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	<title>SoZ - Sozialistische Zeitung &#187; Zur Person</title>
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		<title>Klemens Alff, 1955–2011</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 15:54:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 30.November ist unser Freund und Genosse Klemens Alff in Bremen gestorben. Wir verlieren einen freundlichen, heiteren Menschen, der in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Am 30.November ist unser Freund und Genosse Klemens Alff in Bremen gestorben. Wir verlieren einen freundlichen, heiteren Menschen, der in der Lage war, auf andere zuzugehen und unterschiedliche Milieus miteinander zu verbinden. Sein Tod ist ein gro&#223;er Verlust f&#252;r uns.</strong></p>
<p><strong>Die Redaktion</strong></p>
<p>Nachstehend Ausz&#252;ge aus der Trauerrede von Klemens’ Schwester, <em>Susanne Alff-Petersen.<br />
<span id="more-3699"></span></em>Klemens war f&#252;nf Jahre &#228;lter als ich und acht Jahre &#228;lter als unser Bruder Lambert, wir hatten immer Kontakt, mal mehr, mal weniger, es gab sch&#246;ne Zeiten und sorgenvolle.</p>
<p>Zun&#228;chst einiges zu Klemens’ vielschichtigem, facettenreichen und oft nicht leichtem Leben:</p>
<p>Klemens wurde am 16.Februar 1955 in K&#246;ln geboren. Als kleines Kind war er oft bei den Gro&#223;eltern in Heinsberg, sie und unseren Gro&#223;onkel, ein katholischer Priester, hat er sehr geliebt. Er wollte sogar mal Pfarrer werden.</p>
<p>1964 zogen wir nach M&#252;nchen, wo Klemens das humanistische Gymnasium besuchte. 1968 ging es nach Braunschweig, wo unser Vater eine Professur erhielt. Der Rest der Familie zog 1976 nach Bremen, Klemens blieb um zu studieren.</p>
<p>Hier begann seine politische Aktivit&#228;t. Alle m&#228;nnlichen Familienmitglieder geh&#246;rten verschiedenen linken Gruppierungen an, zu Hause wurde permanent diskutiert. Ich war f&#252;r die psychischen Angelegenheiten und das Lebenspraktische zust&#228;ndig – bis heute.</p>
<p>Klemens war in der Sch&#252;lerpolitik engagiert und trat der trotzkistischen Gruppe Internationale Marxisten (GIM) bei. Den Trotzkisten blieb er immer treu, aber auch Trotzkisten sind nicht immer Trotzkisten, also gab es Wirrungen.</p>
<p>Klemens&#8217; zweite gro&#223;e Leidenschaft war die Musik, er begann, Schallplatten zu sammeln. Ein Gro&#223;teil seines Geldes hat er in Platten investiert, und es ist eine riesige Sammlung entstanden, von der heute nur noch die Buchstaben D bis G existieren, was jedoch auch mehrere hundert Platten sind.</p>
<p>Klemens war immer ein gro&#223;er Systematiker. Die Platten waren perfekt alphabetisch geordnet, und es durften ausschlie&#223;lich original LPs und keine Sampler sein. Best-of-Schallplatten wurden mit Missachtung oder gar Widerwillen gestraft.</p>
<p>&#220;ber sein Studium erz&#228;hlte er wenig, ich glaube, es hat ihn h&#228;ufig gequ&#228;lt. Er war au&#223;erordentlich begabt und verf&#252;gte &#252;ber ein umfangreiches, insbesondere geschichtliches Wissen. Leider schaffte er es nicht, sich den formalen Bedingungen zu stellen und die Pr&#252;fungen f&#252;r das Examen zu machen.</p>
<p>Es folgte dann eine wohl schwere Zeit und ein Ringen um die Existenz. Schlie&#223;lich ging er nach Frankfurt zum ISP-Verlag der IV.Internationale. Er arbeitete f&#252;r die Zeitschrift Inprekorr, war f&#252;r &#220;bersetzungen aus dem Englischen und Layoutarbeiten zust&#228;ndig. Dann kam es zu einer Spaltung der GIM. Ideologisch war Klemens auf der Seite derer, die nicht ihre Zeitung herausgaben. F&#252;r uns war diese Nachricht sehr schwierig, f&#252;r Klemens war es typisch. Ideologie ging vor Existenz. Er verlor dadurch seinen Arbeitsplatz und stand vor dem Nichts.</p>
<p>Er zog nach K&#246;ln, wo er politische Arbeiten &#252;bernahm, jedoch nicht davon leben konnte. Zeitweise arbeitete er bei einem Umzugsunternehmen, bei dem er auch seine Sachen einlagerte, als es finanziell enger wurde und er sein Zimmer in der Wohngemeinschaft nicht mehr halten konnte. Hier kn&#252;pfte er intensive Freundschaften – das sp&#252;rte ich, als ich ihn dort besuchte.</p>
<p>Ende der 80er zog er zu unserem Vater nach Bremen. Bis September 1992 lebten die zwei zusammen, was f&#252;r beide nicht immer leicht war. Nach dem Tod des Vaters versuchte Klemens, sich eine Existenz mit dem antiquarischen Verkauf der geerbten B&#252;cher aufzubauen. Als dies nach ein paar guten Monaten schwieriger wurde, kam er am Rembertiring unter, wo er mehr als 15 Jahre lebte. Auf engem Raum baute er sich ein eigenes Reich auf – chaotisch, systematisch und ordnungsliebend.</p>
<p>Ende 1996 ging es Klemens gesundheitlich sehr schlecht, als er vor Weihnachten zu mir nach Wiesbaden kam. Es war zun&#228;chst v&#246;llig unklar, was er hatte und es kostete gro&#223;e M&#252;he, ihn zum Arzt und ins Krankenhaus zu bekommen. Infolge langj&#228;hrigen unbehandelten Bluthochdrucks hatte er akutes Nierenversagen. Seit Januar 1997 war er Dialysepatient, wodurch sein Leben sehr strukturiert und fremdbestimmt war. Bewundernswert trug er diese Lebenseinschr&#228;nkung, ohne zu klagen. Es fiel ihm nicht leicht, die Erkrankung anzunehmen, auch hier war er der Ideologe, der keine Kompromisse um seines Vorteils willen einging. Eine Nierentransplantation lehnte er kategorisch ab – aufgrund verschiedener Berichte &#252;ber Organhandel.</p>
<p>Nach l&#228;ngerer Zur&#252;ckgezogenheit wurde Klemens seit etwa 2004 wieder politisch aktiv, was ihm sehr viel Zufriedenheit, Zugeh&#246;rigkeit, Lebenslust und Lebensmut gab. Klemens freute es sehr, dass an seinem Krankenbett diskutiert wurde und «Verfeindete» wieder miteinander redeten und seine Krankheit so zum Zusammenhalt der Partei (DIE LINKE) beitrug.</p>
<p>Stets sah er die positiven Dinge und freute sich &#252;ber sie – in Krisenzeiten und in den letzten Wochen seines Lebens. Schon immer empfand er sehr stark, sowohl im Positiven als auch im Negativen und war absolut integer, dickk&#246;pfig, fantasie- und humorvoll. Wir liebten es, mit ihm zu witzeln und uns kuriose Dinge auszudenken. Mit den Kindern zeichnete er verschiedenste Drachen, denen besondere Eigenschaften zugeschrieben wurden. Nicht nur sein Leben, auch er selber war facettenreich, genial und besonders.</p>
<p>Unsere Familie hat einen schweren Verlust erlitten, wir werden Klemens sehr vermissen – besonders am bevorstehenden Weihnachtsfest, nach 50 Jahren mein erstes Weihnachten ohne ihn.</p>
<p>Klemens, wir werden an dich denken, du wirst immer in unseren Herzen bleiben.</p>
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		<title>«Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht&#8230;»</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jan 2012 15:30:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neue Ausgabe]]></category>
		<category><![CDATA[Startseite]]></category>
		<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Tode von Christa Wolf von Peter Fisch Christa Wolfs Leben kann exemplarisch als die Biografie einer deutschen Intellektuellen in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zum Tode von Christa Wolf</strong></p>
<p>von<em> Peter Fisch</em></p>
<p>Christa Wolfs Leben kann exemplarisch als die Biografie einer deutschen Intellektuellen in der zweiten H&#228;lfte des 20.Jahrhunderts gelesen werden, mit all ihren Hoffnungen, Widerspr&#252;chen, Br&#252;chen und Verwerfungen. 1929 in Landsberg an der Warthe (im heutigen Polen) geboren, erlebte sie ihre Kindheit im Nationalsozialismus.<br />
<span id="more-3681"></span>Nach Kriegsende beginnt der Neuanfang ihrer Familie in Th&#252;ringen und die Begegnung des M&#228;dchens mit marxistischen Schriften. Mit 20 Jahren tritt sie in die SED ein. Der Grund ist der Schock nach dem Wissen um die NS-Verbrechen – wie f&#252;r viele ihrer Generation. Sie verabscheute, wie sie sp&#228;ter es ausdr&#252;ckte, etwas zu wollen, was «dem Vergangenen &#228;hnlich sein k&#246;nnte». Schon als junger Mensch ist sie vom Gesellschaftsideal eines sozialistischen Staates als Ort des Humanismus &#252;berzeugt und engagierte sich mit vollem Einsatz f&#252;r die DDR. Ihre ersten beiden Erz&#228;hlungen, auch ihre Arbeit als Literaturkritikerin, sind davon gepr&#228;gt. Doch die Ern&#252;chterung, ja, Entt&#228;uschung angesichts einer starren Parteidoktrin folgte bald darauf. Im Gegensatz zu manch anderen Intellektuellen bewahrte sich Christa Wolf die Utopie eines anderen, humanen Sozialismus bis zum Ende der DDR.</p>
