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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2010 |

Echo-Preis erstmalig an Jazz-Musiker verliehen

Jazzpreise, Lounge und Rassismus
von Lothar A. Heinrich

Am 5.Mai wurde in der Jahrhunderthalle in Bochum der Echo von der Deutschen Phonoakademie und dem Kulturinstitut des Bundesverbands der Musikindustrie e.V. verliehen und zwar erstmalig für den Bereich Jazz. Wer erhielt für was einen Preis? Und welche Botschaft sollte insbesondere die vom Fernsehen übertragene Show in Bochum aussenden?
Man könnte annehmen, dass die Erstmaligkeit der Preiskategorie Jazz auf einen neuen Aufschwung dieser Musik hindeutet, über deren Ende als Kunstmusik, die sie im Verständnis ihrer wichtigsten Protagonisten zumindest seit der Bebop-Revolution der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist, schon seit Jahren eifrig diskutiert wird. Allerdings gibt es insbesondere wenn man die von der Musikindustrie getroffene Auswahl in ihrer Tendenz betrachtet auch Grund für denVerdacht, es handele sich hier eher um ein Ehrenbegräbnis.

Nicht erst in jüngster Zeit haben insbesondere innovative Jazzmusiker aus den USA in Europa weitaus größere und auch ökonomisch günstigere Wirkungsmöglichkeiten gefunden als in den Staaten. Dennoch bleibt die Tatsache, dass der Jazz keineswegs zufällig in den USA entstanden ist und zwar aus dem Zusammentreffen der Nachfahren aus Afrika verschleppter Sklaven mit verschiedensten Formen der Unterhaltungsmusik der Einwanderer aus europäischen Länder. Egal welchen Namen man dieser Musik gibt, ob Jazz oder Great Black Music wie sie die Avantgardisten um Muhal Richard Abrams und die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) aus Chicago schon in den 70er Jahren bezeichneten ihre treibenden Kräfte kamen fast ausnahmslos aus der afroamerikanischen Community.

Damit unmittelbar zusammen hängt auch die Frage, was denn Jazz oder eben Great Black Music im Kern ist und somit die weitergehende Frage, ob das Label Jazz, wie es von der Industrie und den Medien verkauft wird nicht inzwischen allzu oft Etikettenschwindel ist.

Intensität
Der 1963 verstorbene französische Schriftsteller Jean Cocteau sagte einmal: «Nichts ist intensiv genug, es sei denn, es ist Jazz», und hat damit wahrscheinlich noch nicht einmal den ekstatischen Jazz des späten John Coltrane oder anderer Vertreter des New Thing gemeint. Aber die Intensität ist zweifellos, zusammen mit «formalen» Kriterien wie swing, Improvisation, Phrasierung und Tonbildung, die in unterschiedlichem Verhältnis eine Rolle spielen können, bestimmend für das, was Jazz als lebendige Kunst auszeichnet.

Wie aber ist es um diese Eigenschaften bei den Preisträgern des diesjährigen Echo bestellt?
Bis auf die Saxophonisten, die genannten Drummer und Trompeter, dem Tingvall Trio und insbesondere dem Veejay Iyer Trio erfüllt an und für sich keiner der Hochgelobten diese Kriterien, insbesondere nicht das der Intensität, sodass sie im Rahmen dessen lägen, was in der Vergangenheit als Jazz oder Great Black Music von Neuer Musik in europäischer Tradition unterschieden wurde.

Positiv hervorzuheben ist das Trio um Veejay Iyer, einen in den USA lebenden Pianisten mit indischem Hintergrund, der die Intensität indischer Rhythmik in seinen progressiven Jazz einbringt. Das Tingvall Trio ist insbesondere auch dank seines kubanischen Bassisten durchaus mitreißend, aber nicht wirklich innovativ. Das gilt natürlich gleichermaßen für die Neo-Bop-Musiker, die aber immerhin ein im Kern schwarzes Erbe bewahren, indem sie es gewissermaßen durch die Brille der musikalischen Entwicklungen nach der Epoche des Hard Bop der 50er Jahre neu interpretieren.

