozone auseinander zu sprengen, weil jenseits der &#246;konomischen Integration keine gemeinsame Haushalts- und Finanzpolitik existiert. Hier r&#228;cht sich der Mangel an politischer Integration, der dem Konstrukt EU von Beginn an zugrunde liegt. Wichtig ist aber auch, dass die relative &#246;konomische Stabilit&#228;t des Kapitalismus zumindest in den letzten beiden Jahrzehnten im globalen Ma&#223;stab nur durch eine ausufernde Staatsverschuldung gew&#228;hrleistet werden konnte. Sonst w&#228;re die Krise schon sehr viel fr&#252;her ausgebrochen. Ihre Gr&#252;nde liegen also tiefer.</p>
<p>Die Chuzpe von Ackermanns &#196;u&#223;erung liegt darin, dass es genau die «Rettung» der Banken war, die nach dem Ausbruch der Krise 2008 die Staatsverschuldung weiter in die H&#246;he getrieben hat. Und dieses Spiel geht munter weiter. Die gegenw&#228;rtigen «Rettungsma&#223;nahmen» haben ebenfalls das Ziel, die Banken vor enormen Verlusten zu bewahren, die ihnen infolge wertloser Staatsanleihen drohen und an denen sie bisher sehr gut verdient haben.</p>
<p>Es geht also nicht so sehr um die Rettung von L&#228;ndern, die durch die Sparpolitik weiter in den Ruin getrieben werden, sondern eben um die der Banken, und zwar aus Steuermitteln, d.h. erneut zulasten der Staatsverschuldung. Genau genommen haben alle «Rettungsma&#223;nahmen» die Wirkung, die Krise weiter zu versch&#228;rfen.</p>
<p>Im &#220;brigen bin ich nicht ganz sicher, ob es einen Stimmungsumschwung gibt, durch den die Banken aus dem Schneider w&#228;ren. Immerhin stehen sie z.B. bei der sog. «Occupy»-Bewegung nach wie vor im Zentrum der Kritik. Die Verschiebung des Problems auf die Staatsverschuldung ist wohl eher ein Propagandaman&#246;ver, das bei den Leuten aber nicht unbedingt ankommt.</p>
<p><strong> Worin liegen die Ursachen f&#252;r die Schuldenkrise wirklich?</strong></p>
<p>Die Ursachen liegen selbstverst&#228;ndlich nicht einfach bei den Banken oder den Regierungen, sondern an der grundlegenden Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems. Konkret: die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgebrochene Krise des Nachkriegskapitalismus wurde bekanntlich durch die neoliberale Offensive, d.h. eine umfassende Deregulierungs- und Privatisierungspolitik zu l&#246;sen versucht. Die Folge war, dass die Unternehmensprofite explodierten und die Masseneinkommen sanken. Damit verringerten sich die M&#246;glichkeiten f&#252;r profitable Investitionen im produktiven Sektor.</p>
<p>Gleichzeitig schuf die Deregulierung der Kapital- und Finanzm&#228;rkte im Verbund mit der fortgeschrittenen Internationalisierung des Finanzkapitals die M&#246;glichkeit, Geld in diesem Sektor anzulegen und spekulative Gewinne zu machen. Realer Mehrwert entsteht hier allerdings nicht. Dadurch entstand eine Schuldenblase, die auch den privaten Sektor umfasste. Man denke nur an den Zusammenbruch von Lehman Brothers, der US-amerikanischen Immobilienfinanzierer oder der Hypo Real Estate, die sich mit faulen Papieren verspekuliert haben.</p>
<p>Die Banken haben nur das getan, was kapitalistische Unternehmen gew&#246;hnlich tun: Gewinne erzielen, wo immer es geht. Infolge der Deregulierungspolitik war das eben im Bereich der Finanzspekulation besonders gut m&#246;glich. Dass diese Gewinne fiktiv waren, stellte sich heraus, als die Schuldenblase platzte, was irgendwann der Fall sein musste. Da mussten die Banken mit Steuergeldern «gerettet» werden. Und jetzt werden L&#228;nder «gerettet», um die Profite der Banken zu sichern.</p>
<p><strong>Die globalisierte Finanzwelt verf&#252;gt &#252;ber ein erhebliches Erpressungspotential. Versuche, ihre sch&#228;rfere Regeln aufzuerlegen, beantwortet sie sofort mit der Drohung, die Anleger w&#252;rden sich zur&#252;ckziehen, der Anleihemarkt w&#252;rde zusammenbrechen, dann drohte der weltweite Kollaps des Systems. Welchen Spielraum hat eine b&#252;rgerliche Regierung da?</strong></p>
<p>Tats&#228;chlich hat das Banken- und Finanzkapital eine Dominanzposition erreicht, durch die es selbst den Regierungen m&#228;chtiger Staaten sehr weitgehend seine Bedingungen diktieren kann. Das wiederum f&#252;hrt dazu, dass sich die Krise weiter versch&#228;rft. Trotzdem h&#228;tten die Regierungen Spielr&#228;ume. Das w&#252;rde allerdings eine grundlegende Ver&#228;nderung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik voraussetzen, konkret: eine radikale Abkehr von der neoliberalen Politik, die immer noch bestimmend ist. Zum Beispiel ginge es um einen radikalen Umbau des Steuersystems, das vor allem die breite Masse der Bev&#246;lkerung belastet, eine Re-Regulierung nicht nur der Finanz-, sondern auch der der Arbeitsm&#228;rkte. Und die sog. M&#228;rkte k&#246;nnte man auch mit Hilfe von Zwangsanleihen z&#228;hmen. Auch die hat es schon gegeben.</p>
<p>Richtig ist allerdings, dass es schwierig – wenn auch keinesfalls v&#246;llig unm&#246;glich – ist, dies im nationalen Alleingang zu machen. Grundvoraussetzung daf&#252;r w&#228;re allerdings eine wesentliche Verschiebung der gesellschaftlich-politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die vorerst noch nicht so recht in Sicht ist. Die Verschleierung der wirklichen Krisenursachen, von denen die Rede war, tr&#228;gt auch dazu bei, dass sich da nichts &#228;ndert.</p>
<p><strong>Auf der anderen Seite sagen Bankenvertreter seit neuestem laut: Wir wollen reguliert werden! Das stellt die neoliberale Doktrin auf den Kopf.</strong></p>
<p>Die Frage ist, was die Bankenvertreter damit meinen. Soweit es sich dabei nicht nur um leeres Gerede handelt, geht es ihnen wohl darum, Regelungen durchzusetzen, die ihre Profitinteressen gegen unvorhersehbare Entwicklungen und gegen die Folgen der von ihnen mit produzierten Krise absichern. Weitergehende Regulierungen haben sie bisher erfolgreich verhindert, etwa die Einf&#252;hrung einer Finanztransaktionssteuer.</p>
<p>«Regulierung» kann eben sehr Unterschiedliches hei&#223;en. Die neoliberale Doktrin wird dabei nur scheinbar auf den Kopf gestellt. Immer schon war ein massiver Staatseingriff zugunsten des Kapitals ihr wesentlicher Bestandteil, auch wenn das oft nicht gerne so deutlich ausgesprochen wurde. Deregulierung und Privatisierung waren ja auch gravierende Staatseingriffe. Was Marktideologen oft verschweigen ist, dass der Kapitalismus &#252;berhaupt nicht funktionieren w&#252;rde, wenn der Staat nicht eine F&#252;lle von Rahmenbedingungen f&#252;r den Verwertungsprozess bereitstellen w&#252;rde.</p>
<p><strong>Einerseits werden die M&#246;glichkeit von Gemeinschaftsanleihen und Aufk&#228;ufe von Staatsanleihen durch die EZB mit einem Tabu belegt (wiewohl es durchbrochen wird), andererseits blieben sie, z.B. im Fall, dass sich Italien &#252;ber den EFSF nicht ausreichend refinanzieren kann, die letzte M&#246;glichkeit, die Eurozone zu retten. Ausdruck dieses Widerspruchs ist der Streit um die Rolle der EZB. Oder auch die Kontroverse: Eurobonds vs. Abwicklung der W&#228;hrungsunion. K&#246;nntest du die unterschiedlichen Strategien oder Ans&#228;tze, die sich dahinter verbergen, n&#228;her beschreiben?</strong></p>
<p>Die Beantwortung dieser Frage w&#252;rde ziemlich detaillierte Ausf&#252;hrungen erfordern, die hier nicht zu leisten sind. Man muss aber davon ausgehen, dass die Pl&#228;ne – oder z.T. schon die Realit&#228;t – von Anleihek&#228;ufen durch die EZB im Grunde auf eine Geldwertdestabilisierung, d.h. auf eine verst&#228;rkte Inflation hinauslaufen. Das w&#228;re ein recht einfacher Weg, mit der Staatsverschuldung umzugehen, indem sie einfach entwertet wird. Auch dies ginge vor allem zulasten der breiten Bev&#246;lkerung.</p>
<p>Bei der jetzigen Debatte handelt es sich aber um einen Konflikt zwischen nationalen Regierungen, wobei die deutsche, alter Tradition folgend, am Vorrang der Geldwertstabilit&#228;t, das hei&#223;t der Spar- und Austerit&#228;tspolitik, festh&#228;lt. Dabei d&#252;rfte sie wohl auf die Unterst&#252;tzung des Finanzkapitals z&#228;hlen, f&#252;r das Geldwertstabilit&#228;t ebenfalls sehr wichtig ist.</p>
<p>Mit den Eurobonds verh&#228;lt es sich &#228;hnlich. Diese w&#252;rden wohl die weitere Ausweitung der Staatsverschuldung beg&#252;nstigen und &#252;berdies deren Finanzierung f&#252;r Deutschland teurer machen. Es handelt sich bei den Konflikten also vor allem um divergierende nationale Interessen, die sich wiederum aus der unterschiedlichen &#246;konomischen Situation, aber auch aus unterschiedlichen inneren Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen ergeben. Das «Modell Deutschland» hat immer schon auf Exportorientierung zulasten des inneren Konsums gesetzt. Export&#252;bersch&#252;sse bedeuten allerdings Schulden anderswo. Und f&#252;r diese m&#246;chte man nat&#252;rlich m&#246;glichst nicht aufkommen.</p>
<p>Das Problem ist allerdings, dass beide Wege die Krise nicht wirklich l&#246;sen, sondern sie eher versch&#228;rfen oder zumindest auf Dauer stellen. Sollte die EU-W&#228;hrungsunion allerdings zerbrechen, was inzwischen eine nicht mehr nur theoretische Alternative ist, h&#228;tte dies noch kaum absch&#228;tzbare, auf jeden Fall aber desastr&#246;se Folgen nicht nur f&#252;r die beteiligten L&#228;nder, sondern weltweit. Deutschland k&#246;nnte seine Rolle als «Exportweltmeister», die es unter anderem dem Euro verdankt, kaum mehr weiter spielen. Die Politik, durch Niedrigl&#246;hne Exportvorteile zu gewinnen, w&#228;re damit am Ende.</p>
<p><strong>Im Augenblick scheint die Tendenz vorzuherrschen, die Eurozone aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren, was f&#252;r mehr Vergemeinschaftung spricht. «Europa ist der Euro», sagen Merkel und Sarkozy mit einer Stimme. Der Preis daf&#252;r ist die faktische Entmachtung nationaler Parlamente durch die Drohung mit der Pleite und der Einsatz genehmer Regierungen von oben, in letzter Instanz von Merkel und Sarkozy. Bei Interventionen in die L&#228;nder des S&#252;dens ist in solchen F&#228;llen von «failed states» und «regime change» die Rede. Erleben wir jetzt die oft vorhergesagte deutsche Besatzung Europas mit den Mitteln der &#214;konomie?</strong></p>
<p>Sowohl Merkel als auch Sarkozy versuchen, die &#246;konomisch-politische Dominanz ihrer L&#228;nder zu sichern. Dies allerdings auf recht unterschiedlichen Wegen, wie die immer wieder m&#252;hsam &#252;berkleisterten Konflikte zeigen. Deutschland kann dabei seine &#252;berragende &#246;konomische Potenz ins Spiel bringen. Allerdings bringt diese Art von Machtpolitik das ganze Geb&#228;ude der W&#228;hrungsunion und der EU in Gefahr, was die Anstrengungen ziemlich schnell konterkarieren k&#246;nnte.</p>
<p>In der Tat schreitet in der Krise die Aush&#246;hlung der liberalen Demokratie weiter voran. Letztere wurde schon durch die neoliberale Restrukturierung vorangetrieben, durch die sich die nationale Politik weitgehend dem Diktat der «M&#228;rkte», d.h. des Kapitals unterworfen hat. Betroffen sind davon im &#220;brigen nicht nur die Staaten, die jetzt praktisch von au&#223;en – wie Kritiker sagen: von Berlin – regiert werden. Hierzulande ist diese Situation nur nicht ganz so offensichtlich wie da, wo internationale Kommissare die Politik bestimmen. Auch hier wird Politik ganz offensichtlich gegen die Interessen der Mehrheit und zulasten der Menschen gemacht.</p>
<p><strong>Letzten Endes wurde die Europ&#228;ische Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion aus der Einsicht geboren, dass die europ&#228;ischen Nationalstaaten als Operationsbasis der Konzerne auf dem Weltmarkt zu klein geworden sind. Ein Zerfall der Eurozone w&#252;rde die Konkurrenzf&#228;higkeit des europ&#228;ischen Kapitals gef&#228;hrden. Eine Verwirklichung der politischen Union aber stellt das nationalstaatliche Modell in Frage, ohne es auf die europ&#228;ische Ebene &#252;bertragen zu k&#246;nnen – wegen der vielen Sprachen, der verschiedenen Kulturen usw. Wie l&#228;sst sich unter solchen Bedingungen eine «politische Union» vorstellen?</strong></p>
<p>Vielleicht sollte man anmerken, dass am Ursprung der europ&#228;ischen Integration auch die Absicht stand, ein Europa zu schaffen, das nicht noch einmal die Welt in einen verheerenden Krieg st&#252;rzt. Das ist allerdings Geschichte. Inzwischen ist «Europa» ein eindeutig neoliberales &#214;konomieprojekt und f&#252;hrt seine Kriege anderswo.</p>
<p>Eine l&#228;ngerfristige L&#246;sung der aktuellen Probleme l&#228;ge mutma&#223;lich tats&#228;chlich darin, die EU zu einer realen politischen Union weiter zu entwickeln, genau genommen also einen europ&#228;ischen Staat zu schaffen, was es auch erm&#246;glichen w&#252;rde, auf dieser Ebene halbwegs demokratische Institutionen einzuf&#252;hren. Das ist allerdings aus vielen Gr&#252;nden schwierig, z.B. wegen der Konflikte zwischen nationalstaatlichen Interessen, die durch die Krise weiter mobilisiert werden und  durch die EU-Erweiterungen nicht kleiner geworden sind.</p>
<p>Eine Reihe von Staaten, vor allem Gro&#223;britannien, will eine politische Union dezidiert nicht. Tats&#228;chlich r&#228;cht sich nun die Tatsache, dass die EU-Integration weitgehend &#252;ber die K&#246;pfe der Bev&#246;lkerung hinweg durchgesetzt wurde, ohne wirkliche demokratische Legitimation. Das ging in zur&#252;ckliegenden Sch&#246;nwetterperioden gut, funktioniert aber jetzt nicht mehr. Wollte man eine wirkliche politische Union, m&#252;sste diese aus einem umfassenden demokratischen Prozess hervorgehen. Das w&#228;re nicht nur eine langwierige Angelegenheit, sondern birgt f&#252;r die politisch und &#246;konomisch Herrschenden auch das Risiko, dass das neue Gebilde ganz andere als die jetzt bestehenden Z&#252;ge haben k&#246;nnte.</p>
<p><strong>Was bedeutet das f&#252;r die Demokratie? Demokratie wird in Europa seit der englischen Revolution als Volkssouver&#228;nit&#228;t in Form einer parlamentarischen Vertretung dekliniert. Die Arbeiterbewegung hat f&#252;r das Wahlrecht gek&#228;mpft, mehr als f&#252;r die R&#228;tedemokratie. Die nationalen Parlamente aber geben freiwillig immer mehr Kompetenzen ab und dem Europaparlament fehlen entscheidende Pr&#228;rogativen. Was k&#246;nnen Volkssouver&#228;nit&#228;t und Demokratie heute bedeuten?</strong></p>
<p>Man sollte dabei bedenken, dass es eine wirkliche Volkssouver&#228;nit&#228;t unter den Bedingungen kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse und der damit verbundenen Form des Staates gar nicht geben kann. Die liberale Demokratie r&#228;umt dem «Volk» bestenfalls ein paar Mitwirkungsrechte bei politischen Entscheidungen ein, die im Prinzip auf eine Gew&#228;hrleistung des kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisses hinauslaufen. Und auch sie werden durch die neoliberale Aush&#246;hlung der demokratischen Institutionen immer st&#228;rker eingeschr&#228;nkt.</p>