<p>Mit der schrittweisen Abwendung von der offiziellen Parteilinie einher ging ihre literarische Entwicklung. Insbesondere durch die Losl&#246;sung von der dogmatischen Enge des «sozialistischen Realismus», dem offiziellen Literaturkanon in der DDR, fand sie den Weg zu einer eigenen, subjektiv orientierten Poetik. Die Erz&#228;hlung Der geteilte Himmel, zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer ver&#246;ffentlicht, fand in der DDR gro&#223;e Aufmerksamkeit, zumal sie auch verfilmt wurde. Mit dem Werk Nachdenken &#252;ber Christa T., einer Reflexion &#252;ber den Krebstod einer Freundin, wurde Wolf auch in der Alt-BRD bekannt, aber seitdem argw&#246;hnisch vom MfS «operativ bearbeitet», abgeh&#246;rt und permanent &#252;berwacht. Die «Opfer-Akte» von Christa und Gerhard Wolf umfasst ein Konvolut von 42 B&#228;nden (!).</p>
<p>Dennoch zeigte sie stets Mut und f&#252;rchtete nicht, anzuecken. Erinnert sei an das schon ber&#252;chtigte 11.Plenum des ZK der SED 1965, auch «Kahlschlag-Plenum» genannt – ein zutreffendes Charakteristikum. Die Parteif&#252;hrung reglementierte r&#252;de die K&#252;nstler des Landes DDR. Die Dokumente des Plenums blieben bis 1990 unver&#246;ffentlicht, obwohl die Kritisierten sich noch um einen Konsens mit der SED-F&#252;hrung bem&#252;hten – im Unterschied zur Biermann-Ausb&#252;rgerung zw&#246;lf Jahre sp&#228;ter, als Christa Wolf zu denen geh&#246;rte, die, initiiert von Hermlin, &#246;ffentlich dagegen protestierten. Ausgangspunkt des «Kahlschlags» waren die Angriffe auf Werner Br&#228;unigs Roman &#252;ber die fr&#252;he Wismut-Zeit, auf dem das Drehbuch zu Konrad Wolfs Film Sonnensucher beruhte.</p>
<p>Christa Wolf ergriff auf dem Plenum das Wort, verteidigte Br&#228;unig, Walser, Hochhuth und Peter Weiss und forderte, den Kontakt zu Schriftstellern der BRD (wie B&#246;ll) zu entwickeln. Im gleichen Atemzug wies sie die unsachliche, provokative Einsch&#228;tzung von Paul Fr&#246;hlich, dem 1.SED-Bezirkssekret&#228;r von Leipzig zur&#252;ck, der einen Teil der DDR-K&#252;nstler mit dem einstigen Pet&#246;fi-Club in Ungarn (1956) in Beziehung setzte. Im Verst&#228;ndnis Fr&#246;hlichs war der Verweis auf diesen Klub ein Hinweis auf die «drohende Konterrevolution».</p>
<p>Die Bedeutung des 11.ZK-Plenums ist nicht nur im Exempel zu sehen, das an K&#252;nstlern und Intellektuellen statuiert wurde – es entkoppelte die &#246;konomische Entwicklung von den Fortschritten auf kulturellem Gebiet. Insgesamt gesehen stoppte es die Reformierung der DDR als gesamtgesellschaftliches Ganzes. Damit verblieb das Land in den engen Gleisen der Dogmatik. Die Protagonisten der ostdeutschen Moderne wurden zum Schweigen gebracht und das ZK-Plenum zu einem Meilenstein des Untergangs des Staates DDR. Denn dort, wo K&#252;nste zu schweigen haben, die Sprache verlieren und um Jahre zur&#252;ckgeworfen werden, lauert (immer) die Katastrophe einer ganzen Gesellschaft.</p>
<p><strong>Staatsdichterin?</strong></p>
<p>Mit der «Wende» von 1989 ging auch eine Wende im Umgang mit dem Werk der Christa Wolf einher, vor allem in der nun gr&#246;&#223;er gewordenen BRD. Vorher nur gelobt und als nobelpreisw&#252;rdig gehandelt, wurde aus der Autorin sehr schnell eine «Staatsdichterin», zumal bekannt wurde, dass sie kurze Zeit vom MfS als «IM Margarete» gef&#252;hrt worden war. Dieses Bild d&#252;rfte, vorrangig in der Alt-BRD, noch nicht der Vergangenheit angeh&#246;ren. Nach wie vor steht im Raum, dass sie nicht leichtf&#252;&#223;ig von der DDR Abschied nahm, in der Wendezeit f&#252;r eine bessere, demokratische DDR eintrat und keineswegs einer Vereinnahmung durch die BRD das Wort redete. Zudem hatte Christa Wolf einen Aufruf «F&#252;r unser Land» unterzeichnet, der mahnte, die DDR zu erhalten, freilich unter demokratischen Vorzeichen und Umst&#228;nden. Ihr Auftritt auf der Massenkundgebung am 4.November 1989 in Berlin zeugte nicht zuletzt vom Willen, am Bau einer demokratisch erneuerten DDR und einer ad&#228;quaten sozialistischen Gesellschaftsverfassung als nun schon weltbekannte Schriftstellerin teilzuhaben.</p>
<p>Nach Abschluss der Rede bekam Christa Wolf einen Herzanfall. Zu gro&#223; war ihre Erregung. Verschwiegen sei hier nicht, dass sie auch von vermeintlichen Linken, in Wirklichkeit Dogmatikern und selbsternannten Marxisten, angegriffen und als Dissidentin bezeichnet wurde und wird. Fest steht jedoch – alle ihre &#196;u&#223;erungen beweisen es – dass sie mit dem sozialistischen Gesellschaftsversuch in der DDR moralisch und existentiell verbunden war und blieb. Deshalb verlie&#223; sie nicht dieses Land, hier fand sie ihre Wurzeln und konnte sich keine anderen vorstellen. Wie ihre Biografie sind ihre k&#252;nstlerischen Werke von der wechselvollen und widerspr&#252;chlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts, von Krieg und Nachkriegszeit, von der vierzigj&#228;hrigen Geschichte der DDR und dem Deutschland nach 1990 bestimmend gepr&#228;gt. Es waren Zeiten des hoffnungsvollen Aufbruchs, zugleich der bitteren Entt&#228;uschungen und zunehmender Zweifel, aber auch einschneidender Lebenserfahrungen.</p>
<p>Ihr Misstrauen gegen die Verk&#252;nder ewiger Wahrheiten und Gl&#252;cksverhei&#223;ungen war offenkundig. Die Anzahl ihrer Romane, Erz&#228;hlungen, Kritiken und literaturtheoretischen &#196;u&#223;erungen samt Briefen ist schwer zu &#252;berblicken. Wichtig aber ist zu ergr&#252;nden, was der Antrieb ihres Schreibens war. Eine gro&#223;e Rolle spielte das Kennenlernen von Autoren, die die Zuchth&#228;user und KZ Nazideutschlands &#252;berlebt hatten, bzw. solcher, die aus dem Exil zur&#252;ck kamen. Sie studierte Germanistik in Jena und Leipzig und erlebte damit Prof. Hans Mayer im legend&#228;ren H&#246;rsaal 40. Danach arbeitete sie neun Jahre (1953–1962) als Lektorin in verschiedenen Verlagen und lernte dadurch viele Autoren kennen. Das formte die junge Christa Wolf.</p>
<p>«Diese Sehnsucht, sich zu verdoppeln, sich ausgedr&#252;ckt zu sehen, mehrere Leben in dieses zu schachteln, auf mehreren Pl&#228;tzen der Welt gleichzeitig sein zu k&#246;nnen», das war der Antrieb ihres Schreibens. Sie interessierte, wie sich das menschliche Subjekt verh&#228;lt, wenn die sie umgebende Gesellschaft ganz bestimmte Normen setzt bzw. moralische Anspr&#252;che stellt. Diesen Konflikt stellte Christa Wolf in der Erz&#228;hlung Nachdenken &#252;ber Christa T. dar. Von besonderer, pr&#228;gender Bedeutung war ihre Freundschaft mit Anna Seghers, die Christa Wolf 1959 kennenlernte. Warmherzig und behutsam wurden selbst divergierende Auffassungen, auch heikle Fragen, vorgebracht und diskutiert – eine Freundschaft auf immer.</p>
<p>Es war die &#220;berzeugung Christa Wolfs, dass die Kunst auch v&#246;llig neue Fragen aufwerfen muss. Auch «Sonderf&#228;lle» sollten darstellbar sein. Ein Axiom blieb, ihre Subjektivit&#228;t zu wahren und sich keinen vorgegebenen Regeln und politischen und &#228;sthetischen Normen zu beugen. Ihr Ansinnen galt deshalb auch Menschen, die gerade dadurch zu Au&#223;enseitern gemacht worden waren. Genauso sprach sie sich f&#252;r die Darstellung des Konflikts der Geschlechter aus. Das Produkt dieses Herangehens war die Hinwendung zur Romantik und zur Antike: die Darstellung Kleists und der G&#252;nderode in einem fiktiven Gespr&#228;ch (Kein Ort. Nirgends) und Kassandra. Vor allem in der Romantik sah sie ein Gespr&#228;chsangebot und die M&#246;glichkeit, Lebensmuster zu ergr&#252;nden. Mit ihrem Ehemann Gerhard suchte sie diesen Reibungspunkt, um den «inneren Geschichten» der Dichter H&#246;lderlin, Kleist, Arnim, G&#252;nderode, Heine u.a. n&#228;her zu sein.</p>
<p>Als vordringliche Aufgabe sah Christa Wolf an, die «blinden Flecken der Vergangenheit» zu erkunden und sinnf&#228;llig mit k&#252;nstlerischen Mitteln und Methoden zu entschl&#252;sseln. Das ist eine ihrer bedeutendsten Leistungen. Un&#252;bersehbar ist, dass neben der Christa T. besonders der Roman Kindheitsmuster zum Nachdenken &#252;ber das Warum der Nazi-H&#246;llenfahrt in bisher nicht gewohnte Denkrichtungen zwang und Impulse zum weiteren Denken provozierte.</p>
<p>Schon die ersten S&#228;tze verbreiten Anfangsspannung und Neugier: «Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.» Der Roman tr&#228;gt zwar stark autobiografische Z&#252;ge, er sp&#252;rt den Pr&#228;gungen des Alltags im faschistischen Deutschland und seinen sp&#228;teren Fortwirkungen nach. Aber es war und ist keineswegs das typische «Ostbuch», denn die vorgetragenen Inhalte und abzuleitenden Tendenzen waren und sind nicht etwa provinzieller Natur, sondern eine welthaltige Darstellung. Im Blick der Autorin war nicht die verbrecherische «K&#246;nigsebene» Nazideutschlands, sondern die Generalfrage an all die Deutschen, die Schuld und Mitschuld an geschichtlich beispiellosen Verbrechen trugen – Fragen, die bis heute relevant sind, obwohl sie schon vom antifaschistischen Exil Jahrzehnte zuvor aufgeworfen worden waren.</p>
