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	<title>SoZ - Sozialistische Zeitung &#187; Asien</title>
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		<title>Eine kurze Geschichte von Doro-Chiba</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 19:13:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeitsbedingungen]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Neue Ausgabe]]></category>
		<category><![CDATA[Startseite]]></category>

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		<description><![CDATA[Japanische Eisenbahn: Langer Kampf gegen Privatisierung Nemetico 2011 besuchten drei japanischen Aktivisten der Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba und des Studierendenverbands Zengakuren mehrere [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Japanische Eisenbahn: Langer Kampf gegen Privatisierung</strong></p>
<p><em>Nemetico</p>
<p></em>2011 besuchten drei japanischen Aktivisten der Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba und des Studierendenverbands Zengakuren mehrere St&#228;dte in Deutschland und trafen u.a. mit der GDL zusammen. Seit 2009 haben deutsche Aktivisten Kontakt zu Doro-Chiba. Die Gewerkschaft verf&#252;gt seitdem &#252;ber eine kleine deutschsprachige Abteilung seines «Internationalen Arbeitersolidarit&#228;tskomitees», das f&#252;r den Aufbau internationaler Beziehungen verantwortlich ist.<br />
<span id="more-3940"></span>Der vorliegende Text basiert im Wesentlichen auf Texten und Angaben dieses Komitees. Zum ersten Mal wird hiermit im deutschen Sprachraum die Geschichte von DC auf zusammenh&#228;ngende Weise dargestellt.</p>
<p>Doro-Chiba (DC) ist eine k&#228;mpferische Eisenbahnergewerkschaft in Japan. Beheimatet ist sie in der Pr&#228;fektur Chiba, ein wichtiges Ballungszentrum und ein Verkehrsknotenpunkt direkt &#246;stlich der Metropole Tokyo. Die weltweite Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung ist ein wichtiges Anliegen dieses au&#223;ergew&#246;hnlichen Gewerkschaftsverbandes.<br />
Die japanische Gewerkschaftsbewegung war schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit heftigen K&#228;mpfe konfrontiert gewesen. Doch in den 30er Jahren wurde sie von der damaligen kaiserlichen Regierung unterdr&#252;ckt, zerschlagen und zur Kriegskollaboration gezwungen.</p>
<p>Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dominierte zun&#228;chst der unter dem Einfluss der Kommunistischen Partei Japans (KPJ) stehende Gewerkschaftsverband Sanbetsu. Er wurde von den US-Besatzungsbeh&#246;rden bek&#228;mpft, beugte sich aber auch dem Druck der neuen Herren (z.B. im gescheiterten Generalstreik vom Februar 1947).<br />
1950 entstand unter US-Regie aus Sanbetsu und dem sozialdemokratischen Sodomei der Gewerkschaftsverband Sohyo, der sich jedoch wider Erwarten schnell radikalisierte. Sohyo war eine der S&#228;ulen des sogenannten «Systems von 1955». Dieses basierte auf der politischen Dominanz der konservativen Liberal-Demokratischen Partei (LDP) und der Hegemonie der (linkssozialdemokratischen) Sozialistischen Partei (SPJ) innerhalb der Arbeiterbewegung, die sich wiederum auf Sohyo st&#252;tzte.</p>
<p>Im Zuge der neoliberalen Offensive in den 80er Jahren wurde Sohyo aufgel&#246;st, was mit dem Zerfall der SPJ einher ging.<br />
Derzeit ist die Situation so: Es gibt den 1989 gegr&#252;ndeten Gewerkschaftsverband Rengo (etwa mit dem DGB vergleichbar) mit rund 7 Millionen Mitgliedern, der im Wesentlichen die neoliberale Regierungspolitik unterst&#252;tzt. Er steht unter dem Einfluss der derzeitigen Regierungspartei, der Demokratischen Partei Japans (DPJ).<br />
Daneben gibt es den KPJ-nahen Verband Zenroren mit etwa 1,2 Millionen Mitgliedern sowie eine gro&#223;e Anzahl kleiner und mittlerer Gewerkschaftsverb&#228;nde, die keinem dieser Gro&#223;verb&#228;nde angeh&#246;ren.<br />
Zu den Besonderheiten der japanischen Gewerkschaftsbewegung geh&#246;rt, dass es auf lokaler und regionaler Ebene viele sog. «amalgamierte Gewerkschaften» gibt, die branchen&#252;bergreifend sind. Es gibt auch sehr kleine und sogar kleinste Gewerkschaften (z.B. eine Doro-West, Eisenbahner, mit weniger als zehn Mitgliedern). Es ist in Japan juristisch problemlos, etwa eine lokale Gewerkschaft zu gr&#252;nden.</p>
<p><strong>Die Entstehung von Doro-Chiba</strong></p>
<p>Doro-Chiba war urspr&#252;nglich der Bezirks-(Pr&#228;fektur-)Verband der japanweiten Lokomotivf&#252;hrergewerkschaft Doro (National Railway Motive Power Union). Neben dieser Lokf&#252;hrergewerkschaft gab es noch den k&#228;mpferischen Eisenbahnarbeiterverband Kokuro (National Railway Workers Union, auch NRU), beide waren Sohyo-Mitglieder.<br />
Ab 1968 nahmen die Konflikte zwischen der Doro-F&#252;hrung und dem Bezirk Chiba (besonders mit dessen linker Gewerkschaftsjugend) zu. Dies hing mit der japanischen Studentenrevolte zusammen, aber auch mit dem Kampf gegen den US-japanischen Sicherheitspakt AMPO und dem gegen den Flughafen Narita, der 1966 begann. 1973 &#252;bernahm eine neue F&#252;hrung, die aus der linken Gewerkschaftsjugend stammte, die Kontrolle &#252;ber Doro-Chiba. Die Konflikte mit der Doro-Zentrale wurden immer heftiger.<br />
Die Doro-Zentrale wurde in den 70er Jahren von der Kakumaru-Gruppe (JRCL-RM) geleitet. Die neue Doro-Chiba wurde von der Chukaku-Gruppe (JRCL-NC) unterst&#252;tzt.*<br />
In der zweiten H&#228;lfte der 70er Jahre k&#228;mpfte Doro-Chiba auf der Seite der Bauern von Sanrizuka gegen den Flughafen Narita und organisierte wiederholt Streiks gegen Tankz&#252;ge (Treibstofftransport) f&#252;r den neuen Flughafen. Die Doro-Zentrale versuchte, diese K&#228;mpfe zu unterdr&#252;cken, oft unter Anwendung von Gewalt.<br />
So gr&#252;ndete der Kern des Bezirks Chiba von Doro 1979 die unabh&#228;ngige Gewerkschaft Doro-Chiba. Daraufhin setzte die Doro-Zentrale massenweise Schl&#228;gertrupps und Rollkommandos ein, um die neue Doro-Chiba zu zerst&#246;ren, aber vergebens.</p>
<p>Oft wird der Kampf zwischen Doro und Doro-Chiba (zugleich ein Kampf zwischen Kakumaru und Chukaku) als eine Auseinandersetzung innerhalb des Lagers der Neuen Linken betrachtet, was aber nicht stimmt. Dies zeigt sich ganz deutlich am Verhalten der jeweiligen Gewerkschaften bei der Aufteilung und Privatisierung der japanischen Staatsbahn (JNR, auf Japanisch «Kokutetsu») in den 80er Jahren.</p>
<p><strong>Privatisierung der Staatsbahn (JNR)</strong></p>
<p>Die Aufteilung und Privatisierung der japanischen Staatsbahn, eine neoliberale Offensive gro&#223;en Umfangs, fand 1987 statt. Yasuhiro Nakasone, der damalige Ministerpr&#228;sident, erkl&#228;rte damals, die Nachkriegspolitik (das «System von 1955») m&#252;sse beendet werden. Die Weltlage erfordere eine entscheidende Wende in der Politik, um die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1974/75 zu bew&#228;ltigen. Es ging Nakasone dabei allerdings weniger um die Wirtschaft als um eine &#196;nderung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses gegen&#252;ber der Arbeiterklasse.<br />
Nakasone war fest entschlossen, vor allem die militanten Eisenbahnergewerkschaften zu zerschlagen – das war die Vorstufe zur Zerschlagung des japanischen Gewerkschaftsverbands Sohyo. Mit der Beseitigung der k&#228;mpferischen Arbeiterbewegung wollte er auch eine Revision der japanischen Verfassung durchsetzen.<br />
Das Projekt wurde von 1983 an sorgf&#228;ltig und systematisch vorbereitet. Die b&#252;rgerlichen Medien schrieben fast t&#228;glich von der angeblichen Verantwortung der Eisenbahngewerkschaften und ihrer Mitglieder f&#252;r das riesige Defizit der JNR und behaupteten, die Eisenbahnarbeiter w&#228;ren faul.<br />
Beim &#220;bergang zu neuen, privatisierten Eisenbahngesellschaften sollten die Besch&#228;ftigten der JNR nicht unbedingt weiter besch&#228;ftigt werden, sondern nach einer «Eignungspr&#252;fung» einzeln in die neuen Gesellschaften &#252;bernommen werden.</p>
<p>Die Eisenbahn-Gewerkschaften spalteten sich &#252;ber diese Offensive in zwei Lager: auf der einen Seite Kokuro und Doro-Chiba und einige andere, die die Zerschlagung und Privatisierung ablehnten, auf der anderen Seite Doro (fr&#252;her sehr k&#228;mpferisch, aber seit Ende der 70er Jahren degeneriert) und die rechtssozialdemokratisch gef&#252;hrte Tetsuro (Japan Railway Workers Union, die traditionelle gelbe Gewerkschaft) sowie einige andere Gewerkschaften, die der JNR-Beh&#246;rde zuarbeiteten und sie bei ihren Privatisierungspl&#228;nen unterst&#252;tzten.<br />
Die Arbeitspl&#228;tze bei der Bahn wurden in der Folgezeit zum Schlachtfeld des Kampfes zwischen der JNR und den widerst&#228;ndigen Gewerkschaftsmitgliedern. Letztere wurden st&#228;ndig unter Druck gesetzt, ihren Arbeitsplatz aufzugeben. Schikanen und Drohungen von Seiten der JNR-Verwaltung waren an der Tagesordnung.<br />
Die Rolle der Gewerkschaft Doro war geradezu kriminell: Sie beteiligte sich daran, speziell &#228;ltere Arbeiter zu zwingen, auf eine Besch&#228;ftigung bei der neuen, privatisierten Bahn zu verzichten.<br />
Schon vor Inkrafttreten der Aufteilung und Privatisierung im Fr&#252;hjahr 1987 sank die Mitgliederzahl von Kokuro von 224000 (1983) auf 44000 (1987). 200000 Bahnarbeiter verliessen damals die JNR. 200 Eisenbahner begingen aus Verzweiflung &#252;ber ihre Zukunft Selbstmord.</p>
<p><strong>Der Kampf Doro-Chibas</strong></p>
<p>Angesichts der Privatisierungsoffensive entschied sich die von Doro unabh&#228;ngig gewordene Gewerkschaft Doro-Chiba, geschlossen zu k&#228;mpfen und zu streiken, auch auf die Gefahr von Entlassungen hin. Kokuro, die f&#252;hrende Gewerkschaft bei den Besch&#228;ftigten der Staatsbahn JNR, fasste dagegen auf ihrer Tagung 1986 den Beschluss, die Aufspaltung und Privatisierung der JNR anzunehmen. Drei Monate sp&#228;ter wurde diese Entscheidung unter dem Protest der Mitglieder auf einer au&#223;erordentlichen Tagung zur&#252;ckgenommen. Dies f&#252;hrte zur Spaltung von Kokuro, die Gewerkschaft blieb unf&#228;hig, einen Streik zu organisieren.</p>
<p>Streiks von Doro-Chiba hat es zwei gegeben: im November 1985 und im Februar 1986. Ein gewaltiger Polizeieinsatz und 28 Entlassungen waren die Antwort der JNR-Beh&#246;rde.<br />
Nach der Zerschlagung der JNR und mit Beginn der Bildung privater JR-Teilgesellschaften im April 1987 begannen neue K&#228;mpfe entlang von zwei Herausforderungen:<br />
– ein Kampf f&#252;r die Zur&#252;cknahme der massenhaften und diskriminierenden Entlassungen, die als ungerecht empfunden wurden;<br />
– ein Kampf gegen die Rationalisierungsma&#223;nahmen der neuen privaten Bahngesellschaften durch Personalabbau und Vernachl&#228;ssigung der Sicherheitsma&#223;nahmen – der Begriff «Rationalisierung» kann in diesem Zusammenhang nur als besch&#246;nigend, euphemistisch aufgefasst werden.</p>
<p><strong>Kampf f&#252;r die Zur&#252;cknahme der Entlassungen</strong></p>
<p>Zu Beginn der neuen Bahngesellschaften Japan Railways (JR) im Fr&#252;hjahr 1987 wurden 7628 Arbeiter der Staatsbahn nicht &#252;bernommen, sondern in lokale Werkst&#228;tten einer «Settlement Corporation» (eine Art Besch&#228;ftigungsgesellschaft) geschickt – hier sollten sie maximal drei Jahre auf eine k&#252;nftige Besch&#228;ftigung warten.<br />
Betroffen waren vor allem bekannte Aktivisten verschiedener Eisenbahnergewerkschaften. Es handelte sich um ein Scheinman&#246;ver der «Regulierungsbeh&#246;rde», um offene massive Entlassungen zu vermeiden und die 7628 Bahnarbeiter spontan oder «freiwillig» zum Verzicht auf eine Weiterbesch&#228;ftigung zu n&#246;tigen.</p>
<p>Die Drei-Jahres-Frist lief ab und die JR-Gesellschaften k&#252;ndigten endg&#252;ltig die &#252;brig gebliebenen 1047 der in die «Settlement Corporation» abgeschobenen Bahnarbeiter. Von diesem Augenblick an begann der Kampf dieser 1047 Bahnarbeiter f&#252;r die Zur&#252;cknahme ihrer Entlassungen. Diese Kampagne dauert bis zum heutigen Tag an.<br />
Kurz vor Ablauf der Frist, also im M&#228;rz 1990, trat Doro-Chiba f&#252;r 84 Stunden in einen Solidarit&#228;tsstreik mit den betroffenen Eisenbahnern. Diese errangen in der Folgezeit mehrere Siege vor Gericht. Die diskriminierenden Entlassungen der JNR wurden als «ungerechtes» und «unfaires» Verfahren verurteilt. Trotzdem verweigerten die JR-Gesellschaften hartn&#228;ckig und gro&#223;enteils gesetzwidrig die Einstellung der 1047 Bahnarbeiter an neuen Arbeitspl&#228;tzen.</p>
<p>Die entlassenen Eisenbahner f&#252;hrten ihre Kampagne im Wesentlichen 20 Jahre weiter und trotzten den Versuchen der Regierung, der gro&#223;en politischen Parteien und der korrumpierten F&#252;hrungen der gro&#223;en Gewerkschaften, den Kampf zu d&#228;mpfen und zu unterdr&#252;cken.<br />