Ansonsten haben wir es in erster Linie mit hoch qualifizierten Musikern zu tun, die entweder, wie Curtis Stigers oder die beiden Sängerinnen Celine Rudolf und Melody Gardo, eine gepflegte, aber weitestgehend abgegriffene Musik machen, die man in Prä-Yuppy-Zeiten als bartauglich hätte bezeichnen können und die heute besser als Lounge- denn als Barmusik qualifiziert würde. Auf jeden Fall handelt es sich um höher qualifizierte Popmusic, deren Popcharakter insbesondere darin besteht, dass sie keinem wehtut und niemanden daran hindert, sich gleichzeitig zu unterhalten und mit Gläsern zu scheppern etwas wogegen sich einst der Bassist und Bandleader Charles Mingus bei einem Auftritt völlig uncool, aber lautstark verwahrt hat.

Dann gibt es da die Riege derer, die wie die Pianisten Wollny und Caine im Wesentlichen nur noch stimmungsvollen europäischen Wohlklang erzeugen, nicht selten unter Aufgabe praktisch aller genannter Bestimmungsmerkmale des Jazz oder der Great Black Music, insbesondere und das scheint mir das Hauptproblem zu sein der Intensität. Diese ganze Musik, auch die des berühmten Gitarristen Bill Frisell, die m.E. ganz wesentlich von den Fähigkeiten der Erfinder von Sound-Zusatzgeräten lebt, fußt, was das zugrundeliegende Lebensgefühl anbelangt, im Endeffekt auf dem weißen Westcoast Jazz oder gar der Tradition des verwandten chamber jazz minus «swing».

Kein Jazz mehr
In vielen Fällen ist hier «Fusion» oder «Jazzrock» ein Schlüsselwort, aber es sei daran erinnert, dass die erste bedeutende Aufnahme aus diesem Bereich, Miles Davis’ Bitches Brew von 1970, sehr viel mehr dem Drängen der Plattenindustrie, den Verkauf durch Einfangen des Rockpublikums zu steigern, als musikimmanenten Bedürfnissen verdankte, und dass sich die wichtigsten an diesem Projekt beteiligten Musiker schon vor Jahrzehnten von ihm abgewandt haben.

Schließlich sollten hervorragende Instrumentalisten wie der «Paganini des Basses», Renaud Garcia-Fons, oder der Ud-Spieler Anouar Brahim nicht ungenannt bleiben: Im Gegensatz zu den eben Erwähnten machen sie keineswegs dünnflüssige und letztlich langweilige Musik, aber deshalb doch keineswegs Musik, die sinnvollerweise als Jazz bezeichnet werden kann, sondern weitestgehend eine, die ihrer jeweiligen Heimat verhaftet ist. Das gilt auf andere Art auch für die Trompeterin Angelika Niscier, die zwar «free» bläst, aber damit noch keinen Jazz macht.
Auch wenn Freiheit, darunter auch die, von Stil zu Stil zu hüpfen oder aus anderen Musikkulturen zu schöpfen, ein zentrales Bestimmungsmerkmal des Jazz ist, ist Freiheit alleine doch noch kein Jazz. Es zeigt sich im Grunde schon seit vielen Jahrzehnten, dass der Jazz, der ohnehin in der Harmonik, der Instrumentierung und der Liedform soweit nicht vom Blues die Rede ist europäische Elemente sein eigen nennt, durch den vermeintlich veredelnden Rückgriff auf den Kern der europäischen Musik, nämlich das entindividualiserende Ideal des «schönen Klangs», von seinem Weg abgebracht und überflüssig wird. Man erinnere sich an Holzwege wie Jacques Loussiers zwischen 1959 und 1964 aufgenomme «Play Bach»-Alben. 2010 erhielt Jacques Loussier übrigens für sein Lebenswerk die «German Jazz Trophy – A Life for Jazz».

Wohl kaum zufällig hat etwa Ornette Coleman, der ebenfalls 1959 mit seinem Album The Shape of Jazz to Come den Free Jazz vorbereitet, dem er 1961 mit dem so benannten Album seinen offiziellen Namen gab, noch keine German Jazz Trophy erhalten.