<p>Daran l&#228;sst sich grunds&#228;tzlich nicht sehr viel &#228;ndern, solange diese Produktionsverh&#228;ltnisse existieren. M&#246;glich w&#228;re immer hin eine Art Redemokratisierung der liberalen Demokratie, was nicht nur die Etablierung demokratischer Institutionen auf europ&#228;ischer Ebene voraussetzen w&#252;rde, sondern auch einen radikalen Umbau der Institutionen und Prozesse auf einzelstaatlicher Ebene.</p>
<p><strong>Was hei&#223;t das alles f&#252;r eine Strategie der Linken?</strong></p>
<p>Dazu m&#252;sste man zuerst einmal kl&#228;ren, was «die Linke» ist. Dieses Feld ist ja h&#246;chst zersplittert. Eine starke Str&#246;mung will im Grunde zur&#252;ck zu den Verh&#228;ltnissen des fordistischen Nachkriegskapitalismus, was aus verschiedenen Gr&#252;nden nicht m&#246;glich sein wird. Andere fordern eine bessere Regulierung der globalen Wirtschaft, mehr Staatseingriffe bis hin zur Verstaatlichung von Banken.</p>
<p>Ich denke, dass dies nicht ausreicht. Wir sollten realisieren, dass sich der Kapitalismus in einer fundamentalen Krise befindet, die nicht durch ein paar Reparaturma&#223;nahmen wird abgewendet werden k&#246;nnen. Irgendwie scheint die Alternative «Sozialismus oder Barbarei» tats&#228;chlich auf die Tagesordnung zu kommen. Es geht also darum, sich der Kapitalismusfrage zu stellen.</p>
<p>Es gibt allerdings keine &#252;berzeugenden Vorstellungen davon, wie eine andere, bessere Gesellschaft aussehen k&#246;nnte. Diese lassen sich auch nicht so einfach entwickeln. Es wird vor allem notwendig sein, konkrete Schritte hin zur Schaffung anderer Vergesellschaftungsformen zu entwerfen und durchzusetzen. Das betrifft die Formen der Produktion, die Natur- und Geschlechterverh&#228;ltnisse, die soziale Sicherung, die Lebensweise und die Art und Weise des Zusammenlebens &#252;berhaupt.</p>
<p>Es kann kein Zur&#252;ck zu den – ohnehin nicht unbedingt erfreulichen – alten Zust&#228;nden geben. Vielmehr m&#252;ssen wir radikal &#252;ber den Tellerrand des Bestehenden hinausblicken. Es m&#252;sste sozusagen um eine Neuformulierung der gesellschaftlichen Gesch&#228;ftsgrundlagen gehen. Nur so k&#246;nnen hegemoniale K&#228;mpfe gef&#252;hrt werden und nur dadurch k&#246;nnte eine «Linke» wieder an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen.</p>
<p>Ich m&#246;chte in dieser Hinsicht auf die &#220;berlegungen hinweisen, die die Arbeitsgruppe links-netz angestellt hat (www.links-netz.de).</p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#196;gypten: Die Revolution geht wieder auf die Stra&#223;e</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 16:16:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Mustafa Ali erlebte in Kairo die zweite Protestwelle Ein Polizeiangriff auf ein kleines Sit-in auf dem Tahrirplatz am 19.November hat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mustafa Ali erlebte in Kairo die zweite Protestwelle</strong></p>
<p>Ein Polizeiangriff auf ein kleines Sit-in auf dem Tahrirplatz am 19.November hat zu einer neuen Protestwelle gef&#252;hrt. Sie hat die &#220;bergangsregierung zu Fall gebracht und die Umst&#228;nde der Parlamentswahlen ver&#228;ndert. Lee Sustar von der US-amerikanischen Wochenzeitung Socialist Worker sprach mit Mustafa Ali, einem Journalisten bei Ahram Online und Mitglied der Revolution&#228;ren Sozialisten aus &#196;gypten.<br />
<span id="more-3711"></span><strong>Was hat die j&#252;ngste Krise in &#196;gypten ausgel&#246;st?</strong></p>
<p>Der unmittelbare Ausl&#246;ser war ein Vorfall am 19.November: Da l&#246;ste die Polizei ein Sit-in von etwa hundert Menschen auf der zentralen Verkehrsinsel des Tahrirplatzes auf. Tags zuvor hatten die Islamisten zu einer gro&#223;en Demonstration aufgerufen und gefordert, dass der Oberste Rat der Streitkr&#228;fte (ORS) bis Ende April 2012 die Macht an eine Zivilregierung &#252;bergeben sollte. Das danach geplante Sit-in sagten sie ab und verlie&#223;en den Platz, sodass &#252;ber Nacht nur 100 Leute &#252;brig blieben. Die Mehrheit von ihnen war w&#228;hrend des Aufstands vom 25.Januar verletzt worden. Am n&#228;chsten Morgen kam die Polizei und vertrieb sie auf brutale Weise vom Platz. Nun str&#246;mten Tausende auf den Tarier, um gegen die Repression zu protestieren und den Platz zu besetzen. Am darauffolgenden Tag waren es Zehntausende, und sie verjagten die Polizei.</p>
<p>In den Wochen davor hatte es st&#228;ndig Proteste gegen die Milit&#228;rherrschaft und gegen die Prozesse gegeben, die Zivilisten vor dem Milit&#228;rtribunal gemacht werden. Jedesmal kamen 2000–5000 Menschen zusammen. Unter den Aktivisten, gegen die Milit&#228;rprozesse laufen, und in deren Familien wuchs das Selbstvertrauen und die Bereitschaft, auf den Tahrirplatz zu gehen, gegen die Polizei zu k&#228;mpfen und den Platz zu besetzen.</p>
<p>Der Hintergrund ist, dass die von der Regierung und vom Obersten Rat der Streitkr&#228;fte (ORS) versprochene Wirtschafts- oder Sozialreform, die das Leben der Menschen verbessert h&#228;tte, nicht stattgefunden hat. Weder wurde der Mindestlohn erh&#246;ht, wie im M&#228;rz versprochen, noch ein System von Preiskontrollen bei Grundnahrungsmitteln eingef&#252;hrt. Es gab kein einziges ernsthaftes wirtschaftliches Zugest&#228;ndnisse, daf&#252;r hat der ORS nach und nach den gesamten Repressionsapparat von Mubarak wiederbelebt und versucht, das Vertrauen der Polizei wieder zu gewinnen. Die Zentralen Sicherheitskr&#228;fte, das Hauptorgan der Polizeirepression, wurden erneut auf Streikende, Sit-ins u.&#228;. losgelassen. Und obwohl der ORS versprochen hatte, Mubaraks Partei d&#252;rfe zu den Wahlen nicht mehr antreten, lie&#223; er zu, dass die Mitglieder der NDP acht neue Parteien bildeten. Die politische Szene sollte mit den alten NDP-Leuten neu gestaltet werden.</p>
<p><strong>Wie reagierte die Bev&#246;lkerung?</strong></p>
<p>Wahrscheinlich hat die Mehrheit derer, die jetzt auf die Stra&#223;e gingen, im Februar noch geglaubt, der ORS stehe auf der Seite des Volkes und werde das Mubarak-Regime zerschlagen. Neun Monate sp&#228;ter ist die Entt&#228;uschung &#252;ber die Wirtschaftspolitik und die zunehmende Repression gro&#223;. Eine Menge junger Leute und viele Werkt&#228;tige haben seit Februar einen starken Bewusstseinswandel durchgemacht. Erst fehlte es noch an Selbstvertrauen, um aktiv Widerstand zu leisten. Doch jetzt hat sich die Demoralisierung ins Gegenteil verwandelt.</p>
<p><strong>Wie verhalten sich die islamistischen Parteien?</strong></p>
<p>Die islamistischen Gruppen haben den Milit&#228;rrat zun&#228;chst unterst&#252;tzt und faktisch erkl&#228;rt, sie w&#252;rden ihn und die Armee nicht kritisieren. Insbesondere die Moslembr&#252;der haben in zahlreiche soziale K&#228;mpfe eingegriffen, um sie zu bremsen oder Streiks zu brechen. Im Fr&#252;hjahr und Sommer haben sie versucht, zwei &#196;rztestreiks zu brechen. Sie standen zu 100% hinter dem Milit&#228;rrat.</p>
<p>Doch dann k&#252;ndigte das Milit&#228;r an, es wolle den Prozess der Formulierung einer neuen Verfassung kontrollieren und behalte sich ein Vetorecht &#252;ber jede die Armee betreffende Gesetzgebung vor, auch sein Haushalt sollte geheim bleiben. Die Debatte dar&#252;ber dauerte &#252;ber einen Monat und f&#252;hrte zu einem Riss zwischen den Islamisten und dem Milit&#228;r.</p>
<p>Nun bef&#252;rchten die Islamisten, dass die Armee sie daran hindern will, eine Klausel in die Verfassung zu bringen, die eine islamische Rechtsprechung, die Scharia, erm&#246;glicht. Daf&#252;r sind sie am 19.November auf die Stra&#223;e gegangen. Sie haben gefordert, dass der ORS im April 2012 die Macht an eine zivile Regierung &#252;bergibt. Doch schon am 22.November lautete die Losung auf dem Tahrirplatz: «Das Volk fordert den sofortigen R&#252;cktritt der Gener&#228;le.» Der Zorn der Demonstranten richtete sich auch gegen die F&#252;hrer der islamistischen Bewegung. Einer von ihnen – ein Pr&#228;sidentschaftskandidat – wurde auf dem Tahrirplatz geschlagen, ein anderer, die Nummer Zwei in der Bruderschaft, wurde vom Platz gejagt.</p>
<p>Wir haben also eine neue Massenbewegung, die binnen 72 Stunden einen Keil zwischen die F&#252;hrung der Moslembr&#252;der und deren junge Anh&#228;nger getrieben hat. Von diesen haben viele entgegen den Anweisungen ihrer F&#252;hrung an den Protesten teilgenommen. Auf dem Platz gibt es Liberale, Unabh&#228;ngige, Linke und Islamisten. Das schafft Spaltungen im Block der Islamisten. Deren &#228;rmere und proletarische Mitglieder sp&#252;ren, dass sie den Tahrirplatz gegen die Polizeibrutalit&#228;t verteidigen m&#252;ssen.</p>
<p>Am 22.November waren im ganzen Land fast eine Million Menschen auf der Stra&#223;e – und das bei einer Mobilisierung von weniger als 48 Stunden.</p>
<p><strong> Welche Rolle spielen die USA in der Krise?</strong></p>
<p>US-Vertreter haben erkl&#228;rt, dass sie mit der Moslembruderschaft in st&#228;ndigem Kontakt stehen und eine Koalitionsregierung vorbereiten, die aus Moslembr&#252;dern, ehemaligen Mitgliedern der NDP und einigen Liberalen bestehen soll. Die Wahlen wurden augenscheinlich angesetzt, um ein Parlament zu bilden, das mit dem letzten der Mubarak-&#196;ra nahezu identisch ist. Die USA und der ORS schienen zuversichtlich, die Lage im Land stabilisieren und der revolution&#228;ren Bewegung den Boden unter den F&#252;&#223;en entziehen zu k&#246;nnen. Deshalb ging die Polizei am 19.November, wie auch zuvor schon, brutal gegen die Sit-ins vor. Sie hat die massive Wut und die Kampfbereitschaft nicht erwartet.</p>
<p>Anf&#228;nglich schienen die Islamisten bereit, mit Zustimmung des ORS eine Regierung zu bilden. Doch jetzt hat sich das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis ge&#228;ndert. Die Bewegung brauchte nur 48 Stunden, um eine Forderung durchzusetzen, die neun Monate lang nicht erf&#252;llt worden war: NDP-Mitglieder d&#252;rfen f&#252;nf Jahre lang nicht am Parlament teilnehmen, viele von ihnen haben sich jedoch als Kandidaten zu den derzeitigen Parlamentswahlen aufstellen lassen.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus hat der ORS erkl&#228;rt, er werde Verbrechen der Milit&#228;rpolizei nicht mehr selbst untersuchen, sondern entsprechende Klagen zivilen Ankl&#228;gern &#252;bergeben. Diese Forderung wurde vor allem nach dem 9.Oktober laut, als die Milit&#228;rpolizei w&#228;hrend eines Protestmarsches koptischer Christen Massaker an zivilen Polizisten ver&#252;bte.</p>
<p><strong>Wie gelang es den Demonstranten, trotz der Repression den Tahrirplatz zu besetzen?</strong></p>
<p>Zur Stunde (22.November) demonstrieren eine Million Menschen friedlich auf dem Tahrirplatz. Aber in den Seitenstra&#223;en tobte in den letzten 72 Stunden eine ununterbrochene Schlacht. Eine Stra&#223;e, die zum Tahrirplatz f&#252;hrt, sieht aus wie ein Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg. Tausende Polizisten versuchen, den Sitz des Innenministeriums zu verteidigen. Vier Tage lang haben sie alle f&#252;nf Minuten Tr&#228;nengas in die Menge geschossen, dank der unersch&#246;pflichen Vorr&#228;te, die ihnen aus den USA geliefert werden. Sie haben auch Gummigeschosse abgefeuert.</p>
<p>Das ist nicht die gew&#246;hnliche Polizeibrutalit&#228;t. Nach den ersten Angriffen am Morgen des 19.November kam die Polizei am n&#228;chsten Tag um 17 Uhr wieder, als 30000 Menschen auf dem Tahrirplatz waren. Aber diesmal kam sie mit der Milit&#228;rpolizei, und da begann das Massaker. Menschen wurden von Scharfsch&#252;tzen und den Zentralen Sicherheitskr&#228;ften mit Gummigeschossen und scharfer Munition get&#246;tet. &#196;rztlichen Angaben zufolge konzentrierten sich die Verletzungen auf Kopf und Hals. Die Leichen der Get&#246;teten wurden auf den B&#252;rgersteig gelegt. Einen Leichnam zog die Polizei Dutzende Meter &#252;ber das Pflaster und stopfte ihn anschlie&#223;end in einen M&#252;llcontainer. An einer anderen Stelle des Platzes schlug sie mit Kn&#252;ppeln auf die K&#246;pfe der Get&#246;teten, um sicher zu gehen, dass sie auch tot waren.</p>
<p>Die Leute sagen, es ist schlimmer als zu Mubaraks Zeiten. Das Verhalten des Milit&#228;rs hat einen Umschwung in der &#246;ffentlichen Meinung bewirkt. Leute, die glaubten, die schlimmsten Tage der &#196;ra Mubarak seien vorbei, sind schockiert. Jetzt sagen sie: «Wir haben nicht einen Mubarak, wir haben 16 Mubaraks.» So viele Mitglieder hat der ORS.</p>
<p><strong>Wie ist die soziale Zusammensetzung des Protests auf dem Tahrirplatz?</strong></p>
<p>Sie &#228;hnelt sehr derjenigen im Januar und Februar, aber der Anteil der Arbeiterklasse ist h&#246;her. Die meisten Todesopfer sind arme und junge Mitglieder der Arbeiterklasse aus den Elendsquartieren – junge Menschen, die nach Jahren der Marginalisierung keine Hoffnung mehr haben. Wenn diese Mobilisierung weitergeht, werden sich ihr wahrscheinlich weitere junge Anh&#228;nger der Moslembr&#252;der und der Salafisten anschlie&#223;en. Viele &#196;rzte, die die Verwundeten behandeln, sind Anh&#228;nger der Bruderschaft, sie sagen, sie sind gekommen, weil sie ihrem Gewissen gefolgt sind.</p>
<p><strong>Es ist die Rede von der Vorbereitung eines Generalstreiks&#8230;</strong></p>
<p>Im September waren wir einem Generalstreik nahe, als es einen landesweiten Lehrerstreik (den ersten seit 1951) und einen Streik der Kairoer Busfahrer gab, der fast 20 Tage dauerte, und noch zwei gro&#223;e landesweite Streiks von &#196;rzten im &#246;ffentlichen Gesundheitsdienst. Mindestens eine dreiviertelmillion Besch&#228;ftigte aus Schl&#252;sselsektoren der &#214;konomie stand damals im Streik. Viele Leute auf der Linken dachten, es k&#246;nnte einen Generalstreik geben. Die Streiks endeten nicht in Niederlagen, sie waren aber auch nicht erfolgreich. Das hat viele demoralisiert. Die Arbeiter sind nicht gut genug organisiert, um sich dem ORS entgegenzustellen. Wenn heute gestreikt wird, kommt nicht die Polizei, sondern die Armee, um den Streik zu brechen.</p>
<p>Derzeit gibt es keine Massenstreiks, aber es gibt st&#228;ndig viele Streiks. Und es besteht kein Zweifel, dass die letzten 72 Stunden den Leuten Zuversicht gegeben haben, dass sie sich dem ORS entgegenstellen k&#246;nnen. Die Zahl der unabh&#228;ngigen Gewerkschaften ist von 90 im Fr&#252;hsommer auf derzeit 250 gestiegen. Es gibt eine Menge Gewerkschaften, aber keine politische Organisation f&#252;r die Werkt&#228;tigen.</p>
<p><strong>Und jetzt?</strong></p>
<p>Die Schlacht ist noch nicht zu Ende, aber es ist schon ein gro&#223;er Sieg, dass die Regierung Essam Sharaf gest&#252;rzt wurde. Sharaf hatte versprochen, der Ministerpr&#228;sident des Tahrirplatzes zu sein, aber er hat, bis auf drei oder vier, alle Posten mit Personen aus Mubaraks NDP besetzt.</p>