<p>In vielen Arbeiten, die inzwischen lange Jahre der Forschung widerspiegeln, haben Historiker nachgewiesen: Die &#252;bergro&#223;e Mehrheit der Deutschen hat das Naziverbrechertum, bis hin zur Shoah, nicht nur schweigend hingenommen und ohne jeden Widerstand geduldet, sondern ist bis hin zur Mitwisserschaft und Mitt&#228;terschaft zutiefst schuldig geworden. Ohne dieses Schweigen, ohne das Mittun, w&#228;re die Shoah nicht durchf&#252;hrbar gewesen. Sp&#228;testens 1943 wusste ein betr&#228;chtlicher Teil der Deutschen, dass in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Chelmno und Sobibor Menschen mit industriellen Verfahren zu Tode gebracht wurden; nach dem Krieg behaupteten dieselben leichtfertig, von allem «nichts gewusst» zu haben, um selber in die Opferrolle zu schl&#252;pfen zu k&#246;nnen. Letzteres war besonders in den Westzonen (bzw. BRD) ein typisches Verhalten – verbunden mit dem Verbleib schuldig gewordener NS-Verbrecher im Staatsapparat und der «kalten Amnestie» der T&#228;ter. Damit wurde dieser Umstand ein konstitutives Element f&#252;r die Entstehung und Entwicklung der BRD.</p>
<p>In der Ostzone/DDR hingegen nahm immer mehr die propagandistische Formel Raum ein, die dort lebenden Menschen zu «Siegern der Geschichte» zu erkl&#228;ren. Eine schonungslose Selbstbefragung blieb damit aus. Zudem wurde der antifaschistische Gr&#252;ndungskonsens der DDR durch seine zunehmende Ritualisierung entwertet. Somit stellte sich der DDR-B&#252;rger in der Regel nicht die Frage nach der Schuld bzw. Mitschuld am Nazitum. Christa Wolf nun warf mit dem Roman Kindheitsmuster genau diese Fragen auf, um blinde Flecken deutscher Vergangenheiten offen, scharf und provozierend zu stellen – gegen das permanente Verdr&#228;ngen und absichtsvolle Vergessen, gegen das allbekannte Wort, nun doch unter diese Problematik einen Schlussstrich zu ziehen.</p>
<p>Eben das tat Christa Wolf nicht. Sie erz&#228;hlt die Geschichte der Schriftstellerin Nelly. Die biografische N&#228;he ist un&#252;bersehbar. Nelly unternimmt gemeinsam mit ihrer jugendlichen Tochter eine Reise nach Polen, in die Stadt, in der Nelly ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Eigentlich ist es eine Reise zu sich selbst, die Suche nach dem Kind Nelly und dessen Erinnerungen und Pr&#228;gungen durch den Nationalsozialismus. Ihre Eltern sind Kleinb&#252;rger, besitzen einen Kr&#228;merladen. Die Mutter wird von einer ihrer Kundinnen wegen einer kritischen &#196;u&#223;erung &#252;ber den Nazistaat denunziert und lebt nun in st&#228;ndiger Angst. Die Eltern Nellys stehen dem Nationalsozialismus zwar kritisch gegen&#252;ber, geh&#246;ren aber zu denen, die «wegsehen». Nelly wird in der Nazischule sozialisiert, verehrt ihre hitlertreue Lehrerin und den «F&#252;hrer». Auch im Zustand des Zusammenbruchs des Regimes vertraut sie noch den NS-Parolen. Schikanierten j&#252;dischen Sch&#252;lern gegen&#252;ber empfindet sie Mitleid, hat jedoch ein schlechtes Gewissen, da sie nicht ihrer Pflicht nachkommt, an diesen Handlungen teilzunehmen. Schonungslos setzt sich Nelly mit ihrer Vergangenheit und den nun abgelegten &#220;berzeugungen auseinander, ohne mitleidheischendes Jammern. Immer bleibt Nelly sowohl T&#228;ter als auch Opfer zugleich.</p>
<p>Christa Wolf war keine Historikern, die gezwungen war, Quellen zu analysieren. Als Schriftstellerin arbeitete sie mit der Erinnerung, die sie mit den objektiven Fakten konfrontierte. Insofern wollte sie gegen den «Erinnerungsschwund» als soziale Krankheit der Deutschen, bezogen auf die faschistische Vergangenheit, opponieren. Diese Art der Verdr&#228;ngung des Tats&#228;chlichen war f&#252;r Christa Wolf ein individuelles und kollektives Ph&#228;nomen, eine geradezu fortwirkende Vergangenheit. Deshalb konstatierte sie, dass der Faschismus als Erlebnis und Erfahrung &#252;berhaupt nicht «bew&#228;ltigt» werden kann. So wird ihre gegen&#252;ber Hans Kaufmann gew&#228;hlte Metapher verst&#228;ndlich: Es ist ein «radioaktiver Stoff». Die Metapher macht einerseits die gefahrvolle Langzeitwirkung, andererseits die Tabuisierung des Gegenstandes begreiflich. Der Faschismus wirke gerade durch eine lange Jahre anhaltende Kindheitserfahrung einer ganzen Generation – so die Autorin. Terroristische Gewalt der Herrschenden &#252;ber die Beherrschten, so Wolfs Erfahrung, dazu V&#246;lkermord und Krieg, waren auch nach der Zerschlagung des Faschismus nicht aus der Welt. Das war ihre komplexe Erfahrung und Ausgangssituation.</p>
<p>Kein Wunder, dass der Roman Kindheitsmuster die Dogmatiker, besonders in der DDR, auf den Plan rief. Das Buch wurde zu einem Politikum aufgrund seines ihm zugrunde liegenden Geschichtsbilds, der Gegen&#252;berstellung von Individualit&#228;t und Realit&#228;t. In der BRD fand es, auch dort 1976 erschienen, nur kurze Aufmerksamkeit. In der DDR wie in der BRD drang der Roman jedoch kaum ins &#246;ffentliche Bewusstsein.</p>
<p><strong>Eine Anamnese</strong></p>
<p>M&#246;glicherweise hat auch die epische Methode Widerspruch erzeugt. Wolf unternahm ein «Schreib-Experiment», in dessen Zentrum der Begriff der Erfahrung stand, die die Autorin mit der objektiven Realit&#228;t vermitteln wollte. Deren Teilelemente waren deshalb vor allem Ged&#228;chtnis, Erinnerung, Ged&#228;chtnisketten, Bilder und Assoziationen. Das stand in enger Beziehung zu psychoanalytischen Anamneseverfahren. Der Leser wird an der gesamten Arbeit mit den «Kindheitsmustern» beteiligt. Wahrlich ein moderner Roman, der f&#252;r k&#252;nftige Publikationen nicht folgenlos blieb.</p>
<p>Das Buch Kindheitsmuster legte Zeugnis dar&#252;ber ab, dass so noch kein deutscher Schriftsteller &#252;ber den Nationalsozialismus geschrieben hatte. Es erschienen in den folgenden Jahren eine Reihe von Romanen zum Thema Faschismus, die analog dazu das Verh&#228;ltnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bzw. von Kontinuit&#228;t und Diskontinuit&#228;t in der Geschichte aufwarfen. Ihr letzter Roman, der 2010 erschien, setzte die tabulose Selbstbefragung fort. Mit einem dreimonatigem Studienaufenthalt in der Villa «Aurora» in Pacific Palisades (Los Angeles) wurde diese Absicht bef&#246;rdert. Der Roman mit dem Titel Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr.Freud ist in gewisser Weise eine Fortsetzung der Kindheitsmuster und zugleich eine Lebensbeichte. Es ist ein Buch der Erinnerung und wohl auch des Abschieds. Zehn Jahre Arbeit, ausgef&#252;llt mit einer waghalsigen Schreibarbeit, hatte Christa Wolf dazu ben&#246;tigt. Provokante Thesen, Visionen, Irrt&#252;mer, neue Fragen und Bekenntnisse, entwaffnende Eingest&#228;ndnisse finden wir im Text.</p>
<p>Ihre ethisch-&#228;sthetische Radikalit&#228;t und Sensibilit&#228;t aber blieben erhalten. So kann es nicht &#252;berraschen, wenn sie bekennt, dass sie diese DDR liebte, trotz aller unerf&#252;llten Hoffnungen und Tr&#228;ume. Es hat offensichtlich nicht ausgereicht, so bedeutsam es war, dass in der DDR die sozial-&#246;konomischen Wurzeln von Faschismus und Krieg beseitigt wurden. Diese Aussage von Christa Wolf kann nur jene &#252;berraschen, die ihr Schreiben falsch deuteten und deuten.</p>
<p><em> Peter Fisch ist emeritierter Literaturwissenschaftler aus Dresden.</em></p>
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		<title>Uwe-Jens Heuer (1927–2011)</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 11:01:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Nachruf von Manuel Kellner Am 22.Oktober ist Uwe-Jens Heuer mit 84 Jahren gestorben. Mitglied der Partei DIE LINKE und des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nachruf</strong></p>
<p>von <em>Manuel Kellner</em></p>
<p>Am 22.Oktober ist Uwe-Jens Heuer mit 84 Jahren gestorben. Mitglied der Partei DIE LINKE und des Marxistischen Forums, war er ein streitbarer Genosse, der gegen linke Anpassungstendenzen anging und den Dialog unter sozialistischen und kommunistischen Linken verschiedener Denktraditionen f&#246;rderte. Er war auch sehr herzlich. Der Soziologe Volker Gransow schrieb ihm 2003 treffend den «Charme eines noch immer jungenhaften sozialistischen Ideologen» zu.<br />
<span id="more-3507"></span>Von der Ausbildung her Rechtswissenschaftler mit neun Buchver&#246;ffentlichungen und zahlreichen Fachbeitr&#228;gen, war er auch in der DDR unbeugsam prinzipientreu gegen&#252;ber der Obrigkeit. Bald nachdem ich ihn in Zusammenhang mit den Aktivit&#228;ten der Freundinnen und Freunde der Europ&#228;ischen Antikapitalistischen Linken kennengelernt hatte, erz&#228;hlte er mir: SED-Verantwortliche verlangten von ihm, einen Kollegen zu «verurteilen», der auf Reisen wegen des Mitf&#252;hrens angeblich staatsfeindlicher Materialien verhaftet worden war. Uwe-Jens weigerte sich. Ja, ob er denn kein Vertrauen in unsere Organe habe? Doch, gro&#223;es Vertrauen, meinte Uwe-Jens. Blo&#223; sei er strikt dagegen, hinter die von den b&#252;rgerlichen Revolutionen erk&#228;mpften Rechtsnormen zur&#252;ckzufallen – bis zu einer Verurteilung gelte die Unschuldsvermutung.</p>
