Willie Mitchell (1928–2010)


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2010/02/willie-mitchell-19282010/
Veröffentlichung: 06. Februar 2010
Ressorts: Zur Person

Tod einer Soullegende
von Lothar A. Heinrich

Am 5.Januar erlag Willie Mitchell in Memphis einem Herzstillstand. Er war 81 Jahre alt und ist zu einer Legende der Soulmusik geworden.
Willie Mitchell sang nicht, pflegte keinen auffallenden Stage Act und hat nicht als Instrumentalist, schon gar nicht als Gitarrist, überragende Bedeutung für die Soulmusik der 60er und vor allem 70er Jahre erlangt, sondern als Eigentümer des Royal Recording Studio in Memphis (Tennessee) und als Produzent der in dieser Stadt beheimateten Plattenfirma Hi Records. Als solcher hat er seit 1967 mit Interpreten wie O.V.Wright, Ann Peebles (I Can’t Stand The Rain), dem Soul-Blues Sänger Otis Clay und Syl Johnson gearbeitet. Als Gitarrist war er lange Jahre Sideman berühmter Chicago Bluesmen wie Magic Sam, Howlin’ Wolf, Jimmy Reed und Junior Wells; dann Soul-Sänger. Vor allem aber hat er den Soulstar der 70er Jahre Al Green entdeckt. Ihnen allen hat er seinen musikalischen Stempel aufgedrückt.
Willie Mitchell wurde im März 1928 in Ashland (Mississippi) als Sohn eines schwarzen Pachtbauern geboren. Die Familie zog jedoch schon bald nach seiner Geburt nach Memphis um, das im unmittelbar benachbarten Bundesstaat Tennessee liegt. Es ist bis heute das wahre wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Mississippi-Deltas, zugleich liegt es im Herzen der Country Music, dessen Hauptstadt Nashville die Hauptstadt des BundestaatsTennessee ist. Der Einfluss der weißen Countrymusik auf den schwarzen Rhythm ’n Blues (R&B) der 50er Jahre war schon in Gestalt des Rockabilly prägend und vom Elvis-Presley-Entdecker Sam Phillips auf Sun Records verewigt worden. In anderer Form war dieser Einfluss in der schwarzen Soulmusik der 60er, vor allem im Instrumentalen, herauszuhören.
Mit acht Jahren begann Willie Trompete, später Klavier. In den späten 50er und den 60er Jahren leitete er seine eigene zehnköpfige R&B-Band und veröffentlichte auf dem Hi-Label eine Reihe ziemlich erfolgreicher instrumentaler Singles und LPs, darunter eine gute Coverversion der «Soul Serenade», des Hits des Saxophonkönigs King Curtis. Überdies spielte er an der Seite bekannter moderner Jazzmusiker wie Booker Little, Charles Lloyd und Phineas Newborn Jr.
In den 50er Jahren sang bei Sun Records in Memphis ein Rockabillysänger namens Warren Smith einen Song mit dem Titel «Red Cadillac And A Black Moustache». Ob Willie Mitchell je einen roten Cadillac fuhr, weiß ich nicht, aber ein dünner schwarzer Oberlippenbart blieb bis zu seinem Tod ein wesentliches optisches Markenzeichen. Er verkörperte durch und durch eine schwarze Version des Südstaaten-Beau. Er soll einen eher laschen Händedruck gehabt haben alles in allem ein Mann, der ganz und gar entspannt wirkte. Damit verkörperte er gewissermaßen auch das, was er selbst zum Charakter der Musik von Memphis erklärte:
«Jazzmusiker hier konnten wirklich schnell spielen, aber trotzdem spielten sie ein wenig hinter dem Beat. Diese Qualität der Faulheit ist etwas, was die Jazz- und die R&B-Musiker in Memphis immer gemeinsam hatten. Selbst die Bill Black Combo und Otis Redding, die spielten immer etwas hinter dem Tempo, und ganz plötzlich würde dann jeder anfangen, im Rhythmus zu schaukeln. Sie wären so einen halben Beat zu langsam, und dann würde es sich anhören, als ob sie ihn überhaupt nicht mehr träfen, und dann würden sie sich so im Rhythmus wiegen und dann doch genau auf den Beat rauskommen. Ich konnte diese Qualität im Blues von Memphis hören, als ich hier hoch kam, und ich konnte es die ganze Zeit bis hin zu Al Green hören.»