<p>Jetzt fordert die Bewegung eine Regierung der Einheit ohne NDP-Mitglieder. Sie soll sich aus Islamisten, Liberalen, vielleicht sogar Leuten der Linken zusammen setzen. Diese neue Regierung wird unter v&#246;llig anderen Bedingungen arbeiten.</p>
<p>Die Leute sagen: «Als sich im M&#228;rz die Regierung Sharaf konstituierte, gaben wir ihr einen Blankoscheck, aber sie raubten uns die Revolution. Diesmal werden wir sie in die Verantwortung nehmen.» Das ist nicht nur eine Demonstration gegen den ORS. Alles findet jetzt mit einem viel h&#246;heren Bewusstseinsgrad statt.</p>
<p><em>Aus: http://socialistworker.org.</em></p>
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		<title>«Ich bereue keine Sekunde dieses Kampfes»</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 15:59:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor 30 Jahren wurde in Polen der Kriegszustand verh&#228;ngt Der «kurze Sommer» der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen war der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vor 30 Jahren wurde in Polen der Kriegszustand verh&#228;ngt</strong></p>
<p>Der «kurze Sommer» der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen war der fortgeschrittenste Versuch in einem osteurop&#228;ischen Land, der b&#252;rokratischen Planungsdiktatur einen echten Selbstverwaltungssozialismus mit Massenanhang entgegen zu setzen. Dieser Versuch wurde durch die Verh&#228;ngung der Kriegsrechts am 13.Dezember 1981 erstickt. Den Niedergang des Nominalsozialismus hat das nicht aufgehalten, wohl aber die Weichen f&#252;r die Rechtsentwicklung der Solidarnosc nach 1989 und das geringe Engagement der Arbeiterklasse in der Wendezeit gestellt.<br />
Im Westen waren die Kr&#228;fte, die die unabh&#228;ngige Gewerkschaft auch im Untergrund noch unterst&#252;tzten, gering. Kamil Majchrzak sprach mit <em>MARCEL GERBER</em>, einem Schweizer Unterst&#252;tzer der Solidarnosc, &#252;ber die damalige Solidarit&#228;tsarbeit.<br />
<span id="more-3702"></span><strong>Woher kommt dein Interesse an Osteuropa?</strong></p>
<p>Ich habe mich schon immer f&#252;r die Situation in den L&#228;ndern Osteuropas interessiert. Mitte der 70er Jahre war ich Gr&#252;ndungsmitglied eines Komitees, das linke und linksextreme Sympathisanten osteurop&#228;ischer Dissidenten zusammenbrachte. Durch Pressekampagnen und verschiedene politische Aktionen versuchte dieses «Komitee der sozialistischen Solidarit&#228;t mit den Oppositionellen in den L&#228;ndern des Ostblocks» [Comité de Solidarité Socialiste avec les Opposants dans les Pays de l’Est – CSSOPE] die wegen ihrer demokratischen Bestrebungen verfolgten Regimegegner zu verteidigen. Insbesondere unterst&#252;tzten wir Frauen und M&#228;nner, die versuchten, unabh&#228;ngige Gewerkschaften zu gr&#252;nden. So kamen wir relativ schnell mit russischen, polnischen, tschechischen und anderen Gewerkschaftern in Kontakt.</p>
<p>Als im August 1980 die Streiks in Polen begannen, haben wir sofort  angefangen, die K&#228;mpfe der polnischen Arbeiter publik zu machen und Solidarit&#228;tsbekundungen und -veranstaltungen zu organisieren. Da wir vorher schon Kontakt zu einigen Gewerkschaftern im S&#252;dwesten Polens gekn&#252;pft hatten, konzentrierten wir unsere Aktionen auf Niederschlesien. Zum Beispiel schickten wir Druckereimaterial. Zu Ostern 1981 organisierten wir eine Reise Schweizer Gewerkschafter nach Wroclaw und Warschau. Wir trafen Arbeiter und Verantwortliche der Gewerkschaft. So konnten wir uns ein konkretes Bild der Lage vor Ort verschaffen.</p>
<p><strong>Erinnerst du dich an das Gef&#252;hl der Arbeitermacht w&#228;hrend der August-Streiks 1980?</strong></p>
<p>Seit den Ereignissen im August 1980 bem&#252;hte sich das «Komitee der sozialistischen Solidarit&#228;t» um eine Sensibilisierung der Menschen in der Schweiz gegen&#252;ber der politischen Situation in Polen. Wir organisierten politische und materielle Solidarit&#228;t f&#252;r die Solidarnosc. R&#252;ckblickend kann man allerdings sagen, dass sich der Gro&#223;teil der Aktionen des Komitees auf die Hilfe f&#252;r und in Polen konzentrierte. Die Mitglieder des Komitees waren &#252;brigens soweit politisiert, dass uns klar war, fr&#252;her oder sp&#228;ter musste es unweigerlich zu einer Konfrontation zwischen der neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaft und den b&#252;rokratischen Machthabern kommen. Auch unser Besuch an Ostern 1981 stand unter diesem Zeichen: Wir wollten die polnischen Genossen der Solidarnosc daran erinnern, dass noch nichts endg&#252;ltig gewonnen war; dass der eigentliche Machtkampf mit den Herrschenden noch bevor stand. Doch die Solidarnosc und die polnischen Arbeiter befanden sich in einem Zustand der Euphorie, ich glaube heute, dass unsere Warnungen damals nicht ernst genommen wurden.</p>
<p><strong>Wie hast du die Ausrufung des Kriegszustandes erlebt?</strong></p>
<p>In den letzten Wochen des Jahres 1981 luden wir eine Delegation polnischer Gewerkschaftsvertreter zu einer Studienreise in die Schweiz ein. Wir organisierten Konferenzen in verschiedenen Schweizer Regionen, und jedes Mal gab es f&#252;r die polnischen Kollegen die M&#246;glichkeit, mit Arbeitern aus unterschiedlichen Fabriken und Betrieben zusammenzutreffen. Eigentlich sollten die polnischen Kollegen am 21.Dezember 1981 in ihr Land zur&#252;ckfliegen, sie sa&#223;en aber auf Grund der Verh&#228;ngung des Kriegsrechts in Polen am 13.12.1981 in der Schweiz fest. Ihr (unfreiwillig) verl&#228;ngerter Aufenthalt erlaubte es, noch mehr Treffen und Diskussionen zu veranstalten, &#252;ber den Milit&#228;rputsch aufzukl&#228;ren und die Verhaftung polnischer Gewerkschaftsaktivisten anzuprangern.</p>
<p><strong>Wie sah deine Solidarit&#228;tsarbeit f&#252;r die Untergrund-Solidarnosc aus?</strong></p>
<p>Die Verh&#228;ngung des Kriegsrechts und das Verbot der Solidarnosc, die dann im Untergrund und vom Ausland aus weiterarbeitete, ver&#228;nderte unsere Art der Unterst&#252;tzung. Ab diesem Zeitpunkt organisierten wir den Transfer n&#252;tzlicher Dinge nach Polen, damit die Gewerkschaftsarbeit unter ver&#228;nderten Bedingungen aufrechterhalten werden konnte. Dabei orientierten wir uns an den Anfragen polnischer Kollegen. Als Elektroingenieur war ich f&#252;r die Materialbeschaffung in sog. «sensiblen» Bereichen zust&#228;ndig. Zbigniew Kowalewski, einer der f&#252;hrenden Solidarnosc-K&#246;pfe, der nach der Verh&#228;ngung des Kriegsrechts in Frankreich festsa&#223;, half mir bei dieser Aufgabe.</p>
<p>Beispielsweise entwickelte und baute ich Sender bzw. Sendeanlagen, die wir in tragbare Radiorekorder einbauten und so versteckten. Sie konnten &#252;ber die Grenze gebracht werden, ohne aufzufallen und ohne, dass man ihnen ihre neue, wahre Funktion ansah. Diese Sender funktionierten folgenderma&#223;en: Sie wurden auf dem Dach eines Hochhauses installiert, wo sie sich aufgrund der vorher programmierten Weckfunktion automatisch einschalteten und die zuvor auf Kassetten aufgenommenen Sendungen ausstrahlten. Man brauchte nur eine Antenne und f&#252;r die Stromversorgung eine Autobatterie, dann konnte man den Sender auf irgendein Dach stellen. Die Dauer der Sendungen wurde stets so kurz gehalten, dass es der Polizei nicht gelingen konnte, die Sender zu orten. Sp&#228;ter holte man sich den Sender zur&#252;ck und installierte ihn auf einem anderen Dach.</p>
<p><strong>K&#246;nntest du genauer erz&#228;hlen, wie ihr damals auf eins dieser D&#228;cher gelangt seid, um von dort eine Radiosendung zu &#252;bertragen? </strong></p>
<p>Ich hatte in einem Arbeiterwohnhaus in einem Vorort von Wroclaw ein Treffen mit mir unbekannten Personen. Aus Sicherheitsgr&#252;nden habe ich mir ihre Namen nicht gemerkt. Zusammen mit zwei oder drei Gewerkschaftsaktivisten sind wir auf das Dach des Hauses gegangen. Dort standen schon eine Autobatterie und die Dinge bereit, die ich einige Wochen zuvor aus Paris nach Polen gebracht hatte. Nachdem ich das ganze System zusammengebaut, die Antenne angebracht und eine 12-Volt-Autobatterie angeschlossen hatte, programmierten wir die Sendezeit, legten die Kassette mit der aufgenommenen Sendung ein und aktivierten die automatische Weckfunktion.</p>
<p>Um die Sendung zu h&#246;ren, sind wir in einen anderen Bezirk von Wroclaw gefahren. Alles hat planm&#228;&#223;ig und p&#252;nktlich funktioniert.</p>
<p>Am n&#228;chsten Tag habe ich erfahren, dass ein Ortungswagen durch das Viertel fuhr – ohne jedoch den Standort des Senders ermitteln zu k&#246;nnen. Der Sender konnte also von anderen Aktivisten wieder vom Dach geholt werden. 23 Jahre nach diesen Ereignissen ist es mir unm&#246;glich, Namen zu nennen oder das Aussehen meiner Mitstreiter zu beschreiben.</p>
<p><strong>Wurde diese Art der technischen Zusammenarbeit koordiniert?</strong></p>
<p>Im Fr&#252;hling 1982 – das Kriegsrecht galt immer noch – bat mich die illegale F&#252;hrung der niederschlesischen Solidarnosc, nach Wroclaw zu kommen, um mit ihrem Vorsitzenden Frasyniuk dar&#252;ber zu diskutieren, wie die Schweizerische Hilfe f&#252;r die verbotene Gewerkschaft aussehen k&#246;nnte und auf welche Punkte wir uns konzentrieren sollten. Einen Tag vor meiner Abreise aus der Schweiz musste ich meine Fahrt absagen, weil Frasyniuk verhaftet worden war. Dann Kontaktaufnahme mit dem neuen, immer noch illegalen Vorsitzenden Piotr Bednarz, erneute Reisepl&#228;ne – und wieder musste ich auf Grund seiner Inhaftierung die Reise verschieben. Aller guten Dinge sind drei, und schlussendlich konnte ich nach Warschau und Wroclaw fahren, um den neuen niederschlesischen Gewerkschaftsf&#252;hrer zu treffen.</p>
<p>An dieser Stelle m&#246;chte ich diesen Mann &#252;brigens ehren: Józef Pinior ist einer der wenigen Solidarnosc-Vertreter, der seinen damaligen Idealen bis heute treu geblieben ist. Unser Treffen – unter Beachtung aller Vorsichtsma&#223;nahmen, die unter der Illegalit&#228;t n&#246;tig waren – war sehr erfolgreich. Es erlaubte eine genauere Ausrichtung der Hilfe der Schweizer Organisationen an den Bed&#252;rfnissen der polnischen Gewerkschafter.</p>
<p><strong>Wie haben Sie nach der Verh&#228;ngung des Kriegsrechts Kontakt zu den polnischen Solidarnosc-Vertretern gehalten?</strong></p>
<p>Normalerweise lief das &#252;ber pers&#246;nliche Kontakte, also wenn Mitglieder des Komitees als Individualreisende nach Polen fuhren. Einer von unseren Genossen wurde allerdings bei einer Kontrolle mit technischem Material erwischt und musste mehrere Monate in einem Warschauer Gef&#228;ngnis verbringen. Wir hielten den Kontakt auch &#252;ber das Netzwerk der Aktivisten des IV.Internationale. Auch meine Arbeit st&#252;tze sich im Wesentlichen auf diese beiden Netzwerke.</p>
<p><strong>Was habt Ihr nach Polen geschmuggelt? Stimmt es, dass die Funkscanner aus Frankreich, die zum Abh&#246;ren der polnischen Polizeifrequenzen ins Land gebracht wurden, dort eigentlich verboten waren?</strong></p>
<p>Die Sachen, die wir nach Polen schickten, entsprachen den Anfragen der Gewerkschafter der Solidarnosc: Elektrotechnik, Fotoapparate, Aufnahmeger&#228;te, Kameras oder spezielle Funkscanner, mit denen man die Frequenzen des Polizeifunks abh&#246;ren konnte. Es gab da so eine ganze Reihe von Dingen und richtige Listen. Die Anfragen kamen von den verschiedenen Regionalb&#252;ros der Solidarnosc. Im Gro&#223;en und Ganzen konnten wir den Bitten entsprechen.</p>
<p>Dieses Material war in Frankreich nicht verboten. Als Elektronikfachmann habe ich das Equipment allerdings zu Sonderkonditionen in Fachgesch&#228;ften in der Schweiz gekauft. Ohne meine vom Komitee gespendeten Waren beim Zoll zu deklarieren, fuhr ich zweimal im Monat mit dem Auto nach Paris. Von Frankreich aus gelangte das Zeug versteckt in Autos oder dank der Mithilfe von Fabrikanten in Konservendosen verpackt illegal nach Polen. Zbigniew Kowalewski war damals f&#252;r diese Transporte verantwortlich.</p>
<p><strong>Wie habt ihr die Sender versteckt?</strong></p>
<p>Die Sender wurden in klassische Radiorekorder eingebaut. Nat&#252;rlich haben wir Modelle bevorzugt, die der sp&#228;teren Nutzung am besten entsprachen. Es brauchte zum Beispiel innen genug Platz, um einen 10-Watt-FM-Sender integrieren zu k&#246;nnen. Mit einem Sender dieser Leistung konnte man das gesamte Stadtgebiet von Wroclaw abdecken. Zus&#228;tzlich ben&#246;tigte man eine Sendeantenne und einen Anschluss f&#252;r eine 12-Volt-Autobatterie. Au&#223;erdem musste das ganze System &#252;ber eine Aufnahme-Abspiel-Automatik verf&#252;gen, um die Sendezeit programmieren zu k&#246;nnen. Die Sendung selbst wurde vorher auf eine Kassette aufgenommen.</p>
<p><strong>Wer hat die Initiative ergriffen, um eine Radiokommunikation zwischen den Hauptquartieren der Solidarnosc zu organisieren? </strong></p>
<p>Die Anfrage kam von der Regionaldirektion der niederschlesischen Solidarnosc. Ich habe an diesem Projekt insofern mitgearbeitet, als ich mich um den Kauf von technischem Equipment gek&#252;mmert habe. Dieses Equipment musste dann noch so modifiziert und umgebaut werden, dass die &#220;bertragung von Textcodes m&#246;glich wurde. Idealerweise sollten die Nachrichten kurz- bis mittelfristig f&#252;r Au&#223;enstehende bzw. den Geheimdienst nicht verst&#228;ndlich sein. Dieses ehrgeizige Projekt wurde dann auf Grund der aktuellen Entwicklungen in Polen wieder fallen gelassen.</p>
<p><strong>Was denkst du &#252;ber die Solidarnosc heute?</strong></p>
<p>Trotz der sp&#228;teren moralischen und politischen Degeneration der Gewerkschaft und der Mehrheit ihrer F&#252;hrung bereue ich nicht eine Sekunde, dass ich mich diesem Kampf f&#252;r eine bessere Zukunft des polnischen Volkes gewidmet habe.</p>
<p><em>Marcel Gerber wurde in Lausanne in der Schweiz geboren und stammt aus einer Arbeiterfamilie, die mit der KP sympathisierte. Seit Beginn der 60er Jahre selber Mitglied der KP, wurde er nach Protesten gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag wegen «Trotzkismus» aus der Partei ausgeschlossen. Bis zur ihrer Aufl&#246;sung 1991 war er Mitglied der PSO, der Schweizer Sektion der IV.Internationale.</em></p>
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		<title>«Die illegitimen Schulden m&#252;ssen anulliert werden»</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2011/11/die-illegitimen-schulden-mussen-anulliert-werden/</link>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 13:08:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Interview mit Eric Toussaint Eric Toussaint, der Vorsitzende der belgischen Sektion des CADTM (Komitee f&#252;r die Streichung der Schulden der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Interview mit <em></em><strong><em>Eric Toussaint</em></strong></p>