<p>Von 1990 bis 1998 war er f&#252;r die PDS im Bundestag. Danach erschienen drei lesenswerte B&#252;cher von ihm: Im Streit. Ein Jurist in zwei deutschen Staaten (Autobiografie), Marxismus und Politik und Marxismus und Glauben. Seine letzte Publikation Glanz, Elend und Wiederkehr des Staatsdenkers Carl Schmitt ist von edition ost f&#252;r November 2011 angek&#252;ndigt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>«Le Temps des Cerises» oder: Mein Opa war Weber und Tenor</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 08:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Chansons&#228;ngerin Blandine Bonjour Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Chansons&#228;ngerin Blandine Bonjour</strong><br />
<strong></strong></p>
<p>Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von der Pariser Kommune und anl&#228;sslich des 140.Jahrestags der blutigen Niederschlagung der Kommune. Besonders Blandine ber&#252;hrte das Publikum, wenn sie &#252;ber den Hintergrund und die Geschichte der einzelnen Lieder sprach. Inspiriert von den «Chansons sans cigare» die sie uns pr&#228;sentierten, wollten wir Blandine die Gelegenheit geben, uns mehr von ihr zu erz&#228;hlen.<br />
<span id="more-3314"></span>Geboren bin ich in Lyon – die Stadt der canuts, der Seidenweber. Vor ziemlich genau 180 Jahren, Ende November 1831 probten die Seidenweber aus Lyon den ersten Arbeiteraufstand in Europa. Sie protestierten gegen die H&#228;ndler, die den niedrigen Preis, den sie zahlten, mit der ausl&#228;ndischen Konkurrenz begr&#252;ndeten. Im Kampf um einen Mindestlohn beschlossen die Arbeiter am 21.November 1831, unter dem Motto «Vivre en travaillant ou mourir en combattant» («Arbeitend leben oder k&#228;mpfend sterben») zu streiken. Die Aufst&#228;ndischen besetzten eine Kaserne und auch das Rathaus von Lyon. Niedergeschlagen wurde die Revolte von den Streitkr&#228;ften unter der F&#252;hrung des Herzogs von Orléans, es gab rund 600 Tote, 10000 wurden aus der Stadt vertrieben. 1834 begehrten die Seidenweber erneut auf, diesmal wurden sie von Adolphe Tiers, dem Henker der Kommune von 1871, blutig unterdr&#252;ckt.</p>
<p><strong>Kindheit und Jugend</strong></p>
<p>Meine fr&#252;hen Kindheitsjahre in der Lyoner Rue Laurent Mourguet pr&#228;gten nachhaltig meine sp&#228;tere Entwicklung. Die Stra&#223;e ist benannt nach Laurent Mourguet, ein Arbeiter, der die Handpuppe «Guignol» erfunden hat, ein frecher Kasper mit losem Mundwerk, der regelm&#228;&#223;ig seinen Widersacher, den Gendarmen «Flageolet» &#228;rgert. Sein Freund ist «Gnafron», benannt nach Laurent Mourguets Freund im wirklichen Leben. Angeblich tr&#228;gt die Figur des «Guignol» auch die Gesichtsz&#252;ge Mourguets. Erst sp&#228;t entdeckte ich diesen Zusammenhang, voll Freude, denn die Figur des «Guignol» hat viel mit mir zu tun. Aufgewachsen bin ich in einem streng katholischen Milieu, wo aber sehr viel im Schulchor gesungen wurde – ebenso zu Hause und auch bei den Pfadfinderinnen.<br />
Mein Vater leitete den Kirchenchor der Gemeinde. Mein Gro&#223;vater m&#252;tterlicherseits sang in seiner Freizeit, neben seiner Arbeit in der Seidenindustrie in Lyon. Auch das wei&#223; ich erst seit kurzem, und es ist wichtig f&#252;r mich, denn es verst&#228;rkt meine Bindung zur Stadt Lyon und meine Verwurzelung dort, die nach wie vor sehr stark ist.<br />
Schon immer habe ich mich sehr f&#252;r historische Zusammenh&#228;nge und Traditionen interessiert. Ab der Pubert&#228;t habe ich viermal wegen irgendwelcher Lappalien die Schule gewechselt (es waren immer katholische Einrichtungen). Der H&#246;hepunkt meiner Disziplinverst&#246;&#223;e war bei einer Weihnachtsfeier im Internat, als ich «Potemkine», das Lied von Jean Ferrat &#252;ber die Revolte der Matrosen in der ersten russischen Revolution, sang (das Lied ist auf unserer CD Chansons sans cigare zu h&#246;ren) und dann auch noch die Dreik&#246;nigsmesse am 6.Januar 1968 schw&#228;nzte. Ich wurde ohne R&#252;cksicht auf das bevorstehende Abitur von der Schule verwiesen.<br />
Schon mit 14 Jahren interessierte ich mich f&#252;r Emile Zola – mehrere B&#252;cher von ihm standen auf dem Index der katholischen Kirche. Ein anderer Lieblingsautor von mir war Jules Vallès, ein Journalist und Schriftsteller, der in die Pariser Kommune gew&#228;hlt wurde. An der Universit&#228;t von St.Etienne, eine Stadt nahe Lyon, studierte ich dann Germanistik und Geschichte. Ich gr&#252;ndete eine Singgruppe, «Les années 30». Im Jahr 1969 kam ich im Sommer nach Deutschland. Dort traf ich auf meine gro&#223;e Liebe und studierte dann in Aachen Romanistik und Geschichte. Wir kehrten nach Frankreich zur&#252;ck, unser erster Sohn wurde geboren. Vier Jahre lang lebten wir in einem Le Corbusier-Haus in der kleinen Stadt Firminy, dort arbeitete ich im Kulturverein «Travail et culture» (Arbeit und Kultur). 1981 kamen wir wieder nach Deutschland zur&#252;ck, nach Mannheim, unser zweiter Sohn kam auf die Welt und wir hatten ein Pflegekind.</p>
<p><strong>Die Begegnung mit Bernd K&#246;hler</strong></p>
<p>Neben der Kindererziehung arbeitete ich als Franz&#246;sischlehrerin und als Erzieherin in einem Kinderhort. Irgendwann schenkte mir mein Mann ein Akkordeon.<br />
2003 traf ich bei einem unkonventionellen Franz&#246;sischkurs auf den Liedermacher Bernd K&#246;hler. Dazu muss ich sagen, dass ich in 40 Jahren Praxis noch nie jemandem Franz&#246;sisch beibringen konnte, ohne Chansons zu singen!<br />
Und Bernd K&#246;hler – damals in einer Ruhephase – sprang direkt drauf an und begeisterte sich ungemein f&#252;r die franz&#246;sischen Chansons des «anderen Frankreichs». So fing es an…<br />
Durch Bernd wurde mir die unterschiedliche Liederkultur unserer beiden L&#228;nder klar. Ich recherchierte gezielt Lieder, die mich in meiner Kindheit und Jugend ber&#252;hrt hatten und fand oft einen gesellschaftlichen Hintergrund. Das beste Beispiel ist «Le temps des cerises» («Die Zeit der Kirschen»), das Jean-Baptiste Clément 1866 schrieb. Als er 1871 die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune mitansehen musste – f&#252;r die er selbst gek&#228;mpft hatte –, widmete er das Lied einer mutigen Krankenschwester, die auf den Barrikaden fiel. Der Text – es war urspr&#252;nglich ein Liebeslied – spricht von einer «offenen Wunde», von einer «Erinnerung, die ich im Herzen behalte». Solche Worte k&#246;nnen sowohl eine gescheiterte Revolution wie eine verlorene Liebe wachrufen. Man k&#246;nnte eine poetische Metapher darin sehen: man spricht von einer Revolution, ohne sie zu benennen.<br />
Die «blutige Woche» war Ende Mai 1871, also in der Zeit der Kirschen. Die Kirschen erinnern an S&#252;&#223;e und Sommer, an etwas Fr&#246;hliches, sogar Festliches. So transportiert das Lied eine gewisse Nostalgie sowie eine volkst&#252;mliche Fr&#246;hlichkeit und bleibt seit 140 Jahren eines der bekanntesten Lieder, die man in Frankreich zu jeder Gelegenheit singt, z.B. am Ende eines Festessens, bei einer Demonstration oder zur Erinnerung an den Mai 1871.<br />
«Le temps des cerises» ist das erste Lied, das Bernd und ich 2008 zusammen sangen. Wir entwarfen ein Programm mit Liedern aus dem «anderen Frankreich» und gaben im August 2008 unser erstes Konzert in Valprivas, in der Auvergne, das erste gro&#223;e Konzert war in Mannheim, im Dezember 2008.<br />
Schon vorher habe ich &#246;ffentlich gesungen, in den 90er Jahren gr&#252;ndete ich gemeinsam mit Florence Launay in Mannheim den Chor «Les balladines» (was soviel wie Balladens&#228;ngerinnen hei&#223;t).</p>
<p><strong>Unsere Lieder</strong></p>
<p>Das franz&#246;sische Chanson ist das Erbe einer literarischen Tradition, die bis zu den Urspr&#252;ngen unserer Sprache zur&#252;ckreicht. Ohne bis zu den troubadours des 11.Jahrhunderts zur&#252;ckzugehen, die in okzitanischen Dialekten schrieben, hat man ca. 2000 Chansons von trouvères (Minnes&#228;nger am Ende des 12.Jahrhunderts) erfasst – leider oft ohne Melodien. Das franz&#246;sische Chanson zeichne sich durch den Vorrang des Textes &#252;ber die Musik aus und widerspiegelt getreu seine jeweilige Zeit.<br />
Deswegen reicht unsere Chanson-Auswahl von den ber&#252;hmtesten Chansons von Georges Brassens («L’Auvergnat», «La Mauvaise Réputation») oder Moustaki («Ma Liberté», «Sans la nommer») &#252;ber die Kampflieder der 70er und 80er Jahre («La Blanche Hermine», «Le Chiffon Rouge») bis zu den antifaschistischen Liedern («Chant du Partisan», «Chant des Marais») oder Antikriegsliedern («Le Déserteur», «Giroflé»). Nicht zu vergessen «Les Canuts», die Seidenweber, die versprechen: «Wir weben das Leichentuch der alten Welt!»<br />