Nach mehreren Versuchen eines Ausgleichs kam es am 9.4.2010 zu einem Wendepunkt im Kampf: Die «Vier Beteiligten und vier mitwirkenden Organisationen», haupts&#228;chlich die Kokuro-Zentrale und die linke Opposition innerhalb von Kokuro, nahmen das Kompromissangebot zur «politischen L&#246;sung des Staatsbahnstreits» an, wie es von den herrschenden politischen Parteien vorbereitet worden war. Der Kompromiss forderte von den JR-Gesellschaften, den entlassenen 1047 Bahnarbeitern eine bescheidene Abfindung als Trostpflaster zu zahlen. Gleichzeitig wurde erkl&#228;rt, die Aufteilung und Privatisierung der Japanischen Staatsbahn sei ein gro&#223;er Erfolg f&#252;r das japanische Volk, die Privatisierung m&#252;sse weiter voran getrieben werden.</p>
<p>Es gab kein Wort der Entschuldigung gegen&#252;ber den entlassenen Bahnarbeitern.<br />
Damit hatte Kokuro (sowohl die Zentrale als auch die linke Opposition), die das eigentliche Angriffsziel der Privatisierungskampagne gewesen war, den Kampf f&#252;r die Wiedereinstellung der 1047 aufgegeben.<br />
Ein Jahr darauf, nach dem verheerenden Erdbeben/Tsunami und dem GAU von Fukushima, erkl&#228;rten der Kl&#228;gerverband und das Koordinationskomitee den Kampf der 1047 am 24.6.2011 f&#252;r beendet, weil es keine M&#246;glichkeit f&#252;r die Besch&#228;ftigung der 1047 mehr g&#228;be.<br />
Trotz heftigen Widerstands einer Minderheit in Kokuro (insbesondere seitens der Doro-Chiba-Str&#246;mung) verabschiedete Kokuro diesen Beschluss Ende Juni auf seiner nationalen Konferenz.<br />
Gegen diesen reaktion&#228;ren Strom hatte sich bereits am 13. Juni 2010 in Tokyo eine landesweite Bewegung der Arbeiter der Staatsbahn (Kokutetsu) gegr&#252;ndet, deren Losung lautete: «Die Flamme der Bewegung der Staatsbahnarbeiter nicht ausl&#246;schen!»</p>
<p><strong>Gegen Rationalisierung und f&#252;r Bahnsicherheit </strong></p>
<p>Unter der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung der nunmehr privatisierten JR-Gesellschaften verschlechterte sich die Lage sowohl f&#252;r die Bahnarbeiter als auch f&#252;r die Sicherheit der Bahn. Die Privatisierung verlegte die Priorit&#228;t der Gesch&#228;ftspolitik der Bahngesellschaften auf das grenzenlose Streben nach Profit. Das hatte h&#228;ufig Bahnunf&#228;lle und andere gef&#228;hrliche Zwischenf&#228;lle zur Folge (gebrochene Schienen, nicht funktionierende Signale, verschiedene Unf&#228;lle usw.).</p>
<p>Unter Rationalisierung verstanden die Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen, nunmehr direkte Agenten diverser privatwirtschaftlicher Profitinteressen («Investoren»), eben nicht, wie oft behauptet, die Steigerung der betrieblichen Effizienz, sondern Personalabbau und Kosteneinsparungen, um die Profitrate zu steigern.<br />
Der gr&#246;&#223;te Eisenbahnunfall ereignete sich am 25.April 2005 in Amagasaki in Westjapan. Das Ungl&#252;ck forderte 107 Todesopfer einschlie&#223;lich des Lokomotivf&#252;hrers. Es folgten mehrere andere Unf&#228;lle in verschiedenen Regionen Japans; vier Zugungl&#252;cke in nur einem Jahr.</p>
<p>Doro-Chiba entschied sich angesichts dieser Entwicklung, gegen die Rationalisierung einen systematischen Kampf aufzunehmen und Punktstreiks f&#252;r die Eisenbahnsicherheit zu f&#252;hren. Am 10.3.2006 organisierte Doro-Chiba einen 72-Stunden-Streik, auf der Basis der Taktik der «langsamen Zuggeschwindigkeit nach geltenden Regeln» (Dienst nach Vorschrift, Bummelstreik).</p>
<p>Die Grundlinie von Doro-Chiba im Kampf gegen die Rationalisierung ist folgende: Alle Verantwortung f&#252;r Zugunf&#228;lle muss die Direktion der Bahngesellschaften tragen, weil die Hauptursache f&#252;r die Unf&#228;lle in der Vernachl&#228;ssigung der Bahnsicherheit liegt, nicht in der T&#228;tigkeit der Bahnarbeiter; jegliche Schuldzuweisung an das Stations- und Fahrpersonal wird strikt zur&#252;ckgewiesen.</p>
<p><strong>Zweite Welle der Aufspaltung und Privatisierung</strong></p>
<p>Im Jahr 2000 begann ein neuer Angriff der JR-Gesellschaften auf die Bahnarbeiter. Nach und nach wurde klar: Die privaten Gesellschaften versuchen, die mangelhaften Ergebnisse der Privatisierung durch eine weitere Aufsplitterung der schon privatisierten sieben Bahngesellschaften in Tochtergesellschaften und Subunternehmen zu &#252;berwinden, vorgeblich um die «Wettbewerbsf&#228;higkeit zu st&#228;rken». In Wirklichkeit bedeutet das die systematische Verlagerung wesentlicher Bahn- und Transportdienste in Subunternehmen (Outsourcing) und die «Notwendigkeit», noch mehr Arbeitspl&#228;tze und Personal abzubauen.<br />
Dahinter steht die Absicht der Bahn-Kapitalisten, gleichzeitig die Gewerkschaften zu zerschlagen und die Solidarit&#228;t unter den Bahnarbeitern zu zerst&#246;ren, ihren Zusammenhalt zu zersetzen. Dieser Angriff bildet den Kern der zweiten Welle der Aufteilung und Privatisierung, besser gesagt, ihre Vollendung nach 24 Jahren.<br />
Doro-Chiba f&#252;hrte dagegen von Ende 2009 bis Anfang 2012 mehrmals Punktstreiks durch und verhinderte dadurch bislang wenigstens im Bahnbezirk Chiba die Durchsetzung der Outsourcing-Strategie.<br />
Bis zum heutigen Tage bildet Doro-Chiba den Kern der Kokutetsu-Bewegung (Bewegung der Staatsbahnarbeiter). Dar&#252;ber ist sie eine treibende Kraft f&#252;r eine klassenorientierte Arbeiterbewegung, die sich branchen&#252;bergreifend und unter Einbeziehung zahlreicher anderer gesellschaftlichen Bewegungen allj&#228;hrlich in der Novemberdemonstration in Tokyo manifestiert.<br />
Gerade in der gegenw&#228;rtigen Weltwirtschaftskrise ist Doro-Chiba sehr am Aufbau solidarischer Kontakte mit klassenk&#228;mpferischen Gewerkschaftern, Aktivisten, Gruppen und Verb&#228;nden weltweit interessiert, sie kann problemlos auch in deutscher Sprache kontaktiert werden.</p>
<p>Nemetico<br />
(in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Arbeitersolidarit&#228;tskomitee von Doro-Chiba)</p>
<p>Englische Webseiten von Doro-Chiba: www.doro-chiba.org/english/english.htm; Kontakt: Internationales Arbeitersolidarit&#228;tskomitee von Doro-Chiba (deutschsprachige Abteilung); «Tigerman», doro-chiba-international-de @auone.jp.</p>
<p>*Die JRCL (Japan Revolutionary Communist League) ist eine trotzkistische Abspaltung von der Kommunistischen Partei Japans aus den sp&#228;ten 50er Jahren. Sie selbst erfuhr dann drei Spaltungen. Aus der letzten sind JRCL-NC (Chukaku) und JRCL-RM (Kakumaru) entstanden. Die beiden bek&#228;mpften sich heftig, sp&#228;ter zum Teil sehr gewaltsam. (Anm.d.Red.)</p>
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		<title>Die Bonner Afghanistankonferenz und die Proteste gegen den Krieg</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 17:07:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>

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		<description><![CDATA[In kolonialer Manier von Werner Ruhoff Die USA wollen sich in Afghanistan dauerhaft festsetzen und sto&#223;en damit auf Widerstand. Seit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In kolonialer Manier</strong></p>
<p>von <em>Werner Ruhoff</em></p>
<p>Die USA wollen sich in Afghanistan dauerhaft festsetzen und sto&#223;en damit auf Widerstand.</p>
<p>Seit Obamas Wahl zum ohnm&#228;chtigsten M&#228;chtigen haben die USA die Zahl der Soldaten in Afghanistan auf mehr als 130000 verdoppelt. Die afghanischen Zivilopfer, einschlie&#223;lich der 142 in Kunduz, sind seit 2008 um ein Drittel auf &#252;ber 3000 gestiegen, die Dunkelziffer wird h&#246;her gesch&#228;tzt. Mehr als 700000 Menschen sind seit 2006 gefl&#252;chtet.<br />
<span id="more-3746"></span>Angriffe von Afghanen auf Nichtregierungsorganisationen, deren Aufbauhilfe den milit&#228;rischen Zielen der ausl&#228;ndischen Truppen untergeordnet ist, haben zugenommen. Die soziale Situation der Bev&#246;lkerung hat sich im Gegensatz zu den Behauptungen der Kriegsbef&#252;rworter nicht gebessert. Mehr als die H&#228;lfte ist immer noch unterern&#228;hrt. Prostitution und Opiumabh&#228;ngigkeit von Frauen nehmen zu. Allein zwischen 2005 und 2006 ist die Anbaufl&#228;che f&#252;r Schlafmohn um 60% gestiegen. Schulen wurden wegen der Kampfhandlungen geschlossen oder teilweise zerst&#246;rt. Die Alphabetisierungsrate ist gefallen und liegt bei Erwachsenen unter 25%.</p>
<p>Nach zehn Jahren Krieg wurde Anfang Dezember in Bonn wieder einmal in kolonialer Manier &#252;ber Afghanistan konferenzt. Die korrupte Regierung Karzai mit ihren Warlords wurde gen&#246;tigt, einem Tauschgesch&#228;ft zuzustimmen: Die politischen Investoren erwarten Entgegenkommen «in pr&#228;zedenzlos deutlicher Sprache», so das Zitat eines Diplomaten, denn schlie&#223;lich zahle man bis zum Jahr 2024 viel Geld an «Aufbauhilfe» f&#252;r die &#220;bergabe der polizeilichen wie milit&#228;rischen Verantwortung an die afghanische Regierung. Wie die irakische Regierung wehrt sich Karzai aber gegen geplante US-Milit&#228;rst&#252;tzpunkte nach dem offiziellen Truppenabzug 2014, mit denen sich die USA in Afghanistan festsetzen wollen. Immerhin betrachten nach einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung mehr als die H&#228;lfte der Afghanen die ausl&#228;ndischen Truppen als Besatzung.</p>
<p>«Truppen raus aus Afghanistan» lautete die Forderung der Friedensaktivisten, die vom 3.bis 5.Dezember in Bonn zu Protesten und einer Friedenskonferenz aufgerufen hatten. Gesch&#228;tzte 3000–4000 Demonstrierende waren trotz des regnerischen Wetters erschienen, um ihren Unmut laut, auff&#228;llig und fantasievoll in die vorweihnachtlich gestimmte &#214;ffentlichkeit zu tragen. Wolfgang Uellenberg von der Ver.di-Bundesverwaltung sprach sich im Namen der Gewerkschaft f&#252;r den sofortigen Abzug aller ISAF-Truppen aus Afghanistan aus. Die Abstrafung Hans-Christian Str&#246;beles mit Eierw&#252;rfen durch eine Gruppe Demonstrierender wegen der Kriegspolitik seiner Partei wurde von den meisten missbilligt.</p>
<p>Auf der alternativen Friedenskonferenz, die am Sonntag von etwa 350 Teilnehmenden aus 17 L&#228;ndern besucht wurde, vertrat die afghanische Aktivistin Malalai Joya hartn&#228;ckig den Standpunkt, «der Westen» vertrete nur seine eigenen Interessen in Afghanistan und weite den Krieg auf Pakistan aus. Die einfachen Menschen seien die Leidtragenden zwischen den Fronten von Taliban und ausl&#228;ndischen Truppen. Der US-amerikanische Friedensaktivist Joseph Gerson forderte die Anwesenden auf, im M&#228;rz 2012 gegen den gemeinsamen NATO- und G8-Gipfel in Chicago zu demonstrieren. Tobias Pfl&#252;ger von der Informationsstelle Militarisierung wies darauf hin, dass die am 4.Februar geplante «Sicherheitskonferenz» der NATO in M&#252;nchen f&#252;r uns die n&#228;her liegende M&#246;glichkeit sei, sich gegen die NATO in Bewegung zu setzen.</p>
<p>Am Montag schlossen die Aktivit&#228;ten der Friedensbewegung mit einer kleinen, aber von zahlreichen bewaffneten Polizisten umringten Demonstration von der Bonner Museumsmeile zum Rheinschiff Beethoven, wo noch einmal die Gelegenheit bestand, mit Malalai Joya und Joseph Gerson zu diskutieren. Drei Frauen der Linksfraktion im Bundestag berichteten &#252;ber ihre Aktion im Plenum der neokolonialen Konferenz. Mit einem aufgerollten Transparent, auf dem  «NATO = Terror» zu lesen war, konnten sie f&#252;r einen Moment Aufsehen im Plenarsaal des alten Bundestags erheischen. Westerwelle soll dem verlegenen Karzai daraufhin erkl&#228;rt haben, dass in einer Demokratie auch so etwas m&#246;glich sei. Na denn!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Informationen zu M&#252;nchner Sicherheitskonferenz unter www.sicherheitskonferenz.de.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Rheinmetall in Kurdistan</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2012/01/rheinmetall-in-kurdistan/</link>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 16:53:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Maschinenbau]]></category>

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		<description><![CDATA[Hochkonjunktur f&#252;r das Gesch&#228;ft mit dem Tod von Ann-Kristin Kowarsch Rheinmetall ist Deutschlands gr&#246;&#223;ter Waffenhersteller, bekannt vor allem f&#252;r den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Hochkonjunktur f&#252;r das Gesch&#228;ft mit dem Tod</strong></p>
<p>von <em>Ann-Kristin Kowarsch</em></p>
<p>Rheinmetall ist Deutschlands gr&#246;&#223;ter Waffenhersteller, bekannt vor allem f&#252;r den Bau des Panzers «Leopard». Das Gesch&#228;ft mit dem Krieg boomt. Einer der besten Kunden ist die T&#252;rkei, deren Regierung Waffen von Rheinmetall bevorzugt gegen Kurden einsetzt.<br />
