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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2010 |

Amaral: Antônia

Brasilien 2006
Regie: Tata Amaral
Verleih: W-film, www.wfilm.com
von Gaston Kirsche

Im Frühjahr 2010 tourt der brasilianische Musikfilm Antônia durch die Programmkinos.
Die weit ins Umland reichenden Favelas rund um die großen Städte Brasiliens sind seit dem Film City of God, den Fernando Meirelles 2002 in der Cidade de Deus drehte, im Kino präsent. Favelas sind Armutsviertel, informelle Siedlungen, in denen die Bewohner nicht über legalen Grundbesitz verfügen. Ebenso wie in Rio de Janeiro, wo sich die Cidade de Deus befindet, gibt es auch in São Paulo von Armut, Erwerbslosigkeit und Schattenökonomie geprägte Stadtteile.
In einem davon, Brasilandia, hat die vielfach ausgezeichnete brasilianische Regisseurin Tata Amaral einen Spielfilm über vier Freundinnen gedreht, die seit der Kindheit zusammen singen und mit ihrer Band Antônia Konzerte geben wollen. Dabei stehen ihnen aber soziale Verwerfungen und viele Männer im Weg. Anders als in dem Jungsfilm City of God steht nicht die Gewalt im Vordergrund, sondern der Alltag so bei den Proben tanzt die kleine Tochter einer der Frauen mit.
In der Metro, auf dem Rückweg von einem Auftritt als Backgroundsängerinnen bei einem Hip-Hop-Konzert, sprechen sie über einen eigenen Auftritt. Mit ihrem selbst geschriebenen Lied «Nichts kann uns stoppen». Die männlichen Hip-Hop-Stars, bei denen sie als Chor sonst hinten auf der Bühne stehen, sind einverstanden. Und dann geht es los die vier rappen, mit Souleinlagen und klaren, powervollen Stimmen: «Ich gebe nicht auf, niemand kann sich mir in den Weg stellen, solange ich kämpfen kann, kann mich nichts stoppen…»
Das Publikum tobt. Die Konzertszenen sind beeindruckend. Gedreht wurde bei realen Konzerten, das Publikum sind keine Statisten. Regisseurin Tata Amaral hat sich dafür entschieden, ohne Schauspielerinnen zu drehen. Alle, die vor der Kamera stehen, kommen aus den Favelas und der Hip-Hop-Bewegung. Die vier Sängerinnen Negra Li, Cindy, Leilah Moreno und Quelynah, die im Film die Band Antônia darstellen sind in Brasilien landesweit bekannte Hip-Hoperinnen. Das gute Musik alleine keine Eintrittskarte zum Erfolg ist, wissen die vier jungen Frauen im Film. Aber sie wollen sich mit einen powervollen Mischung aus Hip-Hop, Musica Popular Brasileira und Soul aus der Armut singen.
Ein Manager bietet sich an wunderbar changierend zwischen vertrauenswürdig und marktorientiert gespielt von dem Hip-Hoper Thaide, der den Musikmarkt aus eigener Erfahrung kennt. Er besorgt Auftritte, etwa bei einer Geburtstagsparty einer jungen Oberschichtsfrau. Dort singen sie als Ständchen das weichgespülte «Killing me softly». Auf dem Weg nach Hause sagt Barbarah: «Ich singe alles, ich brauche das Geld.»
Von ihrer eigenen, rebellischen Musik können sie nicht leben. Und der harte Alltag der Vier bringt ihr Projekt an den Rand des Scheiterns. So erregt sich Preta, die sich gerade von dem untreuen Vater ihrer vierjährigen Tochter getrennt hat, als Mayah sich mit ihrem Ex unterhält. Die schwangere Lena muss ihrem Freund versprechen, mit dem Singen aufzuhören sonst akzeptiert er das Kind nicht. Barbarah schlägt einen jungen Mann zusammen, als der sich vor ihr damit brüstet, ihren Bruder beinahe totgeschlagen zu haben, weil der schwul ist. Beeindruckend, wie die vier jungen Frauen und auch die anderen Akteure ihr eigenes Leben, ihre eigenen existenziellen Probleme darstellen.
Manchmal etwas hölzern, nicht so glatt wie von professionellen Schauspielerinnen performt, spiegelt sich in ihrem Agieren ihre eigene Sicht auf ihr Leben. Und in den Texten ihrer Lieder: «Ich bin eine starke Frau, eine stolze Kriegerin, nicht geboren zu dienen», rappt Preta. Der Bandname Antônia bedeutet Kriegerin. So heißt auch ihr letztes Lied im Film: «Jede von uns kann eine Kriegerin sein, wir sind alle Antônia!»
Die Regisseurin hat, ebenso wie Fernando Meirelles bei City of God, auf ein detailliertes Drehbuch verzichtet. Der Ablauf der Szenen hat sich vor der Kamera ergeben. So schwingt in den Sequenzen, in der Lenas Freund ihr das Singen verbieten will, auch mit, dass die meisten Hip-Hop-Sängerinnen aufhören aufzutreten, wenn sie heiraten weil ihre Männer es ihnen aus Eifersucht verbieten. Oder weil sie sich mehr oder weniger alleinerziehend um die Kinder kümmern und um den Gelderwerb. Gedreht wurde dort, wo der Film spielt in der riesigen Favela Brasilandia, in der 280.000 Menschen versuchen zu überleben.

www.wfilm.com


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