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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Neo Rauch: Der Archetyp auf der Leinwand

von Jürgen Meier

Die Pinakothek der Moderne, München, und das Leipziger Museum der bildenden Künste richten dem Maler Neo Rauch zu seinem 50.Geburtstag in einer Doppelausstellung Jubiläumsschauen aus. Seine Bilder nennt Rauch «Begleiter», so heißt auch die Doppelausstellung, die bis zum 15.8. zu sehen ist.
Der Maler und Grafiker Neo Rauch, dessen Bilder auf der ganzen Welt hoch gehandelt werden, war schon als DDR-Teenager schwer begeistert von westlicher Rockmusik, berichtet die Zeitschrift Rolling Stone – mit besonderer Vorliebe für britischen Punk. «Mich faszinierte dieses Wilde, unmittelbar in die Muskelfaserstruktur Überspringende, Widerspenstige.» Mit 14 Jahren kaufte er sich im sächsischen Aschersleben das erste Radio. Am liebsten stellte er den britischen Soldatensender BFBS ein: «Westsender hat jeder gehört, das war kein Problem, man musste es ja nicht dem Klassenlehrer erzählen. Ich war ja eher ein Einzelgänger. Kein Sportplatzprinz oder Discoschläger. Meine Schulkameraden interessierten sich vor allem für Fußball und Skat. Mit beidem hatte ich nichts zu tun.» Er gefiel sich als «junger Schöngeist», der mit 16 Jahren Pfeife rauchte. «Eine Pose, die ich aus atmosphärischen Gründen einnahm, weil es meiner Vorstellung vom Dandy entsprach.»

Der Dandy Neo Rauch wurde im Westen jubelnd empfangen. Während Die Welt oder der Fernsehsender Arte Rauchs Werke zwar bewundern, aber doch über seinen großen Erfolg staunen, da seine Arbeiten doch häufig an den «Sozialistischen Realismus» erinnern würden, widerspricht Rauch. Seine Arbeiten seien Darstellungen von «Archetypen». «Für mich steht Flamme in der Regel für Inspiration, ein altertümlicher Begriff, der in der Gegenwartskunst keine Rolle spielt, für mich sehr wohl.»

Der Psychologe C.G.Jung glaubte Archetypen aus der Astrologie, der Religion, den Träumen, Sagen und Mythen erklären zu können. Die Faszination für Archetypen, wie sie in den Bildern von Rauch in trüben Farben, in der Art werbegrafischer Collagen, gezeigt werden, beantwortet die entscheidende Frage, wenn wir über Kunst und Künstler sprechen: «Können wir die Welt, in der wir Menschen leben, erkennen und begreifen, oder können wir es nicht? Ist alles nur Schicksal? Prägen uns die Archetypen von irgendwo?» Neo Rauchs Antwort ist klar: Wir können sie nicht erkennen!

In Rauchs Bildern geht es nicht um «Träume» oder, was Kunstexperten auch zu wissen glauben, um einen Künstler des «Surrealismus», sondern um die Interpretation unserer Welt. «Verhör» lautet der Titel eines seiner Bilder. Hier werden Menschen gezeigt, die brutal gegeneinander kämpfen, weil sie unterschiedlichen «Ideen» anhängen. Mitten im Bild ruht ein Buch, dessen Cover an den Koran erinnert. Über diesem Buch, in der rechten Hand einen Baseballschläger haltend, streckt ein Mann wütend das Buch seiner Gesinnung, es könnte eine Bibel sein, mit dem linken Arm in die Luft und droht einem Gefangenen, der auf seiner nackten Brust viele kleine Bomben eines Selbstmordattentäters trägt. Der Gefangene kauert auf einem Stuhl und wird von einer Frau am Arm gehalten, die deutlich an das Bild von Delacroix, «Die Freiheit führt das Volk», erinnert. Bei Delacroix streckt eine barbusige Frau die Fahne der Revolution in die Höhe. Bei Rauch ist es ein Knüppel, der jedoch wie eine Fahne wirkt, da dessen Ende sich mit einem Vorhang verbindet.

Die Botschaft liegt auf der Hand: Die Wirklichkeit der Menschen ist ein widerlicher Streit subjektiver Wahrheiten. Es gibt keine objektive Wirklichkeit. Die «Verbohrtheit» der Menschen in ihre persönlichen Ideologien ist allein schuld an der Gewalt. Kriege sind nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – zur Stützung der Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen – sie geschehen, weil Menschen von archetypischen Urbildern schicksalshaft geprägt werden.

Fazit: Der Mensch ist von Natur aus böse. Mit «narrativem Realismus», so die FAZ vom 20.4.2010, können Rauchs Bilder nicht erklärt werden. Sie entsprechen vielmehr dem ideologischen Zeitgeist der Spätbourgeoisie, und der ist manipulativ und brutal. Wenn der Mensch von Natur aus böse ist, dann muss niemand danach fragen, warum es in Afghanistan Krieg gibt oder trotz gesellschaftlichem Reichtum immer mehr Menschen auf der Welt verhungern.