<span id="more-3735"></span>Der Konzern legt auf Imagepflege gro&#223;en Wert: Messest&#228;nde in aller Welt, Werbeaktionen an Universit&#228;ten. Ehemalige und derzeitige Mitarbeiter berichten auf Veranstaltungen vom «offenen Klima» im Konzern und «interessanten» Gesch&#228;ftsreisen. Ein «Imagevideo – Rheinmetall Air Defence» zeigt, in welcher Tradition der D&#252;sseldorfer Konzern steht: Nahtlos reihen sich die Bilder von 1906 bis 2009 aneinander. Auf die «Kriegsromantik» des Ersten Weltkriegs und den NS-Faschismus folgen NATO-Kriege auf hoher See und in der W&#252;ste. Zu Beginn des 21.Jahrhunderts wird Kriegstechnologie pr&#228;sentiert, die einem Computerspiel gleicht. Von der Realit&#228;t des Krieges, vom Leid, den Toten und der Zerst&#246;rung, welche die Produkte der Rheinmetall AG seit &#252;ber 100 Jahren erzeugen, ist nichts zu sehen.</p>
<p><strong>Die Geschichte</strong></p>
<p>Den ersten Boom erlebte Rheinmetall im Ersten Weltkrieg: Bei Kriegsbeginn hatte der Konzern 8000 Besch&#228;ftigte, bei Kriegsende waren es knapp 48000. Ab Mitte der 30er Jahre erforschte und produzierte Rheinmetall Waffen und Munition im Auftrag des Reichskriegsministeriums und wurde in die Hermann-G&#246;ring-Reichswerke eingegliedert. W&#228;hrend des Zweiten Weltkriegs bereicherte sich Rheinmetall an der Ausbeutung der Arbeitskraft von ca. 300000 Zwangsarbeitern und H&#228;ftlingen im KZ Bergen-Belsen.</p>
<p>Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Gesch&#228;ft im Westen weiter: W&#228;hrend die Betriebsst&#228;tten in der DDR enteignet und die Produktion dort auf Fotoapparate, Datenverarbeitungs- und B&#252;romaschinen umgestellt wurde, fusionierten die  Unternehmensteile in der BRD mit verschiedenen Industriezweigen und erhielten mit dem Aufbau der Bundeswehr rasch wieder lukrative Auftr&#228;ge. Ab 1956 produzierte Rheinmetall das Maschinengewehr MG1 und investierte fortan in die R&#252;stungsforschung. Nur wenige Jahre sp&#228;ter stieg das Unternehmen in die Produktion schwerer Waffen, Kampfpanzer, Artillerie und Kriegslogistik ein.</p>
<p>Ab den 90er Jahren fand eine Restrukturierung statt. Der «Strategie der klaren Linie» entsprechend, die der Vorstand der Rheinmetall AG im Jahr 2000 bekannt gab, kamen zu Wehrtechnik und R&#252;stungsproduktion weitere Schwerpunkte hinzu, n&#228;mlich die «zivile» Produktion im Bereich der Automobiltechnik und Elektronik – wobei die &#220;berg&#228;nge zwischen «ziviler» und «milit&#228;rischer» Forschung und Produktion flie&#223;end sind. Der Unternehmensbereich Rheinmetall Defence reicht nun von Milit&#228;rfahrzeugen wie Panzern, Minenr&#228;um- und ABC-Schutzsystemen &#252;ber die Fertigung von Munition und «Intelligenten Wirksystemen» bis hin zur chemischen Industrie, Verteidigungselektronik und Flugabwehr.</p>
<p>Ein weiteres Gesch&#228;ftsfeld hat sich f&#252;r den Konzern im Bereich der «Unmanned Aerial Vehicles» (UAV, unbemannte fliegende Objekte) aufgetan. So entwickelte Rheinmetall zusammen mit dem israelischen R&#252;stungskonzern IAI eine Drohne vom Typ «Heron 1» und «Heron TP». Sowohl in Afghanistan und im Gaza-Streifen als auch im Krieg der t&#252;rkischen Armee in Kurdistan werden diese Drohnen zur «punktgenauen Bek&#228;mpfung station&#228;rer und beweglicher Ziele» eingesetzt.</p>
<p><strong>Gr&#246;&#223;ter deutscher R&#252;stungskonzern</strong></p>
<p>Damit ist die Rheinmetall AG heute der gr&#246;&#223;te R&#252;stungskonzern Deutschlands und der achtgr&#246;&#223;te Europas. W&#228;hrend viele Wirtschaftsbranchen &#252;ber Gewinnverluste und die sog. Wirtschaftskrise klagen, brauchen sich R&#252;stungskonzerne wie Rheinmetall dar&#252;ber keine Sorgen zu machen. Das Gesch&#228;ft mit dem Tod l&#228;uft auf Hochtouren. Der Konzern hatte ank&#252;ndigt, dass er seinen R&#252;stungsumsatz um mehr als 60% steigern werde – von 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 3 Milliarden Euro im Jahr 2013. Diese Prognose scheint sich zu best&#228;tigen.</p>
<p>Im Rahmen des «Standortkonzeptes» und der Bundeswehrreform ist auch die Bundesregierung bei der Profitsteigerung behilflich. In den R&#252;stungshaushalt wird weiterhin kr&#228;ftig investiert. Rheinmetall stellte deshalb zufrieden fest: «Insofern findet die Entwicklung sinkender Budgets in einigen westlichen Industriestaaten in Deutschland keine Entsprechung.» Die Commerzbank prophezeite der Rheinmetall-Aktie mittelfristig einen Kursanstieg um 50%. So stellte die Unternehmensleitung in einer Pressemitteilung vom 3.November ein «Rekordergebnis – Zweistelliges Wachstum bei Umsatz und Ertrag» nach den ersten drei Quartalen des Jahres 2011 fest, wobei sich der Anteil der Auslandsums&#228;tze leicht auf 71% (Vorjahr 69%) erh&#246;ht habe und die Sparte Defence (Verteidigung) einen Zuwachs von 66 Mio. Euro bei den Auftr&#228;gen und 106 Mio. Euro (8%) beim Umsatz im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen konnte.</p>
<p><strong>Rheinmetall unter Anklage</strong></p>
<p>Bereits in den 80er Jahren war Rheinmetall wegen illegaler Waffengesch&#228;fte in die Schlagzeilen geraten und angeklagt worden. Der Konzern hatte Waffen illegal in L&#228;nder wie Argentinien, S&#252;dafrika und Saudi-Arabien exportiert und die Gesch&#228;fte, um sie zu tarnen, &#252;ber Drittstaaten abgewickelt. Im Juni 1978 wurde erstmals wegen des Verdachts falscher Endverbraucher-Angaben bei Waffenexporten gegen den Konzern ermittelt, doch der Prozess begann erst im Januar 1986. Schon damals bem&#252;hte sich die Bundesregierung um die Verteidigung des Konzerns und wollte eine «Lex Rheinmetall» durchsetzen, welche die Strafen f&#252;r Verst&#246;&#223;e gegen das Kriegswaffenexportgesetz um die H&#228;lfte verringern sollte. Das Gesetzesvorhaben konnte durch den Protest von Friedensgruppen und Medien verhindert werden, doch die angeklagten Manager profitierten von der Prozessverschleppung: ihre Verbrechen «verj&#228;hrten».</p>
<p><strong>Rheinmetallkunde T&#252;rkei</strong></p>
<p>Ein wichtiger Stammkunde der Rheinmetall AG ist die t&#252;rkische Armee – die T&#252;rkei ist mit 15,2% der wichtigste Abnehmer von deutschen R&#252;stungsexporten. Die Standardwaffe der t&#252;rkischen Soldaten, das MG-3-Maschinengewehr, wird von Rheinmetall aktuell in Lizenz bei der MKEK direkt in der T&#252;rkei produziert. Auch an der Produktion und dem Export der Kampfpanzer «Leopard 1» und «Leopard 2» ist Rheinmetall beteiligt. Seit den 90er Jahren werden diese Waffen im Krieg gegen die kurdische Bev&#246;lkerung eingesetzt.</p>
<p>Damals verbreitete die deutsche Presse Fotos, auf denen zu sehen war, wie die t&#252;rkische Armee Leopard-2-Panzer bei Angriffen gegen die kurdische Bev&#246;lkerung einsetzte. W&#228;hrend deutsche und t&#252;rkische Regierungssprecher die &#214;ffentlichkeit zu beschwichtigen suchten, deutsche Waffen w&#252;rden an die T&#252;rkei nur zur &#228;u&#223;eren Verteidigung im Rahmen der NATO-Partnerschaft geliefert, berichteten Zeugen es anderes: Bei Dorfzerst&#246;rungen und Angriffen auf Demonstranten wurden immer wieder Leopard-2-Panzer eingesetzt. Um die Bev&#246;lkerung einzusch&#252;chtern, band man tote kurdische Freiheitsk&#228;mpfer mit einem Strick an die Panzer und schleifte sie durch die Gegend. Im M&#228;rz 2010 versprach Bundeskanzlerin Merkel erneut, weitere 56 Panzer des Typs «Leopard 2» an die T&#252;rkei zu liefern.</p>
<p>Auf Befehl der t&#252;rkischen Regierung wurden am 22.Oktober 2011 in der Region Hakkari-Çukurca 36 Guerillak&#228;mpfer durch chemische Waffen ermordet; ihr Aufenthaltsort war mit Hilfe der Drohne «Heron», die von Rheinmetall mitentwickelt wird, festgestellt worden. Bei der Operation, die vom t&#252;rkischen Generalstabschef Necdet &#214;zel pers&#246;nlich kommandiert wurde, kamen neben Napalmbomben auch andere chemische Kampfstoffe zum Einsatz, die vom internationalen Kriegsrecht verboten sind. An den Leichen der Guerillak&#228;mpfer wurde der Einsatz chemischer Waffen zweifelsfrei festgestellt, zudem wurden ihre K&#246;rper verst&#252;mmelt.</p>
<p><strong>Proteste</strong></p>
<p>Am 8.November 2011 besetzten rund 30 deutsche, t&#252;rkische und kurdische AntimilitaristInnen die zentrale Gesch&#228;ftsstelle von Rheinmetall in D&#252;sseldorf, um gegen die R&#252;stungsexporte und die deutsche Unterst&#252;tzung f&#252;r die Versch&#228;rfung des Krieges in Kurdistan zu protestieren. Seit August 2011 bombardiert die t&#252;rkische Luftwaffe ununterbrochen Ziele in S&#252;dkurdistan (Nordirak) und betreibt Milit&#228;roperationen in Nordkurdistan (T&#252;rkei). Die Protestierenden konfrontierten Mitarbeiter der Rheinmetall AG in D&#252;sseldorf mit Fotos von Menschen, die erst wenige Tage zuvor mit Giftgas und Panzern von der t&#252;rkischen Armee ermordet worden waren. Auf Transparenten und mit Parolen forderten sie vor und im Geb&#228;ude des R&#252;stungskonzerns die Einstellung der Waffenproduktion und des R&#252;stungsexports in die T&#252;rkei.</p>
<p>Die Kurdische Fraueninitiative «Stoppt den Krieg, stoppt die R&#252;stungsexporte!» hat zu der Aktion erkl&#228;rt: «Als Frauen klagen wir die Verantwortlichen f&#252;r die Massaker an und stellen uns allen R&#252;stungskonzernen und politischen Kr&#228;ften entgegen, die von Krieg und Verbrechen profitieren!»</p>
<p><em>Die Autorin engagiert sich zu frauenpolitischen Themen und schreibt gelegentlich als freie Journalistin f&#252;r junge Welt, die kurdische Frauenzeitung Newaya Jin u.a. Zeitschriften. Weitere Informationen auf www.ceni-kurdistan. com und auf www.ag-friedensforschung.de.</em></p>
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		<title>Das Russland der Emp&#246;rten</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 16:34:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bewegung gegen die Wahlf&#228;lschungen von Carine Clément Die Wahlen zur russischen Duma am 4.Dezember endeten wie gewohnt mit massiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Bewegung gegen die Wahlf&#228;lschungen</strong></p>
<p>von <em>Carine Clément</em></p>
<p>Die Wahlen zur russischen Duma am 4.Dezember endeten wie gewohnt mit massiven F&#228;lschungen und dem Druck der Machthaber, um den Sieg der regierenden Partei «Einiges Russland» zu sichern. Diesmal hat die Wahlf&#228;lschung aber jedes Ma&#223; &#252;berschritten und die gr&#246;&#223;te Protestbewegung seit dem Zusammenbruch der UdSSR vor zwanzig Jahren provoziert.<br />
<span id="more-3721"></span>Die Wahlergebnisse sagen an sich nicht viel aus: 49,5% f&#252;r «Einiges Russland», 19,2% f&#252;r die Kommunistische Partei der Russischen F&#246;deration (KPRF), 13,2% f&#252;r «Gerechtes Russland» (eine sich sozialdemokratisch nennende Partei) und 11,7% f&#252;r die Partei des nationalistischen Demagogen Shirinowski. Die Partei an der Macht hat die absolute Mehrheit in der Duma verloren. Ein gro&#223;er Teil der Kommentatoren h&#228;lt jedoch sogar dieses Ergebnis f&#252;r &#252;bertrieben, der reale Stimmenanteil von «Einiges Russland» soll bei 10–15% liegen. Auf jeden Fall ist es ein Fake.</p>
<p>Zu Beginn des Wahlkampfs hatten die Provinzgouverneure vom Zentralb&#252;ro der Partei Anweisung erhalten, sie h&#228;tten 60–70% der Stimmen einzusammeln. Doch das erwies sich als undurchf&#252;hrbar. Ein gro&#223;er Teil der Wahlberechtigten ging entweder gar nicht zur Wahl oder er folgte der popul&#228;rsten Losung in diesem Wahlkampf – jedenfalls unter solchen, die sich sonst wenig f&#252;r Politik interessieren –, die da lautete: «W&#228;hlt die Partei, die ihr w&#228;hlen wollt, nur nicht die der Gauner und Diebe!» Die Hoffnung war geboren, der regierenden Partei der anma&#223;enden B&#252;rokraten und F&#252;hrer, die glauben, sich alles erlauben zu k&#246;nnen, eine Ohrfeige zu verpassen. «Einiges Russland» ist zunehmend unpopul&#228;r, nicht nur wegen seiner antisozialen Politik, sondern auch und vor allem wegen der Arroganz, Verachtung f&#252;r die einfachen B&#252;rger, Korruption und Profitgier, die seine Repr&#228;sentanten an den Tag legen.</p>
<p>Viel mehr als bei fr&#252;heren Wahlen engagierten sich einfache B&#252;rger als Wahlbeobachter f&#252;r die eine oder andere Oppositionspartei oder sogar unabh&#228;ngig davon – die Vereinigung Golos [Stimme], die vom Regime beschuldigt wurde, im Solde «ausl&#228;ndischer M&#228;chte» zu stehen, hatte daf&#252;r geworben. Es ist eine Sache, zu h&#246;ren, wie andere &#252;ber Wahlbetrug reden, eine andere, sich aus einem Wahlb&#252;ro hinauswerfen zu lassen, weil man unbequem ist; zu erleben, wie Urnen gef&#252;llt werden, oder ganze Busladungen eng bewachter W&#228;hler ihren «Auftrag» erledigen; ein Protokoll in den H&#228;nden zu haben und dann auf der offiziellen Webseite der zentralen oder regionalen Wahlkommission komplett andere Zahlen zu entdecken usw. Das Internet ist voll von Videos und w&#252;tenden Zeugenaussagen, die von Beobachtern ver&#246;ffentlicht wurden. Das ist pers&#246;nlich, das ist erstaunlich, das schockiert!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wird Stra&#223;enprotest jetzt Mode?</p>