<p>Eric Toussaint, der Vorsitzende der belgischen Sektion des CADTM (Komitee f&#252;r die Streichung der Schulden der Dritten Welt), kritisiert an den in Europa aufgestellten Sparpl&#228;ne, dass sie zur Zunahme der Verschuldung f&#252;hren, ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erm&#246;glichen. Er fordert einen &#246;ffentlichen Schuldenaudit.</p>
<p><span id="more-3581"></span><em><strong>Griechenland, Portugal, Spanien, Italien – und jetzt die USA: Die Schuldenkrise macht auch vor den industrialisierten L&#228;ndern nicht Halt. Erleben wir erneut, dass die Staaten den Banken unter die Arme greifen wie bei der Subprime-Krise von 2008?</strong></em></p>
<p>Ja und Nein. Sicher hat die &#246;ffentliche Verschuldung in einer ganzen Reihe von L&#228;ndern (USA, Irland, Gro&#223;britannien, Belgien, Portugal) nach den Rettungspl&#228;nen f&#252;r die Privatbanken stark zugenommen. Dies hat sehr viel Geld gekostet, und um diese Rettungspl&#228;ne zu finanzieren, nehmen diese Staaten auf den M&#228;rkten Anleihen auf, und so nimmt ihre Verschuldung zu. Aber das ist nicht der einzige Grund. Der andere Grund liegt in der wirtschaftlichen Rezession, die die Einnahmen der Staaten verringert und sie zwingt, verst&#228;rkt Zuflucht zu Anleihen zu nehmen.</p>
<p>Dies ist auch ein Resultat der Politik, die vor der Finanzkrise von 2007/08 angewandt wurde. Eine seit zwanzig Jahren verfolgte neoliberale Steuerpolitik hat die von den privaten Unternehmen, vor allem von den gro&#223;en Konzernen, auf ihre Gewinne gezahlten Steuern drastisch gesenkt. Dazu geh&#246;ren auch die Geschenke an die reichsten Haushalte (die der Kapitalistenklasse), die auf ihre Verm&#246;gen wie auf ihre Einkommen weniger Steuern zahlen. Und da dieser Teil der Gesellschaft weniger zum Steueraufkommen beigetragen hat, wurde die Steuerbelastung der anderen Schichten der Gesellschaft (der Arbeitenden) angehoben und Massensteuern wie die Mehrwertsteuer erh&#246;ht. Aber wegen der Reduzierung der Steuerbelastung der Reichen musste man in diesen zwanzig Jahren das Loch auch durch Anleihen stopfen. Somit hat die &#246;ffentliche Verschuldung in den letzten zwanzig Jahren auch infolge der neoliberalen Steuerreformen zugenommen.</p>
<p><em><strong>Wir gelangen somit zu einem Punkt, wo die Staaten sich nicht mehr selbst finanzieren k&#246;nnen, und dies wird gesellschaftliche Konsequenzen haben&#8230;</strong></em></p>
<p>Ja, die Regierungen stehen vor folgender Alternative: Entweder brechen sie mit dem Neoliberalismus und verabschieden Ma&#223;nahmen, die bewirken, dass die Kapitalistenklasse, die Unternehmen, ihren Beitrag leisten. Dann erlegen sie den Finanzm&#228;rkten eine neue Disziplin auf und ergreifen Ma&#223;nahmen, um Besch&#228;ftigung zu schaffen. Augenscheinlich werden die derzeitigen Regierungen diese Option nicht wahrnehmen. Oder sie profitieren von der Krise, um, wie es Naomi Klein nannte, die «Schockstrategie» anzuwenden und die neoliberale Politik noch mehr zu vertiefen.</p>
<p><em><strong>Die USA werden die Schuldengrenze anheben, die bereits 100% des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Was bedeutet diese Erh&#246;hung, jenseits des Streits zwischen Republikanern und Demokraten?</strong></em></p>
<p>Der Hintergrund der Schuldenkrise in den USA ist, dass die Regierung Obama – um auf die beiden oben von mir erw&#228;hnten Optionen zur&#252;ckzukommen – die neoliberale Offensive verst&#228;rkt und dies nicht erlaubt, die &#246;ffentlichen Schulden zu reduzieren. Aber es gibt eine andere Variante, zugunsten der Bev&#246;lkerung, sie sieht vor, dass die Finanzinstitutionen und die reichsten Haushalte, die einen gro&#223;en Teil der &#246;ffentlichen Schulden halten, f&#252;r die Reduzierung dieser Schulden aufkommen.</p>
<p><em><strong>Wie kann man in Griechenland, wo die herrschende Klasse sich als im hohen Grade korrupt erwiesen hat, eine bessere Verwaltung der &#246;ffentlichen Gelder erzwingen? Was tun gegen&#252;ber der Korruption der lokalen Kapitalisten und der lokalen politischen Kaste?</strong></em></p>
<p>Die Antwort ist ein Schuldenaudit. Er beginnt mit einem B&#252;rgeraudit, der es erm&#246;glicht, der Bev&#246;lkerung zu zeigen, dass die Schulden keine unbegreifliche Plage sind, die das Land befallen hat, sondern das Resultat einer bewussten und vollkommen ungerechten Politik. Die im Rahmen von korrupten Handlungen gemachten Schulden sind durch und durch illegitim, sogar illegal. Sie m&#252;ssen annulliert werden.</p>
<p><em><strong>Ist es m&#246;glich, dass ein Staat Schulden, die er gegen&#252;ber seinen B&#252;rgern hat, nicht bezahlt?</strong></em></p>
<p>Nat&#252;rlich, das ist ganz und gar m&#246;glich. Wegen der Bankenkrise mussten die Privatbanken bereits &#252;ber 1,2 Billionen Dollar Aktiva in ihren Bilanzen streichen: es waren zweifelhafte Au&#223;enst&#228;nde, die Schulden wurden abgeschrieben. Es ist absolut m&#246;glich, die Staatshaushalte weiter zu sanieren, indem zweifelhafte Au&#223;enst&#228;nde annulliert werden. Zweifelhafte Au&#223;enst&#228;nde sind solche, die die Staaten als illegitime Schulden betrachten, indem sie sagen: «Wir sind nicht mehr einverstanden, sie weiter zu bezahlen.» Das Argument ist: Wenn man betrachtet, was in den letzten drei&#223;ig Jahren in Europa geschehen ist, so ist die Erh&#246;hung der &#246;ffentlichen Verschuldung einer bewussten, sozial und steuerlich ungerechten Politik geschuldet. Diese Politik bestand darin, diejenigen steuerlich zu privilegieren, die bereits in Bezug auf Einkommen und Wohlstand privilegiert sind.</p>
<p>Aber dies setzt offensichtlich linke Regierungen voraus, die mit dem Willen an die Macht gelangen, den Lauf der Dinge drastisch zu &#228;ndern. Das wirft die Frage nach der Mobilisierung der Bev&#246;lkerung auf, darin liegt der Schl&#252;ssel zur L&#246;sung. Aber auf technischer Ebene ist es vollkommen m&#246;glich. Man muss einfach den Bankensektor zwingen, die Verluste zu &#252;bernehmen.</p>
<p><em><strong>Was w&#228;re der n&#228;chste Schritt? Eine Art Marshallplan, um die Besch&#228;ftigung anzukurbeln?</strong></em></p>
<p>Eher als ein Marshallplan m&#252;sste der n&#228;chste Schritt ein New Deal à la Franklin Roosevelt in den 30er Jahren sein, oder ein radikaleres Programm. Roosevelt hatte w&#228;hrend der ersten Monate seiner Amtszeit den Steueranteil der h&#246;chsten Einkommensschichten besonders drastisch erh&#246;ht, sodass er bis zu 90% betrug. Ein New Deal w&#252;rde auch eine neue Finanzdisziplin errichten, wie das Verbot der Zusammenlegung von Gesch&#228;fts- und Investmentbanken mit Sparkassen, bei denen die B&#252;rger ihre Ersparnisse deponieren. Roosevelt hatte den Glass Steagall Act verabschiedet, der die Banken zwang, sich in Gesch&#228;fts- und Investmentbanken einerseits und Sparkassen andererseits aufzuspalten. Dies w&#228;re eine keynesianische Variante des Auswegs aus der Krise.</p>
<p>Man k&#246;nnte auch eine andere Variante einschlagen, einen radikaleren, einen antikapitalistischen Ausweg suchen, beispielsweise mit Ma&#223;nahmen zur entsch&#228;digungslosen Verstaatlichung des Bankensektors und anderer Schl&#252;sselsektoren der Wirtschaft. Dann h&#228;tten wir nicht nur eine Regierung vom Typ Roosevelt, sondern eine wirklich linke Regierung, eine Regierung der Lohnabh&#228;ngigen.</p>
<p>Diese Option ist auch in den n&#228;chsten f&#252;nf oder zehn Jahren vorstellbar. Wir stehen momentan an einem Wendepunkt der Geschichte, und die kommenden Monate und Jahre werden uns sagen, ob Rebellionen wie die der Emp&#246;rten in Spanien oder in Griechenland Kr&#228;fte sammeln und in gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen m&#252;nden werden, die die Wahlurnen einfach hinter sich lassen. Ich behaupte nicht, dass dies stattfinden wird, ich sage nur, dass dies eine M&#246;glichkeit ist, die man nicht ausschlie&#223;en kann. Die sozialen Bewegungen und die Menschen, die eine wirkliche Ver&#228;nderung wollen, m&#252;ssen diese Mobilisierungen unterst&#252;tzen.</p>
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		<title>«Untauglich zur Bek&#228;mpfung der neonazistischen Gefahr»</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 12:54:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Rolf G&#246;ssner &#252;ber die Verstrickung des Verfassungsschutzes mit Neonazis H&#228;ufig laufen staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Terroranschl&#228;ge ins Leere, sobald rechtsextreme Kreise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Rolf G&#246;ssner &#252;ber die Verstrickung des Verfassungsschutzes mit Neonazis</strong></p>
<p>H&#228;ufig laufen staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Terroranschl&#228;ge ins Leere, sobald rechtsextreme Kreise davon ber&#252;hrt sind. Ein Grund daf&#252;r kann sein, dass dann unweigerlich auch eine Verstrickung des Verfassungsschutzes in t&#246;dliche Anschl&#228;ge bekannt w&#252;rde. Nach dem Auffliegen der Mordserie an mindestens zehn Migranten und einer Polizistin r&#252;ckt die Verantwortung des Staates f&#252;r das m&#246;rderische Treiben in den Mittelpunkt.<br />
<span id="more-3569"></span>Anja K&#246;hler befragte dazu den Rechtsanwalt und Publizisten Rolf G&#246;ssner. G&#246;ssner ist Vizepr&#228;sident der Internationalen Liga f&#252;r Menschenrechte und Mitherausgeber seines j&#228;hrlich erscheinenden Grundrechte-Reports. Er hat zahlreiche B&#252;cher zum Thema Innere Sicherheit und B&#252;rgerrechte verfasst, u.a.: Geheime Informanten. V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst des Staates, M&#252;nchen 2003, und Menschenrechte in Zeiten des Terrors. Kollateralsch&#228;den an der «Heimatfront», Hamburg 2007.</p>
<p><em><strong>Haben die Verfassungsschutzbeh&#246;rden (VS) ein Problem mit Rechtsextremisten in den eigenen Reihen, sind sie auf dem rechten Auge blind oder hatten sie ihren eigenen Laden nicht mehr im Griff?</strong></em></p>
<p>Sicherlich ist in manchen VS-Beh&#246;rden und bei manchen VS-Bediensteten ein rechtsorientierte Gesinnung anzutreffen und eine gewisse Kumpanei zwischen V-Leuten aus der Neonaziszene und ihren V-Mann-F&#252;hrern – zumindest Distanzlosigkeit. Insgesamt gehe ich im vorliegenden Fall allerdings weniger von Unf&#228;higkeit und Pannen aus, als vielmehr von ideologischen Scheuklappen, Ignoranz und Verharmlosung des neonazistischen Spektrums. Bedrohungen und Gefahren f&#252;r Demokratie und Verfassung werden immer noch in erster Linie mit «Linksextremismus/-terrorismus» und «Islamismus/islamistischem Terrorismus» assoziiert.</p>
<p>Bei Neonazis ist man traditionellerweise weit zur&#252;ckhaltender, was besonders vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte schockierend ist – und angesichts der Tatsache, dass seit 1990 &#252;ber 150 Menschen von Neonazis und fremdenfeindlich eingestellten T&#228;tern brutal ermordet wurden. Jetzt m&#252;ssen wir mindestes zehn weitere Mordopfer dazurechnen. Schon in den 80er Jahren kamen in Westdeutschland insgesamt 35 Menschen durch rechte Gewalt ums Leben. Das Ph&#228;nomen ist also keineswegs neu – ganz anders als jetzt immer wieder, mit Entlastungsfunktion, behauptet wird. Aber auch damals richtete sich der staatliche Kampf vorwiegend gegen Linksterrorismus und -extremismus, wobei die gesamte Linke davon nicht verschont blieb.</p>
<p><em><strong>Welche historischen Zusammenh&#228;nge gibt es zwischen den VS-Beh&#246;rden und dem Nationalsozialismus bzw. der extremen Rechten in der Bundesrepublik? </strong></em></p>
<p>Der VS hat bis heute ein nicht gekl&#228;rtes Verh&#228;ltnis zu seiner NS-belasteten Entstehungsgeschichte – auf Bundes- wie auf L&#228;nderebene. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz (BfV) wurde zu weiten Teilen von belasteten Alt-Nazis, die schon in der NS-Zeit bei Gestapo, SS oder NS-Justiz einschl&#228;gig t&#228;tig waren, aufgebaut und ist antikommunistisch gepr&#228;gt. Erst vor kurzem wurde die Aufarbeitung dieser Vergangenheit in die Wege geleitet, welche selbstverst&#228;ndlich pr&#228;genden Einfluss auf die weitere Entwicklung und Arbeit des VS in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik hatte. Eine exzessive Kommunistenverfolgung in den 50er und 60er Jahren, an der der VS ma&#223;geblich beteiligt war, steht f&#252;r diese Phase; um die altnazistische Szene k&#252;mmerte sich der VS anf&#228;nglich und allzu lange Zeit nur wenig, sie war schlie&#223;lich weitgehend im Staatsapparat aufgegangen beziehungsweise – wie der erste BfV-Pr&#228;sident Otto John bemerkte – von den Regierungsparteien integriert worden.</p>
<p>Aufgrund dieser pr&#228;genden antikommunistischen und antisozialistischen Ausrichtung ist es bis heute schwer vorstellbar, dass ausgerechnet dieser Geheimdienst, der schon fr&#252;hzeitig und bis in die j&#252;ngere Zeit die «Gefahren des Kommunismus» und «Linksextremismus» &#252;bersteigerte und die des Neonazismus str&#228;flich verharmloste, zu einem Garanten f&#252;r die Eind&#228;mmung dieser Gefahr werden k&#246;nnte. Diese Bef&#252;rchtungen sind gerechtfertigt – schon in den 80er und 90er Jahren versagten die VS-&#196;mter auf ganzer Linie: Weder konnten sie die Zunahme rechter Organisationen und Aktivit&#228;ten vorhersagen und erkl&#228;ren, noch die Zunahme rassistischer Gewalttaten. Zudem bagatellisierten sie lange Zeit die organisatorischen Qualit&#228;ten rechter Gruppierungen – obwohl es l&#228;ngst starke Ans&#228;tze zur Organisierung und Vernetzung gab. Offenbar setzt sich diese Verharmlosung und Blindheit auf dem rechten Auge bis heute fort.</p>
<p><em><strong>Welche Gefahren birgt die ausufernde V-Leute-Arbeit des VS in Neonazi-Szenen?</strong></em></p>
<p>Im Laufe der Jahre entstand ein regelrechtes Netzwerk aus Spitzeln und Agents provocateurs in der Neonazi-Szene – ein undurchdringliches Gestr&#252;pp aus braunen Parteien, Neonazi-Gruppen, Verfassungsschutz und seinen dubiosen Zutr&#228;gern. Die infiltrierenden Aktivit&#228;ten des VS in den gewaltbereiten Neonazi-Szenen bergen gro&#223;e Gefahren: &#220;ber seine angeworbenen, gedungenen und bezahlten V-Leute – im rechtsextremen Spektrum handelt es sich um hart gesottene Neonazis, gnadenlose Rassisten, nicht selten auch um Gewaltt&#228;ter – verstrickt sich der VS fast zwangsl&#228;ufig in kriminelle Machenschaften, wobei auch Straftaten geduldet oder indirekt gef&#246;rdert werden. Brandstiftung, Totschlag, Mordaufrufe, Waffenhandel, Gr&#252;ndung einer terroristischen Vereinigung – das sind nur einige der Straftaten, die «Vertrauensm&#228;nner» des VS im Schutz ihrer Tarnung begingen und begehen. Und ihre V-Mann-F&#252;hrer in den VS-Etagen gehen mit ihnen nicht selten ziemlich vertrauensselig bis kumpelhaft um.</p>
