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Winfried Wolf: Sieben Krisen, Ein Crash

Wien: Promedia, 2009, 253 S.
von Hermann Dworczak
Winfrieds Wolf Buch bietet eine gründliche Analyse der aktuellen Krisen des globalen Kapitalismus quer zu diversen, gänzlich an der Oberfläche verharrenden Erklärungen.
Der Großteil der Erklärungen der aktuellen globalen Krise des Kapitalismus verbleibt weitgehend an der Oberfläche: Die Rede ist von einer bloßen Krise des Finanzsektors, der «Gier der Spekulanten». Entsprechend dürftig fallen auch die Antworten zur Behebung der Krise aus: Mehr Regulierung der aus den Fugen geratenen Finanzmärkte, Transaktionssteuer, etwas mehr staatliche Interventionen also eine Prise Neokeynesianismus.

Solange solche Erklärungen und Antworten nur auf dem bürgerlichen Meinungsmarkt zirkulieren, sollte uns das nicht weiter kratzen. Peinlich wird’s, wenn Gewerkschaften darauf reinfallen, ja sogar Teile der globalisierungskritischen Bewegung. Und ungenügend ist es auch, wenn nur von Krise in der Einzahl gesprochen wird, also ihre nichtökonomischen Facetten ausgeblendet bleiben.

Die Argumentation des Marxisten Winfried Wolf hebt sich hier wohltuend ab. Sie stößt in die Tiefenstruktur der kapitalistischen Produktionsweise vor und kommt auf insgesamt sieben Krisenstränge, die ineinander verwoben, den aktuellen Crash bewirkt haben.

Wolf zerpflückt auf beeindruckende Weise den Mythos, dass «die Krise nicht voraussehbar war». Im Kapitel «Die Krise der Realwirtschaft» werden 200 Jahre kapitalistischer Krisenzyklus vorgestellt. Und auch «die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist in erster Linie eine Krise der materiellen Produktion». Diese These wird an Hand der IT-Branche und der Autoindustrie als «Exempel für die allgemeine Krise» empirisch erhärtet.
Überproduktion ist die eine Seite der ökonomischen Krise. Ihre Kehrseite heißt Unterkonsumtion also der allgemeine Rückgang der zahlungsfähigen Nachfrage. Während die Vulgärökonomie beide Seiten auseinanderreißt, unterstreicht Wolf: «Überproduktion und Unterkonsumtion bilden eine Einheit». Der Abschnitt «Die Verteilungskrise» belegt dies durch die Schilderung zahlreicher internationaler Entwicklungen.

Die Krisen lassen sich auch geografisch lokalisieren. Sie verlaufen nicht zuletzt entlang der Achse «Nord–Süd» und zeigen sich in einer «diabolischen Allianz von Erdöl-, Auto- und Agrobusiness». Der Kapitalismus stellt ein spezifisches Wachstumsmodell dar, und «diese spezifische ökonomische Grundstruktur [hat] eine dramatische Klimaveränderung heraufbeschworen und damit die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit auf die Tagesordnung gesetzt». Das Kapitel «Die Hegemoniekrise» hat die Relativierung der Führungsrolle der imperialistischen Hauptmacht, der USA, zum Thema.

All diese einzelnen Faktorenstränge beeinflussen das, was Marx den «tendenziellen Fall der Profitrate» genannt hat («Die Krise des Profits»). Die diversen milliardenschweren «Rettungsprogramme» der bürgerlichen Staaten bedeuten nur ein kurzes Durchatmen (auf Kosten der Massen). Und die nächste Krise ist nicht nur für Wolf so sicher wie das Amen im Gebet.

Um aus der Lähmung und Passivität herauszukommen, ist es notwendig, ein «alternatives antikapitalistisches Programm» zu entwerfen, ein Programm, das an den «aktuellen Erscheinungen der Krise und am Bewusstsein der Menschen anknüpft und zugleich perspektivisch auf eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung orientiert». Denn es ist «das kapitalistische System selbst, das die Systemfrage auf die Tagesordnung setzt.»


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