<p>Viele Wahlbeobachter sind auf die Stra&#223;en gestr&#246;mt, viele Freunde, Kollegen, Eltern. Und dann noch all diejenigen, die in den sozialen Netzen des Web aktiv sind, sowie alle Entt&#228;uschten, die auf eine deutlichere Niederlage von «Einiges Russland» gehofft hatten: viele junge Menschen, die weit weniger Respekt haben als die &#228;ltere Generation und einen neuen Stil, ein anderes Verh&#228;ltnis zur Autorit&#228;t pflegen.</p>
<p>Unmittelbar nach den Wahlen demonstrierten in Moskau fast 10000 Menschen, in St.Petersburg etwas mehr. In Moskau wurden &#252;ber 300 Personen festgenommen, etwa 200 in St.Petersburg. Das verhinderte nicht, dass die Mobilisierungen in den darauffolgenden Tagen weitergingen, ebenso die Festnahmen.</p>
<p>Viele haben nie zuvor an einer Demonstration teilgenommen. Und manche dieser Neulinge finden sich schon bei ihrem ersten Mal in Polizeigewahrsam wieder, bis zu 48 Stunden auf ein Urteil wartend, in Kommissariaten, die ganz und gar nicht darauf vorbereitet sind, so viele Menschen festzunehmen, ohne Nahrung zusammengepfercht. Schlie&#223;lich werden sie zu Haftstrafen bis zu 15 Tagen verurteilt. Den Berichten nach zu urteilen, die durch die Gef&#228;ngnismauern dringen, sind diese «Novizen» aber nun nicht eingesch&#252;chtert und kriechen zu Kreuze, nein, sie beginnen Hungerstreiks und radikalisieren sich. Gerade freigelassen, sind sie schon wieder auf der Stra&#223;e.</p>
<p>Emp&#246;rung &#252;ber Wahlf&#228;lschungen, Brutalit&#228;t und Zynismus der Betr&#252;ger; die Wut, der eigenen Stimme beraubt worden zu sein; die Solidarit&#228;t mit den zu Unrecht Festgenommenen – das sind die Zutaten der Mobilisierung, die nun einen Schneeballeffekt hat. Daf&#252;r gibt es Unterst&#252;tzung durch popul&#228;re Meinungsmacher – Journalisten, S&#228;nger und andere K&#252;nstler. Wenn diese Leute nun offen Kritik &#252;ben, ist dies auch ein Zeichen: Wird Stra&#223;enprotest jetzt Mode? Bislang war er das Monopol von «Versagern» und «Idioten».</p>
<p>Es ist geschehen, was es seit der Perestroika nicht mehr gegeben hat: Die Ereignisse finden in der Hauptstadt statt, das satte, bourgeoise, intellektuelle, privilegierte Moskau geht voran. Die Medien k&#246;nnen so massive Demonstrationen in Moskau nicht ignorieren, das ganze Land verfolgt aufmerksam, was dort geschieht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vereinnahmungen</p>
<p>Die internationale Presse hat zum Teil die liberale Rechte zum Sprachrohr der Bewegung erkoren. Doch erstens handelt es sich um eine vollst&#228;ndig «spontane» Basismobilisierung, ohne anerkannte F&#252;hrung und vor allem ohne Parteibindung, weder an Oppositionsparteien in der Duma, noch an Oppositionsparteien au&#223;erhalb des Systems. Keine Partei, auch keine soziale Bewegung kann sich br&#252;sten, die Welle der Emp&#246;rung organisiert zu haben oder gar zu repr&#228;sentieren.</p>
<p>Doch genau dies tun die Hauptakteure der Politshows und Anf&#252;hrer von Anti-Putin-Organisationen wie «Anderes Russland» (Garry Kasparow) und Solidarnost (Boris Nemzow). Boris Nemzow war derjenige, der in der Nacht vom 8. auf den 9.Dezember hinter dem R&#252;cken der offiziellen Organisatoren mit dem Moskauer B&#252;rgermeister die Verlegung der Gro&#223;kundgebung am 10.Dezember vom Platz der Revolution auf den Bolotnaja-Platz aushandelte – ohne einen Verantwortlichen f&#252;r die Mobilisierung zu konsultieren, w&#228;hrend einer ihrer offiziellen Organisatoren, Sergej Udalzow (von der Linksfront), nach einem Hungerstreik im Gef&#228;ngniskrankenhaus lag und eine Symbolfigur der Bewegung, Alexej Nawalny, eine 15-t&#228;gige Gef&#228;ngnisstrafe absa&#223;.</p>
<p>Schlie&#223;lich f&#228;llt die eher zaghafte Pr&#228;senz der sozialen Bewegungen, vor allem der Gewerkschaften, auf. Sie f&#252;rchten, sich in einem zu deutlich politischen Kampf zu engagieren, oder auch f&#252;r eine Sache, die nicht direkt mit ihrer Zielsetzung zu tun hat. Die Mehrzahl ihrer Mitglieder ist jedoch in der Bewegung pr&#228;sent. Zu den herausragenden Figuren der Mobilisierung in Moskau geh&#246;rt z.B. Jewgenija Tschirikowa, f&#252;hrend in der Bewegung f&#252;r die Verteidigung des Waldes von Chimki (im Gro&#223;raum Moskau) und aufsteigender Stern der neuen sozialen Bewegungen.</p>
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		<title>Der Spreu trennt sich vom Weizen</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 16:32:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>

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		<description><![CDATA[Die russische Protestbewegung kann der Linken Auftrieb geben von Boris Kagarlitzki In einem Interview f&#252;r Socialist Worker, USA, erkl&#228;rte Boris [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die russische Protestbewegung kann der Linken Auftrieb geben</strong></p>
<p>von <em>Boris Kagarlitzki</em></p>
<p>In einem Interview f&#252;r Socialist Worker, USA, erkl&#228;rte Boris Kagarlitzki am 15.Dezember:<br />
<span id="more-3719"></span>Als er 1999 an die Macht kam, gelang es Putin zun&#228;chst, eine Phase der wirtschaftlichen Expansion und Stabilit&#228;t einzuleiten – bis zur Weltwirtschaftskrise 2007/08. In der Zeit gab es ein reales wirtschaftliches Wachstum, doch der gr&#246;&#223;te Teil des industriellen Outputs wurde in veralteten sowjetischen Anlagen geleistet oder durch ausl&#228;ndische Direktinvestitionen in einigen sehr gesch&#252;tzten Wirtschaftszweigen wie der Automobilindustrie.</p>
<p>Als 2008 der &#214;lpreis einbrach, ging der Industrieaussto&#223; zur&#252;ck, die Arbeitslosigkeit nahm zu und eine soziale Krise brach aus. Pl&#246;tzlich entdeckten die Menschen, dass in der &#196;ra Putin die Reste des Sozialstaats aus der sowjetischen Zeit unter Beschuss gekommen oder aufgel&#246;st worden waren. Jetzt gibt es systematische Angriffe auf das Bildungs- und Gesundheitswesen und auf einige andere soziale Einrichtungen. Wir leben unter einem Sparregime, wie in Europa.</p>
<p>F&#252;r das Verst&#228;ndnis der politischen Situation ist wichtig, dass es so gut wie keine wirkliche Opposition gibt. Die sog. Liberalen (sie haben mit den Liberalen im Westen nichts zu tun) sind in wirtschaftlichen Fragen viel schlimmer als Putin. Ihre Kritik ist unpopul&#228;r. Die KP, die Faschisten oder die sog. Sozialdemokraten werden nicht als Alternative wahrgenommen. Der Linken fehlt es an einer politischen Organisation. Sie hat kaum Zugang zu den Medien, sie ist marginal, sektiererisch und in verschiedene Gruppen gespalten. Es gab bisher keine Kraft, die ein politischer Attraktionspol h&#228;tte sein k&#246;nnen.</p>
<p>Die Mehrzahl der Menschen ist deshalb nicht zur Wahl gegangen oder hat einfach gegen «Einiges Russland» gestimmt, nicht nur in den Gro&#223;st&#228;dten, auch auf dem Land. Als die Regierung mitbekam, was da los war, beschloss sie in letzter Minute, die Wahlen zu manipulieren. Ich bin sicher, dass das nicht von Anfang an geplant war, ein gewisses Ma&#223; an Wahlf&#228;lschung ist in Russland &#252;blich, aber nicht in diesem Umfang.</p>
<p>Deshalb passierten so skandal&#246;se Dinge. Sie waren schlecht vorbereitet. In Hunderten von F&#228;llen wurden sie ertappt, oftmals wurden sie mit dem Handy gefilmt oder von Wahlbeobachtern denunziert. Manche Wahlergebnisse waren absurd: In Rostow z.B. lag die Wahlbeteiligung bei 140%.</p>
<p>Im Verlauf der Proteste bildete sich ein spontanes B&#252;ndnis verschiedener politischer Kr&#228;fte, vorwiegend von Linken und Liberalen. Es zerbrach, als die Linke Front (ein B&#252;ndnis verschiedener linker Organisationen) f&#252;r den 10.Dezember auf dem Revolutionsplatz in Moskau eine Gro&#223;kundgebung ank&#252;ndigte und die Liberalen versuchten, diese f&#252;r sich zu kapern, indem sie sie, mit Unterst&#252;tzung des B&#252;rgermeisters, zum Bolotnaja-Platz (Sumpfplatz) umleiteten (es gab einen Haufen Witze dar&#252;ber: Wir gehen von der Revolution in den Sumpf). Die Liberalen haben es geschafft, die Kundgebung und die Medienbotschaften zu kontrollieren, die Linke wurde v&#246;llig marginalisiert.</p>
<p>Auf der Demonstration vom 10.Dezember hat sich auch ein Block zwischen den Liberalen und der extremen Rechten gebildet. Die Liberalen haben den Rechtsextremen erlaubt, mit ihren imperialen Fahnen auf den Kundgebungsplatz zu marschieren. Zum ersten Mal hat ein Neonazi bei uns zu einer gro&#223;en Menschenmenge gesprochen – eine skandal&#246;se Sache, die eine Menge Leute demoralisiert hat.</p>
<p>Doch die Liberalen kontrollieren die Bewegung an keiner Stelle. Sie werden eher daf&#252;r sorgen, dass sie sich totl&#228;uft: am 17. und 24.Dezember und am 1.Januar soll es weitere Demonstrationen geben. Der Bewegung geht die Puste aus, weil die Regierung die Wahlen nicht f&#252;r ung&#252;ltig erkl&#228;rt und das Wahlgesetz nicht &#228;ndern will.</p>
<p>Dennoch haben diejenigen Recht, die sagen, eine neue russische Revolution hat begonnen. An diesem 10.Dezember fanden Demonstrationen im ganzen Land statt, anders als in Moskau ging es dabei in der Mehrzahl der F&#228;lle um soziale Fragen und um Kritik am wirtschaftlichen und sozialen System.</p>
<p>HEs ist gut, dass es zwischen den Liberalen und den Linken zum Bruch gekommen ist. Die Linke beteiligt sich an Protestaktionen der Liberalen, aber sie sp&#252;rt, dass sie etwas anderes will. Demokratische Fragen sind wichtig. Doch die Liberalen f&#252;hren uns in eine Sackgasse. Wir m&#252;ssen uns getrennt organisieren in den Betrieben, an Universit&#228;ten und Schulen, und radikalere Formen des Protests entwickeln, wie die Globalisierungsgegner im Westen. Die Liberalen verlieren an Boden, weil sie nicht die Fragen ansprechen, die die Masse der Menschen interessiert. Die Linke muss ihre eigene Agenda entwickeln.</p>
<p><em>Boris Kagarlitzki lehrt am Institut f&#252;r vergleichende Politikwissenschaft an der Russischen Akademie der Wissenschaften und ist ein im Westen bekannter unabh&#228;ngiger Sozialist.</em></p>
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		<title>Kambodscha: Streiks in der Textilindustrie</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2010/12/kambodscha-streiks-in-der-textilindustrie/</link>
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		<pubDate>Wed, 08 Dec 2010 12:13:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>

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		<description><![CDATA[Arbeiterinnen fordern existenzsichernde Mindestl&#246;hne von Lutz Getzschmann In der asiatischen Textilindustrie scheinen sich die seit einiger Zeit immer wieder aufflammenden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Arbeiterinnen fordern existenzsichernde Mindestl&#246;hne</strong><br />
<em>von Lutz Getzschmann</em></p>
<p>In der asiatischen Textilindustrie scheinen sich die seit einiger Zeit immer wieder aufflammenden Streiks zu einem kontinentalen Kampfzyklus der Textilarbeiterinnen zu verdichten, Sie best&#228;tigen damit die vor einigen Jahren von Beverly Silver in ihrer Studie <em>Forces of Labor</em> aufgestellte Devise: «Where capital goes, conflict goes».</p>
<p><span id="more-1764"></span>Angeheizt wird die Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen l&#228;nder&#252;bergreifend durch die Strategie der westlichen Textilkonzerne, in L&#228;ndern wie Bangladesh, Vietnam oder Kambodscha auf einem Lohnniveau produzieren zu lassen, das angesichts auch dort steigender Nahrungsmittelpreise unterhalb des zur Reproduktion der materiellen Existenz N&#246;tigen liegt. Hinzu kommen die Auswirkungen der globalen Krise, die auch die Textilindustrie schwer getroffen und zu Arbeitsplatzunsicherheit und in vielen F&#228;llen Lohnsenkungen durch den Wegfall von &#220;berstunden gef&#252;hrt hat.</p>
<p>So sind etwa 2009 die kambodschanischen Textilexporte nach Europa und in die USA um 23% zur&#252;ckgegangen, was zur Schlie&#223;ung von 90 Textilfabriken und zur zeitweiligen Entlassung von 60.000 Arbeiterinnen gef&#252;hrt hat. Auch der Anstieg der Exporte in den ersten drei Quartalen 2010 um 7% konnte diese Verluste nicht ausgleichen.</p>
<p><strong>&#220;berausbeutung</strong></p>
<p>Nachdem im Sommer die Textilarbeiterinnen Bangladeshs einen verzweifelten Kampf f&#252;r einen existenzsichernden Mindestlohn gef&#252;hrt haben (siehe SoZ 10/2010), kam es im September in Kambodscha zu einem ganz &#228;hnlich gelagerten Streik, doch deutlich gr&#246;&#223;eren Ausma&#223;es.</p>
