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Honda-Arbeiter im Streik

«Die Zeiten haben sich geändert»
von Jochen Gester

Am 17.Mai traten die Beschäftigten des Honda-Werks in Foshan, Provinz Guangdong im Süden Chinas, in den Streik. Zeitweise legte der Streik die Produktion in allen Honda-Werken Chinas lahm und zeigt das wachsende Selbstbewusstsein der chinesischen Arbeiterklasse. In einem Streikbulletin heißt es:
«Wir streiken nicht nur für die 1800 Beschäftigten, sondern sorgen uns um die Interessen aller Arbeiter im ganzen Land. Wir wollen ein gutes Beispiel geben, wie ihre Rechte geschützt werden.»
Auch der südkoreanische Automobilkonzern Hyundai musste vor kurzem die Löhne der Belegschaft eines Teilwerks in Peking deutlich erhöhen, um einen zweitägigen Streik zu beenden.

Anlass des Ausstands im Honda-Werk ist die Unzufriedenheit über niedrige Löhne und nicht gezahlte Beiträge zur Sozialversicherung und für Unterkunft und Verpflegung. 80% der 1800 Beschäftigten sind Hochschulabsolventen, die auf Basis eines Trainee- bzw. Praktikumsvertrags angestellt wurden. Sie beklagen, dass ihr Grundlohn unter dem in Foshan vorgeschriebenen Mindestlohn von 920 Yuan (ca. 110 Euro) liegt und fordern die Übernahme der Trainees in reguläre Arbeitsverhältnisse.

Die Geschäftsleitung des japanischen Multis reagierte mit der Entlassung von Streikenden. Parallel dazu stellte die Betriebsgewerkschaft des staatlichen Dachverbands ACFTU eine 200-köpfige Schlägertruppe auf, die Arbeiter, die den Streik fortsetzten, angriff und ihnen blutige Verletzungen zufügte.

Die Belegschaft organisierte ihren Streik ohne die Betriebsgewerkschaft und setzte durch, dass die Werksleitung mit Vertretern ihrer Wahl verhandelt. Ihre Forderungen: Die Anhebung des Grundlohns für alle um 800 Yuan, die Zahlung einer Zulage nach Länge der Betriebszugehörigkeit von 100 Yuan pro Jahr, Wiedereinstellung aller Entlassenen, Entschuldigung des ACFTU für die Übergriffe, Rücktritt der Verantwortlichen der Betriebsgewerkschaft und die Neuwahl der Gewerkschaftsvertreter. Die Betriebsgewerkschaft hat sich mittlerweile öffentlich entschuldigt.

Im Labournet ist der Aufruf eines Honda-Arbeiters dokumentiert:
»Wir wissen doch alle, dass in der Autobranche hohe Profite gemacht werden, die von uns, den am Fließband stehenden Arbeitern erwirtschaftet werden. Was bekommen wir dafür? Wenn wir aus Unzufriedenheit kündigen, dann holt sich Honda einfach neue Arbeitskräfte. Die Schwestern und Brüder, die nach uns kommen, müssen unter den schlechten Bedingungen leiden. Auch wenn wir kündigen, sollten wir weiter für die Interessen der nachfolgenden Generation von Brüdern und Schwestern kämpfen. Das ist einer der Gründe, warum wir den Streik fortführen.»

Dann beschreibt er, wie sich der Konflikt entwickelt hat: «Am Beginn unseres Streiks, am 17.Mai, forderte uns die japanische Firmenleitung auf, die Produktion wieder aufzunehmen. Wir antworteten, dass wir die Produktion wieder aufnehmen würden und gaben ihnen eine Woche bis zum 24.Mai Zeit für eine offizielle Antwort. Wenn sie uns nicht antworten, werden wir kündigen. Aber dann haben sie heimlich unsere Streikführer gefeuert. Der Generalmanager hat uns in seinem Büro als Dummköpfe ausgelacht. Aus Protest traten wir am 21.Mai wieder in den Streik. Die japanische Firmenleitung ließ uns dabei fotografieren, um ein Druckmittel an der Hand zu haben, uns wieder zum Arbeiten zu bringen. In diesem kritischen Moment setzte sich unsere großartige Gewerkschaft nicht für unsere Interessen ein, sondern sorgte nur dafür, dass die Arbeiter die Produktion wieder aufnehmen … Am 22.Mai drohte die japanische Firmenleitung mit der Entlassung von zwei Streikführern, wenn wir nicht zurück zur Arbeit gehen … Am 24.Mai wurde dann öffentlich bekannt gegeben, dass unser ursprünglicher Lebenshaltungskostenzuschuss von 65 Yuan um 55 Yuan (6,50 Euro) auf 120 Yuan erhöht werden soll. Ist das euer Ernst?!»

Anfang Juni berichteten die chinesischen Medien, es sei zu einer Einigung gekommen, der Streik sei beendet. Honda habe sich bereit erklärt, eine monatliche Lohnerhöhung von 500 Yuan zu zahlen und niemanden wegen der Beteiligung am Streik zu entlassen. Doch die Arbeiter haben das dementiert. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 13.Juni, der Streik dauere an. Zwar wären viele Arbeiter wieder zum Schichtbeginn erschienen, doch als klar wurde, dass der Konzern nicht die von der Belegschaft geforderten Löhne zahlen wolle, seien sie wieder gegangen.

Über die Politik des chinesischen Staates in den Arbeitskonflikten mit den Multis kursieren unterschiedliche Einschätzungen. Die Neue Züricher Zeitung deutet die öffentliche Berichterstattung über den Arbeitskampf als Zeichen dafür, dass die Behörden daran interessiert sind, ein kräftiges Signal für Lohnerhöhungen für einfache Wanderarbeiter auszusenden. Reuters verbreitet die Einschätzung eines Honda-Mitarbeiters, der glaubt, das Management sei bereit einzulenken, die Provinzregierung von Guangdong wolle das jedoch verhindern, weil sie befürchte, das Beispiel könne in anderen Betrieben der Region Schule machen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Der zitierte Honda-Arbeiter begründet das so:
«China ist ein Land, in dem der Konkurrenzkampf um die niedrigsten Löhne auf dem Arbeitsmarkt angeheizt wird und das gleichzeitig einen kontinuierlichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts verzeichnen kann. Diesen Anstieg haben wir Arbeiter erschuftet, und was bekommen wir zurück? Unser Lohn übersteigt nicht einmal die Grenze des Mindestlohns, es ist mühsam, damit über die Runden zu kommen … Wie soll denn bei solchen Löhnen das ökonomische Niveau des gesamten chinesischen Volkes angehoben werden? Diese Ungerechtigkeit ist einfach zu sehr verbreitet in China.

Die Generation meiner Eltern hat sich den Forderungen des Arbeitsmarktes an billige Arbeitskräfte noch angepasst. Aber jetzt werden sie langsam zu alt. Wir, die Generation der 80er und 90er Jahre, sollen sie jetzt als billige Arbeitskräfte ersetzen. Aber werden wir den gleichen Weg wie unsere Väter einschlagen? Unsere Eltern wünschen sich, dass wir einen anderen Lebensweg gehen, weil sie durch ihre eigenen Erfahrungen wissen, wie hart dieser Weg sein kann, und wir selbst wollen auch nicht in ihre Fußstapfen treten. Die Zeiten haben sich geändert, die Situation der Arbeiter muss sich auch ändern.»
(Stand 15.Juni)


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