Derzeit kann man unsere «Chansons sans cigare» – von Blandine Bonjour und Bernd K&#246;hler – auf der 2010 entstandenen CD h&#246;ren. Der Titel bezieht sich auf ein Foto, auf dem ich zuf&#228;llig Zigarre rauchend abgebildet bin und das Klischeebild eines Kapitalisten, der Zigarre raucht und einen Hut tr&#228;gt.<br />
Auf unserer neuen CD, Les Nouveaux Mousquetaires, die Ende dieses Jahres erscheint, wird die H&#228;lfte der Lieder international sein (t&#252;rkisch, sizilianisch, deutsch, italienisch…). Aber «Die Internationale» wird in der puristischen Tradition der Pariser Kommune gesungen, wie Eugène Pottier sie im Juni 1871 schrieb.<br />
Eine Eigenkomposition (Text: Bonjour/Musik: K&#246;hler) gibt dem neuen Album seinen Namen, «Les Nouveaux Mousquetaires». Wie sagt Bernd K&#246;hler: «Eine W&#252;rdigung der neuen Bewegungen, die auf den Stra&#223;en und Pl&#228;tzen der heutigen Zeit ihre Klingen mit den M&#228;chtigen kreuzen».</p>
<p><em>Mehr zu Bernd K&#246;hler und Blandine Bonjour findet sich auf ihren Internetseiten: www.blandinebonjour.de und www.ewo2.de/schlauch-live/aktuell.htm.</em></p>
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		<title>Einer, der Geschichte schrieb</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2011/10/einer-der-geschichte-schrieb/</link>
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		<pubDate>Mon, 03 Oct 2011 17:28:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>harald</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>
		<category><![CDATA[Hans-Werner Krauß (1944–2011)]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>

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		<description><![CDATA[Hans-Werner Krau&#223; (1944–2011) Am 9.September 2011 haben wir unseren Freund und Weggef&#228;hrten Hans-Werner Krauss verloren. Hans-Werner hat f&#252;r uns Geschichte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Hans-Werner Krau&#223; (1944–2011)</strong></p>
<p><strong>Am 9.September 2011 haben wir unseren Freund und Weggef&#228;hrten Hans-Werner Krauss verloren.</strong></p>
<p>Hans-Werner hat f&#252;r uns Geschichte geschrieben. Um diese Aussage zu verstehen, muss man sich in die Jahre der Auseinandersetzungen in der chemischen Industrie zur&#252;ckversetzen. In den 60er/70er-Jahren war die Industriegewerkschaft Chemie Papier Keramik (heute IG BCE) auf dem linken Fl&#252;gel innerhalb des DGB angesiedelt. Es gab – sicher auch beeinflusst durch die 68er-Proteste – haupt- und ehrenamtliche Funktion&#228;re, die in den Betrieben etwas bewegen wollten, vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ausgingen und auch gesellschaftspolitisch und international f&#252;r eine bessere Welt eintraten.<br />
<span id="more-3060"></span>Ganz anders sah es in den meisten Gro&#223;betrieben der chemisch-pharmazeutischen Industrie aus. Dort regierten, gest&#252;tzt auf betriebliche (nicht gewerkschaftliche) Vertrauensleute und in enger Anlehnung an ihre gut verdienenden Konzerne, Betriebsratsf&#252;rsten, die durch Gesamtbetriebsvereinbarungen &#252;ber die von der Gewerkschaft erreichten Tarifvertr&#228;ge hinaus beachtliche Sozialleistungen vereinbarten und somit eine entsprechende Hausmacht konstituierten.</p>
<p>Der Widerspruch zwischen den aufm&#252;pfigen Kr&#228;ften in Betrieben und Apparat und den konservativen Betriebsrats-Aristokraten um Rolf Brand (Hoechst) und Hans Weber (Bayer) brach sich in heftigsten Auseinandersetzungen Bahn. Auf dem historischen Gewerkschaftstag 1980 in Mannheim stand die Position der «ger&#228;uschlosen Tarifpolitik» eines Karl Hauenschilds (Gewerkschaftsvorsitzender), formuliert als Gegenposition zur damals radikaleren IG Metall, der eines Paul Plumeyers (Mitglied im Hauptvorstand der IGCPK) – «die Gewerkschaft darf nicht zum roten Arm der Heilsarmee verkommen», «nehmt die Gewerkschaft wieder in Eure Hand» – unvers&#246;hnlich gegen&#252;ber.</p>
<p>In diesen Zeiten entstand der Chemiekreis, der den Ausgegrenzten Zusammenhalt und sp&#228;ter auch eine Stimme verlieh&#8230; Der Chemiekreis war f&#252;r uns eine Form, trotz aller R&#252;ckschl&#228;ge und Verfolgung nicht aufzugeben und uns einen politisch eigenen Gestaltungsraum zu schaffen. Auf der betrieblichen Ebene bekamen die Kolleginnen und Kollegen, die f&#252;r einen radikaleren Kurs der Gewerkschaft standen, die ganze H&#228;rte einer verbohrten Mehrheit zu sp&#252;ren.</p>
<p>Bei der Hoechst AG in Frankfurt war es mit am schlimmsten. Die Arbeitgebern&#228;he und Informationspolitik ihrer Betriebsratsf&#252;rsten war vielen Vertrauensleuten ein Graus. So verteilten Basisaktive am Werkseingang Flugbl&#228;tter zu den Themen Gehaltsrahmenabkommen, Beurteilungen oder Disziplinarma&#223;nahmen des Arbeitgebers, jeweils mit kritischen Kommentaren und Positionen: «Kollegen in der IG Chemie informieren Kollegen im Betrieb».</p>
<p>Hans-Werner kritisierte offen und vernehmbar den Machtanspruch und Herrschaftsstil von Multifunktion&#228;r Rolf Brand: «Du bist keiner mehr von uns», sagte er ihm ins Gesicht.</p>
<p>Daraufhin wurden er und f&#252;nf weitere Kollegen im September 1976 wegen «unzul&#228;ssiger Fraktionsbildung» aus der Gewerkschaft ausgeschlossen. Sie h&#228;tten «eine Art Machtergreifung auf schleichendem Wege» angestrebt. «Wir haben uns der Majest&#228;tsbeleidigung schuldig gemacht», kommentierte Hans-Werner in seiner trockenen Art.</p>
<p>Auf Grund dieser Ausgrenzung und des immer arbeitgeberfreundlicheren Kurses des Betriebsrats traten 1981 die «Kollegen f&#252;r eine durchschaubare Betriebsratsarbeit» bei Hoechst zur BR-Wahl an. Trotz &#252;bler Praktiken im Wahlkampf, wie der zwischen Betriebsratsvorsitzenden und Werksleitung vereinbarten Beschlagnahme von Flugbl&#228;ttern durch den Werkschutz, holten die Oppositionellen gleich 16%.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Racheakt</p>
<p>Um Hans-Werner als unbeugsamen Kritiker loszuwerden, schreckte man auch vor der fristlosen K&#252;ndigung eines Betriebsratsmitglieds mit 20 Jahren Betriebszugeh&#246;rigkeit nicht zur&#252;ck. Er hatte auf einer SPD-Versammlung gesagt, dass die H&#246;chst AG «schon jahrelang in der Lage sei, die hessische Landesregierung mit dem Arbeitsplatzargument unter Druck zu setzen». Im Dezember nach dem Wahlerfolg stimmte der Betriebsrat der K&#252;ndigung zu. Hans-Werner habe «das Unternehmen diffamiert und nachhaltig den Betriebsfrieden gesch&#228;digt», begr&#252;ndete Rolf Brand, auch Mitglied im IG Chemie-Hauptvorstand, seine Zustimmung &#8230;</p>
<p>Hans-Werner gewann alle Klagen in allen Instanzen, obwohl die Hoechst AG in unglaublicher Unverfrorenheit versuchte, sogar Einfluss auf das Gericht auszu&#252;ben. Nach zwei Jahren war Hans-Werner wieder drin. W&#228;hrend dieser Zeit ist ihm eine beeindruckende Solidarit&#228;t zuteil geworden.</p>
<p>Es kamen die Jahre der Stilllegungen bei H&#246;chst, dann der Zerschlagung der AG. Hans-Werner riss die Kollegen auf Betriebsversammlungen mit und organisierte Protest. Demonstrationen, Polizei und Beschlagnahme von Flugbl&#228;ttern sind einige Beispiele des Druckes durch AG und Gewerkschaft, unter dem konsequente betriebliche Akteure standen. Es sind aber auch Beispiele, dass man sehr wohl Besch&#228;ftigte mobilisieren kann, wenn man es will.</p>
<p>Hans-Werner hat nicht um des Streits willen gestritten. Es waren oft Themen von grunds&#228;tzlicher Bedeutung wie die Gesundheitsprobleme durch die Chemie, die Entlohnung, Schichtarbeit, aber auch das Wie und Was der Produktion, die ihn umtrieben. Auch in der Frage der Demokratie und Arbeitsweise in Betriebsrat, Gewerkschaft und der eigenen Gruppe hatte er strenge Prinzipien. Er hatte f&#252;r diese heiklen Fragen einen Riecher.</p>
<p>Das spiegelte sich auch in unserer internationalen Arbeit wieder. Gefeuerte und verfolgte Gewerkschafter in anderen L&#228;ndern, aber besonders in Brasilien, erlebten seine Solidarit&#228;t. Besonders hervorheben m&#246;chten wir die Unterst&#252;tzung der MST, der Landlosenbewegung in Brasilien&#8230;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Chemiekreis und BaSo</p>
<p>Nach der Aufspaltung der Chemie- und Pharmakonzerne um die Jahrtausendwende war aus Sicht vieler Chemiekreisler die Orientierung auf die Branche und den Gro&#223;betrieb nicht mehr zeitgem&#228;&#223;. Aus diesem Grunde gr&#252;ndeten wir 2004 die Basisinitiative Solidarit&#228;t (BaSo), deren Gr&#252;ndungsmitglied Hans-Werner war.</p>