<p>Das Erschreckendste, was ich bei den Recherchen erfahren musste, ist, dass der VS seine kriminell gewordenen V-Leute oft genug deckt und systematisch gegen polizeiliche Ermittlungen abschirmt, um sie weiter absch&#246;pfen zu k&#246;nnen – anstatt sie unverz&#252;glich abzuschalten. Mit verfassungssch&#252;tzerischer R&#252;ckendeckung k&#246;nnen sich diese Kriminellen im Dienste des Staates in ihrem rechten Treiben ermutigt f&#252;hlen und unangefochten weitermachen wie bisher. Dieses Verhalten nennt man psychische Unterst&#252;tzung und Beihilfe zu Straftaten. Das ist zwar strafbar, doch die VS-Verantwortlichen sind daf&#252;r nie zur Rechenschaft gezogen worden – selbst wenn dadurch unbeteiligte Personen schwer gesch&#228;digt wurden.</p>
<p>Der Staat hat also die rechtsextremen Szenen und Parteien &#252;ber seine bezahlten Spitzel mitfinanziert und gest&#228;rkt, anstatt sie zu schw&#228;chen. Abertausende DM und Euros flossen in rechtsextreme Neonazistrukturen. So wurde der VS &#252;ber sein V-Leute-Netz selbst Teil des Neonazi-Problems, jedenfalls konnte er kaum etwas zu dessen Bek&#228;mpfung beitragen.</p>
<p><em><strong>Haben die V-Leute aus dem rechtsextremen Spektrum den VS instrumentalisiert oder gar beeinflusst?</strong></em></p>
<p>Auch das ist vorgekommen und dokumentierbar. So haben etwa die V-Leute Wolfgang Frenz und Udo Holtmann aus Nordrhein-Westfalen die NPD jahrzehntelang mit aufgebaut, an f&#252;hrenden Stellen die Zielsetzung und Aktivit&#228;ten der Partei entscheidend mitbestimmt und rassistisch gepr&#228;gt – obwohl gerade das nach den internen V-Leute-Richtlinien eigentlich untersagt ist. Frenz, Holtmann und andere haben also das Beobachtungsfeld, das sie f&#252;r den VS von innen auskundschaften sollten, als V-Leute selbst mitgestaltet. Sie bet&#228;tigten sich nach eigenen Aussagen auch als «Doppelagenten», in dem sie versuchten, ihrerseits den VS auszusp&#228;hen und ihn lediglich mit Spielmaterial zu versorgen – als nur mit Informationen, die zuvor von der NPD gefiltert wurden.</p>
<p><em><strong>Warum ist den Parlamentarischen Kontrollkommissionen nichts aufgefallen?</strong></em></p>
<p>Parlamentarische Kontrollgremien haben meines Wissens bislang weder VS-Skandale noch problematische VS-Strukturen aufgedeckt, das waren zumeist die Medien oder Insider. In den parlamentarischen Gremien arbeiten Abgeordnete, die in der Regel keine Fachleute f&#252;r Geheimdienstarbeit sind. Sie pr&#252;fen nicht prophylaktisch, sondern meist erst dann, wenn der Skandal perfekt ist. Viele von ihnen beklagen, dass diese parlamentarische Kontrolle letztlich unzureichend sei.</p>
<p><em><strong>K&#246;nnte man etwas grob sagen, der VS kann eigentlich machen was er will?</strong></em></p>
<p>Verfassungsschutzbeh&#246;rden sollen dem Schutz von Verfassung und Demokratie dienen, sie sind aber Inlandsgeheimdienste, denen von Anfang an der euphemistische Tarnname «Verfassungsschutz» verpasst wurde. Als Geheimdienste sind sie jedoch selbst Fremdk&#246;rper in der Demokratie, weil sie mit ihren geheimen Strukturen, Mitteln und Methoden den demokratischen Prinzipien der Transparenz und Kontrollierbarkeit widersprechen. Deshalb neigen Geheimdienste zu Verselbstst&#228;ndigung und Eigenm&#228;chtigkeit, Machtmissbrauch und Willk&#252;r, und immer wieder zu Skandalen. Darum wird immer wieder diskutiert, ob solche Geheimorgane, die Demokratie und B&#252;rgerrechten mehr schaden als n&#252;tzen, perspektivisch aufgel&#246;st werden m&#252;ssten. Nach dem neuen Staatsschutzskandal ist diese Debatte keineswegs mehr abwegig.</p>
<p><em><strong>Die offizielle Version des Geschehens um die Neonazi-Morde enth&#228;lt eine Reihe von Ungereimtheiten. Vertuschen die VS-Beh&#246;rden etwas?</strong></em></p>
<p>Vertuschen geh&#246;rt zum Handwerk von Geheimdiensten, das ist nichts Ungew&#246;hnliches. Was genau vertuscht wird, das wissen wir leider (noch) nicht, weil es ja geheim ist. Hat m&#246;glicherweise eine organisierte Abschirmung der T&#228;ter aus den Sicherheitsbeh&#246;rden heraus stattgefunden? Welche Rolle spielt der (th&#252;ringische) VS bei der Vertuschung? Wir d&#252;rfen nicht zulassen, dass hier die Aufkl&#228;rung wieder an die Grenzen des demokratischen Rechtsstaats st&#246;&#223;t, weil Geheimdienste im Spiel sind. Eine r&#252;ckhaltlose und unabh&#228;ngige Aufkl&#228;rung vertr&#228;gt sich nicht mit Geheimhaltung und Vertuschung.</p>
<p><em><strong>Tappten die Polizeibeh&#246;rden auch deshalb so lange im Dunkeln, weil die VS-Beh&#246;rden Einfluss auf die Ermittlungen genommen haben?</strong></em></p>
<p>Dieser ungeheuerliche und beispiellose Nichtermittlungsskandal ist eigentlich nur erkl&#228;rlich, wenn man eine organisierte Abschirmung und Beg&#252;nstigung der T&#228;ter aus den Reihen der Sicherheitsbeh&#246;rden heraus unterstellt. Wir m&#252;ssen die kommenden Ermittlungen abwarten, wobei auch hier die Rolle des VS von besonderer Bedeutung ist. Schlie&#223;lich war der VS mit V-Leuten wie Tino Brandt gerade in jenen Neonazi-Gruppen wie dem «Th&#252;ringer Heimatschutz» hautnah dran, in denen die sp&#228;teren M&#246;rder organisiert waren. Deshalb ist es unverst&#228;ndlich, weshalb drei Neonazis, denen bereits terroristische Straftaten vorgeworfen wurden, nach Erlass eines Haftbefehls &#252;ber mehr als ein Jahrzehnt untertauchen und unbehelligt mehrere Migranten und eine Polizistin ermorden konnten.</p>
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		<title>«Ich habe das Gef&#252;hl, man will die Akte schlie&#223;en»</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 12:46:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Ali Demir hat den «Nagelbombenanschlag» in der K&#246;lner Keupstra&#223;e miterlebt Soll immer weiter vertuscht werden? Ist es bequem, alle Anschl&#228;ge [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ali Demir hat den «Nagelbombenanschlag» in der K&#246;lner Keupstra&#223;e miterlebt</strong></p>
<p>Soll immer weiter vertuscht werden? Ist es bequem, alle Anschl&#228;ge jetzt zwei Nazis anzuh&#228;ngen, die zum Gl&#252;ck tot sind?</p>
<p><span id="more-3566"></span>In der Mordserie an acht t&#252;rkischst&#228;mmigen und einem griechischen Kleinunternehmer sehen Ermittler «gewisse Anhaltspunkte f&#252;r einen Zusammenhang» mit dem «Nagelbombenanschlag» in der &#252;berwiegend von T&#252;rken bewohnten K&#246;lner Keupstra&#223;e am 9.Juni 2004. Bei dem Anschlag wurden damals 22 Menschen verletzt.</p>
<p>Rainer Kippe von der Sozialistischen Selbsthilfe M&#252;lheim (SSM) sprach dar&#252;ber mit dem Unternehmens- und Wirtschaftsberater ALI DEMIR. Er engagiert sich seit 30 Jahren ehrenamtlich im Umfeld der Keupstra&#223;e in K&#246;ln-M&#252;lheim und geh&#246;rt zu den Initiatoren der Interessengemeinschaft Keupstra&#223;e e.V. Er hat das Attentat aus n&#228;chster N&#228;he in seinem B&#252;ro erlebt.</p>
<p><em><strong> Ali, erinnerst du dich an das Attentat?</strong></em></p>
<p>Es war ein Mittwoch. Ich kam gegen 14.30 Uhr von der Schule und bin zu Fu&#223; in mein B&#252;ro in der Keupstra&#223;e gegangen. Wegen meiner T&#228;tigkeit f&#252;r die Interessengemeinschaft der Keupstra&#223;e hatte ich mein Steuerb&#252;ro an diesem Tag nicht f&#252;r das Publikum ge&#246;ffnet. Ich sa&#223; also allein in meinem B&#252;ro und habe eigene Arbeiten erledigt. Pl&#246;tzlich h&#246;rte ich eine Explosion ganz in der N&#228;he und sah Rauch durch das Fenster. Ich habe geglaubt, eine Gasflasche sei hochgegangen, was in gewissem Sinne ja auch stimmte. Ein H&#228;ndler lieferte n&#228;mlich in der Keupstra&#223;e immer gro&#223;e Mengen Gasflaschen aus, und ich hatte ihn immer vor der M&#246;glichkeit einer Explosion gewarnt. Ich erwartete folglich weitere Explosionen. Deshalb habe ich mich zu Boden geworfen. Von da aus sah ich durchs Fenster, dass die Leute hin und her liefen. Zu meiner &#220;berraschung entdeckte ich zwischen ihnen einen Zivilpolizisten ohne Jacke. Unter seiner Schulter sah ich die Waffe.</p>
<p><em><strong> Was geschah weiter?</strong></em></p>
<p>Ich bin daraufhin sofort auf die Stra&#223;e gelaufen. Dort sah ich vor dem benachbarten Textiliengesch&#228;ft den Polizisten. Ich habe ihn eingeholt und ihn gefragt, was passiert sei. Als er nicht antwortete, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass ich die Interessengemeinschaft der Keupstra&#223;e vertrete und deshalb gerne eine Aufkl&#228;rung h&#228;tte.</p>
<p><em><strong> Was erhieltest du zur Antwort?</strong></em></p>
<p>Er hat gesagt: «Schauen Sie doch mal auf den Boden.» Ich habe auf den Boden geschaut und Metallst&#252;cke gefunden. Als ich darauf hin wies, sagte er: «Das sind nicht nur Metallst&#252;cke, das ist eine Nagelbombe.» In diesem Moment sah ich auf der anderen Seite einen zweiten Zivilpolizisten. Beide wollten den Tatort absperren.</p>
<p>Erst zwanzig Minuten sp&#228;ter traf die uniformierte Polizei ein.</p>
<p><em><strong>Was war bis dahin mit den Opfern?</strong></em></p>
<p>Die Opfer lagen teilweise auf der Stra&#223;e, die herbeigelaufenen Gesch&#228;ftsleute versuchten, deren Blut zu stillen.</p>
<p><em><strong> Und dann?</strong></em></p>
<p>Mit der Polizei zusammen waren Rettungswagen eingetroffen. Die Polizei hat die Menschen in die Hinterr&#228;ume gedr&#228;ngt und die Keupstra&#223;e gesperrt, weil sie ein weiteres Attentat bef&#252;rchtete. Sie hat dann alle H&#228;user bis unters Dach untersucht. Ein Polizeihubschrauber kreiste &#252;ber dem Viertel. Spezialpolizisten in schwarzen Uniformen durchsuchten das Kanalnetz.</p>
<p><em><strong>Wie hat das auf die Anwohner gewirkt?</strong></em></p>
<p>Die T&#252;rken und Kurden in der Stra&#223;e waren ahnungs- und fassungslos. Sie hatten die Angst im Gesicht stehen. Die Deutschen haben sich in ihre Wohnungen eingeschlossen, sie hatten Angst vor Vandalismus.</p>
<p><em><strong>Erinnerst du dich an Kommentare der Staatsorgane?</strong></em></p>
<p>Ich erinnere mich, dass Otto Schily kurz nach dem Anschlag eine Erkl&#228;rung abgab des Inhalts, dass es keinen politischen Hintergrund gebe und dass kriminelle Elemente in der Keupstra&#223;e diesen Anschlag selbst organisiert h&#228;tten. Diese Meinung wurde im Weiteren als Hauptmeinung verbreitet.</p>
<p><em><strong>Was habt ihr daraufhin unternommen?</strong></em></p>
<p>Ich habe am n&#228;chsten Tag mit B&#252;rgermeister Joseph M&#252;ller von der CDU und dem t&#252;rkischen Generalkonsul im Lokal Karawanseray eine Pressekonferenz gegeben und darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Volksgruppen in der Keupstra&#223;e friedlich zusammenleben und keinesfalls Gewalt gegeneinander anwenden w&#252;rden. Die deutschen Nachbarn haben sich daraufhin getraut, auf der Stra&#223;e auf die t&#252;rkischen Gesch&#228;ftsleute zuzugehen und ihre Solidarit&#228;t zu bekunden.</p>
<p><em><strong>Wie haben die deutschen Beh&#246;rden reagiert? Es ist doch dann ein Videoband aufgetaucht, das einen gro&#223;en blonden Europ&#228;er mit zwei Fahrr&#228;dern – eines davon mit einer Gasflasche auf dem Gep&#228;cktr&#228;ger – kurz vor der Explosion ganz in der N&#228;he zeigt?</strong></em></p>
<p>Als die Videob&#228;nder aus der Schanzenstra&#223;e bekannt wurden, hat die Polizei etwa 500 Leute verh&#246;rt, auf die die Personenbeschreibung zutraf. Es hie&#223; dann, der Anschlag sei vermutlich von einem Europ&#228;er begangen worden, allerdings im Auftrag der t&#252;rkischen Mafia.</p>
<p><em><strong>Wie hat das politische K&#246;ln reagiert?</strong></em></p>
<p>Regierungspr&#228;sident Roters [der heutige Oberb&#252;rgermeister der Stadt] ist damals in die Keupstra&#223;e gekommen und hat sich in dem besch&#228;digten Frisiersalon seine Haare schneiden lassen. Von allen Parteien haben Politiker die Keupstra&#223;e besucht und ihre Solidarit&#228;t bekundet. Am 15.7. war ein gro&#223;es Stra&#223;enfest. Ich konnte deshalb nicht nach Hamburg fahren, wo mein Vater auf dem Sterbebett lag.</p>
<p><em><strong>Wie ging es weiter? Ein T&#228;ter ist doch damals nicht gefunden worden?</strong></em></p>
<p>Drei Monate sp&#228;ter hat im Rathaus eine Veranstaltung stattgefunden zum Thema Integration in europ&#228;ischen St&#228;dten. Verschiedene B&#252;rgermeister aus europ&#228;ischen St&#228;dten, aber auch der US-Generalkonsul aus D&#252;sseldorf mit zwei Begleitern nahmen teil. Sie haben mir am Tisch im Gespr&#228;ch gesagt: «Wir haben alle Dokumente in die USA geschickt und haben einen Bericht bekommen, demzufolge der T&#228;ter nicht erwischt werden kann.»</p>
<p><em><strong>Wie ging es in der Keupstra&#223;e weiter?</strong></em></p>
<p>In der Keupstra&#223;e sind die Kunden aus Angst weggeblieben, die Ums&#228;tze gingen drastisch zur&#252;ck. Die Gesch&#228;ftsleute hatten gro&#223;e Verluste. Sie hatten auf die Aufkl&#228;rung des Verbrechens gehofft. Ich habe ihnen die Information der Amerikaner weitergegeben. Die Rechnung von Schily ist insofern aufgegangen, als die Migranten angefangen haben, sich untereinander zu verd&#228;chtigen. Das war der Tiefpunkt des ganzen Geschehens.</p>
<p><em><strong>Wie habt Ihr euch gef&#252;hlt?</strong></em></p>
<p>Wir f&#252;hlten uns von den Beh&#246;rden zu Unrecht beschuldigt und allein gelassen. Im Gegenteil: Durch die Untersuchungen und Durchsuchungen sind viele Gewerbetreibende ins Visier der Beh&#246;rden, z.B. des Finanzamts oder des Zollamts, geraten und hatten gro&#223;e Schwierigkeiten. Ich selbst habe nach dem Attentat dreimal Drohungen erhalten.</p>
<p><em><strong>Was l&#228;sst sich vor diesem Hintergrund zu den heutigen Enth&#252;llungen sagen?</strong></em></p>
<p>Bis jetzt sind das f&#252;r mich nur Vermutungen. Ich habe das Gef&#252;hl, man will die Akte schlie&#223;en. Auf dem Fahrrad gab es Fingerabdr&#252;cke und DNA-Spuren. Das sollte wissenschaftlich verglichen werden, um endlich festzustellen, wer der T&#228;ter ist. Ich bef&#252;rchte, dass der Staatsapparat aufgrund seines Versagens dazu neigt, jetzt alle Taten den beiden Toten anzulasten, um von den eigenen Ermittlungspannen abzulenken und den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund zu verschleiern.</p>
<p><em>Aus: NRhZ, Nr.328, www.nrhz.de.</em></p>
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		<title>Ein neuer globaler Bewegungszyklus</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 08:33:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[Alexis Passadakis &#252;ber die Occupy-Bewegung in Frankfurt Die Occupy-Bewegung in Deutschland wurde von den Medien sehr gehypt, vor allem in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Alexis Passadakis</em> </strong>&#252;ber die Occupy-Bewegung in Frankfurt</p>