<p>Im Juli hatte die Regierung angek&#252;ndigt, den gesetzlichen Mindestlohn in der Textilindustrie von umgerechnet 50 auf 61 US-Dollar anzuheben. Die Geringf&#252;gigkeit der seit langem erwarteten Entscheidung l&#246;ste in den Gewerkschaften breite Emp&#246;rung aus; sie hatten eine Erh&#246;hung auf mindestens 93 US-Dollar gefordert. Ihre Forderung steht durchaus im Einklang mit regierungsoffiziellen Angaben: So hatte etwa im letzten Jahr eine Studie des Cambodian Development Institute festgestellt, beim gegenw&#228;rtigen Lonniveau in der Textilindustrie k&#246;nne das &#220;berleben der Arbeiterinnen nur durch exzessive &#220;berstunden gesichert werden, und einen gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 90 US-Dollar vorgeschlagen. Besondere Dringlichkeit erhielt der Vorschlag durch die Tatsache, dass durch die Krise diese &#252;berlebensnotwendigen &#220;berstunden seit 2009 weitgehend weggefallen sind.</p>
<p>Am 13.September begannen die Streikaktionen, an ihnen beteiligten sich zun&#228;chst 68.000 Arbeiterinnen. Innerhalb von drei Tagen weiteten sich die Streiks jedoch auf mehr als 90 gro&#223;e Textilfabriken und &#252;ber 200.000 Streikende aus – bei insgesamt 358.000 Bech&#228;ftigten in der kambodschanischen Textilindustrie. Aufgerufen hatten die Textilgewerkschaften CCAWDU und NIFTUC, die verschiedenen gewerkschaftlichen Dachverb&#228;nden angeh&#246;ren und mit 45.000 bzw. 30.000 Mitgliedern eine relativ gro&#223;e Organisationsmacht aufweisen – zumindest gemessen an der notorisch gewerkschaftsfeindlichen Polik der auf Marktliberalisierung setzenden poststalinistischen Regierung.</p>
<p><strong>Unnachgiebig</strong></p>
<p>Gewerkschaftliche Aktivit&#228;ten werden von der Regierung und ihr nahestehenden Gruppen seit Jahren mit gro&#223;er H&#228;rte und undurchsichtigen Methoden bek&#228;mpft. So wurde etwa 2004 der Vorsitzende des Gewerkschaftsdachverbandes Free Trade Union of Workers of the Kingdom of Cambodia (FTUWKC) auf offener Stra&#223;e erschossen, die Aufkl&#228;rung des Mordes inklusive der Verurteilung zweier angeblich Beteiligter fand unter derart dubiosen Umst&#228;nden statt, dass Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International von einem fingierten Verfahren ausgehen, das die eigentlich Verantwortlichen decken sollte.</p>
<p>Mit 80.000 Unterschriften von streikenden Arbeiterinnen verliehen die beiden Gewerkschaften ihrer Forderung nach Aufnahme von Lohnverhandlungen Nachdruck. F&#252;r den 27.September lud die Regierung die Gewerkschaften tats&#228;chlich zu einem Gespr&#228;ch ein, setzte aber zugleich die Einsch&#252;chterung und gewaltsame Eind&#228;mmung der Streikbewegung fort. Ab Mitte September wurden mehr als 300 Gewerkschaftsaktive und 3300 streikende Arbeiterinnen wegen des Arbeitskampfs entlassen, 261 von ihnen wurden festgenommen. Die von der Regierung angesetzten Lohnverhandlungen wurden ergebnislos abgebrochen, die Gewerkschaften drohten mit weiteren Kampfma&#223;nahmen, wenn die Entlassungen nicht zur&#252;ckgenommen w&#252;rden.</p>
<p>Bis Mitte Oktober war erst ein Teil der K&#252;ndigungen zur&#252;ckgenommen worden – und dies &#252;berwiegend aufgrund gerichtlicher Entscheidungen. &#220;ber 100 betriebliche Gewerkschaftsvertreter waren einem Bericht der Phnom Penh Post vom 13.10. zufolge immer noch ausgesperrt und mit ihnen fast 700 Arbeiterinnen, die nach Protesten gegen die K&#252;ndigungen entlassen worden waren.</p>
<p><strong>Schlechtes Image</strong></p>
<p>Unterdessen hat der friedliche, aber massenhafte Streik einige Konzernvorst&#228;nde ernsthaft beunruhigt. In einem gemeinsamen Offenen Brief an den kambodschanischen Unternehmerverband GMAC &#228;u&#223;erten die Bekleidungskonzerne Adidas, Gap, H&amp;M und Levi’s sowie die Walt Disney Company, die von kambodschanischen Firmen f&#252;r ihr Sortiment fertigen lassen, ihre Besorgnis &#252;ber die Eskalation der Arbeiterunruhen und riefen Unternehmer und Gewerkschaften zu einer «langfristigen L&#246;sung» und «geregelten konstruktiven Arbeitsbeziehungen» auf – ganz so als h&#228;tten sie mit den in Kambodscha praktizierten Formen der &#220;berausbeutung nichts zu tun. GMAC-Generalsekret&#228;r Ken Loo wollte das Schreiben  nicht kommentieren, wies aber Forderungen nach einer weiteren Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns kategorisch zur&#252;ck. Zugleich &#228;u&#223;erte er Verhandlungsbereitschaft &#252;ber m&#246;gliche Bonuszahlungen und Lebensmittelgutscheine f&#252;r die Arbeiterinnen.</p>
<p>Angesichts der unbeugsamen Haltung der Unternehmer und der unabweisbaren Notwendigkeit f&#252;r die Arbeiterinnen, einen Lohn zu erk&#228;mpfen, der zum Leben reicht, scheinen weitere Auseinandersetzungen vorprogrammiert. In eine solche Richtung weist auch eine Erkl&#228;rung der Gewerkschaft CCAWDU, die Anfang November angesichts der immer noch nicht wiedereingestellten Gewerkschafterinnen und der Versuche des zust&#228;ndigen Ministeriums, den Konflikt auszusitzen, mit einem neuen Massenstreik drohte.</p>
<p>CCAWDU-Generalsekret&#228;r Ek Sopheakdey rechnete f&#252;r Anfang Dezember mit erneuten Arbeitsniederlegungen, falls die Forderungen nach Wiedereinstellung der Arbeiterinnen und Anhebung des Mindestlohns bis dahin nicht erf&#252;llt seien. Zugleich k&#252;ndigte er an, in diesem Fall auch Kundgebungen und Blockaden vor Bekleidungsgesch&#228;ften zu organisieren.</p>
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		<title>«Die Befreiung lesen und denken»</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 10:28:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>

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		<description><![CDATA[Der chinesiche Musiker Sun Heng &#252;ber sein Museum f&#252;r Kunst und Kultur der Wanderarbeiter und die «Heimstatt f&#252;r Wanderarbeiter» in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- pre.western { font-family: "Garuda"; }pre.cjk { font-family: "DejaVu Sans",monospace; }p { margin-bottom: 0.21cm; } --><strong>Der chinesiche Musiker Sun Heng &#252;ber sein Museum f&#252;r Kunst und Kultur der Wanderarbeiter und die «Heimstatt f&#252;r Wanderarbeiter» in Peking</strong></p>
<p>Der K&#252;nstler Matthijs der Bruijne bereiste 2008/09 China, um Tr&#228;ume von Arbeitern aufzunehmen. Dabei traf er den Musiker Sun Heng, Gr&#252;nder des «Museums f&#252;r Kunst und Kultur der Wanderarbeiter». Exponate dieses Museums sind im Rahmen der Ausstellung «Das Potosí-Prinzip» zu sehen, zudem tourt Sun Heng im Oktober durch Deutschland.</p>
<p><span id="more-1478"></span>Sun Heng wurde 1975 in der Provinz Shanxi, in den Bergen, geboren. Seine Eltern waren Bauern in einem staatlichen Landwirtschaftsbetrieb. Er arbeitete als Musiklehrer, bis er das rigide chinesische Schulsystem nicht mehr ertragen konnte. 1999 reiste er auf den Spuren von Woody Guthrie ein Jahr durchs Land, spielte auf der Stra&#223;e, auf Baustellen und lernte so die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter kennen. Er sah, «dass sie kein Leben au&#223;er Arbeit hatten. Sie hatten weder ein Sozialleben noch kulturelle Aktivit&#228;ten».</p>
<p>2002 gr&#252;ndete er die Gruppe namens «The Art Troups of Young Migrant Workers», die &#252;berall dort, wo Wanderarbeiter leben, kostenlos auftritt. 2007 begann er mit anderen zusammen ein Museum f&#252;r Kunst und Kultur der Wanderarbeiter aufzubauen. Es ist im Pi-Cun-Dorf, nahe dem Flughafen Pekings, gelegen – ein Gebiet, das Heimstatt f&#252;r 10.000 Wanderarbeiter ist.</p>
<p>Das Museum &#246;ffnete am 1.Mai dieses Jahres und erz&#228;hlt Geschichte und Geschichten der neuen Arbeiterklasse Chinas in ihren Worten. Ein Set von Ausstellungstafeln informiert &#252;ber ihr Arbeiten und Leben. Es gibt eine Webseite des Museums und eine elektronische Version der Ausstellung, die erlauben, all dies auch in anderen Teilen des Landes zu sehen.</p>
<p>Matthijs de Bruijne und der Kurator Jorge Hinderer sprachen im September 2009 mit Sun Heng in Mannheim. Frau Lin Zhibin war als &#220;bersetzerin zugegen, Anne Scheidhauer &#252;bersetzte den hier leicht gek&#252;rzten Text aus dem Englischen. Die Redaktion bedankt sich f&#252;r die Zustimmung zum Abdruck.</p>
<p><em>Das Museum ist Teil der «Heimstatt f&#252;r Wanderarbeiter». Kannst du uns etwas &#252;ber die Geschichte der «Heimstatt» erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Unsere Organisation hei&#223;t «Heimstatt f&#252;r Wanderarbeiter» und wurde offiziell im November 2002 eingerichtet. Anfangs machten wir vor allem Auff&#252;hrungen mit der «Art Troupe». Im ersten Jahr hatten wir 40 oder 50 Auff&#252;hrungen. Wir hatten eine Hotline, bei der die Arbeiter anrufen und rechtliche Fragen stellen konnten. Einige davon versuchten wir selbst zu beantworten. Wenn wir mit einem Fall nicht klar kamen, versuchten wir eine Antwort von einem Rechtsanwalt oder Freiwilligen zu bekommen, der das Gesetz besser kennt. Wir boten auch Schulungen in Rechtsfragen und Computernutzung. Wir kombinierten Unterhaltung mit der Formulierung von Rechten, wir versuchten durch unsere Songs und ihre Texte ein Bewusstsein f&#252;r die rechtlichen Anspr&#252;che der Arbeiter zu schaffen.</p>
<p>2004 stellten wir einige CDs her. Wir wollten sie nicht offiziell herausbringen, sondern brannten ein paar CDs mit einer Zusammenstellung unserer Songs. Und dann h&#246;rte eine bekannte gro&#223;e chinesische Firma unsere Musik und bot an, die CD herauszubringen. Sie machte auch Werbung und verkaufte 100.000 Scheiben. Viele Leute, Unistudenten und Akademiker, die sich f&#252;r die Arbeiter interessierten, kauften die CD. Auch einige bekannte Fernsehstars und Popshowmoderatoren unterst&#252;tzten den Verkauf. Wir verdienten 75.000 RMB. Wir machten richtig Profit mit dieser CD.</p>
<p>Mit dem Geld gr&#252;ndeten wir eine Schule f&#252;r Wanderarbeiterkinder: Wir mieteten das Unterrichtsgel&#228;nde – eine verlassene Fabrik, die der Gemeinde geh&#246;rt – und bauten Klassenzimmer. Urspr&#252;nglich haben wir die Schule deshalb gegr&#252;ndet, weil wir gesehen haben, dass viele Wanderarbeiterkinder weder einen Platz an einer Schule hatten, noch einen Ort zum Spielen.</p>
<p><em>Wussten die lokalen Beh&#246;rden von eurer Schule?</em></p>
<p>In China gibt es nicht eine einzige, einheitliche Regierung. Es gibt Regierungen auf der nationalen, der Provinz- und der st&#228;dtischen Ebene; in ein und derselben Abteilung kann es Beamte mit unterschiedlichen Ideen geben. «Die chinesische Regierung» ist also kein einheitliches Gebilde. Au&#223;erdem &#228;ndern sich die Strategien der Regierung; vor allem 2003 hat sich in der Politik vieles ge&#228;ndert, nachdem die neue F&#252;hrung von Hu Jintao die Macht &#252;bernommen hatte.</p>
<p>Unsere Schule hat momentan 400 Sch&#252;ler, vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Sie dient auch als kommunales Bildungszentrum, als Abendschule. Die Gemeindemitglieder k&#246;nnen die Bibliothek nutzen und Schulungen zu Rechtsthemen und Computernutzung besuchen.</p>
<p><em>Was f&#252;r Objekte sammelt und zeigt ihr in dem Museum?</em></p>
<p>Die Objekte, die wir zeigen, haben uns die Arbeiter &#252;berlassen, dazu geh&#246;ren Fotos, Briefe, Instrumente, Arbeitsuniformen, Aufenthaltserlaubnispapiere, Artikel, CDs, NGO-Ver&#246;ffentlichungen. Au&#223;erdem haben wir Regierungsverlautbarungen aus unterschiedlichen Phasen gesammelt. Wir haben inzwischen ein Forschungszentrum, und die Ver&#246;ffentlichung von B&#252;chern wird ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das ist sozusagen «Learning by doing», praktisches Lernen.</p>
<p>Wir haben &#252;ber die Entwicklung von Bildung f&#252;r Kinder geforscht. Gerade machen wir eine Untersuchung &#252;ber die Aufenthaltsrechte der Arbeiter. Dar&#252;ber hinaus haben wir unser Theater, unsere DVDs und CDs. Wir m&#246;chten gern jedes Jahr ein neues Theaterst&#252;ck und eine neue CD und DVD machen.</p>
<p><em>Eure Theaterst&#252;cke und Songtexte sprechen von dem Traum, einen kollektiven Prozess zu begr&#252;nden, dabei aber auf den Rechten der Wanderarbeiter und der &#220;berwindung der Ausbeutung zu beharren, welche auf unregelm&#228;&#223;igen Lohnzahlungen ohne jegliche Absicherung und ohne angemessenen Aufenthaltsstatus beruht. Was w&#252;rdest du im Hinblick auf Ausbeutung noch hinzuf&#252;gen?</em></p>
<p>Dies ist ein historischer Moment. Eine riesige Anzahl von Leuten wechselt gerade ihre Identit&#228;t: Sie werden von Bauern zu Stadtb&#252;rgern. Jetzt sind es 240 Millionen Wanderarbeiter. In den kommenden Jahren k&#246;nnten es 300 oder 400 Millionen werden. Wir haben die Idee, die positiven Elemente einer neuen Kultur der Wanderarbeiter zu bef&#246;rdern. Wir benutzen Kultur als ein Instrument, um Bewusstsein unter den Arbeitern zu erzeugen.</p>
