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Biermann/Klönne: Großmachtambitionen in Deutschland

Werner Biermann/Arno Klönne: Ein Spiel ohne Grenzen. Wirtschaft, Politik und Großmachtsambitionen in Deutschland von 1871 bis heute. Köln: PapyRossa Verlag, 2009, 293 S., 17,90 Euro
von Mario Tal

Klaus Kinkel, amtierender Außenminister der FDP in der Regierung Kohl, erklärte 1993 über die Rolle Deutschlands nach der Wiedervereinigung in der FAZ:“Nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht.” Noch bündiger war Edmund Stoiber (CSU) 1992: „Kohl vollendet, was Kaiser Wilhelm und Hitler nicht erreicht haben.” Und 2007 attestierte Günther Gloser, SPD und

Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt: „Wir haben in der jüngeren Geschichte dreimal sehr viel Geld investiert und nur einmal ist eine positive Dividende herausgekommen.“

Diese Steilvorlagen in ihrem jüngsten Buch Spiel ohne Grenzen nicht angeführt zu haben, ist einer der wenigen Vorwürfe, die man dem Autorengespann Werner Biermann/Arno Klönne machen kann. Was sie indes leisten, ist weit wertvoller: Sie machen die zitierten Äußerungen derart nachvollziehbar, dass ein Ausrutscher ausgeschlossen ist.

Entstanden ist ein prägnanter und fundierter Abriss über „Wirtschaft, Politik und Großmachtsambitionen in Deutschland von 1871 bis heute“. Das Buch ist eine gut lesbare Einführung in die Geschichte, der auch der historisch bewanderte Leser immer noch etwas abgewinnen kann, und zugleich ein brauchbares Nachschlagewerk.

Der Untertitel lässt sich als Dreiklang verstehen: Wirtschaft und Politik werden im Hinblick auf deutsche Weltmachtambitionen, Kapitalstrategien sowie deren politische Vermittlung und notfalls militärische Durchsetzung dargestellt.

Gleich das erste Kapitel zum Deutschen Reich von 1871 bis 1918 führt in eine Zeit kriegerischer Zuspitzung und verschärfter sozialer Kämpfe. „Die Schwerindustrie vertrat einen harten Kurs gegen die Arbeiterschaft … Der Elektro-Chemie-Komplex hingegen sprach sich für eine Linie aus, die als Bekämpfung der Revolution durch die Reform umschrieben werden kann”, beschreiben Biermann/Klönne die unterschiedlichen Kapitalinteressen.

Bereits 1905 arbeitete die Militärführung angesichts eines Streiks der Bergarbeiter an den Ruhr und reichsweiter Solidaritätsaktionen, angesichts aber auch der Revolution im zaristischen Russland Bürgerkriegspläne aus. Den Plan entwarf der Generalstab in Abstimmung mit der Regierung, Grundlage dafür war ein Schreiben des Kaisers an den Reichskanzler, in dem es hieß: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig per Blutbad, und dann Krieg nach außen. Aber nicht vorher und nicht à tempo.“

Der Stoff ist spannend, und so hätte man es hier und da gerne etwas ausführlicher, gerade dort, wo politische Auseinandersetzungen erwähnt werden. Beispiel: In den 1890er Jahren gelang es „trotz massiver Propaganda der Arbeitgeberverbände nicht, die Zuchthausvorlage durch den Reichstag zu bringen. Der Sturm der Empörung unter den Arbeitern war so groß, daß flexiblere Unternehmer zur Zurückhaltung rieten.” Wie sich die Empörung äußerte, ist leider nicht zu erfahren — schließlich werden knapp 150 Jahre Geschichte kompakt auf rund 290 Seiten behandelt.

Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf den Grundlagen deutscher Großmachtambitionen, dabei schält sich ein bemerkenswerter roter Faden heraus: die Europastrategien. Was heute allgegenwärtig ist (Ex-Kanzler Schröder: „Deutschland macht heute Außenpolitik in Europa, für Europa und von Europa aus“), ist für die Zeit um 1900 weniger bekannt.