<p>Die Occupy-Bewegung in Deutschland wurde von den Medien sehr gehypt, vor allem in Deutschland. Sie ist hier aber auch Ausl&#228;ufer einer Bewegung, die es vorwiegend in den reichen Industriel&#228;ndern gibt, die sich mit Fug und Recht als erste spontane Massenreaktion auf die Krise bezeichnen kann.<br />
<span id="more-3399"></span>ALEXIS PASSADAKIS ist Mitglied im Koordinierungskreis von Attac. Er war von Anfang an in die Vorbereitung des 15.Oktober in Frankfurt involviert. Attac hatte den Aktionstag schon vor Monaten ausgerufen und vorbereitet, so richtig Fahrt gewann die Mobilisierung aber erst in der letzten Woche.<br />
Die SoZ sprach mit ihm dar&#252;ber, wer die beteiligten Kr&#228;fte sind, was die Besetzer tun und welche Perspektive Attac mit der Occupy-Bewegung verbindet.</p>
<p><em><strong>Du hast den 15.Oktober in Frankfurt mit organisiert. Wie sieht die Situation dort jetzt aus?</strong></em></p>
<p>Nun ja, es gibt das Camp vor der EZB, initiiert von der Occupy Frankfurt Gruppe. Es besteht aus 40 Zelten und hat eine passable Infrastruktur. In Frankfurt gibt es ein relativ hohes Mobilisierungspotenzial, am 15.Oktober kamen 8000 Leute, am vergangenen Samstag (22.10.) waren es 6000 Leute. Das sind keine gigantischen Zahlen, aber es zeigt, dass es in der Region eine kritische Masse von Menschen gibt, mit der man eine Sichtbarkeit erreichen kann. Allerdings funktioniert das Camp auf praktischer Ebene nicht besonders gut, auch wenn es symbolisch Ebene unglaublich wichtig ist, weil es den Raum, der politisch ge&#246;ffnet wurde, auch hier verankert. F&#252;r dieses Camp kommt viel Infrastrukturhilfe aus anderen Strukturen, wie Attac oder der Linkspartei.</p>
<p><em><strong>Hat es eine Ausstrahlung? Kommen Leute aus der Stadt hinzu, die mit den Campern reden oder vielleicht sogar selbst ein Zelt dort aufschlagen m&#246;chten?</strong></em></p>
<p>Ein Zelt aufschlagen wollen die Leute weniger, es gibt aber einen regen Publikumsverkehr. Um einen politischen Raum zu &#246;ffnen, ist das Camp sehr, sehr wirkungsvoll. Dort wird tats&#228;chlich diskutiert, und es hat eine mediale Ausstrahlung.</p>
<p><em><strong>Wer verbirgt sich in Frankfurt hinter der Occupy-Gruppe?</strong></em></p>
<p>Die Initialz&#252;ndung kam von einer Gruppe von Leuten, die eine Mischung aus Globalisierungskritik, Verschw&#246;rungstheorie und Esoterik vertreten, sog. Zeitgeistleute. Sie spielten von Anfang an eine wichtige Rolle und haben die Occupy-Thematik aufgegriffen. Gleichzeitig ist es so, dass sie im Camp selbst, so wie es jetzt existiert, kaum noch eine Rolle spielen, da sind andere Leute inzwischen dominanter.</p>
<p><em><strong>Wer ist das?</strong></em></p>
<p>Es ist eine Mischung aus Leuten, die sich im weitesten Sinne als alternativ und links bezeichnen w&#252;rden und unorganisiert sind.</p>
<p><em><strong>Stimmt der Eindruck, dass es Leute sind, die man bisher bei politischen Aktivit&#228;ten oder Bewegungen nicht angetroffen hat? </strong></em></p>
<p>Nein, das w&#252;rde ich so nicht sagen, es sind schon im Wesentlichen Leute, die zu einem alternativen Milieu geh&#246;ren, auch wenn sie vorher nicht organisiert waren. Viele von ihnen waren aber schon mal bei Antiatomdemos oder beim Castor dabei. Sie halten das Camp mit Hilfe von Infrastrukturunterst&#252;tzung durch Strukturen wie die Linkspartei, Gewerkschaften, Attac.</p>
<p><em><strong>Welche Gewerkschaften sind das?</strong></em></p>
<p>Die DGB-Jugend hat geholfen, auf dem Camp steht ein IG-Metall-Zelt, ich glaube, das kam &#252;ber die DGB-Jugend dorthin. Die haben auch den LKW mit Soundanlage f&#252;r die Demo organisiert.</p>
<p><em><strong>Das &#252;berrascht mich, ich habe gelesen, am vergangenen Wochenende habe es eine Auseinandersetzung darum gegeben, ob Attac oder Gewerkschaften ihre Symbole bei der Demonstration zeigen d&#252;rfen. Wie passt das zusammen?</strong></em></p>
<p>Diese Bewegung ist gepr&#228;gt durch einen starken Vorbehalt gegen&#252;ber Parteien, aus einem jeweils spezifischen Kontext heraus. Der sehr starke Vorbehalt gegen&#252;ber Parteien f&#228;rbt auch ab auf andere organisierte, meinetwegen auch  hierarchisch wahrgenommene Strukturen jeglicher Art, so dass es einen ganz starken Diskurs gibt, der das Individuum in den Vordergrund stellt und die Meinung der vielen Einzelnen.<br />
Dieser Diskurs ist sehr pr&#228;gend f&#252;r das Camp und &#252;berhaupt f&#252;r diese Occupy-Bewegung. Damit l&#228;sst sich sicherlich erst einmal ein politischer Raum &#246;ffnen, wo ganz grunds&#228;tzliche Fragen gestellt werden k&#246;nnen. Von daher ist das sicher ein positiver Moment, es kann aber auch in eine grunds&#228;tzlich, naja, vorpolitische, teilweise ahistorische oder sogar vordemokratische Wahrnehmung und Selbstidentifikation umschlagen.</p>
<p><em><strong>Dieselben Leute haben aber nichts dagegen, dass die Linkspartei oder die Gewerkschaften ihnen die Infrastruktur f&#252;r das Camp liefern – frage ich jetzt mal etwas b&#246;sartig?</strong></em></p>
<p>Diese Frage kann man durchaus b&#246;sartig stellen. Es l&#228;uft alles sehr chaotisch und der Diskurs ist fast ein bisschen narzisstisch, weil er sich nur auf das Individuum bezieht.</p>
<p><em><strong>Kannst du ein Beispiel geben?</strong></em></p>
<p>Es geht darum, dass keine Organisationsvertreter zusammen kommen, sondern Menschen, Individuen. Das Bild der Schwarmintelligenz spielt da eine wichtige Rolle, das ist eine technologische Metapher, die in internetaffinen Kreisen, auch in der Piratenpartei, eine wichtige Rolle spielt – da spielt das Individuum eine ganz entscheidende Rolle.<br />
Das hat wie gesagt, den Vorteil, einen neuen Raum aufzumachen, in dem ganz grunds&#228;tzliche Fragen gestellt werden k&#246;nnen und eine radikale Kritik an gesellschaftlichen Strukturen m&#246;glich ist. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das Kind mit dem Bade ausgesch&#252;ttet wird, indem n&#228;mlich tats&#228;chlich vorhandene gesellschaftliche Strukturen und Machthierarchien &#252;bersehen werden und auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Strukturen nicht erkannt werden, es kommt manchmal etwas ahistorisch daher – deshalb ist das sehr ambivalent. Das kann umschlagen, muss es aber nicht, es ist ein Tanz auf des Messers Schneide.</p>
<p><em><strong>Ist denn die Piratenpartei auch mit dabei?</strong></em></p>
<p>Nicht erkennbar, nein. In Frankfurt kann ich das nicht sehen.</p>
<p><em><strong>In New York und Madrid haben die Zeltlager dazu gedient, eine m&#246;glichst breite Menschenmenge anzuziehen, die sich in regelm&#228;&#223;igen Vollversammlungen trifft und dort &#252;ber ihre Beschwerden, Forderungen und Ziele diskutiert. L&#228;uft so etwas &#228;hnliches auch in Frankfurt?</strong></em></p>
<p>Ja, nat&#252;rlich. Es gibt die Asamblea, das zentrale Organ des Camps, die wenigstens einmal am Tag stattfindet, oft auch zweimal am Tag und abends.<br />
Man muss aber dazu sagen, dass das, was wir in Deutschland erleben, nur die letzten Ausl&#228;ufer dieser globalen Bewegung sind. Das merkt man daran, dass es keine Besetzungen sind, die hier stattfinden. Das Camp vor der EZB ist eine angemeldete Mahnwache, auch die paar Zelte in D&#252;sseldorf sind angemeldet. Das hat nicht die Durchschlagskraft und diese Radikalit&#228;t, die Proteste in den anderen L&#228;ndern haben da eine ganz andere Dimension. Das ist kein Wunder, bei der objektiven Lage gibt es in Spanien, oder auch in den USA, eine ganz andere Betroffenheit als in Deutschland.<br />
Deshalb sind diese Camps hier organisatorisch und praktisch nicht sehr stark. Auch die Asambleas funktionieren nicht so, dass sie effektive Entscheidungs- und Organisationsorgane sein k&#246;nnten. Das k&#246;nnen Asambleas, definitiv, wenn sie gut moderiert sind und erfahrene Leute dabei sind. Das l&#228;uft in Frankfurt aber eher schlecht als recht.</p>
<p><em><strong>Was wird auf den Asambleas diskutiert?</strong></em></p>
<p>Es werden alle organisatorischen Belange des Camps diskutiert. Das ist der Hauptfokus, das Organisatorische des Camps und die Aktionen; die politischen und strategischen Inhalte spielen eher keine Rolle. Das ist meine Wahrnehmung, ich bin aber zugegebenerma&#223;en nicht bei allem dabei.</p>
<p><em><strong>Trotzdem waren wir alle vom gro&#223;en Zulauf &#252;berrascht, den diese Bewegung Mitte Oktober bekommen hat, auch am Wochenende danach gab es Demonstrationen mit mehreren tausend Leuten. Der Vorl&#228;ufer dieser Bewegung war ja die Initiative «Wir zahlen nicht f&#252;r Eure Krise», die jedoch l&#228;ngst nicht diese Aufmerksamkeit bekommen hat und auch nicht denselben Impuls hatte. Warum ist das jetzt so anders?</strong></em></p>
<p>Wenn man auf die reinen Zahlen schaut, ist es verbl&#252;ffend, dass die Initiative «Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise» 2009 40000 Menschen auf die Strasse gebracht hat, jeweils 20000 in Frankfurt und Berlin. Auch jetzt, am 15.10., waren wir letzten Endes 40000, aber der Kontext ist doch ein ganz anderer.<br />
2009 hat die Krise die Menschen paralysiert. Jetzt gibt es einen spontanen Faktor. Die Spaltung zwischen der Mehrheit der Bev&#246;lkerung und denjenigen, die regieren, ist durch die permanenten Rettungspakete und die Dynamik der Krise viel st&#228;rker geworden. Der Zorn in der Gesellschaft ist gewachsen, gleichzeitig auch die Unf&#228;higkeit der Herrschenden, die Sache in den Griff zu bekommen. Zus&#228;tzlich gibt es Br&#252;che auch in den Eliten.<br />
Das erkl&#228;rt, warum die Medien f&#252;r den 15.10. so enorm mobilisiert haben, sonst w&#228;ren wir nicht so weit gekommen. Neu ist also, dass sich etablierte Strukturen mobilisiert haben, dass Leute wie Ulrich Wickert bei Maybrit Illner sagten, man muss jetzt mal auf die Stra&#223;e gehen.</p>
<p><em><strong>Welche Zielsetzung verfolgt Attac mit der Unterst&#252;tzung dieser Bewegung?</strong></em></p>
<p>F&#252;r uns ist klar, dass dies nicht der Auftakt, sondern eine erste Zuspitzung eines neuen, globalen Bewegungszyklus ist. Die globalisierungskritische Bewegung, wie es sie mal gab, ist endg&#252;ltig abgeschlossen, es steht etwas Neues bevor. Es macht Sinn, neu die Augen aufzumachen und zu sehen, wo man k&#228;mpfen kann. Wir sind guten Mutes, auch in den n&#228;chsten Wochen und Monate mehr mobilisieren zu k&#246;nnen, mehr &#214;ffentlichkeit zu haben, als das seit 2007, seit dem Beginn der Krise m&#246;glich war.<br />
Wir planen f&#252;r den 12.11. gr&#246;&#223;ere Aktionen in Berlin und Frankfurt, um diese Dynamik weiter zu tragen, weil wir nicht sehen, dass die organisatorischen Kapazit&#228;ten der Occupy-Gruppen dauerhaft wirken.</p>
<p><em><strong>Was plant ihr f&#252;r den 12.11.?</strong></em></p>
<p>Wir diskutieren, ob man vielleicht noch Leute aus dem mittelschichts-b&#252;rgerlichen Spektrum einbinden kann – durch eine Aktionsform, die relativ bekannt ist, n&#228;mlich Menschenketten. Konkret planen wir zwei Umzingelungsaktionen: eine f&#252;r das Frankfurter Bankenzentrum, eine f&#252;r den Berliner Regierungssitz. Gr&#246;&#223;ere Aktionen also, aber nicht unbedingt eine Demonstration.</p>
<p><em><strong>Wollt ihr bei eurer Mobilisierung Verbindungen zu Alltagsk&#228;mpfen, etwa gegen die Privatisierungen, kn&#252;pfen?</strong></em></p>
<p>Nicht unmittelbar. Wir sehen, dass es zur Zeit einen starken Frust bez&#252;glich der Bankenrettungen gibt und in der n&#228;chsten Zeit eine Menge politisch entschieden wird. Gleichzeitig erwarten wir, dass es in Deutschland zu sozialen Einschnitten kommen wird, wenn die Krisendynamik so weiter geht. Wir haben jedoch in Deutschland, anders als in Spanien, keine allt&#228;gliche Aneignungspraxis, dass man sich also z.B.dagegen wehrt, wenn Leute aus ihren H&#228;usern rausgeschmissen werden. Deshalb haben wir keinen konkreten Ankn&#252;pfungspunkt, wie die Krise unmittelbar in den Alltag hineinreicht.<br />
Gleichzeitig gibt es bei uns auch die Wahrnehmung, dass die wichtigsten Schlachten an der europ&#228;ischen Peripherie geschlagen werden, in Griechenland und Spanien, leider regt sich in Portugal relativ wenig. Dabei besteht die Hoffnung, dass sich das Terrain neu sortieren wird.</p>
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		<title>Stabile Verh&#228;ltnisse trotz kleinerer Punktsiege von links</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 08:24:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewerkschaftspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>

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		<description><![CDATA[22. Gewerkschaftstag der IG Metall Vom 9. bis 12. Oktober fand in Karlsruhe der 22. Gewerkschaftstag der IG Metall statt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>22. Gewerkschaftstag der IG Metall</strong></p>
<p>Vom 9. bis 12. Oktober fand in Karlsruhe der 22. Gewerkschaftstag der IG Metall statt. In seinem Einleitungsbeitrag zur einw&#246;chigen Tagung bescheinigte Bertold Huber der IG Metall, einen guten Job gemacht zu haben.<br />
<span id="more-3389"></span>Sie habe in der Krise bewiesen, wie wichtig eine gut funktionierende Sozialpartnerschaft ist. Auch genie&#223;e sie das Vertrauen der Jugend, die wieder verst&#228;rkt Aufnahmeantr&#228;ge unterschreibe. Am Ende wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder mit hohen Quoten wieder gew&#228;hlt.<br />
Manch Au&#223;enstehender wird sich verwundert die Augen reiben angesichts der allgemeinen Prekarisierung der Arbeitswelt, deren Wucht auch ein Ergebnis gewerkschaftlicher Politik der Marke «Standort Deutschland» ist.<br />
Dar&#252;ber, welche Ergebnisse der Gewerkschaftstag im Einzelnen hatte, befragte Jochen Gester KLAUS MURAWSKI, der als Delegierter der Berliner Verwaltungsstelle dabei war.<br />
Klaus ist Vertrauensk&#246;rperleiter bei OTIS und Mitglied der Berliner Ortsverwaltung. Auf der &#246;rtlichen Delegiertenversammlung erhielt er sein Mandat f&#252;r den Gewerkschaftstag gegen die Empfehlung der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung.</p>
<p><em><strong>Was waren die Hauptthemen auf diesem Gewerkschaftstag?</strong></em></p>
<p>Es gab viele. Hauptthema war eigentlich, wie die IG Metall eine Perspektive finden kann. Die IG Metall hat ja jetzt aktuell neue Mitglieder gewonnen, ganz gegen den Trend. Daf&#252;r wurden auch gro&#223;e Anstrengungen unternommen. Das Motto war: «Wir wollen stark bleiben und uns weiterentwickeln und an Bedeutung gewinnen.» Das bezieht sich vor allem auf die Politik. Deshalb wurden auch Merkel und Wulf eingeladen.<br />