Neo Rauch, so stellt De Volkskrant (Amsterdam) treffend fest, habe eine «wichtige Rolle in der Ära nach dem Kalten Krieg, der Emanzipation der Kunst in den osteuropäischen Ländern und der Renaissance der neofigurativen Malerei nach 1989» übernommen. Rauch, aber auch Gerhard Richter oder Sigmar Polke, hätten im Osten nicht nur gelernt, das Handwerk der Malerei und Ästhetik mit einem zeitgenössischen Geschmack zu verbinden, sondern hätten bewiesen, «dass es sich lohnt, die Regeln der am Sozialistischen Realismus ausgerichteten Professoren aus Dresden zu brechen». Außer Baselitz, dessen handwerkliche Fähigkeiten für die Aufnahme an einer Akademie der DDR nicht ausreichten, kommen die meisten bekannten Kunstmaler aus der DDR. Dort lernten sie offensichtlich noch das Handwerk der Malerei, um sich damit heute ausgezeichnet der herrschenden Ideologie des Westens anpassen zu können.

Rauchs Bilder bleiben beim Unmittelbaren der Erscheinungen hängen. Was er seinerzeit an den Punkbands so schätzte, hat ihn orientierungslos gemacht. Denn mit der Darstellung der «Unmittelbarkeit» lässt sich die Malerei nicht zur Kunst erheben. Das hört sich kompliziert an. Ist es auch. Es ist nur dann vom Künstler zu meistern, wenn er sich die Welt «erobern» will. Wenn er begreifen und erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält und warum Menschen in konkreten Situationen so sind, wie sie sind.

Wer dagegen die Wirklichkeit für unerkennbar hält und Archetypen zu Leitfaktoren seines Schaffens macht, wird keine Kunst schaffen können, sondern passt sich einer spätbürgerlichen Kultur an, die sich mehr und mehr vernichtet hat und sich lediglich an der unmittelbaren Darstellung von Trieben, Tod und Gewalt aufgeilt – und damit sogar Bewunderer findet. Der Verfall der bürgerlichen Kultur führt konsequent zum Verfall der Kunst, die stets Teil der Kultur ist. Ohne Kultur keine Kunst! Wer Kunst schaffen will, muss sich an realer humanistischer Kultur orientieren oder er wird zu grellem Rauch auf den Medienbühnen der Spätbourgeoisie. Was sich allerdings in Euro auszahlt.

Neo Rauch ist Teil des kulturellen Verfalls. Wer sich in seine Bilder vertieft, dem scheint es, als sei Ernst Jüngers «Stahlgewitter» großflächig auf die Leinwände gebannt worden. «Als der Krieg wie eine Fackel über das graue Gemäuer der Städte lohte», heißt es bei Jünger, «fühlte sich jeder jäh aus der Kette seiner Tage gerissen. Taumelnd, verstört durchfluteten die Massen die Straßen unter dem Kamme der ungeheuren Blutwelle, die sich vor ihnen türmte. Die Verfeinerung des Geistes, der zärtliche Kultus des Hirns gingen unter in der klirrenden Wiedergeburt des Barbarentums.»

Die Titel der Rauch-Bilder klingen nicht von ungefähr wie Jüngers Programmatik: «Warten auf die Barbaren», «Paranoia», «Die Flamme», «Jagdzimmer». Es geht Rauch angeblich um Zeitlosigkeit, um «ewig Gültiges» und einen originären Geniebegriff, was genauso reaktionär ist wie seine Forderung, «den Fernseher zu zerhacken, um nicht vom visuellen Müll der Gegenwart beschmutzt zu werden». Riesen, Gnome, Bartträger und gallertartige Gebilde, Vorhänge und Wälder, Hangar, Herrenhäuser, Abstellkammern und technisch-militärisches Gerät prägen seine Werke, seine Figuren haben wenig Bezug zum alltäglichen Leben.

Rauchs Bilder vermitteln den Eindruck, als stünde das gesellschaftlich konkrete Sein mit dem «Geist» (Bewusstsein, Unbewusstsein) in keiner Beziehung. Alles hängt mit nichts zusammen. Die Kultur nicht mit dem Imperialismus, der Imperialismus nicht mit der Kunst. Die Kunst wird zur ideologischen Showbühne, auf der Kanzler, Minister, reiche Sammler, affige Journalisten und Kunstexperten so tun, als drehe sich in der Kunst alles allein um den «Strich», den «Stil», die «Farbe», das «Format» usw. Sie trennen die Kunst vom Leben, weil das Leben Fragen aufwirft, die Kanzler, Minister, Kapitalisten, Sammler, Aussteller und Journalisten in ihrer Existenzberechtigung bedrohen könnten.

Wird die Kunst vom Leben getrennt, kann sie nicht mehr ihre Kunst entwickeln, dem Menschen Selbstbewusstsein und einen aufrechten Gang zu vermitteln. Die Spätbourgeoisie hat zwar viel Geld, um den Kunstmarkt zu bestimmen, aber sie ist kunstfeindlich. Kunst kann nämlich nur da gedeihen, wo Kultur – oder anders formuliert – wo realer Humanismus gewollt und gelebt wird. Wo sich also Leben mit Kunst und Kunst mit Leben verbindet, das nicht länger entfremdetes Leben sein will. Die Spätbourgeoisie wird, wenn sie nicht durch die breite Front realer Humanisten daran gehindert wird, mehr und mehr potenzielle Künstler wie Rauch zu Werbern, Designern, Manipulateuren, sentimentalen Eventgestaltern (Musical) und Archetypglorifizierern degradieren.


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