<p>Hans-Werner war nicht allein. Er hatte Mitstreiter und Verb&#252;ndete, ohne die sein Tun nicht so fruchtbar h&#228;tte sein k&#246;nnen. Es gab auch Br&#252;che und herbe Entt&#228;uschungen auf seinem langen Weg. Seine polarisierende Art rief auch Widerspruch hervor. Dennoch war er eine herausragende Pers&#246;nlichkeit, ein verl&#228;sslicher Freund. Er wurde nur 67 Jahre alt.</p>
<p>Hans-Werners Leben war dem Kampf f&#252;r eine bessere Zukunft gewidmet. In diesem Sinne war er auch Sozialist. Er hat so manches Risiko auf sich genommen, um f&#252;r seine Prinzipien einzustehen. Daf&#252;r bewundern wir ihn und danken wir ihm. Wir danken auch seiner Lebensgef&#228;hrtin, die ihm die Freiheit und Unterst&#252;tzung f&#252;r seine Abenteuer nicht versagt hat&#8230;</p>
<p>Kolleginnen und Kollegen</p>
<p>des BaSo-Chemiekreises</p>
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		<title>Elfriede Br&#252;ning: «Und au&#223;erdem werde ich hundert»</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 13:02:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<title>Moshe Lewin (1921–2010)</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 08:01:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Historiker des «sowjetischen Jahrhunderts»von Alain Gresh Am 14.August 2010 starb in Paris der Historiker und Kritiker der Sowjetunion Moshe Lewin. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- pre { font-family: "Garuda"; }p { margin-bottom: 0.21cm; } --><b>Historiker des «sowjetischen Jahrhunderts»<br /></b><i>von Alain Gresh</i><b><br /></b></p>
<p>Am 14.August 2010 starb in Paris der Historiker und Kritiker der Sowjetunion Moshe Lewin. Geboren 1921 in Vilnius, das damals unter polnischer Kontrolle stand, wuchs er in einer j&#252;dischen Familie auf und war sehr jung der antisemitischen Verfolgung ausgesetzt.</p>
<p><img src="http://www.sozonline.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" mce_src="http://www.sozonline.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" class="mceWPmore mceItemNoResize" title="Weiterlesen...">Er schloss sich einer linkszionistischen Jugendorganisation an, musste aber bei der Ankunft der Nazi-Armee im Juni 1941 fliehen und wurde von Soldaten der Roten Armee gerettet, die sich vor dem deutschen Vormarsch zur&#252;ckzogen. Seine Eltern wurden, wie Tausende andere Juden, noch vor Ankunft der Wehrmacht von Milizen der extremen Rechten massakriert. Er blieb jedoch mit Vilnius verbunden, das er in der Gorbatschow-&#196;ra wieder besuchte. W&#228;hrend des Zweiten Weltkriegs lebte Lewin in der UdSSR und arbeitete in verschiedenen Jobs in der Landwirtschaft, bevor er in eine Schule f&#252;r Unteroffiziere eintrat. Er defilierte bei der Siegesfeier am 9.Mai 1945 in Moskau. Dieser Aufenthalt in der UdSSR verlieh ihm nicht nur eine intime Kenntnis der russischen Sprache – die er flie&#223;end sprach, ebenso wie Jiddisch, Polnisch, Deutsch, Hebr&#228;isch, Englisch und Franz&#246;sisch –, sondern auch der Gesellschaft und der «kleinen Leute», f&#252;r die er stets eine besondere Zuneigung empfand.</p>
<p>Nachdem er seine polnische Staatsb&#252;rgerschaft wiedererlangt hatte, lie&#223; er sich in Paris nieder, von wo aus er die heimliche j&#252;dische Auswanderung nach Pal&#228;stina organisierte. Er wurde Mitglied von Hashomer Hatzaïr, einer marxistisch-zionistischen Partei, aus der im Januar 1948 die Mapam hervorging, die anf&#228;nglich an der Sowjetunion orientierte «Vereinigte Arbeiterpartei». In dieser Organisation machte er die Bekanntschaft von Moshe Sneh, der die Abteilung der Jewish Agency f&#252;r illegale Einwanderung leitete. In Israel arbeitete er mit ihm f&#252;r die Zeitung der Mapam, <i>Al-Hamishmar</i>, bevor er ihm, nicht ohne Z&#246;gern, in die Kommunistische Partei folgte, die einzige j&#252;disch-arabische Partei in Israel.</p>
<p>Aus seiner Entt&#228;uschung &#252;ber seine Erfahrungen in Israel machte Moshe keinen Hehl. Er reagierte zornig, als er erfuhr, wie am 12.Oktober 1953 ein damals noch unbekannter junger Offizier, Ariel Sharon, eine Strafexpedition gegen das Dorf Qibia im Westjordanland durchf&#252;hrte und dabei Frauen, Alte und Kinder t&#246;tete. Er sah darin einen Verrat der Ideale, f&#252;r die er gek&#228;mpft hatte. 1956 wurde er zum Krieg gegen Nassers &#196;gypten eingezogen, ein Feldzug, den er missbilligte, was ihn vor ein Kriegsgericht brachte; doch er wurde von seinen Kameraden entlastet, die ihn sch&#228;tzten, wenngleich sie seine Ideen nicht teilten.</p>
<p>Diese Entt&#228;uschungen veranlassten ihn, seinen Weg zu &#228;ndern und ein Studium an der Universit&#228;t Tel Aviv aufzunehmen. Sein Professor, beeindruckt von seiner Arbeit &#252;ber Rabelais, erreichte f&#252;r ihn ein franz&#246;sisches Stipendium. Moshe landete in Paris und legte 1964 an der Sorbonne eine Dissertation &#252;ber die Bauernschaft und die Sowjetmacht der Jahre 1928–1930 vor, die 1966 ver&#246;ffentlicht wurde. Nach einer leitenden Stellung an der Ecole pratique des hautes études erhielt er 1968–1978 eine Professur an der Universit&#228;t Birmingham, anschlie&#223;end einen Lehrstuhl f&#252;r Geschichte an der Universit&#228;t Pennsylvania, eine der renommiertesten Hochschulen der USA. 1995 ging er in den Ruhestand und lie&#223; sich endg&#252;ltig in Frankreich nieder, dessen Staatsb&#252;rgerschaft er besa&#223; und mit dem er sich zutiefst verbunden f&#252;hlte.</p>
<p>Sein Werk handelt im Wesentlichen von der Sowjetunion, auch wenn er in den letzten Jahren seines Lebens das Studium der russischen Wurzeln der sowjetischen Geschichte vertiefte – so stellte er Untersuchungen &#252;ber die B&#252;rokratie seit dem 17.Jahrhundert an. Er interessierte sich auch f&#252;r vergleichende Geschichte. Obwohl Gegner der Totalitarismus-These, sch&#228;tzte er dennoch die vergleichende Untersuchung Russlands und Deutschlands sowie des Stalinismus und des Nazismus als nutzbringend.</p>
<p>Er organisierte mehrere Kolloquien zusammen mit dem britischen Historiker Ian Kershaw, was u.a. zur Ver&#246;ffentlichung von Stalinism and Nazism: Dictatorships in Comparison (1997) f&#252;hrte. Das erste Buch, das ihn in Frankreich bekannt machte, Le Dernier combat de Lénine (1967, dt. Lenins letzter Kampf, Hamburg: Hoffmann &amp; Campe, 1970), behandelt die letzten aktiven Monate des Gr&#252;nders des Sowjetstaats: seine Kritik an der beginnenden Entartung der Sowjetmacht, die Notwendigkeit, auf die Bauernschaft R&#252;cksicht zu nehmen und das Wohlwollen der nationalen Minderheiten zu gewinnen, und schlie&#223;lich die Konfrontation mit Stalin.</p>
<p>Lewin erkl&#228;rt, warum es unm&#246;glich war, auf den Ruinen des zaristischen Russlands den Sozialismus aufzubauen, zeigt aber zugleich, dass sich den Bolschewiki verschiedene Wege boten und dass der Sieg Stalins in den internen Machtauseinandersetzungen der Partei nicht unausweichlich war. H Moshe Lewin hat eine eigenst&#228;ndige Analyse der Oktoberrevolution und der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki entwickelt: Seiner Meinung nach waren Letztere als einzige dazu f&#228;hig gewesen, den Zerfall des Landes zu vermeiden und die Modernisierung Russlands anzugehen (siehe «Octobre 1917 à l’epreuve de l’histoire»,<i> Le Monde diplomatique</i>, November 2007).</p>
<p>Er bestand vor allem auf der Notwendigkeit der Untersuchung des sowjetischen Gesellschaftssystems und weigerte sich stets, eine «Kreml-Astrologie» zu praktizieren, die die Geschichte des Landes auf einige F&#252;hrer reduzierte. Er machte die tiefen Ver&#228;nderungen in der UdSSR im Verlauf dieses «sowjetischen Jahrhunderts» sichtbar, besonders den &#220;bergang von der b&#228;uerlichen Gesellschaft zur st&#228;dtischen Gesellschaft, wobei er die These vom «totalit&#228;ren Immobilismus» ablehnte. In der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre widmete er einen Teil seiner Arbeit der Entschl&#252;sselung des «Ph&#228;nomens Gorbatschow»: Seiner Ansicht nach war es nicht dem Zufall geschuldet, sondern spiegelte die Ver&#228;nderungen in der Gesellschaft wider. Er verspottete gern jene, die – verblendet durch ideologische Scheuklappen – in der UdSSR nur ein erstarrtes System, das Modell eines unzerst&#246;rbaren Totalitarismus sahen.</p>
<p>Als Historiker, Mann der Linken, Humanist, Internationalist und leidenschaftlicher Wissenschaftler z&#246;gerte Moshe nicht, «gegen den Strom» zu schwimmen, gegen &#252;berkommene Wahrheiten zu fechten und die von den Autoren des Schwarzbuchs des Kommunismus verbreiteten Legenden zu dekonstruieren («Pourquoi l’Union soviétique a fasciné le monde», <i>Le Monde diplomatique</i>, November 1997).</p>