<p>Wir hoffen au&#223;erdem, dass Kultur ein Weg sein kann, internationale Solidarit&#228;t unter den Arbeitern aufzubauen. Das Kapital ist bereits globalisiert, aber die Arbeiter sind in unterschiedliche L&#228;nder aufgeteilt, also hoffen wir, dass die Kultur der Arbeiter internationalisiert werden kann. Wenn die &#246;konomische Befreiung so unglaublich wichtig sein soll, wie viel wichtiger muss dann erst die kulturelle Emanzipation f&#252;r die Arbeiterklasse sein, im Sinne von «die Befreiung lesen und denken».</p>
<p><em>Arbeitet ihr mit anderen &#228;hnlichen Organisationen in China zusammen?</em></p>
<p>Die Regierung organisiert einen Teil ihrer kulturellen Aktivit&#228;ten in Kulturzentren. Solche Zentren gibt es in jeder Stadt als Ort f&#252;r Konzerte, Kino, Theater usw. Das Kulturzentrum in unserem Distrikt, vor allem der Leiter, unterst&#252;tzt viele unserer Aktivit&#228;ten. Wir arbeiten zudem mit 20 unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Einrichtungen der Universit&#228;t in Peking zusammen, wo viele Studenten hinkommen und freiwillige Dienste anbieten. Wir arbeiten auch mit 20 Nichtregierungsorganisationen in ganz China, die im gleichen Bereich arbeiten wie wir. Wir haben auch Kontakte zu Massenmedien.</p>
<p>Zu Gewerkschaften haben wir wenig Kontakt. Aber gerade jetzt ist ein interessanter Moment. Die lokale Regierung hat eben erkl&#228;rt, uns bei der Gr&#252;ndung einer gemeindebasierten Gewerkschaft unterst&#252;tzen zu wollen. Das kam ganz pl&#246;tzlich vor ein paar Wochen. Ich war unterwegs, als mich meine Kollegen informierten, wir h&#228;tten gerade mit Unterst&#252;tzung der Lokalregierung eine Gewerkschaft gegr&#252;ndet. Zun&#228;chst dachte ich, das w&#228;re ein Scherz.</p>
<p><em>W&#228;re das nicht ein Wendepunkt, wenn die Arbeiter selbst die Gewerkschaften organisieren k&#246;nnten?</em></p>
<p><strong>Lin Zhibin:</strong> Darum darf man die chinesische Regierung nicht &#252;ber einen Kamm scheren. China hat eine gro&#223;e Bev&#246;lkerung, und es gibt viele M&#246;glichkeiten.</p>
<p><strong>Wie hat sich die neoliberale &#214;konomie allgemein auf die sozialen Beziehungen in China ausgewirkt?</strong></p>
<p>Heute dreht sich alles ums Kapital. Wenn du einen Job mit einem hohen Einkommen hast, wirst du respektiert, sonst nicht. Selbst auf dem Land sind die alten Traditionen obsolet geworden. Es geht nur noch ums Geld. Die Menschen sind sehr vereinzelt, weil sie im Wettbewerb mithalten und Profit machen m&#252;ssen – individualisiert, um dem kapitalistischen Ideal zu entsprechen.</p>
<p>Der Sozialismus hat in Russland und China versagt, aber wir k&#246;nnen die erfolgreichen Aspekte der Geschichte der sozialistischen L&#228;nder nicht leugnen. Von diesen Aspekten sollten wir ebenso lernen, wie wir aus dem Versagen unsere Lektion lernen sollten. Wir sollten auch die neuen sozialistischen Bewegungen in Lateinamerika betrachten, als eine Hoffnung, eine Alternative.</p>
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		<title>Bangladesch, Der Streik der Textilarbeiterinnen</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 09:24:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die angek&#252;ndigte Anhebung des Mindestlohns reicht nicht zum Leben von Lutz Getzschmann In den letzten Jahren haben zahlreiche internationale Textilkonzerne [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- pre.western { font-family: "Garuda"; }pre.cjk { font-family: "DejaVu Sans",monospace; }p { margin-bottom: 0.21cm; } --><strong>Die angek&#252;ndigte Anhebung des Mindestlohns reicht nicht zum Leben</strong><em><br />
von Lutz Getzschmann</em></p>
<p>In den letzten Jahren haben zahlreiche internationale Textilkonzerne Bangladesch als Billiglohnland entdeckt, seitdem die Textilarbeiterinnen in China und anderen s&#252;d- und ostasiatischen L&#228;ndern in erfolgreichen Lohnk&#228;mpfen betr&#228;chtliche Lohnsteigerungen erzielen konnten. Nun setzten sie sich in diesem Sommer auch in Bangladesch zur Wehr.</p>
<p><span id="more-1466"></span>In diesem Sommer gab es in der Textilindustrie in Bangladesch heftige Konflikte. In einem beispiellosen Massenstreik begehrten die Textilarbeiterinnen gegen niedrige L&#246;hne und exorbitante Preissteigerungen auf und ersch&#252;tterten das Land, das schon seit einiger Zeit von inneren Unruhen erfasst ist. Auftakt der Streikaktionen war ein massiver Generalstreik Mitte Juli in der Bekleidungsindustrie, der die Hauptstadt Dhaka komplett lahmlegte.</p>
<p>Unmittelbarer Anlass waren Preissteigerungen f&#252;r Grundnahrungsmittel und andere Dinge des t&#228;glichen Bedarfs. Angesichts der erb&#228;rmlichen L&#246;hne, die seit 2006 nicht mehr angehoben worden waren (und auch diese Anhebung war erst nach einem Streik erfolgt), war das &#220;berleben der Arbeiterinnen und Arbeitern kaum noch gesichert. Der durchschnittliche Lohn einer Textilarbeiterin betrug zu Beginn der Streikaktionen 1887 Taka im Monat, das sind etwas &#252;ber 21 Euro; die meisten &#214;konomen gehen davon aus, dass man mindestens 8000 Taka zum &#220;berleben braucht.</p>
<p>Obwohl die Polizei die Streikenden massiv angriff, den Streik gewaltsam beendete und die Arbeiterinnen zur&#252;ck an die Arbeit zwang, war das Signal, das von dem Generalstreik ausging, stark genug, um die regierende Awami-League zu veranlassen, Ende Juli einen h&#246;heren Mindestlohn in der Textilindustrie von 3000 Taka (knapp 34 Euro) monatlich anzuk&#252;ndigen.</p>
<p>Damit blieb die Regierung jedoch deutlich unter der Forderung der Streikenden und ihrer Gewerkschaften von 5000 Taka monatlich und auch weit unter einem Lohn, von dem die Besch&#228;ftigten ihren t&#228;glichen Lebensunterhalt bestreiten k&#246;nnten. Die Arbeiterinnen setzten deshalb ihre Aktionen fort. Sie streikten, bauten Barrikaden und Stra&#223;ensperren, z&#252;ndeten Autos an und demonstrierten, wobei es zu schweren Zusammenst&#246;&#223;en mit der Polizei kam.</p>
<p>Erwartungsgem&#228;&#223; vertraten die Medien uneingeschr&#228;nkt den Standpunkt der Regierung und der Textilfabrikanten und denunzierten die Arbeiterinnen als «Randalierer». &#220;ber die Gewaltexzesse der Polizei berichteten sie allenfalls am Rande. Auch die zynische Haltung der Textilfabrikanten, die eine Verschiebung der von der Regierung angek&#252;ndigten Lohnerh&#246;hung um vier Monate forderten – und diese bewilligt bekamen – und sogar mit einer Verlagerung ihrer Produktionsst&#228;tten in andere L&#228;nder drohten, wurde in der &#246;ffentlichen Meinung kaum thematisiert.</p>
<p><strong>Fabrikschlie&#223;ungen</strong></p>
<p>Die Textilfabrikanten schlossen 250 Fabriken und forderten die Unterst&#252;tzung der Polizeikr&#228;fte an, um Fabrikbesetzungen zu verhindern und den Streik niederzuschlagen. Bei den darauffolgenden Auseinandersetzungen gingen die Polizeikr&#228;fte mit gro&#223;er H&#228;rte gegen die Streikenden vor. Dabei wurden mehr als 100 Arbeiterinnen verletzt, die Gewalt der Polizei richtete sich auch gegen Kinder und Jugendliche.</p>
<p>Zugleich erkl&#228;rten die beiden wichtigsten Unternehmerverb&#228;nde, die Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) und die Bangladesh Knitwear Manufactures &amp; Exporters Association (BKMEA), sie w&#252;rden auf keinen Fall Lohnerh&#246;hungen &#252;ber die von der Regierung zugesicherten 3000 Taka monatlich hinaus zustimmen, und es sei Aufgabe der Regierung, Ruhe, Ordnung und Arbeitsdisziplin wieder herzustellen.</p>
<p>Anfang August akzeptierten schlie&#223;lich 42 der insgesamt &#252;ber 60 Gewerkschaften der Textilarbeiterinnen die von der Regierung angek&#252;ndigten Lohnerh&#246;hungen. Darunter waren &#252;berwiegend regierungsnahe und moderate Gewerkschaften, aber auch die bisher als radikal und syndikalistisch geltende National Garment Workers Federation (NGWF). Einige radikalere Arbeiterorganisationen lehnten das bescheidene Zugest&#228;ndnis weiterhin ab und setzten ihre Proteste noch bis Ende August fort, trotz der verst&#228;rkten Repression und der durch die Spaltungstaktik der Regierung bewirkten Schw&#228;chung der Bewegung.</p>
<p><strong>Festnahmen</strong></p>
<p>Im Laufe der Auseinandersetzungen wurden mehr als 4000 Arbeiterinnen und Arbeiter in Polizeigewahrsam genommen. Nachdem die Polizei mit Hilfe von Bildmaterial versucht hatte, die «R&#228;delsf&#252;hrer» zu identifizieren, wurden noch mehr verhaftet. Man nutzte die Gelegenheit au&#223;erdem dazu, um mit harter Hand auch gegen f&#252;hrende Aktivisten der Gewerkschaften und der bengalischen Linken vorzugehen, mehrere Kader der Communist Party of Bangladesh (CPB) und des mit der CPB verbundenen Garment Trade Union Center (GTUC) befanden sich unter den Verhafteten, Mitglieder der Bangladesh Socialist Party und des von dieser gef&#252;hrten Garments Sramik Sangram Parishad (GSSP) wurden Opfer von Hausdurchsuchungen und polizeilichen Ermittlungen. Das Innenministerium schickte gegen die Arbeiterinnen das «Rapid Action Battalion» aus, eine Eliteeinheit, die normalerweise gegen organisiertes Verbrechen, terroristische Gruppen und Guerillabewegungen eingesetzt wird.</p>
<p>Die Repressionswelle f&#252;hrte zu Protestdemonstrationen, an denen sich neben den Textilarbeitergewerkschaften auch die breitere bengalische Linke stark beteiligte. Am 14.August etwa besetzten 4000 Arbeiter vier Stunden lang die Autobahn zwischen Dhaka und Sylhet, bis sie schlie&#223;lich von den Sicherheitskr&#228;ften vertrieben wurden.</p>
<p>Die Minimalforderungen der Protestierenden beinhalteten die Einf&#252;hrung des von der Regierung angek&#252;ndigten Mindestlohns ab August statt ab November, den 8-Stunden-Tag (statt des jetzigen 11-Stunden-Tags), das sofortige Ende der Verhaftungen und der Gewaltma&#223;nahmen des Staates, den R&#252;ckzug der Schl&#228;gertrupps der Textilfabrikanten und die Freilassung der inhaftierten Arbeiter. Ihre Aktion wurde unterst&#252;tzt durch eine gro&#223;e Menschenkette, die von Arbeitern, Lehrern, K&#252;nstlern und Intellektuellen am zentralen Platz Shahbagh in Dhaka organisiert wurde.</p>
<p>Die Regierung jedoch zeigte sich unbeeindruckt und die Innenministerin von Bangladesch, Sahara Khatun, k&#252;ndigte an, gegen s&#228;mtliche Teilnehmer an illegalen Demonstrationen und gewaltt&#228;tigen Unruhen des Sommers mit aller H&#228;rte des Gesetzes vorgehen zu wollen.</p>
<p><strong>Doppelstrategie</strong></p>
<p>Die Streiks und Demonstrationen setzten die in Bangladesch ans&#228;ssigen Textilunternehmen schwer unter Druck. Ihr Interesse an einer gewaltsamen Niederschlagung des Streiks war gro&#223;, denn weitere zwei Wochen h&#228;tten sie den Mobilisierungen der Besch&#228;ftigten nicht mehr standgehalten. Die Arbeiter hatten im Laufe der Aktionen Fabriken direkt angegriffen und einige Produktionsst&#228;tten verw&#252;stet.</p>
<p>Gr&#246;&#223;er allerdings waren die Verluste der Unternehmer durch den Stillstand der Produktion, sie sprechen von umgerechnet 113 Millionen  US-Dollar. Die Unternehmer drohen nun mit dem Abzug von Produktionskapazit&#228;ten in andere L&#228;nder, die Regierung ist bem&#252;ht, Ruhe herzustellen, bevor sich die Unruhen zu einem Fl&#228;chenbrand ausweiten k&#246;nnen.</p>
<p>Angesichts der deutlicheren Verschlechterung der &#246;konomische Situation und der Lebensbedingungen der Bev&#246;lkerung in den letzten Jahren kann sich der aufgestaute Unmut jederzeit in gewaltsamen Protesten entladen. Dabei f&#228;hrt die Regierung eine Doppelstrategie: Einerseits greift sie mit gro&#223;er H&#228;rte radikalere Gewerkschaften und linke Organisationen an – deren Aktivisten werden oft auf Polizeistationen misshandelt. Zugleich versucht sie, regierungstreue Gewerkschaften zu st&#228;rken.</p>
<p>Die 3,5 Millionen Besch&#228;ftigten der Textilindustrie, in der Mehrzahl Frauen, sind in mehr als 60 Gewerkschaften organisiert. Die meisten dieser Gewerkschaften sind illegal und m&#252;ssen unter konspirativen Bedingungen arbeiten. Zugleich richtet sich der Blick des Staates auf die T&#228;tigkeit von NGOs, die in den letzten Jahren mit Unterst&#252;tzung von Gewerkschaften und Solidarit&#228;tsgruppen in westlichen L&#228;ndern aufgebaut wurden. Sie sind eine Quelle finanzieller Unterst&#252;tzung und Informationsaustausch und f&#252;hren internationale Kampagnen zur Verbesserung der L&#246;hne und Arbeitsbedingungen der bengalischen Arbeiterinnen.</p>
<p>In den letzten f&#252;nf Monaten hat das staatliche NGO Affairs Bureau 334 NGOs geschlossen. Die Regierung unterstellt ihnen eine unterst&#252;tzende Rolle bei den militanten Protesten und den Organisierungsbem&#252;hungen der radikaleren Gewerkschaften. Unter anderem wurde auch das Bangladesh Center for Workers Solidarity (BCWS) geschlossen, das in den letzten Jahren zusammen mit britischen und US-amerikanischen Gewerkschaften wichtige Kampagnen organisiert hat, um im Westen &#246;ffentlichen Druck auf die gro&#223;en Einzelhandelskonzerne und Textilunternehmen auszu&#252;ben, und eine koordinierende Rolle bei den j&#252;ngsten Streiks gespielt hat.</p>
