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Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage

Berlin: Ullstein, 2010, 760 Seiten, 22,95 Euro
von Udo Bonn

Dennis Lehanes Mystic River und Shutter Island (die Verfilmung erscheint dieser Tage auf DVD) sind an dieser Stelle lobend empfohlen worden. Da Lehane sich nach deren Veröffentlichung mit dem Schreiben von Drehbüchern befasste, schien mit weiteren Romanen so schnell nicht zu rechnen zu sein.
Umso überraschender die Erscheinung seines neuen Buches Im Aufruhr jener Tage, um so überraschender das neue Thema: Rassismus und Klassenkämpfe in den USA nach dem Ersten Weltkrieg, in der kurzen Phase von 1918 bis 1920, in denen der Horror des europäischen Krieges, unkontrollierte Einwanderung, die russische Revolution, gewerkschaftliche Organisierung, schwere Streiks und erwachendes Selbstbewusstsein der schwarzen Bevölkerung bei der herrschenden Klasse, ihren Politikern und der AFL-Gewerkschaftsbürokratie Angstschauern bis zur Hysterie erzeugte.

Im Boston jener Tage kreuzen sich die Wege von Danny Coghlin, einem jungen Polizisten, dessen Vater, eingewandert aus Irland, schon eine Polizeikarriere hinter sich hat, und Luther Laurence. Der wurde, wie viele schwarze Arbeiter, aus dem Industriebetrieb entlassen, um weißen Kriegsheimkehrern den Arbeitsplatz freizumachen, und musste aus dem Süden fliehen, weil er einen Gangster umgebracht hatte. Beide treffen im Haus von Captain Thomas Coughlin, Dannys patriarchalischem Vater, aufeinander und freunden sich an.

Danny Coghlin ist einer der Überlebenden eines Bombenanschlags auf das Bostoner Police Department, schwankend zwischen Karriereleiter innerhalb der irisch-katholisch geprägten Polizei, seiner zunehmenden Sympathie für die gewerkschaftlichen Organisierungsversuche seiner Kollegen, dem Vergnügen, im einfachen italienischen Einwanderermillieu zu wohnen und auf Streife zu gehen.

Zunächst entscheidet er sich für die Loyalität zur Familie und zur Macht. Er erklärt sich bereit, Informationen über Arbeitervereine zu sammeln, wird zum Undercoveragenten, der auf die Lettish Workingmen’s Society angesetzt wird. Bundesagenten und hier betritt, schon als Riesendrecksau kenntlich, John Hoover die Bühne befürchten Aufstände am 1.Mai 1919, anarchistische Anschläge, Streiks und die Übernahme der Städte durch die Arbeiter. Danny Coghlin hat nur zynischen Spott für Revolutionäre über, gewinnt aber zunehmend Respekt gegenüber Louis Fraina, dem Vorsitzenden der lettischen Arbeiter, der für eine gerechte Sache zu kämpfen scheint.
Und dies um so mehr, als er immer mehr in die Auseinandersetzung um die Forderung der Polizistenkollegen verwickelt wir. Alle Versprechungen für die Nachkriegsphase sind nicht eingehalten worden: Abschaffung mörderisch langer Schichten, Beseitigung unhygienischer Zustände auf den Revieren, ein Lohn, von dem die Familie ernährt werden kann, Uniformen und Ausrüstungen, die von den Polizisten nicht mehr selber bezahlt werden müssen.

Während Danny immer stärker in den allgemeinen Sog des Aufruhrs hineingezogen wird, sieht sich Luther Laurence zunehmender Verfolgung durch Eddie McKenna, dem Auswanderer- und Polizeifreund des alten Coghlin ausgesetzt. Luther Laurence soll ihm Listen aus dem neuen NAACP-Büro besorgen, um die Bewegung der Schwarzen diskreditieren zu können.

Auf 760 Seiten entwirft Dennis Lehane ein kraftvolles, wutentbrennendes Bild der sozialen und politischen Kämpfe in den USA, wie es in jüngerer Zeit nur James Ellroy gelungen ist. Und er bleibt nicht bei den großen Ereignissen stehen: Das Zusammentreffen einer weißen Profibaseballmannschaft, unter ihnen auch die  spätere Sportlegende Babe Ruth,  mit einer Gruppe von hochtalentierten schwarzen Freizeitsportlern lässt einem den Atem stocken. Hier wird Herrenmenschenhybris mit Blicken ausgeübt und sie wirkt noch.

Ein toller Roman und eine hervorragende Illustration, warum es der herrschenden Klasse der USA immer gelungen ist, fortschrittliche Bewegungen entweder in den Griff zu bekommen oder zu zerstören: Sie ist Meisterin darin, die Kämpfe der  «kleinen Leute» zu spalten und sie dann auf einander loszulassen.


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