<p>Er interessierte sich f&#252;r die Menschen in seiner Umgebung, zuallererst f&#252;r seine Studenten, die er ausgebildet und zutiefst gepr&#228;gt hat und mit denen er bis zum Schluss herzliche Beziehungen pflegte. Er verfolgte die internationale Politik und begeisterte sich f&#252;r die USA, wo er zwanzig Jahre lang gelebt hat – obgleich er nicht z&#246;gerte, das Land Reagans und Bushs mit der UdSSR der Breshnew’schen «Stagnationsperiode» zu vergleichen, und inst&#228;ndig einen politischen Machtwechsel herbeisehnte; &#252;ber Obamas Wahlsieg hat er sich gefreut.</p>
<p><i>Alain Gresh Moshe Lewin war 20 Jahre lang Mitarbeiter von </i>Le Monde diplomatique<i>. Seine f&#252;r diese Zeitung geschriebenen Artikel finden sich auf der Webseite <a href="http://%3C/i%3Ewww.monde-diplomatique.fr/%20carnet/2010-08-16-moshe-lewin%3Ci%3E.%3C/i%3E" mce_href="http://&lt;/i&gt;www.monde-diplomatique.fr/ carnet/2010-08-16-moshe-lewin&lt;i&gt;.&lt;/i&gt;"></a></i><a href="http://%3C/i%3Ewww.monde-diplomatique.fr/%20carnet/2010-08-16-moshe-lewin%3Ci%3E.%3C/i%3E" mce_href="http://&lt;/i&gt;www.monde-diplomatique.fr/ carnet/2010-08-16-moshe-lewin&lt;i&gt;.&lt;/i&gt;">www.monde-diplomatique.fr/ carnet/2010-08-16-moshe-lewin<i>.</i></a><br mce_bogus="1"></p>
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		<title>In Teufels Namen</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 12:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Fritz Teufel 1943–2010 von Markus Mohr Er war der personifizierte Widerspruch zur herrschenden Ordnung und die deutsche Justiz hat sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		PRE.western { font-family: "Times New Roman" } 		PRE.cjk { font-family: "DejaVu Sans", monospace } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --><strong>Fritz Teufel 1943–2010</strong><em><br />
von Markus Mohr</em></p>
<p>Er war der personifizierte Widerspruch zur herrschenden Ordnung und die deutsche Justiz hat sich daf&#252;r bitter an ihm ger&#228;cht.</p>
<p><span id="more-1313"></span>Ende 1967 wurde dem seit mehreren Monaten inhaftierten Kommunarden Fritz Teufel wegen angeblicher Steinw&#252;rfe anl&#228;sslich des f&#252;r den Studenten Benno Ohnesorg m&#246;rderischen Schah-Besuches am Landgericht Moabit der Prozess gemacht. Da dem Vorsitzenden Richter der unberechenbare Witz des Fritz Teufel nicht geheuer erschien, ordnete er ihm einen Psychiater zur Begutachtung bei. Doch der Angeklagte drehte in der Hauptverhandlung den Spie&#223; einfach um und fragte den Psychiater in unbek&#252;mmerter Weise, ob es denn «in der Psychiatrie eine Krankheit (g&#228;be), die man umschreiben k&#246;nnte mit krankhaftem Verh&#228;ngen von Ordnungsstrafen». Diese Frage konnte der Vorsitzende Richter nat&#252;rlich nicht durchgehen lassen, er verh&#228;ngte gegen Teufel zwei volle Tage Ordnungshaft.</p>
<p>In den Moabiter Seifenopern der 60er Jahren war Fritz Teufel stets bereit, eher seine Freiheit als seinen Humor zu opfern. Und die bundesdeutsche Justiz w&#228;re nicht die, die sie ist, wenn sie darauf verzichtet h&#228;tte, sich daf&#252;r bitter an ihm zu r&#228;chen. Auch wenn Teufel nach juristischen Beweisma&#223;st&#228;ben in aller Regel «unschuldig» und in diesem Sinne sogar in den meisten seiner Gerichtsverfahren hat freigesprochen werden m&#252;ssen: Als personifizierter Widerspruch zur herrschenden Ordnung hat er rund acht Jahre seines Lebens im Knast verbringen m&#252;ssen.</p>
<p>Der aus Ludwigsburg bei Stuttgart stammende Teufel &#252;bersiedelte 1963 nach West-Berlin, um ein Studium der Germanistik zu beginnen. Nach den Worten seiner Mutter wurde «die westdeutsche Prozesskette gegen die Auschwitz-M&#246;rder, deren Sadismen ihn entsetzt haben», f&#252;r ihren Sohn zu einem «Schl&#252;sselerlebnis f&#252;r seine Protesthaltung». Von hier aus setzte sich f&#252;r die folgenden anderthalb Jahrzehnte ein politisch kurvenreich-bewegter und zuweilen dramatischer Lebenslauf fort: Er f&#252;hrte Fitz Teufel in der zweiten H&#228;lfte der 60er Jahre vom SDS in die legend&#228;r werdende Kommune 1 und in die APO.</p>
<p>Neben Rudi Dutschke sollte Teufel f&#252;r einen kurzen historischen Moment zu einer der zentralen Galionsfiguren der Westberliner Revolte der Jahre 1967/68 aufsteigen. Immerhin wussten schon Ende 1967 sowohl die in Moskau erscheinende <em>Literaturnaja Gaseta</em> von einem «Lumpenpack unter F&#252;hrung eines gewissen Fritz Teufel» als auch die <em>International Herald Tribune</em> &#252;ber «tausende (von) jungen Europ&#228;ern» zu berichten, die «Mr.Teufels leidenschaftliche &#220;berzeugung (teilen), dass das Leben auf dem Kontinent von autorit&#228;ren Strukturen unterdr&#252;ckt wird».</p>
<p>Die Sch&#252;sse auf Rudi Dutschke markieren auch f&#252;r den zu einem prominenten Medienliebling avancierten Teufel einen tiefen Einschnitt. W&#228;hrend des Zerfalls der Studentenrevolte bewegt er sich zun&#228;chst noch in der Subkultur, konsumiert viele Drogen und Popmusik. Ab Anfang der 70er Jahre scheint auch f&#252;r Teufel die subkulturelle Praxis passé zu sein, und er sieht sich mit dem im Linksradikalismus jener Zeit hegemonial existenten Dualismus zwischen proletarischer Organisation und bewaffnetem Kampf konfrontiert.</p>
<p>Teufel w&#228;hlt in seiner Lebenspraxis auf seine Art beides, beteiligt sich zun&#228;chst an den Tupamaros M&#252;nchen, wird wegen eines Brandanschlags auf ein Gericht zu einer zweij&#228;hrigen Haftstrafe verurteilt, taucht dann ab in den Untergrund und lernt danach unerkannt als Schichtarbeiter im Ruhrgebiet die Fabrikarbeit genauso kennen wie die Bewegung 2.Juni – die in Westberlin agierende und dort zum Teil popul&#228;re Stadtguerilla.</p>
<p>Mitte September 1975 wurde Teufel in einer illegalen Wohnung in der Stadt schwer bewaffnet von der Polizei verhaftet und wanderte erneut in den Moabiter Knast. Nach zun&#228;chst &#252;berzeugend klingenden Verurteilungspl&#228;doyers der Bundesanwaltschaft gelang es Fritz Teufel noch einmal in aufsehenerregender Weise, seine Unschuld zu beweisen, sodass er im Sommer 1980 im gro&#223;en 2.Juni-Prozess in einer Reihe von Anklagepunkten freigesprochen werden musste.</p>
<p>Nach seiner Haftentlassung lebte Teufel noch einige Jahre im Umfeld der Alternativbewegung in einem besetzten Haus und arbeitete bei der <em>Taz</em>, bevor er zum Fahrradkurier «umsattelte». Die alte Bewegung hatte sich verlaufen, und damit verlor auch Teufel seinen politischen Rahmen, in dem er in aufreizender und provokativer Art und Weise zu wirken verstand.</p>
<p>An der Gestalt und den Erz&#228;hlungen zu seiner Person werden ein paar kultur- und sozialrevolution&#228;re Momente der 68er Revolte sichtbar, die auf den tiefen, von Teufel vor allem in den 60er und 70er Jahren verk&#246;rperten, Bruch mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen verweisen. Seine Lebensgeschichte erinnert daran, dass zumindest ein Teil der 68er-Revolteure nicht die Humanisierung von Herrschaft, sondern einen vollst&#228;ndigen Bruch mit ihr anstrebte. Teufels Bruch mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen reichte viel tiefer als die kalte Politik der damaligen Verb&#228;nde, Gruppen, Massenorganisationen und Zirkel der APO.</p>
<p>Kein Geringerer als Johannes Agnoli anerkannte bereits 1969, dass Fritz Teufel und die Kommune I «ein Konzentrat all dessen (darstellten), was der Kleinb&#252;rger als hassenswert empfindet, weil es seine politische Untert&#228;nigkeit und seine &#246;konomische Rolle als Produktions- und Konsumptionstier enth&#252;llt». Sie h&#228;tten als «erste die Kruste des b&#252;rgerlichen angepassten Verhaltens und das Monopol des B&#252;rgers auf Stra&#223;enbenutzung, des Staates und die Stra&#223;enverkehrsordnung (gebrochen)». «Das wichtigste» sei aber, so Agnoli weiter, dass nun «von Seiten der revolution&#228;r gewordenen Bewegung nicht mehr abstrakt von Demokratie, sondern von Emanzipation am Arbeitsplatz, im Alltag und in der Gesellschaft gesprochen» und «emanzipatorisch gehandelt wurde». Und das bleibt auch dann wahr, wenn man heute damit konfrontiert ist, dass der seit den fr&#252;hen 80er Jahren weitgehend mittellos als Fahrradkurier arbeitende Fritz Teufel gerade nicht zu den h&#228;sslich gewordenen Siegern und 68er-Karrieristen, sondern zu den Verlierern der Revolte geh&#246;rt.</p>
<p>Fritz Teufel starb am 6.Juli 2010 im Alter von 67 Jahren nach schwerer Krankheit in einem Berliner Pflegeheim. &#220;ber 500 Genossinnen und Genossen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Formationen des Linksradikalismus der 60er und 70er Jahre erwiesen ihm bei seiner Beerdigung auf dem Dorotheenst&#228;dtischen Friedhof ihre Reverenz: ganz zurecht, und auch das bleibt.</p>
<p><em>Die Zitate wurden mit Ausnahme der &#220;berlegungen des Genossen Agnoli entnommen aus: </em>Marco Carini<em>, Fritz Teufel. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, </em>Hamburg 2003<em>.</em></p>