<p><strong>Die globalen Textilkonzerne</strong></p>
<p>Die Textilindustrie ist der wichtigste Industriezweig im 1971 von Pakistan abgespaltenen Bangladesch. Ihr Exportanteil betr&#228;gt 80%, und mit 3,5 Millionen verzeichnet sie den gr&#246;&#223;ten Anteil an Besch&#228;ftigten. Die Textilproduktion hat eine lange Tradition in Bengalen, die bis weit in die vorkoloniale Zeit zur&#252;ckreicht.</p>
<p>In den letzten Jahren entdeckten die global agierenden Textil- und Bekleidungskonzerne, stets auf der Suche nach immer neuen Niedriglohnl&#228;ndern, Bangladesch als Produktionsstandort, nachdem sie in L&#228;ndern wie China, den Philippinen und Indonesien verst&#228;rkt mit gewerkschaftlichem Widerstand gegen Niedrigl&#246;hne und extrem schlechte Arbeitsbedingungen konfrontiert worden waren. L&#228;ngst lassen Einzelhandelsriesen wie Wal-Mart, aber auch Lidl und KiK in Bangladesch durch dort ans&#228;ssige Firmen f&#252;r sich produzieren, ohne dass die Arbeitsbedingungen der bengalischen Textilarbeiterinnen im Bewusstsein einer breiteren &#214;ffentlichkeit in Nordamerika oder Europa eine Rolle spielen.</p>
<p>Durchbrochen wurde diese Mauer des Schweigens und Desinteresses im August, als die Nachrichten von Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den Streikenden auch hier durch die Medien gingen und ein Bericht in einem ARD-Magazin die m&#246;rderischen Bedingungen enth&#252;llte, unter denen KiK und andere westliche Konzerne dort produzieren lassen. Obwohl es auch in vergangenen Jahren schon &#228;hnliche Berichte gegeben hatte, kam die Firmenleitung von KiK, einem Unternehmen der Tengelmann-Gruppe, erst jetzt durch die aufgeschreckte &#214;ffentlichkeit richtig unter Druck.</p>
<p>Da die Wirtschaft von Bangladesch stark von der Textilindustrie und deren Weltmarktposition abh&#228;ngig ist, hat bisher noch jede der in den letzten Jahren um die Regierungsmacht k&#228;mpfenden politischen Parteien – sowohl die regierende populistische Awami League, wie auch die oppositionelle konservative Nationalist Party – gro&#223;e Energien darauf verwendet, die Ausbeutungsbedingungen in der Textilindustrie zu sch&#252;tzen.</p>
<p>Die einzige Option f&#252;r die Textilarbeiterinnen und ihre Gewerkschaften ist es daher, durch direkte Aktionen, Streiks und Demonstrationen das &#246;ffentliche Leben lahmzulegen. Die Produktionsmacht der Arbeiterinnen in der Textilindustrie selbst ist gering, nur durch die Ausweitung des Kampfterrains und eine breite Solidarisierung aus anderen Sektoren der Arbeiterklasse sind ihnen Erfolge m&#246;glich. Wichtig ist hierf&#252;r auch der internationale Druck, den Gewerkschaften und Kampagnengruppen in westlichen L&#228;ndern auf Einzelhandelsketten und Textilkonzerne aus&#252;ben.</p>
<p>Gerade vor dem Hintergrund der versch&#228;rften Repressionswelle und der Versuche des Staates, vor allem dieses Band der Solidarit&#228;t zu kappen, erfordert die Entwicklung der Klassenk&#228;mpfe und der politischen Ereignisse in Bangladesch eine verst&#228;rkte Aufmerksamkeit.</p>
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		<title>Schlimmer als vier Kriege</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 13:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>

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		<description><![CDATA[Flut in Pakistan Die menschlichen Ursachen der Katastrophe Die &#220;berschwemmung des gr&#246;&#223;ten Teils des Industals tr&#228;gt Z&#252;ge einer menschengemachten, historischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		PRE { font-family: "Times New Roman" } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --><strong>Flut in Pakistan<br />
Die menschlichen Ursachen der Katastrophe</strong></p>
<p>Die &#220;berschwemmung des gr&#246;&#223;ten Teils des Industals tr&#228;gt Z&#252;ge einer menschengemachten, historischen Katastrophe. Das UN-Amt f&#252;r die Koordinierung humanit&#228;rer Angelegenheiten (OCHA) sch&#228;tzt, dass 20 Millionen Pakistani &#228;u&#223;erste Not leiden.<em><br />
</em></p>
<p><span id="more-1331"></span>Viele irren obdachlos umher, andere sind wegen der zerst&#246;rten Br&#252;cken und &#252;berschwemmten Strassen von Hilfe abgeschnitten, Unz&#228;hlige haben weder Zugang zu Nahrung noch zu Trinkwasser. In der Augusthitze verbreitet das Wasser t&#246;dliche Krankheiten, die insbesondere Kinder bedrohen – 3,5 Millionen von ihnen gelten als gef&#228;hrdet.</p>
<p>OCHA-Sprecher Maurizio Giuliano sagt: «Diese Katastrophe ist schlimmer als der Tsunami, als das Erdbeben in Pakistan 2005 und das in Haiti vor einem halben Jahr.» Nach diesem Ma&#223;stab, schreibt der britisch-pakistanische Journalist Ahmed Rashid, ist sie auch schlimmer als alle vier Kriege Pakistans mit Indien zusammen genommen, ja, vielleicht sogar als die Teilung Britisch-Indiens 1947, klagt Pakistans Premier.</p>
<p>Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer bei 1600 (Stand: 17.8.), doch sie wird steigen, weil der Mangel an Unterk&#252;nften, Nahrung und Wasser allm&#228;hlich Wirkung zeigt und Krankheiten sich ausbreiten. Viele sind im doppelten Sinn innere Fl&#252;chtlinge, weil die beiden am meisten mitgenommenen Regionen, die Nordwestliche Grenzprovinz und Belutschistan, chronisch Austragungsort von Kampfhandlungen zwischen der &#246;rtlichen Guerilla und der Regierung sind, die ganze D&#246;rfer entv&#246;lkert haben. Jede einzelne Br&#252;cke im gebirgigen Swat-Gebiet, Schauplatz zahlreicher Offensiven der Armee gegen die pakistanischen Taliban, wurde weggeschwemmt. Auch zahlreiche afghanische Fl&#252;chtlingslager wurden vernichtet, ihre Bewohner einmal mehr entwurzelt.</p>
<p>Die Bilder von Staatspr&#228;sident Asif Ali Zardari, der durch Europa tourte, w&#228;hrend das Wasser stieg, veranlasste die internationalen Medien, von der Katastrophe als Zardaris «Katrina» zu sprechen. Was auch immer die unmittelbaren Folgen f&#252;r Zardari sein m&#246;gen, der sich nun beim Schleppen von Reiss&#228;cken ablichten l&#228;sst – die rei&#223;enden Schlammassen des Indus sind eine grimmige Mahnung, dass es die von Menschen verursachten Gleichgewichtsst&#246;rungen sind, die f&#252;r all dieses Unheil verantwortlich sind.</p>
<p><strong>Das Muster des CO2-Zeitalter</strong></p>
<p>&#196;hnlich wie Katrina ist das Hochwasser in Pakistan eine Naturkatastrophe, die die menschlichen Entschlossenheit, die Natur zu beherrschen, noch schlimmer macht. Die pakistanische Regierung h&#228;tte gegen den Furor des diesj&#228;hrigen Monsunregens nichts ausrichten k&#246;nnen, ebensowenig wie Bush gegen den Hurrikan Katrina.</p>
<p>Bereits am 6.August, nach einer Woche Platzregen, als die mehrw&#246;chige Monsunsaison gerade angebrochen war, wurde klar, dass diese die heftigsten Monsunf&#228;lle in Pakistans 63-j&#228;hriger Geschichte werden w&#252;rden. Jeder wurde davon &#252;berrascht: Noch im Juni hatte der Wetterdienst des Landes vorausgesagt, die Regenf&#228;lle von Juli bis September w&#252;rden in diesem Jahr «normal» ausfallen.</p>
<p>Wissenschaftler sind schnell zur Hand mit der Beteuerung, dass man nicht ein einzelnes Wetterereignis auf die globale Klimaerw&#228;rmung zur&#252;ckf&#252;hren kann. Das Klima ist zu komplex, um es aus einer einzigen Ursache ableiten zu k&#246;nnen. Doch die Mehrzahl der Experten stimmt darin &#252;berein, dass sich derzeit ein Muster herausbildet, bei dem heftige St&#252;rme immer h&#228;ufiger werden, und dass dieses Muster f&#252;r das CO2-Zeitalter charakteristisch ist. Es gibt Grund zur Annahme, dass die asiatischen Monsunregen mit fortschreitender Klimaver&#228;nderung variabler und extremer werden.</p>
<p>Viele Klimaforscher sagen voraus, dass es im Laufe der Zeit in den halbtrockenen Gebieten Asiens, zu denen der Gro&#223;teil Pakistans geh&#246;rt, immer weniger regnen wird. Landwirtschaftliche Fl&#228;chen werden von der W&#252;ste geschluckt werden, da die Bew&#228;sserungskan&#228;le austrocknen. Die Monsunregen aber werden nicht langsam abnehmen, vielmehr wird die Ab- und Zunahme ihrer Intensit&#228;t in Bandbreiten erfolgen, die unvorhersehbar sind. Der Klimabericht des renommierten UN-Ausschusses IPCC h&#228;lt es f&#252;r «sehr wahrscheinlich», dass die Anzahl «heftiger Niederschl&#228;ge» im Zuge der menschengemachten Klimaerw&#228;rmung zunimmt. Wenn es regnet, sagen sie, sch&#252;ttet es.</p>
<p>Direkter nachweisbar ist die Schmelze der Himalayagletscher, die den Indus und andere Fl&#252;sse anschwellen lassen. Der R&#252;ckgang der Gletscher ist weltweit zu beobachten. In Pakistan sind die Folgen davon &#228;hnlich wie beim Monsun: Auf lange Sicht wird es viel weniger Wasser geben, aktuell jedoch ein erh&#246;htes Flutrisiko.</p>
<p><strong>Die Gefahren des Staudamms</strong></p>
<p>Viele pakistanische Beobachter erkl&#228;ren das Ausma&#223; der &#220;berschwemmungen und Zerst&#246;rungen zum Teil mit Entscheidungen des Staates – vor allem mit dem Bau gro&#223;er Staud&#228;mme an entscheidenden Stellen des Verlaufs des Indus.</p>
<p>Staud&#228;mme sind das Symbol einer modernen Wasserinfrastruktur schlechthin. Im Bestreben, es den US-Ingenieuren gleich zu tun, die Kalifornien zu einer bl&#252;henden Landschaft gemacht haben, versuchen die nachkolonialen Staaten im Mittleren Osten und in Asien, immer noch gr&#246;&#223;ere D&#228;mme zu errichten, um Wasser f&#252;r eine gr&#252;ne Revolution in jedem Flussbett und elektrisches Licht in jeder Stra&#223;e aufzufangen.</p>
<p>Umweltvertr&#228;glichkeit dieser Staud&#228;mme – ganz abgesehen von den sozialen Verwerfungen, die bei ihrem Bau entstehen – wird inzwischen jedoch stark bezweifelt. Denn D&#228;mme unterliegen unbeabsichtigten Folgen. In &#196;gypten verhindert der Assuan-Staudamm die j&#228;hrlichen Nil-Hochwasser; er erlaubt eine zuverl&#228;ssige Bew&#228;sserung rund ums Jahr und erh&#246;ht damit betr&#228;chtlich die Produktivit&#228;t der Landwirtschaft. Doch die j&#228;hrlichen Hochwasser hatten auch einen reinigenden Effekt; jetzt sind die l&#228;ndlichen Gebieten mit stehenden Gew&#228;ssern &#252;bers&#228;t, in denen sich Parasiten breit machen, die die Wurmerkrankung Bilharziose verursachen.</p>
<p>In Pakistan hat die Stauung des Indus zu einem h&#246;herem Salzgehalt und gr&#246;&#223;eren Ablagerungen flu&#223;aufw&#228;rts gef&#252;hrt. Dem Delta wurde dadurch sein fruchtbarster Boden geraubt, das Flussbett angehoben und was vormals trockenes Land war in einen Teil der Flussebene verwandelt. Bau und Wartung der D&#228;mme sind teuer und anf&#228;llig f&#252;r menschliches Versagen und Fehlplanung.</p>
<p>Mustaq Gaadi schreibt in der pakistanischen Zeitschrift <em>Dawn</em> (16.8.), ein Dammbruch nahe dem Taunsa-Staudamm habe das Hochwasser in Zentralpakistan ausgel&#246;st, etwa auf halber Strecke zwischen dem Hochland und dem Arabischen Meer. Nachdem der Damm gebrochen war, umrundete der Fluss den Staudamm und suchte sich ein neues Bett, &#252;berflutete dabei ein Bew&#228;sserungswerk und Felder, die das Werk der Ingenieure eigentlich h&#228;tte sichern sollen.</p>
<p>Die Bev&#246;lkerung von Taunsa warnt seit Jahren vor gef&#228;hrlich gro&#223;en Ablagerungen flu&#223;aufw&#228;rts und fordert bessere Hochwasserschutzmassnahmen, doch die staatlichen Verbesserungsma&#223;nahmen waren unzureichend. Auf der vielfach verbreiteten Landkarte der OHCA, die das Ausma&#223; der &#220;berflutungen zeigt, ist zu sehen, dass die am &#228;rgsten betroffenen Gebiete hinter oder neben D&#228;mmen und Staud&#228;mmen liegen.</p>
<p>Im Jahr 2004 wurden bei der Weltbank 144 Mio.Dollar f&#252;r die Reparatur des Taunsa-Staudammes beantragt – auf der Webseite der Bank ist er als «Notprojekt» ausgewiesen. Die Bauarbeiten in Taunsa erzwangen die «Umsiedlung» von 160 Haushalten; lokale Aktivisten waren frustriert, dass die Bank das Problem der Ablagerungen flu&#223;aufw&#228;rts ignoriert hatte. Die Bank behauptet, ihr Eingreifen habe dazu beigetragen, «dass dieser Staudamm der Sturzflut des Indus widerstand», und legte Pl&#228;ne vor, in den kommenden Jahren an drei weiteren Stellen &#228;hnliche Reparaturen oder Installationen vorzunehmen.</p>
