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James Ellroy: Blut will fließen

Berlin: Ullstein, 2010
783 S., 24,90 Euro
von Udo Bonn

Knapp zehn Jahre lies James Ellroy sich Zeit, den dritten Band der Underworld-USA-Trilogie zu veröffentlichen. Eine lange Zeit mit nur noch vagen Erinnerungen des Lesers an seine Darstellung der Planung der Ermordung der beiden Kennedybrüder und Martin Luther Kings durch einen Komplott von FBI-Agenten, der Mafia, korrupten Gewerkschaftern, rechtsextremen Exilkubanern und paranoiden Söldnern.
In Blut will fließen wird den Erinnerungen auf die Sprünge geholfen. Nach der Schilderung eines äußerst brutalen Überfall auf einen Geld- und Edelsteintransport 1964 in Los Angeles fasst Ellroy auf rasant zu lesenden 30 Seiten die Geschichte der beiden ersten Bände zusammen. Und langsam gleitet die Nacherzählung in das Jahr 1968 hinüber. Wieder taucht der ehemalige Rechtsanwalt Wayne Tedrow Jr. auf, schuldbeladen mehr durch seine Verwicklung in die Attentate als durch seinen Mord am Vater.

Der FBI-Agent Dwight Holly ist wieder da, der Liebling von Edgar Hoover und dessen Mann fürs Grobe. Holly soll sich darum kümmern, zwei lokalen Organisationen des schwarzen Widerstands zu unterwandern, um sie durch Drogengeschäfte zu kriminalisieren. Währenddessen dient sich Tedrow sowohl der Mafia als auch dem zunehmend debiler werdenden Howard Hughes an: Seine Aufgabe ist es, nachdem Kuba als Glücksspielparadies verloren ist, einen neuen sicheren Platz für umfangreiche Investitionen in Kasinos und Hotels zu suchen. Hoffnung macht sich das organisierte Verbrechen auf den Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon, der dann auch im laufenden Wahlkampf tatkräftig unterstützt wird.

Konsequent setzt James Ellroy, der von sich selber behauptet, politisch ein Konservativer zu sein, die Demontage der US-amerikanischen Politik, der herrschenden Schichten und ihrer Sicherheitsorgane in Blut will fließen fort: Ihre Neigung zu illegalen Aktivitäten, ihre symbiotischen Verbindungen zu Gangstern, ihre ungezügelte Gewaltbereitschaft, ihr Rassismus und Imperialismus, ihr individueller und kollektiver Wahnsinn. Am Ende erfahren Tedrow und Holly Erlösung in ihrer Liebe zu einer schwarzen Gewerkschafterin und einer oder zwei linken Aktivistinnen. Und einer, auch ein Gewandelter, bleibt übrig, um die Geschichte zu erzählen und die Erzählung der Genossin J.M. zu widmen.

Ellroys Trilogie lässt sich nicht leicht lesen, zu gemein ist die Sprache, zu verstörend sind die angerichteten Untaten, zu stark ist der Strudel der Ereignisse, die alles Menschliche nur noch in die Hölle zu ziehen scheint. Nur schattenhaft treten die einfachen, namenlosen Widerstandskämpfer auf, ihr Mut und ihr Trotz scheint zu unfassbar zu sein, um ihnen ein Gesicht zu verleihen.

Nicht um sich davon zu erholen, sondern um angesichts der geschilderten Ungeheuerlichkeiten Elloy nicht der Durchgeknalltheit zu verdächtigen, empfiehlt es sich, parallel zum vorgestellten Roman Howard Zinns Eine Geschichte des amerikanischen Volkes zu lesen: eine brillante Hinführung zu Underworld USA.


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