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		<title>Good bye Archie</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Jul 2010 15:03:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[Joachim «Archie» Kuhnke, 14.7.1947 – 8.6.2010 von Willi Hajek Die Diagnose der &#196;rzte im Dezember war eindeutig. Der Kampf gegen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Joachim «Archie» Kuhnke,<br />
14.7.1947 – 8.6.2010</strong><br />
<em>von Willi Hajek</em></p>
<p>Die Diagnose der &#196;rzte im Dezember war eindeutig. Der Kampf gegen den Krebs ist nicht mehr zu gewinnen. Archi hat dieses «Urteil» akzeptiert und ist sich auch seinem letzten Lebensabschnitt als rheinische Frohnatur treu geblieben. Angeh&#246;rige, FreundInnen und politische Weggef&#228;hrten haben ihn bis zuletzt begleitet. Am 8.Juni starb er im Hospiz des Krankenhauses Havelh&#246;he in Berlin.<br />
<span id="more-1147"></span>Geboren wurde er in eine b&#252;rgerliche Familie. Sein Vater war ein strenger Professor. Archi wuchs in der Adenauerzeit mit ihrem verklemmten kulturellen Mief auf. In den 50er und 60er Jahren lernte er fr&#252;h sich zu behaupten, und mit seinen kulturellen Vorlieben provozierend <em>–</em> Jackson Pollock und die Beatles etc <em>–</em> schuf er sich Freir&#228;ume und st&#246;rte den h&#228;uslichen Frieden, bis er vor die T&#252;r gesetzt wurde.</p>
<p>In Schule und Freizeit packte ihn der Wind der Revolte, er begab sich in die Turbulenzen der 68er Zeit. Archi lernte den SDS kennen, war aktiv, wurde aber nie Student, sondern studierte die Arbeiterklasse direkt vor Ort, im Kl&#246;ckner Stahlwerk und dann bei Mercedes in D&#252;sseldorf. Schnell wurde er entdeckt und aufgenommen in eine der agierenden K-Parteien, die DKP. Dennoch wurde er niemals ein Partei- und Gewerkschaftssoldat. Allein kandidierte er in D&#252;sseldorf gegen die damalige IG-Metall-Mehrheitsgewerkschaft, bekam auf Anhieb 20% der Stimmen und gr&#252;ndete eine Alternative Gruppe, aus deren Reihen heute der Betriebsratsvorsitzende im Werk kommt.<br />
Archi rebellierte gegen die autorit&#228;ren Traditionen der Arbeiterbewegung in Worten und auch in seinen praktischen Aktivit&#228;ten. Fr&#252;h beteiligte er sich am Aufbau des Labournet, an den vielf&#228;ltigen internationalen oppositionellen gewerkschaftlichen Aktivit&#228;ten von Frankreich bis China und lernte in den letzten Jahren &#252;ber regelm&#228;&#223;ige Besuche und Kontakte zu franz&#246;sischen Basisaktivisten eine ganz andere, libert&#228;re, Art von Gewerkschaftshandeln kennen, die seinem tiefsten Wesen genau entsprach.</p>
<p>Nach seinem Ausscheiden aus dem Betrieb ging er nach Berlin, um dort zusammen mit Freundinnen und Freunden aus dem k&#252;nstlerischen Bereich Initiativen zu starten. In den letzten beiden Jahren bekam er noch einmal Gelegenheit, seine ganze Erfahrung und Energie in das Solidarit&#228;tskomitee einzubringen, das sich gegen die K&#252;ndigung der Kassiererin Emmely zusammengefunden hatte. Hier wurde er zu einem der wichtigen Tr&#228;ger des Komitees, der allen Engagierten half, diesen langen, manchmal schwierigen, 28monatigen Kampf durchzustehen. In derselben Woche, in der Archie «tsch&#252;ss <em>–</em> ich habe genug gelebt <em>–</em> et je ne regrette rien» sagte, gewann Emmely ihren Prozess. Archies letzter unerwarteter Erfolg.</p>
<p>Respekt und Dank f&#252;r einen langj&#228;hrigen Freund und weitherzigen libert&#228;r-kommunistischen Basisgewerkschafter, der uns allen sehr fehlen wird.</p>
<p><em>Archie Kuhnke, Elf H&#252;pfer durch vierzig Jahre aus 1968 und dann? Erfahrungen, Lernprozesse und Utopien von Bewegten der 68er Revolte,</em> Atlantik Verlag 2002.Video-Interview mit Archi am 17.3.2010, http://kanalb.org. Sein letztes Interview auf www.keimform.de.</p>
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		<title>Wir trauern um Anna Walentynowicz</title>
		<link>http://www.sozonline.de/2010/04/wir-trauern-um-anna-walentynowicz/</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Apr 2010 17:14:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>herausgeber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zur Person]]></category>

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		<description><![CDATA[80 Jahre alt und welch ein Leben! von Willi Hajek Anna Walentynowicz geh&#246;rte zu den Menschen, die bei dem Flugzeugabsturz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>80 Jahre alt und welch ein Leben!</strong><br />
<em>von Willi Hajek</em></p>
<p>Anna Walentynowicz geh&#246;rte zu den Menschen, die bei dem Flugzeugabsturz in der N&#228;he von Katyn am 10.April 2010 ihr Leben verloren.</p>
<p><span id="more-953"></span>Anna W. geh&#246;rte nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu den Frauen, die eine neue Gesellschaft in Polen mit aufbauen wollten. Aus armen Verh&#228;ltnissen kommend, nutzte sie die Chance, als Frau Schwei&#223;erin auf der Danziger Lenin-Werft zu werden. Sie wollte n&#252;tzliche und verantwortungsvolle Arbeit f&#252;r die Gesellschaft leisten. Genau dieses Schaffen und dieses Engagieren f&#252;r den gesellschaftlichen Aufbau pr&#228;gte ihr ganzes Leben. Der Versuch, Worte und Taten im Leben in &#220;bereinstimmung zu bringen, war ihre Orientierung.</p>
<p>Umso mehr bemerkte sie bald, dass gelebte Realit&#228;t und ausgegebene Politparolen immer mehr in Widerspruch zueinander standen. Sie nahm diese Tatsache nicht einfach hin, sondern fing an zu kritisieren, praktische Vorschl&#228;ge zur Ver&#228;nderung zu machen, sich zu organisieren gegen diese verlogenen Zust&#228;nde. Sie lernte viel K&#228;uflichkeit, Korruption, menschliche Gemeinheit und Verlogenheit kennen, ihr Leben wurde bedroht, ihr Sohn wurde gesellschaftlich ausgegrenzt. 1980 wurde sie f&#252;nf Monate vor der Rente entlassen <em>-</em> ohne Anspruch auf Bez&#252;ge.</p>
<p>Anna W. war auf der Werft das Symbol einer aufrechten, bescheidenen und verantwortungsvollen Arbeiterin und K&#228;mpferin f&#252;r Gerechtigkeit. Ihre Entlassung l&#246;ste die Streikdynamik aus, die am Ende zum Sturz des herrschenden Regimes in Polen f&#252;hrte.</p>
<p>Die Werftleitung lie&#223; sie von zu Hause abholen und in die Werft bringen, um die streikenden Werftarbeiter in Danzig zu beruhigen. Diese forderten aber die sofortige Wiedereinstellung von Anna. Und obwohl diese akzeptiert wurde, forderte Anna die Werftarbeiter auf, den Streik fortzusetzen und das gesamte Forderungsprogramm der Streikbewegung durchzusetzen.</p>
<p>Anna hatte in den schwierigen Streikmomenten nicht nur die Ziele der Danziger Werftarbeiter im Blick, sondern setzte sich immer wieder f&#252;r das gemeinsame Interesse aller Arbeiter in Polen ein, nicht nur derer in der Danziger Lenin-Werft, die schon viele Zugest&#228;ndnisse erk&#228;mpft hatten. F&#252;r sie war Solidarnosc die Hoffnung auf Befreiung von Unterdr&#252;ckung und Willk&#252;rherrschaft, sie k&#228;mpfte f&#252;r die Rechte der Arbeiter gegen die Allmacht von Partei und Staat.</p>
<p>Aber bald bemerkte sie, wie leicht Machtgeilheit und Herrschaftswillen die Solidarnosc-Bewegung ver&#228;nderten und sich ein neuer Machtapparat herausbildete, der all die Ziele und Werte ihres Kampfes zu verraten begann. Deshalb lehnte sie es auch ab, an den Feierlichkeiten im vergangenen Jahr zu Ehren von Solidarnosc in Danzig teilzunehmen. Sie wollte mit den Walesas und anderen Aufsteigern in die neue herrschende Elite nichts mehr zu tun haben.</p>
<p>Anna W. ist ihr ganzes Leben eine einfache, bescheidene Frau aus dem Volk geblieben, sie hat sich nicht von der Macht bis zur Unkenntlichkeit korrumpieren lassen wie Walesa und seine Beraterschaft. Deshalb ist Anna W. auch heute noch ein Symbol f&#252;r alle die Menschen in Polen geblieben, die die solidarischen Werte der fr&#252;hen Solidarnosc noch in ihrem Herzen tragen. Von Anna k&#246;nnen wir lernen, was eine Einzelne alles bewirken kann, wenn das Tun einhergeht mit den W&#252;nschen und Anspr&#252;chen und Hoffnungen der Mehrheit der Unterdr&#252;ckten.</p>
<p>Auch heute k&#228;mpfen die Arbeitenden in Polen wie anderswo wieder um ihre W&#252;rde wie damals, genauso auch wieder um freie und unabh&#228;ngige Gewerkschaften. Deshalb hat Anna auch mehrmals streikende Werftarbeiter in den letzten Jahren in Danzig besucht und unterst&#252;tzt.</p>
<p>Viele Menschen, in Polen und weltweit, trauern in diesen Tagen um diese Frau, Arbeiterin und mutige K&#228;mpferin f&#252;r eine solidarische und egalit&#228;re Gesellschaftlichkeit.</p>
<p>Mein Respekt f&#252;r ein solches Leben!</p>
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