Das konkrete Thema war die prek&#228;re Besch&#228;ftigung. Neu als Thema waren die sog. Werkvertr&#228;ge. Ich wusste nicht, dass die IG Metall das jetzt so in den Mittelpunkt stellt. Weiter ging es um das Thema Befristungen und die Ausgrenzung durch Leiharbeit. Hier ging es dann auch um die Frage der Belastungen – durch Schichtarbeit und ihre Ausweitung sowie durch Managementsysteme wie «100%-Arbeit» oder «Arbeit ohne Ende».<br />
Eine besondere Rolle spielte die prek&#228;re Besch&#228;ftigung f&#252;r die junge Generation. In diesem Umfang neu war auch die Rolle der Mitgliedergewinnung, vor allem junger Mitglieder. Debattiert wurde, wie man die junge Generation besser ansprechen und f&#252;r sie Politik machen kann. Hier ging es um den Zusammenhang von prek&#228;rer Besch&#228;ftigung und selbstbewusstem Auftreten. Die Gewerkschaften haben gemerkt, dass das Erste das Zweite verhindert, Perspektivlosigkeit und Ver&#228;ngstigung erzeugt und es schwer ist, unter diesen Bedingungen eine selbstbewusste Gewerkschaftspolitik zu machen.</p>
<p><strong>Das Personelle</strong><br />
<em><strong>Um welche Fragen gab es kontroverse Debatten?</strong></em></p>
<p>Es gab deutlich weniger kontroverse Debatten als vor acht Jahren, als ich auch als Delegierter dabei war. Die erste Kontroverse war – das lief ja auch durch die Medien – die unerwartete Vorstandswahl. Nach dem Vorschlag des Vorstands sollte die CDA, bisher durch Regina G&#246;rner vertreten, nicht mehr Sitz und Stimme im Vorstand haben.<br />
Das war aber nicht der eigentliche Konflikt. Der drehte sich um die Frage, welche Bezirke im Vorstand vertreten werden und welche nicht, was so aber nie offen ausgesprochen wurde. Deutlich wurde dies bei der geheimen Abstimmung &#252;ber den Satzungsantrag, bei der es um die Absicht ging, den  gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Vorstand zu verkleinern. Hier haben Frankfurt und Niedersachsen geschlossen gegen den Vorstand votiert, weil sie im neuen Vorstand nicht mehr vertreten gewesen w&#228;ren. Das reichte zur Ablehnung, weil eine Zweidrittelmehrheit notwendig war.<br />
F&#252;r J&#252;rgen Peters aus Niedersachsen war 2007 Detlef Wetzel aus NRW nachger&#252;ckt. Bisher war es so, dass immer ein Vertreter aus Niedersachen oder Baden-W&#252;rttemberg Erster oder Zweiter Vorsitzender gewesen ist. Mit dieser Tradition war gebrochen worden. Die Niedersachsen haben dann bei den Frankfurtern Verb&#252;ndete gefunden. Bayern, Baden-W&#252;rttemberg und NRW hatten f&#252;r den Antrag gestimmt.</p>
<p><em><strong>Was das auch ein Stellvertreterkonflikt, bei dem andere &#196;rgernisse eine zus&#228;tzliche Rolle spielten?</strong></em></p>
<p>Ja, es gab auch andere, die unzufrieden waren. Es gab ein Papier der Vorstandsverwaltung, welche Personengruppen k&#252;nftig im Vorstand vertreten sein sollten. Dort tauchten Frauen, Jugend und Migranten und Angestellte nur noch da auf, wo es um Mitgliederentwicklung ging, aber nicht bei der Besetzung der Vorstands&#228;mter. Das war zumindest ungeschickt. Der Vorstand konnte das auch nicht erkl&#228;ren und begr&#252;nden, wie sichergestellt wird, dass die Gruppen wirklich im gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Vorstand repr&#228;sentiert werden. Dadurch gab es wohl eine Menge von Sympathisanten des Vorhabens, die geplante Verkleinerung des gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Vorstands zu Fall zu bringen, die dann mit aufgesprungen sind.<br />
Die Zahl der Gegenstimmen wuchs dann nochmal bei der zweiten, geheim durchgef&#252;hrten Abstimmung. Dadurch besteht jetzt die Chance, den nicht verkleinerten Vorstand wirklich mit J&#252;ngeren zu besetzen und mit einer Frau aus Niedersachsen.</p>
<p><strong>Die Antr&#228;ge</strong></p>
<p>&#220;ber das Thema «Organisationsreform IG Metall 2009» hinaus gab es nat&#252;rlich noch weitere Kontroversen. An vier Punkten wurde gegen die Empfehlung der Antragsberatungskommission (ABK) votiert. Vor acht Jahren waren das noch deutlich mehr, was vor allem das Ergebnis der Arbeit der ABK ist.<br />
Punkt 1 war Leiharbeit. Es lag ein Antrag vor, der sich f&#252;r ein langfristiges Verbot der Leiharbeit aussprach. Das wurde von der ABK abgelehnt, aber von den Delegierten klar bef&#252;rwortet.<br />
Punkt 2 war die Forderung nach einer abschlagsfreien Rente mit 60 nach 40 Versicherungsjahren. Da haben sie gemerkt, dass eine Ablehnung dieses Antrags keine Mehrheit findet und deshalb eingelenkt. Der Vorstand hatte die Abschlagsfreiheit erst mit 65 bef&#252;rwortet.<br />
Punkt 3 war ein Antrag des Ortsjugendausschusses, der gefordert hatten Werbung f&#252;r die Bundeswehr nicht nur aus Schulen, sondern auch aus Berufsschulen, Messen und Arbeits&#228;mtern rauszuhalten. Hier war im empfohlenen Antrag nur von «Schulen» die Rede.<br />
Bei Punkt 4 ging es um das Outsourcing von Bildungsarbeit beim Vorstand und den Bezirksverwaltungen. Hier wurde gefordert, Outsourcing, Werkvertr&#228;ge und Leiharbeit sofort zu stoppen und wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Auch hier lenkte die ABK ein.<br />
Erw&#228;hnenswert ist auch, dass viele Redner kritisierten, dass der Vorstand die beschlossene Kampagne gegen die Rente mit 67 abgebrochen hat. Der Vorstand hat diesen Vorwurf jedoch zur&#252;ckgewiesen und erkl&#228;rt, die Kampagne werde fortgesetzt.</p>
<p><strong>Konversion</strong><br />
<em><strong>Gab es eine Debatte um den Kurzreport des Vorstands zur Politik im Schiffbau? Der kam ja &#246;ffentlich unter Beschuss, weil hier eine Ausweitung des R&#252;stungsexports empfohlen wurde.*</strong></em></p>
<p>Gleich am ersten Tag beim Gesch&#228;ftsbericht ging Katinka Penske, die 2.Bevollm&#228;chtigte aus Frankfurt, darauf ein und fragte, was das Papier soll. Man k&#246;nne ja den Eindruck gewinnen, der Vorstand nehme die eigene Beschlusslage nicht ernst. Schlie&#223;lich sei ja Konversion die Linie.<br />
Es gab dazu mehrere Wortmeldungen. Auch ich habe mich zu Wort gemeldet und den Vorstand, Wolfgang Rohde, der das kritisierte Vorwort mit verfasst hatte, gefragt, wie das zu erkl&#228;ren sei. In dem Papier steht deutlich drin, dass die HDW immer noch auf Geld f&#252;r drei U-Boote wartet, das die Griechen zur Zeit nicht haben. Da wird auch klar, was Aufr&#252;stung f&#252;r ein Land wie Griechenland bedeutet, das praktisch pleite ist. Sie t&#246;tet nicht nur in Kriegs- sondern auch in Friedenszeiten, weil das Geld f&#252;r andere Sachen fehlt.</p>
<p><strong><em>Was hat Wolfgang Rhode dazu gesagt?</em></strong></p>
<p>In einem pers&#246;nlichen Gespr&#228;ch hat Rhode versucht, mir die Situation in der Werftindustrie zu erkl&#228;ren. Der Bereich ist zu 95% gewerkschaftlich organisiert und die technikbegeisterten Leute lieben ihre Produkte, entsprechend schwer hat es ein Vorst&#228;ndler, der ihnen mit Konversion kommt. Mit denen muss man lange reden.<br />
Der Bereich des milit&#228;rischen Schiffbaus ist auch sehr geschrumpft. Es gibt nur noch 4000 Arbeitspl&#228;tze in der Endfertigung. Das war mal das Zehnfache.<br />
Huber brachte zum Ausdruck, dass ihn der Beitrag von Katrin Penske sehr gewurmt hat, und betonte, die r&#252;stungskritische Beschlusslage habe sich nicht ver&#228;ndert, eine solche Debatte sei auf dem Gewerkschaftstag eigentlich fehl am Platz.<br />
Zu dem Thema wurde dann ein Erg&#228;nzungsantrag angenommen, in dem klar formuliert ist, dass die IG Metall sich f&#252;r die Erschlie&#223;ung neuer alternativer Arbeitsfelder, insbesondere f&#252;r die Konversion in der wehrtechnischen Industrie einsetzt.</p>
<p><em><strong>Kam das Thema «Tarifeinheit» irgendwie zur Sprache? Huber hatte ja erkl&#228;rt, er wolle dieses Ziel trotz des Ausstiegs von Ver.di weiter verfolgen.</strong></em></p>
<p>In der Aussprache zum Gesch&#228;ftsbericht haben sich einige  kritisch dazu ge&#228;u&#223;ert und der Vorstand ist nicht dagegen  aufgetreten. Diese Geisternummer scheint wirklich vom Tisch zu sein. Huber hat in seinem Grundsatzreferat hervorgehoben, f&#252;r die IG Metall sei es wichtig, sich durch ihre Tarifpolitik als st&#228;rkste Gewerkschaft durchzusetzen. Und Vorstand Helga Schwitzer betonte in ihrem Gesch&#228;ftsbericht, die IG Metall solle das politisch durch eigene Anstrengungen erreichen. Daf&#252;r sei das Urteil g&#252;nstig, weil die Christlichen Gewerkschaften als Dumpingkonkurrenz dadurch eher ausgebootet werden k&#246;nnen.</p>
<p><em><strong>Die Medien haben &#252;ber den Gewerkschaftstag und die IG Metall durchweg lobend berichtet. Sind das nicht vergiftete Komplimente?</strong></em></p>
<p>Das war auf jeden Fall peinlich. In Karlsruhe haben deshalb einige Redner erkl&#228;rt, diese Schmeicheleien w&#252;rden nicht dazu f&#252;hren, dass die IG Metall ihre kritischen Positionen gegen&#252;ber Politik und Wirtschaft aufgibt. Das hat auch Huber gesagt.<br />
Beim Auftritt von Merkel war eigentlich eine Aktion f&#252;r die unbefristete &#220;bernahme geplant. Aber die Kanzlerin war, kaum war sie drin, schon wieder drau&#223;en. In der Rede von Wulff fand ich wirklich gut, was er zum Thema Jugend sagte. Hier hat er sehr gut gesprochen, auch mit Kritik an der Regierung [wegen mangelnder &#220;berpr&#252;fung der staatlichen Reformen zur Flexibilisierung der Arbeitswelt auf Missbrauch].</p>
<p><em><strong>Gab es auf dem Gewerkschaftstag f&#252;r dich Mut machende Weichenstellungen?</strong></em></p>
<p>82% der Delegierten waren zum ersten Mal auf dem Gewerkschaftstag. Das war auch ein Grund, warum weniger als sonst diskutiert wurde. Es gab eine gute Vorbereitung in den Verwaltungsstellen. Und die Antragsberatungskommission hat im Gegensatz zu vor acht Jahren auch fast alle Antr&#228;ge zur Annahme empfohlen. Hier sehe ich eine ehrlich gemeinte Bem&#252;hung, den Zusammenhalt der Organisation zu st&#228;rken.<br />
Erw&#228;hnenswert finde ich auch, dass ziviler Ungehorsam und Blockaden gegen Nazi-Aufm&#228;rsche bef&#252;rwortet wurden. Nat&#252;rlich geht es um kaum mehr, als den Kapitalismus zu versch&#246;nern. Das war immer Aufgabe der Gewerkschaften. Wir sind ja ein Teil dieses kapitalistischen Systems. Wichtig finde ich, dass wir nicht nur mehr junge Mitglieder bekommen, sondern dass sie sich mehr engagieren, auch politisch.</p>
<p>*Mehr zu diesem Thema unter www.labournet.de/igm-akint.berlin/ aktuelles.htm.</p>
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		<title>Schuldenschnitt und Hebelung</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 08:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Gespräch]]></category>
		<category><![CDATA[Umverteilung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft nach Sektoren]]></category>

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		<description><![CDATA[Wirtschaft verstehen Am Wochenende trafen sich die Euro-Staats- und Regierungschefs und beschlossen einen h&#246;heren Schuldenschnitt f&#252;r Griechenland und h&#246;here Eigenkapitalquoten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wirtschaft verstehen</strong></p>
<p>Am Wochenende trafen sich die Euro-Staats- und Regierungschefs und beschlossen einen h&#246;heren Schuldenschnitt f&#252;r Griechenland und h&#246;here Eigenkapitalquoten f&#252;r die angeschlagenen Banken. Keinen Durchbruch gab es bei der n&#246;tigen Ausweitung des Rettungsfonds ESFS. Wir wollten wissen, wie der Gipfel zu bewerten ist, und fragten BIRGER SCHOLZ.<br />
Der Gipfel hat die Banken aufgefordert, bis zu 60% ihrer Forderungen an Griechenland abzuschreiben. Ist das nicht der richtige Weg?<br />
<span id="more-3357"></span>Dieser Schuldenschnitt war &#252;berf&#228;llig und h&#228;tte noch h&#246;her ausfallen m&#252;ssen, damit Griechenland aus der tiefen Rezession kommt. Deutschland und Frankreich haben dies nicht aus G&#252;te oder Einsicht getan, sondern aus der schlichten Erkenntnis, dass selbst ein weiteres Sparprogramm die Explosion der Verschuldung nicht verhindern w&#252;rde. Der aktuelle Tragf&#228;higkeitsbericht der Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission beziffert den Finanzierungsbedarf bis 2020 auf 252 Milliarden Euro. Das sind &#252;ber 150 Milliarden Euro mehr als noch im Juli berechnet. Urs&#228;chlich hierf&#252;r ist die tiefe Wirtschaftskrise in Griechenland, die durch die bisherigen Sparprogramme in H&#246;he von &#252;ber 17% der j&#228;hrlichen Wirtschaftsleistung befeuert wurde.<br />
Die griechische Trag&#246;die zeigt abermals, dass es unm&#246;glich ist, sich aus einer solchen Krise herauszusparen. Deutschland und Frankreich haben die n&#246;tige Umschuldung anderthalb Jahre verschleppt, um die eigenen Banken zu sch&#252;tzen. Um eine &#220;berschuldung der Banken zu verhindern, werden diese nun gezwungen, das Eigenkapital um 100 Milliarden Euro zu erh&#246;hen. Es darf vermutet werden, dass wieder shareholderfreundliche L&#246;sungen gefunden werden, anstatt die bankrotten Banken endlich zu verstaatlichen.</p>
<p>Im Vorfeld des Gipfels wurde intensiv &#252;ber eine «Hebelung» des Rettungsfonds EFSF diskutiert. Was ist damit gemeint?<br />
Aktuell hat der EFSF 440 Milliarden Euro effektiv verf&#252;gbar. Diese Summe reicht zwar aus, um Griechenland, Irland und Portugal aber nicht um Spanien und Italien die n&#228;chsten Jahre zu finanzieren. Unter «Hebeln» werden Finanztechniken verstanden, mit denen die Wirkung der effektiv zur Verf&#252;gung stehenden Mittel erh&#246;ht wird. Frankreich schlug vergeblich vor, dass der EFSF Staatsanleihen aufkauft und diese dann als Sicherheit f&#252;r Kredite der EZB hinterlegt. Mit diesen Krediten kann der EFSF dann neue Staatsanleihen kaufen, die er wiederum als Sicherheit f&#252;r neue Kredite der EZB hinterlegt, mit denen er wieder neue Staatsanleihen kaufen kann, usw. In der Diskussion war ein Modell, bei dem f&#252;r Staatsanleihen im Wert von 100 EZB-Kredite im Wert von 90 ausgegeben werden. Daraus h&#228;tte sich ergeben, dass der EFSF mit 440 Mrd. Euro Staatsanleihen in H&#246;he von 4440 Milliarden Euro h&#228;tte kaufen k&#246;nnen.</p>
<p>Die Kredite der EZB aber sind gedrucktes Geld. Letztlich w&#252;rde somit die Staatsfinanzierung &#252;ber die Notenpresse der EZB laufen. &#214;konomen nennen das Monetarisierung der Staatsschulden. Seitdem die EZB auf Druck der Regierungen Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten aufkauft, sind wir in diesem Prozess mitten drin.<br />