<p>Nun wird das Hochwasser aber die Skeptiker bei der Weltbank st&#228;rken, denn die Kosten von Staud&#228;mmen scheinen weitaus h&#246;her als ihr Nutzen, insbesondere durch die Brille der Wasserbeh&#246;rde gesehen. Wegen der Zur&#252;ckhaltung der Weltbank konnte die T&#252;rkei ihren enormen Staudammkomplex in S&#252;dostanatolien nicht fertig stellen. Pakistan bekommt die 12 Mrd. Dollar nicht, die es f&#252;r den Bau des Diamer-Bhasha-Staudamms braucht, der Wasserkraft f&#252;r die wachsenden St&#228;dte und noch mehr Land f&#252;r bew&#228;sserte Landwirtschaft produzieren soll. Die Sorge um die Nachhaltigkeit solcher Megaprojekte ist wohl begr&#252;ndet.</p>
<p><em>Quelle: Middle East Report,</em> <a href="http://www.merip./org/">www.merip./org/</a></p>
<p><em>&#220;bersetzung: Angela Huemer</em></p>
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		<title>Pakistan: Die Wohlt&#228;tigkeit C&#228;sars</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 13:34:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Klima]]></category>

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		<description><![CDATA[Die politischen Implikationen der Flut Die am st&#228;rksten von der Flut getroffenen Regionen Pakistans sind zugleich diejenigen, die haupts&#228;chlich von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		PRE.western { font-family: "Times New Roman" } 		PRE.cjk { font-family: "DejaVu Sans", monospace } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --><strong>Die politischen Implikationen der Flut</strong><br />
Die am st&#228;rksten von der Flut getroffenen Regionen Pakistans sind zugleich diejenigen, die haupts&#228;chlich von Pashtunen bewohnt werden &#8211; einem Bev&#246;lkerungsteil, der eh notorisch ausgegrenzt wird.<br />
<span id="more-1326"></span>Wie so oft bei Naturkatastrophen tragen die Armen und Benachteiligten die gr&#246;&#223;te Last der Katastrophe. Laut UN-Entwicklungsindex von 2009 leben 33,4% der Pakistani in Armut, ein nur geringf&#252;gig h&#246;herer Prozentsatz als in Rwanda. 10% der 170 Millionen Einwohner haben auch in «normalen Zeiten» nicht regelm&#228;&#223;ig Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die meisten der &#252;ber eine Million H&#228;user, die durch die Flut zerst&#246;rt oder besch&#228;digt wurden, geh&#246;ren der armen Landbev&#246;lkerung.</p>
<p>Die Notlage ist am gr&#246;&#223;ten in den beiden Provinzen, die schon immer von Unruhen heimgesucht werden: in der Nordwestlichen Grenzprovinz und Belutschistan. Die Nordwestliche Grenzregion ist weltweit bekannt als N&#228;hrboden f&#252;r radikale Islamisten und Ground Zero f&#252;r Pr&#228;sident Obamas Drohnenangriffe und auch als Region starker ethnischer und Klassenunruhen.</p>
<p>Jahrzehntelang ging die st&#228;rkste Opposition in dem unwirtlichen Gel&#228;nde von nationalistischen Pashtun-Parteien aus, die von der Regierung in Islamabad sezessionistischer Absichten verd&#228;chtigt werden. Die Pashtunen haben sich lange Zeit vernachl&#228;ssigt und marginalisiert gef&#252;hlt – die Statistiken der Provinzregierung zeigen, dass in der von ihnen bewohnten Region die Armutsrate um 12% h&#246;her liegt als in Punjab, wo Pakistans Elite zu Hause ist. Regelm&#228;&#223;ig begehren sie gegen den Staat und die &#246;rtlichen Grundbesitzer (Khans) auf, die sie unter einer Decke mit der Regierung w&#228;hnen.<br />
<strong>Sicherheitsinteressen gehen vor</strong><br />
F&#252;r die internationalen Medien ist die Nordwestliche Grenzprovinz jedoch vor allem die Brutst&#228;tte von Taliban-Aktivit&#228;ten. Mehrere Kommentatoren haben im Sommer in Richtung Welt&#246;ffentlichkeit Alarm geschlagen, der Westen m&#252;sse Pakistan helfen, da sonst die Taliban die Macht &#252;bernehmen w&#252;rden.</p>
<p>Ahmed Rashid, der mit seinen klugen Geschichtsb&#252;chern &#252;ber den s&#252;dasiatischen Islamismus gro&#223;e Glaubw&#252;rdigkeit errang, schlug in seinem Artikel im <em>Telegraph</em> vom 12.August genau in diese Kerbe. «Wenn die Welt nicht handelt», schrieb er, «werden gro&#223;e Teile des Landes, die jetzt abgeschnitten sind, von den pakistanischen Taliban und verb&#252;ndeten Extremistengruppen &#252;bernommen, und die Regierung wird zusammenbrechen. Es besteht die Gefahr, dass Pakistan zu dem wird, was viele schon seit langem vorhersagen: ein gescheiterter Staat mit Nuklearwaffen – obwohl wir davon noch weit entfernt sind.»</p>
<p>Der amerikanische Sender NBC begann seine Abendnachrichten am 16.August mit einem kurzen Update zur Flutkatastrophe, dann folgte eine lange Analyse der Reporterin Andrea Mitchell &#252;ber die Flut als eine «Frage der US-amerikanischen Sicherheit». «Dies ist nicht einfach eine humanit&#228;re Krise auf der anderen Seite des Erdballs», meinte der Nachrichtensprecher im Abspann.</p>
<p>Steven Solomon nutzte in der <em>New York Times</em> die Flutkatastrophe, um zu verk&#252;nden, der Wassermangel in Pakistan sei von zentraler Bedeutung f&#252;r die Sicherheitsinteressen der USA. Nicht nur bauten die Islamisten ihre Hilfszelte schneller auf als die Regierung und die UN, die kommende Wasserknappheit drohe auch, «das zerrissene Land weiter zu destabilisieren, und gef&#228;hrdet die Bem&#252;hungen, die hier lebenden internationalen Terroristen zu vertreiben… Die Jihadisten wissen, wie wichtig das Thema ist: Im April 2009 starteten die Taliban eine Offensive 50 km vom riesigen Tarbela-Staudamm entfernt. Der Damm ist das Zentrum von Pakistans Wasserkraft- und Bew&#228;sserungssystem.»</p>
<p>Die pakistanische Armee reagierte mit einem Gegenangriff im Swat-Tal. In den Berichten &#252;ber diese Gefechte wurde der Staudamm damals kaum erw&#228;hnt, doch nun hat Solomon gezeigt, dass die Frage der Wasserversorgung beginnt – so wie die der Atomanlagen und Milit&#228;rbasen –, als ein Faktor in das kollektive Bewu&#223;tsein zu dringen, der ein verst&#228;rktes Eingreifen der USA rechtfertigen soll.<br />
<strong>Die Wohlt&#228;tigkeit C&#228;sars</strong><br />
Bis dato haben die USA ihre Katastrophenhilfe in Pakistan auf die Aufsicht &#252;ber hubschraubergest&#252;tzte Hilfs- und Rettungsaktionen beschr&#228;nkt. Erneut ist die Welt mit der Ironie konfrontiert, dass die US-Armee die einzige Institution ist, die im erforderlichen Umfang rasche und umfangreiche Katastrophenhilfe leisten kann – gerade weil sie die furchteinfl&#246;&#223;endste und am besten ausgestattete Kriegsmaschine der Welt ist.</p>
<p>Die pakistanische Regierung fordert mehr amerikanische Schwerter in der Luft und vor allem mehr Geld. Das anf&#228;ngliche US-Hilfspaket betrug 71 Mio. Dollar. Der Betrag wird vermutlich steigen, wenn Washington sich verst&#228;rkt den Sicherheitsaspekten zuwendet. Am 16.August hat die Weltbank Pakistan einen Kredit &#252;ber 900 Mio. Dollar zugesichert, von dem bereits Rettungsboote gekauft wurden, um die Menschen zu erreichen, die durch zerst&#246;rte Br&#252;cken und Stra&#223;en von anderer Hilfe abgeschnitten sind.</p>
<p>Die Not bleibt akut: Nach Angaben des OCHA hatten bis Mitte August die Geber nur 29,7% der Gelder zugesagt, die das UN-Amt fordert. Ein Teil des Problems scheint im «schlechten Image» Pakistans zu liegen. Ein Mitarbeiter von Care International erkl&#228;rte, die Geber m&#252;ssten davon &#252;berzeugt werden, dass ihre Spenden nicht an die Taliban gehen.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 11.September 2001 flossen gro&#223;e Mengen Bargeld aus den USA nach Pakistan. Die Sanktionen, die die Clinton-Regierung wegen der pakistanischen Atomtests verh&#228;ngt hatte, wurden augenblicklich aufgehoben, es folgten Schuldenstreichungen und Hilfsgelder in H&#246;he von 1,08 Mrd. Dollar sowie 3 Mrd. Dollar Wirtschafts- und Milit&#228;rhilfe ab 2005 &#252;ber einen Zeitraum von f&#252;nf Jahren.</p>
<p><strong>Wie k&#228;uflich sind Pakistanis?</strong><br />
Damals wie heute war der Hintergedanke, Pakistan zu einem Bollwerk im Krieg gegen Afghanistan aufzubauen, aber auch, verschiedene Projekte sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung zu f&#246;rdern, um «den Sumpf trockenzulegen», in dem islamistische Militanz ausgebr&#252;tet wird.</p>
<p>Diese Rechnung betrachtet den Durchschnittspakistaner als Homo oeconomicus, bereit, jedwedem C&#228;sar oder Homo islamicus Gefolgschaft zu schw&#246;ren, der ihm das meiste Geld gibt und die beste Zukunft verspricht. Es soll hier das Ausmass, in dem islamistische Gruppen sich durch das Angebot sozialer Dienstleistungen Legitimit&#228;t erkaufen oder bewaffnete Dschihadis der jugendlichen Landbev&#246;lkerung Jobs verschaffen, nicht kleingeredet werden – aber diese Vorstellung von Hilfe &#252;bergeht einfach die Bedeutung der Politik.</p>
<p>An erster Stelle ist hier die Tatsache zu nennen, dass die meisten Pakistanis – auf dem Land wie in der Stadt, Gebildete wie Ungebildete – den von den USA gef&#252;hrten «Krieg gegen den Terror» missbilligen – und die Hilfsgelder sind ein Teil dieses Krieges. Er hat in der Nordwestlichen Grenzprovinz zahlreiche Opfer unter der Zivilbev&#246;lkerung gefordert, ganz zu schweigen von den Opfern unter den Pashtunen und anderen ethnischen Gruppen jenseits der afghanischen Grenze. Er hat die pakistanischen Taliban zusammengeschwei&#223;t, die rigide Formen islamischer Gesetze durchsetzten, die sogar in diesen sehr konservativen Gebieten un&#252;blich sind.</p>
<p>Die Einreihung Pakistans in den «Krieg gegen den Terror» erinnert an die 80er Jahre, als die Junta von General Zia ul-Haq mit dem CIA und den Saudis zusammenarbeitete, um den Aufstand der afghanischen Mujaheddin gegen die Sowjets zu unterst&#252;tzen. Aus dieser Partnerschaft gingen sp&#228;ter die afghanischen Taliban (und Osama Bin Laden) hervor und aus Zias Parallelprogramm der «Islamisierung» viele der zahlreichen islamistischen Parteien, zu denen die K&#228;mpfer Verbindungen pflegen.</p>
<p>Das Interesse des pakistanischen Regimes an diesem «Teufelspakt» war nicht die Entwicklung des Landes, sondern einen Hebel in der Hand zu halten im Existenzkampf gegen Indien. Denn f&#252;r die Gener&#228;le, die trotz der zivilen Fassade die pakistanische Regierung weiterhin dominieren, ist das Schattenboxen mit Indien immer noch die alles entscheidende Frage.</p>
<p><strong>Instabilit&#228;t</strong><br />
Je l&#228;nger die Katastrophe anh&#228;lt, desto mehr Pakistanis werden sich fragen, wieviel von der internationalen Hilfe, so unzureichend sie derzeit auch sein mag, bei den Menschen ankommt. Im Oktober 2009 unterzeichnete Pr&#228;sident Obama ein Gesetz, das Pakistan in den kommenden f&#252;nf Jahren 1,5 Mrd. Dollar j&#228;hrlich f&#252;r nichtmilit&#228;rische Hilfe gew&#228;hrt. Im Juli setzte Au&#223;enministerin Hillary Clinton bei einem Besuch in Islamabad noch 500 Mio. Dollar oben drauf. Aus dem Gesamtpaket von 7,5 Mrd. Dollar ist ein gro&#223;er Betrag f&#252;r Wasserprojekte vorgesehen, darunter zwei Wasserkraftwerke nahe der afghanischen Grenze und zwei Kl&#228;ranlagen.</p>
<p>Hillary Clinton r&#228;umte bei ihrem Besuch im Juli eine «Hinterlassenschaft des Misstrauens» in den US-pakistanischen Beziehungen ein – sie bezog sich dabei auf die Tatsache, dass Washingtons fr&#252;heres Interesse an Pakistan mit dem Ende der Sowjetunion allm&#228;hlich verblasst. Mit der Verk&#252;ndung der Extrahilfe wollte sie die Pakistanis davon &#252;berzeugen, dass sie diesmal nicht im Stich gelassen w&#252;rden.</p>
<p>Aber Superm&#228;chte sind keine Wohlfahrtsorganisationen: Die «Stabilit&#228;t» Pakistans ist ein wichtiger Baustein in den strategischen Ziele der USA. Seit 2001 sind vom Pentagon bis zu 11 Mrd. an die Erben von Zia ul-Haq geflossen, vermutlich mehr, weil die Verteidigungsausgaben geheim gehalten werden. Viel davon ist «ausl&#228;ndische Milit&#228;rhilfe», d.h. f&#252;r dieses Geld m&#252;ssen amerikanische Waffen gekauft werden. Mit dem Geldstrom nach Pakistan werden eine Reihe unpopul&#228;rer Ma&#223;nahmen gef&#246;rdert, an denen Washington nicht r&#252;tteln will, und eine Regierung gest&#252;tzt, die die USA um alles in der Welt nicht wirklich demokratisch haben wollen.</p>
<p>Denn Demokratisierung w&#252;rde bei einer Katstrophe wie dieser – wie &#252;berhaupt f&#252;r eine vern&#252;nftige Wasserversorgung – bedeuten, dass die Bev&#246;lkerung als aktive Tr&#228;gerin des Wiederaufbaus behandelt wird; ihre Erfahrungen und Vorstellungen bei der Wiederherstellung der &#246;rtlichen Wasserwerke einzubeziehen macht mehr Sinn als das Z&#228;hlen auf die Experten der Weltbank.</p>
<p>Doch es scheint, dass der pakistanische Staat und die internationale Gemeinde die Flutopfer als reine Hilfsempf&#228;nger behandeln wollen. Dieser machtlose Opferstatus l&#228;sst der B&#252;rgeraktivit&#228;t wenig Raum au&#223;er f&#252;r Protest, der teilweise schon t&#246;dlich verlaufen ist. Das ist ein integraler Bestandteil der politischen Instabilit&#228;t, die der Westen jetzt bef&#252;rchtet.</p>
<p><em>aus: Middle East Report</em>, www.merip.org/</p>
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