Noch mehr als die Auswahl der Preisträger deutet allerdings der Akt der Preisverleihung unter Leitung des Trompeters Till Brönner auf ein anders Problem hin. Den Preis überreichten der Rapper Sido, der netterweise gleich sagte, dass er vom Jazz keine Ahnung habe, und die zu ihrem Glück hier arbeitende und nicht der direkten Konkurrenz in den USA ausgesetzte Soul-Sängerin Cassandra Steen. Neben den schon erwähnten Formationen Veejay Iyer Trio, Curtis Stigers und Klaus Doldinger trat u.a. Paul Kuhn auf, der pianistisch und vokal einen netten Swing-Standard zum Besten gab und einen Preis für sein Lebenswerk erhielt. Ansonsten hatte man die seit Jahren nur noch im Pop-Bereich aktive, aber als Jazz-Sängerin unzweifelhaft hervorragende Dee Dee Bridgewater geholt, den schwedischen Posaunisten Nils Landgren und eine norwegische Sängerin namens Silje Nergaard.

Landgren spielte mit seiner Band ein recht müdes Funkstück. Kennzeichnend für den ganzen Zirkus aber war die Vorstellung von Silje Nergaard, die zunächst über das angemessene Maß hinaus für ihr Aussehen gelobt und als «weiterer Höhepunkt des Abends» eingeführt wurde. In Wirklichkeit gehört sie zu der großen Riege der im Allgemeinen weißen und europäischen Jazz-Sängerinnen, die sich durch ein eher dünnes Stimmchen, mangelhafte Intonationsfähigkeit und das Fehlen jeder Art von Soul auszeichnen. Es handelt sich um Pop-Sänger, die etwas swingen. So what?

«Die Neger haben damit nichts zu tun»
Zusammenfassend: Der Echo und noch mehr die Preisverleihung selbst ist und war Widerspiegelung der gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit und der ideologisch von schlecht verdauten postmodernen Theorien begleiteten depressiven politisch-sozialen Lage seit den 80ern. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich um eine Feier der Enteignung und Verdünnung afroamerikanischer Kultur, die nun allerdings keineswegs neu ist. Bereits in der Frühphase behauptete Nick LaRocca, der Trompeter der Original Dixieland Jazzband: «Ich habe den Jazz erfunden. Die Neger haben damit nichts zu tun.»

Einer der offiziellen ersten Könige des Jazz war in den 20er Jahren Paul Whiteman, der im Wesentlichen mit seinem Orchester süßliche Tanzmusik spielte, aber hin und wieder einem Jazzer die Möglichkeit gab, ein Solo zu spielen. Der «King of Swing» des einzigen Jazz-Stils, der wirklich eine Angelegenheit der Massen war war weder Duke Ellington noch Fletcher Henderson oder Count Basie, sondern der Weiße Benny Goodmann. 1938 nahmen in New York «Horace Heidt and his Orchestra» einen Song namens «The History of Swing» auf,  in der kein einziger schwarzer Musiker erwähnt wurde und diese hatten den Swing zweifellos entwickelt. Auch später waren weiße Musiker wie Dave Brubeck finanziell viel erfolgreicher als seine schwarzen Kollegen wie Charlie Parker, Ornette Coleman oder auch John Coltrane.

Einst war der Rassismus im Jazz wie überhaupt in der Gesellschaft ganz offen, heute setzt er sich immer noch unter der Hand durch. Generell gilt, was schon ein wesentlicher Faktor für den Erfolg von Elvis Presley gewesen war: Dem überwiegend weißen, musikkaufenden Publikum, das sich für «schwarze» Musik erwärmt, soll jemand vorgesetzt werden, mit dem es sich besser als mit den schwarzen Originalen identifizieren kann. Mehr noch als im Fall von Elvis handelt es sich beim Jazz dabei überwiegend um hervorragende Musiker, die aber ebenfalls überwiegend eine Tendenz zur «Europäisierung» der afroamerikanischen Musik zeigen und diese Musik «domestizieren», wie der Jazzautor Ekkehard Jost formulierte.

In seinem Roman Be Cool lässt der US-amerikanische Autor Elmore Leonhard einen Musikproduzenten sagen: «Wir verkaufen keine Musik, wir verkaufen Platten.» Das ist auch die Basis der Echo-Verleihung. Dass man das Jazzpublikum vorzugsweise mit dieser Art von Jazz beglückt, dürfte eine Widerspiegelung der allenthalben festzustellenden Rückzugstendenzen sein nicht mehr an den Herd, sondern in die Lounge, angesichts der unübersehbaren gesellschaftlichen Krise, der man sich hilflos ausgesetzt fühlt. Eine künstlerische Perspektive für den Jazz ist damit ebenso wenig verbunden wie mit der Musik eines Glenn Miller in den Jahren des Zweiten Weltkriegs.


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