Biermann/Klönne: „In den Berliner Expansionsideen nahmen seit der Jahrhundertwende Pläne eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbundes, dem, natürlich unter deutscher Führung, Länder wie Belgien, die Niederlande und Luxemburg zugerechnet wurden, einen besonderen Platz ein … Dank ihrer ökonomischen Überlegenheit würde die deutsche Industrie eine Hegemonie gegenüber ihren ‘Partnern‘ durchsetzen und so eine ökonomische und politische Grundlage für das eigentliche Ziel, nämlich die Beherrschung des Weltmarktes schaffen und, en passant, Frankreich an die Kette legen.“

Und weiter: „Die auf deutsche Hegemonie gerichtete Durchdringung Mitteleuropas sollte zu einer ‘Mitteleuropäisch-Vorderasiatischen Militär- und Wirtschaftsunion‘ führen, der auch die Türkei angehören sollte. Von dieser Basis ausgehend sollte dann das weitergehende Ziel, die Weltherrschaft, in Angriff genommen werden.“

Nach 1945 diente Europa der BRD ökonomisch als Hebel, um ihre Weltmarktanteile stetig auszubauen. Bei der empirisch sorgfältigen Darstellung dieser Entwicklung dürfte mit ausschlaggebend sein, dass Werner Biermann als Privatdozent für Soziologie und International Business Culture an der Universität Paderborn tätig war. Entsprechend informativ ist etwa das Kapitel zur Treuhandanstalt und deren Wirken ab 1990.
Zu diskutieren bliebe punktuell die Interpretation des Zahlenmaterials. So wird im Zusammenhang mit der „Strukturanpassung” der ostdeutschen Wirtschaft auf die gigantischen Gewinne westdeutscher Unternehmen verwiesen, die sich „nach dem Anschluss durchschnittlich verdoppelten, und zwar von insgesamt 345 Milliarden DM jährlich zwischen 1980 und 1989 auf 653 Milliarden für 1995”.

Ernst Nolte drückte sich in diesem Zusammenhang 1992 in der FAZ drastischer aus: „Zeigt sich nicht, dass sogar Hitlers Vorstellung vom ‘Lebensraum‘ keine bloße Phantasie war, da doch ganz Osteuropa heute der Tätigkeit der deutschen Wirtschaft offenzustehen scheint?“

Von aktuellem Interesse sind die Ausführungen zur neuen Rolle der Bundeswehr und zur europäischen Aufrüstung. Dabei führen die Autoren eine symptomatische Überlegung des ehemaligen Bundesministers und alten Strategen der SPD, Egon Bahr, an, die pikanterweise einem Interview mit der Jungen Freiheit entstammt: „Wir müssen lernen, wieder eine normale Nation zu sein … Wenn wir nur eine Wirtschaftsgemeinschaft bleiben, werden wir politisch immer durch die USA manipulierbar sein. Wenn wir bei dem beschlossenen Ziel einer politisch selbstbestimmten Gemeinschaft bleiben, muss Europa Streitkräfte aufstellen, die auch selbstbestimmt eingesetzt werden können.“

In diesem Zusammenhang werden beispielsweise die Hintergründe der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) aufgedeckt, in deren Beirat neben wichtigen Thinktanks wie der Bertelmann-Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik auch die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Evangelische Kirche und der DGB vertreten sind. Oder die Verzahnung der Rüstungsindustrie auf dem Markt der Inneren Sicherheit. Oder der Zusammenhang der Energiepolitik der EU mit militärischen Planungen.

1995 schrieb Joseph Fischer in einem Brief an seine Partei, was sich rückwirkend wie ein inoffizielles Bewerbungsschreiben an das Auswärtige Amt liest: „Bekommt Deutschland jetzt, nachdem es friedlich und zivil geworden ist und mit dem Ende des Kalten Krieges seine Einheit im internationalen Einvernehmen zurückerhalten hat, all das, was ihm Europa, ja die Welt, in zwei großen Kriegen erfolgreich verwehrt hat, nämlich eine Art ‘sanfter Hegemonie‘ über Europa, Ergebnis seiner Größe, seiner wirtschaftlichen Stärke und seiner Lage und nicht mehr eines militärstrategischen Potenzials?“

Heute heißt nicht nur bei den Grünen Friedenssicherung, was früher einmal Imperialismus hieß.


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