Eher romantisch als dramatisch
Diese Qualität, verbunden mit einem ihr entgegenkommenden Instrumentalsound, war es, die Willie Mitchell deutlicher noch als die Kollegen der Konkurrenzfirma Stax/Volt repräsentierte, die durch Stars wie Otis Redding, Sam & Dave u.a. bekannter war. Schon bevor er diese Qualität in Zusammenarbeit mit dem Deep-Soul-Sänger O.V. Wright («You’re Gonna Make Me Cry») und vor allem mit Ann Peebles und Al Green durch seine eigene Rhythmusgruppe realisierte, hatte er entsprechende Erfahrungen gesammelt, als er Songs des R&B-Superstars Bobby «Blue» Bland für das Houstoner Label Duke produzierte, der auch O.V. Wright unter Vertrag hatte. In Texas pflegte man einen R&B-Stil, der gegenüber dem eher ländlichen Sound von Stax/Volt mehr durch die Big-Band-Tradition des Mittleren Westens beeinflusst war.
Im Vergleich zu Stax/Volt und deren berühmter Studioband Booker T. & The MGs (deren Instrumentalhit «Green Onions» im Übrigen Willie Mitchell Wesentliches verdankt), ergänzt durch die Memphis Horns, zeichnete sich Mitchells Produktion zunehmend durch einen verfeinerten, warmen Sound aus, gekennzeichnet durch Saxophone statt Trompete und gleichmäßig im 4/4-Takt geschlagene Drums. Dem Ganzen fügte er eine kleine Streichersektion hinzu, die einfache bläserartige Linien spielte. Das war in Vollendung auf den Aufnahmen von Al Green zu hören, den Mitchell so Anfang der 70er Jahre mit Songs wie «Let’s Stay Together», «Tired Of Being Alone», «Call Me» oder «Take Me To The River» zum Soul-Superstar des Jahrzehnts machte.
Er sorgte auch dafür, dass sich Al Greens Gesang dem Sound der Band anpasste und eher romantisch als dramatisch wurde, ohne dabei gänzlich auf das aus der Gospelmusik kommende ekstatische Element im Soulgesang zu verzichten. Vielmehr weist Mitchells erfolgreiches Drängen, Al Green solle seine Stimme in höhere Register bis hin zum Falsett schrauben, gerade darauf hin. Ist der Falsettgesang in der europäischen klassischen Musik Ausdruck des Patriarchats, weil Männer in der Kirche Frauenstimmen singen mussten, weil diese dort zu schweigen hatten, ist der Falsettgesang in der afroamerikanischen Musikkultur ursprünglich Ausdruck davon, dass die Götter oder der Gott vom Sänger Besitz ergreifen und ihn mit fremder Stimme sprechen lassen.

Übergang zur Black Music
Willie Mitchell schuf somit den Übergang vom Soul als modernem Ausdruck des ländlichen Südens zur großstädtischen Black Music der Gegenwart. Da war zunächst die auch auf den internationalen Popmarkt orientierte Produktion von Motown Records in Detroit, deutlicher aber noch der durch die Einbeziehung größerer Streicherbesetzungen gekennzeichnete «Philly Sound» (The O’Jays, Harold Melvin & The Blue Notes etc.). Detroit und Philadelphia liegen beide bekanntlich in den Nordstaaten.
Jonathan Fischer bezeichnete 1998 in seinen Linernotes der bei Trikont erschienenen Compilation Sad Soul Of The Black South den gegenwärtigen Mainstream Soul als auf «Party, Sekt und Seidenlaken» abonniert. Willie Mitchells Produktionen der zweiten Hälfte der 60er, vor allem aber der ersten Hälfte der 70er Jahre bereiteten «Philly Sound», Disco und «Nu Soul» vor, bewahrten aber das Erbe einer in der Tiefe der schwarzen Kultur des Südens wurzelnden Musik.
Hi Records, das nach dem Tod seines Gründers 1970 in Mitchells Besitz überging, wurde 1977 an die britische Firma Cream verkauft; Willie Mitchell blieb jedoch Eigentümer des Royal Studio. 2009 produzierte er noch Rod Stewarts Soulbook-Album, für beide allerdings kein Höhepunkt ihres Schaffens.
Seine letzte Produktion, ein Album für den 60er-Jahre-Soulstar Solomon Burke, ist noch nicht erschienen. Willie Mitchell erhielt 2008 den Trustees Award der Grammy Foundation, die Stadt Memphis hat die Straße vor seinem Tonstudio nach ihm benannt. Der Wiener Standard schrieb in seinem Nachruf: «Willie Mitchell schuf als Produzent eine der dauerhaftetsten und verführerischsten Ästhetiken der Soulmusik.»