Deutschland hingegen favorisiert eine Versicherungsl&#246;sung. Der ESFS soll f&#252;r neue Anleihen der Krisenstaaten in H&#246;he von bis zu 20% b&#252;rgen. Krisenstaaten w&#252;rden auf dem Kapitalmarkt Anleihen aufnehmen, gegen deren Ausfall der EFSF sie bis in H&#246;he von 20% versichern w&#252;rde. Die 440 Mrd. Euro w&#252;rden dann eine Art Versicherungssumme f&#252;r ein Anleihevolumen darstellen, das f&#252;nfmal so gro&#223; ist. Allerdings lagen die Abschl&#228;ge bei Staatsinsolvenzen in der Vergangenheit meist zwischen 40 und 60%. Eine B&#252;rgschaft f&#252;r nur 20% wird den M&#228;rkten zu wenig sein, wenn jetzt schon Schuldenschnitte in H&#246;he von 50–60% im Gespr&#228;ch sind. Wird die Versicherungsquote auf bspw. 50% erh&#246;ht, dann bleibt das gehebelte Volumen deutlich unter 1 Billion Euro.</p>
<p><em><strong>Ist die deutsche Sorge vor der Notenpresse nicht gerechtfertigt, und was w&#228;re die Alternative?</strong></em></p>
<p>Die deutsche Geldpolitik agiert extrem kurzsichtig. Der franz&#246;sische Vorschlag h&#228;tte im Kern bedeutet, den privaten Kapitalm&#228;rkten die Staatsfinanzierung zu entziehen. Dieser Schritt ist schon deshalb &#252;berf&#228;llig, weil Staaten eben keine insolvenzf&#228;higen Unternehmen sind. Daher sollte auch das Rating f&#252;r Staaten oder Kommunen verboten werden. Die deutsche Position wird verst&#228;ndlich, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass durch die Krise der EU-Peripheriel&#228;nder die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen massiv gesunken sind, weil die Nachfrage nach sicheren Anleihen stark gestiegen ist. Die Zinsentwicklung geht in den Eurozonenl&#228;ndern mehr und mehr auseinander und f&#252;r Deutschland sind niedrige Zinsen ein immenser Wettbewerbsvorteil, den Frau Merkel ungern aufgeben will. Daher auch ihre Weigerung, Eurobonds auszugeben, denn f&#252;r diese w&#252;rde ein EU-einheitlicher Zinssatz gelten, und der l&#228;ge &#252;ber dem deutschen. Richtig ist gleichwohl, dass es keine unlimitierte Staatsfinanzierung &#252;ber die Notenpresse geben darf. Eine fortschrittliche L&#246;sung k&#246;nnte sein, L&#228;nder mit strukturell zu hohen Defiziten zu verpflichten, ihre Verm&#246;genden st&#228;rker zu besteuern. L&#228;nder mit zu hohen Leistungsbilanz&#252;bersch&#252;ssen k&#246;nnten hingegen verpflichtet werden, ihre &#246;ffentlichen Ausgaben und vor allem die Geh&#228;lter anzuheben.<br />
Solange die Staatsfinanzierung nicht den privaten Kapitalm&#228;rkten entzogen wird, kann es keine Beruhigung geben. Die drohende Abstufung von Frankreich zeigt, wohin die Reise noch f&#252;hren kann. Die Idee, nun Staatsfonds aus Norwegen oder Singapur anzupumpen, zeigt das ganze Ausma&#223; der Konzeptionslosigkeit. Dies gilt auch f&#252;r die Idee, den IWF st&#228;rker einzubeziehen. Nun ist im Gespr&#228;ch, dass der W&#228;hrungsfonds einer Zweckgesellschaft beitritt oder selber gr&#252;ndet, die dann Anleihen der Krisenstaaten aufkauft.</p>
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		<title>Das Schuldendiktat ist eine Form der Kriegf&#252;hrung</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Oct 2011 17:56:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Klaus Dr&#228;ger &#252;ber Eurobonds, das deutsche Europa und die Erpressung der Schuldner Die Euro-Rettungspakete reichen nicht aus, um Griechenland oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Klaus Dr&#228;ger</em> <strong>&#252;ber Eurobonds, das deutsche Europa und die Erpressung der Schuldner</strong></p>
<p>Die Euro-Rettungspakete reichen nicht aus, um Griechenland oder ein anderes der s&#252;deurop&#228;ischen L&#228;nder in die Lage zu versetzen, seine Schulden zur&#252;ckzuzahlen. Das wissen auch die Akteure auf den Finanzm&#228;rkten. Wenn sie trotzdem auf der R&#252;ckzahlung der Schulden bestehen, dann deshalb, weil ihnen das einen Hebel an die Hand gibt, in gro&#223;em Stil Raubbau am &#246;ffentlichen Eigentum, an L&#246;hnen und gewerkschaftlichen Standards zu treiben. F&#252;r das deutsche Kapital geht es &#252;berdies um die Ver&#228;nderung der Wertsch&#246;pfungsketten in Europa.<br />
<span id="more-3076"></span><em>Klaus Dr&#228;ger ist Mitarbeiter der Fraktion der Europ&#228;ischen Linkspartei im Europaparlament. Er beschreibt den autorit&#228;ren Weg, den die EU unter deutscher F&#252;hrung mit der europ&#228;ischen Wirtschaftsunion einschl&#228;gt, die an die Rettungspakete gekoppelt ist (siehe dazu die Seiten 12 und 13) und geht im nebenstehenden Gespr&#228;ch auf die wirtschaftlichen und politischen Implikationen dieses Kurses ein.</em></p>
<p><strong>Trotz milliardenschwerer Rettungspakete gelingt es der EU nicht, die Staatsschulden der Eurozone in den Griff zu bekommen und die Finanzm&#228;rkte zu beruhigen. Warum eigentlich nicht?</strong></p>
<p>Weil die gar nicht so anonymen Finanzinvestoren – Banken, Investmentfonds, Hedgefonds, auch Industrieunternehmen – sehen, dass trotz drastischer Sparprogramme wie in Griechenland, Irland, Portugal, Spanien usw. diese L&#228;nder aus der Rezession nicht herauskommen. Deshalb ist es aus ihrer Sicht auch nicht sehr wahrscheinlich, dass sie die Hilfskredite von EU und IWF am Ende bedienen k&#246;nnen werden.</p>
<p>Die einen verdienen kurzfristig mit Wetten, dass das alles nicht funktioniert, treiben die Risikoaufschl&#228;ge f&#252;r neue Anleihen hoch usw. Aber am Ende wollen alle ihr Geld mit Rendite zur&#252;ck, und das soll die &#246;ffentliche Hand ihnen garantieren, was sie bislang ja auch folgsam tut.</p>
<p>Die «M&#228;rkte» nehmen jetzt auch L&#228;nder wie Spanien, Italien, Belgien und zunehmend Frankreich ins Visier. Sie sind aber realistisch genug, um zu wissen, dass selbst eine Verdreifachung der EU-Rettungsschirme nicht ausreichen d&#252;rfte und auch das reiche Deutschland die Rettung ihrer Anspr&#252;che nicht mehr stemmen kann. Also bleibt man bei dieser Mischung von kurzfristiger Spekulationsmitnahme und langfristigem Pessimismus.</p>
<p><strong>Jetzt sind Eurobonds im Gespr&#228;ch. Was ist das und was bedeuten sie?</strong></p>
<p>Eurobonds oder Euroanleihen gibt es ja bereits. Die Europ&#228;ische Investitionsbank zum Beispiel legt solche Anleihen auf, um ihre F&#246;rderprogramme zu finanzieren. Auch die Anleihen mit AAA-Rating, die der EFSF auflegt, sind Eurobonds. Was in der aktuellen Debatte zu Eurobonds diskutiert wird, ist die Auflage von «Gemeinschaftsanleihen», f&#252;r die entweder die EU insgesamt oder die Staaten der Eurozone haften. Die meisten Vorschl&#228;ge sehen vor, dass Mitgliedstaaten bis zu einer Grenze von 60% ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts Zugang zu solchen Eurobonds haben sollen.</p>
<p><strong>Du hast einmal gesagt, die Einf&#252;hrung von Eurobonds k&#228;me unter den gegebenen Bedingungen einem EU-gef&#252;hrten Staatsstreich gleich. Wie meinst du das?</strong></p>
<p>Das habe ich nicht gesagt. Die polemisch zugespitzte Formel vom EU-gef&#252;hrten Staatsstreich bezieht sich auf den Vorschlag des EZB-Pr&#228;sidenten Jean Claude Trichet. Er pl&#228;diert f&#252;r ein EU-Finanzministerium mit erweiterten Kompetenzen – ganz ohne demokratische Kontrolle.  Er verlangt, dass der Europ&#228;ische Rat auf Vorschlag der Kommission und in Abstimmung mit der EZB Entscheidungen nationaler Parlamente &#252;ber haushaltspolitische Ausgaben und alle f&#252;r ihre Wettbewerbsf&#228;higkeit wichtigen Politikbereiche aufheben und selbst die von der EU-Ebene in diesem Land als vordringlich angesehenen Entscheidungen durchsetzen kann.</p>
<p>Eine Reihe von EU-Politikern und Kommentatoren koppeln diese Idee von Trichet mit der Einf&#252;hrung von Eurobonds. Das Problem sind nicht die Eurobonds an sich, sondern wie ihre Einf&#252;hrung hier mit einem autorit&#228;ren und die Demokratie zerst&#246;renden Europa-Konzept verkn&#252;pft wird.</p>
<p><strong>Auch Eurobonds w&#252;rden wahrscheinlich nichts daran &#228;ndern, dass Griechenland niemals in der Lage sein kann, Schulden zur&#252;ckzuzahlen, wenn gleichzeitig sein Haushalt kaputtgespart wird?</strong></p>
<p>Ja, das sehe ich auch so, auch f&#252;r Portugal oder Irland. Zudem zielen die g&#228;ngigen Vorschl&#228;ge zur Einf&#252;hrung von Eurobonds – wie z.B. die vom Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Junker, und dem italienischen Finanzminister Tremonti – darauf ab, den Zugang der Mitgliedstaaten zu Eurobonds an die auf EU-Ebene vereinbarten «Konsolidierungsma&#223;nahmen» zu binden. Es geht also um Eurobonds gegen drastische Sparpolitik und neoliberale Strukturreformen. Nichts w&#252;rde sich damit verbessern f&#252;r die gro&#223;e Mehrheit der Bev&#246;lkerung.</p>
<p>Es gibt auch andere Vorschl&#228;ge zu Eurobonds, die diese als Finanzierungsinstrument f&#252;r &#246;kosoziale Zukunftsinvestitionen und Besch&#228;ftigung einsetzen wollen, z.B. vom Europ&#228;ischen Gewerkschaftsbund, Euromemo oder Stuart Holland. Das w&#228;re eine vern&#252;nftige Strategie, aber die rechte Mehrheit in allen EU-Gremien lehnt dies rigoros ab. Auch die Sozialdemokratie folgt eher dem Kurs von Juncker.</p>
<p><strong>Warum verlangt die Bundesregierung, getrieben von den Banken, von Griechenland so etwas offenkundig Unsinniges? Geht es um einen Vorwand, um sich in r&#228;uberischer Art das Staatseigentum der Griechen unter den Nagel zu rei&#223;en?</strong></p>
<p>Ich glaube nicht, dass die Bundesregierung hierbei in erster Linie von den Banken getrieben ist – die wollen vor allem ihr Geld mit Rendite zur&#252;ck, egal wie.</p>
<p>Aus meiner Sicht steht die Fortsetzung und Vertiefung des deutschen «Exportweltmeistermodells» im Mittelpunkt – die Macht der griechischen Gewerkschaften muss gebrochen, die L&#246;hne gesenkt, die Arbeitsm&#228;rkte flexibilisiert werden usw. Das macht es f&#252;r das deutsche Kapital attraktiver, L&#228;nder &#228;hnlich wie die osteurop&#228;ischen EU-Staaten als «Hinterland» st&#228;rker in seine Wertsch&#246;pfungsketten zu integrieren und die Marktanteile deutscher Unternehmen auszubauen – global und auch weiter in Griechenland. Die Ausweitung der Privatisierung &#246;ffentlichen Eigentums spielt dabei klar eine Rolle. Und das wird nicht nur von Griechenland gefordert, sondern auch von Irland und Portugal, sowie jedem weiteren EU-Land, das unter die Kontrolle der Troika EU-Kommission/EZB/IWF kommt.</p>
<p><strong>Ist das das «deutsche Europa»? Und wie stehen die anderen L&#228;nder der EU dazu?</strong></p>
<p>Ja. Es geht im Kern um eine immer autorit&#228;rer und hierarchischer gegliederte Europ&#228;ische Union, in der Deutschland in Bezug auf die wirtschaftspolitische Steuerung des Ensembles die Feder f&#252;hrt. Wer im Ernstfall zahlen soll, bestimmt die Richtung.</p>
<p>Die rechten Regierungen der meisten osteurop&#228;ischen L&#228;nder unterst&#252;tzen dies, weil ihre &#214;konomien verl&#228;ngerte Werkb&#228;nke f&#252;r die deutsche Exportindustrie sind und sie von deren Wohlergehen abh&#228;ngen. Die Beneluxl&#228;nder, &#214;sterreich, Irland und einige skandinavische L&#228;nder sind daf&#252;r, weil sie ebenfalls eine aggressive Exportorientierung verfolgen, die zur deutschen komplement&#228;r ist. Italien, Spanien, Portugal, Griechenland akzeptieren die deutsche Dominanz z&#228;hneknirschend, weil sie f&#252;rchten, sonst v&#246;llig zum Abschuss freigegeben zu werden. Und die franz&#246;sische Regierung hat ihre fr&#252;here Kritik am deutschen Lohnst&#252;ckkostendumping eingestellt, weil sie meint, Deutschlands Unterst&#252;tzung zu brauchen, wenn ihre Banken in Schwierigkeiten geraten sollten.</p>
<p>Wenn ich hier von L&#228;ndern rede, meine ich die jeweiligen Kapitale und die politischen Eliten des etablierten b&#252;rgerlich-rechten und des Mitte-links Spektrums.</p>
<p><strong>Was du schilderst, ist eine Art Kriegf&#252;hrung des deutschen Kapitals gegen Konkurrenten aus der EU, unter dem Deckmantel der Krisenbew&#228;ltigung.</strong></p>
<p>Um Konkurrenten aus der EU muss sich das deutsche Kapital wohl nicht so viel Sorgen machen bei seinen immer noch wachsenden Marktanteilen. Viele davon werden auch einfach kooptiert, wie z.B. Dienstleistungsunternehmen und Zulieferer aus Norditalien usw. Die Arena des deutschen Kapitals war und ist stets die globale Ebene.</p>
<p>2010 ist die deutsche Wirtschaft tats&#228;chlich zun&#228;chst gest&#228;rkt aus der Krise hervorgegangen. Da jetzt aber das Wachstum der Schwellenl&#228;nder stark abflaut – China, Brasilien, Indien, S&#252;dostasien, Russland, die reichen &#214;lstaaten im Nahen Osten –, auf die die deutsche Exportweltmeisterstrategie in den letzten Jahren zunehmend gesetzt hatte, verdunkelt sich der Horizont f&#252;r die erfolgreiche Fortsetzung dieses  Modells. Dies und die Krise in der EU wird auf Deutschland zur&#252;ckschlagen.</p>
<p><strong>Du hast die Lage der s&#252;deurop&#228;ischen L&#228;nder mit dem Versailles Vertrag verglichen. Wie ist das zu verstehen?</strong></p>
<p>Der Vergleich stammt vom damaligen Generalsekret&#228;r des Europ&#228;ischen Gewerkschaftsbunds, John Monks. Im Januar 2010 wandte er sich gegen die von EU und IWF aufgezwungene Austerit&#228;tspolitik und die Einschr&#228;nkung gewerkschaftspolitischer Handlungsspielr&#228;ume in Griechenland, Irland usw. Diese L&#228;nder w&#252;rden auf einen «quasikolonialen» Status herabgew&#252;rdigt, mit einer Bestrafungspolitik ganz &#228;hnlich wie die Deutschland auferlegten horrenden Reparationszahlung beim Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg.</p>
<p>John Maynard Keynes hatte diese Politik damals bekannterma&#223;en scharf kritisiert. Den Kriegsverlierer Deutschland wie eine Zitrone auszuquetschen, wie es populistische Kampagnen in England nach dem Krieg forderten, sei v&#246;llig kontraproduktiv und gef&#228;hrde den erst geschlossenen Frieden. Vielmehr m&#252;sse man Deutschland gen&#252;gend Spielraum lassen, seine Wirtschaft auf die F&#252;&#223;e zu stellen und neuen Wohlstand aufzubauen. Reparationsforderungen sollten auf eine Gr&#246;&#223;enordnung beschr&#228;nkt werden, die Deutschland auch leisten k&#246;nne.</p>
<p>Man braucht nur «Reparationen» durch «Schuldenzahlungen» zu ersetzen und landet bei der heutigen Eurokrise. «Verkauft doch eure Inseln und die Akropolis gleich mit!», hetzte die Bild-Zeitung gegen Griechenland. Griechenland muss bis zum letzten Hosenknopf Tributzahlungen f&#252;r unsere gener&#246;sen Rettungskredite leisten, so diese Logik. Schuldenforderungen &#252;ber die EU-Rettungsschirme mit ihren Sparauflagen sind somit eine Form der Kriegf&#252;hrung, ohne Milit&#228;r einsetzen zu m&#252;ssen. Es ist vor allem aber auch ein Klassenkrieg gegen die lohnabh&#228;ngige Bev&#246;lkerung der Geber- wie der Nehmerstaaten. Deren Einkommen, soziale Sicherung, &#246;ffentliche G&#252;ter usw. werden beschnitten, um die Anspr&#252;che der Banken, Finanzinvestoren und Unternehmen zu bedienen.</p>
<p>Nach dem Versailler Vertrag kamen die 30er Jahre mit ihrer Deflationspolitik so wie jetzt, und wir wissen, wo das endete.</p>
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