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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Gewinn der Krise

Regie: Jörg Nowak/ Bettina Hohorst
Deutschland 2010
von Angela Huemer

Das Jahr 2009 war das Jahr der Wirtschaftskrise. Rettungsschirme wurden aufgespannt, Belegschaften in Kurzarbeit geschickt, Firmen gingen pleite. Eisenhüttenstadt ist die erste Station einer Deutschlandreise, einen «Roadmovie» nennen die Macher ihren Film.

Der Film beginnt im Osten, in Eisenhüttenstadt, eine 1950 rund um ein Hüttenkombinat entstandene Planstadt, die sich mehr und mehr entvölkert. Hatte die Stadt 1988 noch 53.000 Einwohner, hat sie nun nur mehr 31.000. Arbeiteten früher 16.000 Menschen für das Stahlwerk, sind es jetzt nur mehr 2500.

Als die Filmemacher die Stadt erreichen, wird bekannt, dass die Firma den großen Hochofen schließen will. Wir hören eine Altenpflegerin, die es trotz vieler Bemühungen nur auf 1-Euro-Basis geschafft hat, in einem Altenheim zu arbeiten – obwohl es mehr als genug Arbeit gäbe. Einmal pro Woche treffen sich hier Menschen zu einer Kundgebung, erzählt sie, doch Wirkung, so die Frau, hat das bislang keine.

Eisenhüttenstadt ist die erste Station einer Deutschlandreise, ein «Roadmovie» nennen die Macher ihren Film. Sie durchqueren das Land auf der Autobahn, in den einzelnen Städten verlassen sie die Autobahn und fahren durch die Stadt, steigen mitunter aus. So entstehen stimmungsvolle Bilder der einzelnen Orte, die dem Zuseher einen Eindruck vermitteln, wie es dort sein mag – am zweiten Halt der Reise, Frankfurt am Main, fällt besonders der Kontrast zwischen dem Banken- und Hochhausviertel und den Wohngegenden ins Auge.

Hier treffen wir einen Studenten, der über die Unverständlichkeit der Finanzwelt räsoniert, einen Busfahrer, der überzeugt ist, dass wir ganz knapp am vollkommenen Ruin vorbeigeschrammt sind, und einen Informatiker, der über die Schwierigkeiten der Kurzarbeit nachdenkt. Der Film ist sehr straff strukturiert, die Fahrt durchs Land auf der Autobahn verbindet die einzelnen Segmente, dann fährt man ab, in einen Ort hinein und bevor man ihn verlässt, wird das Muster des Roadmovies durchbrochen, es gibt ruhige Einstellungen.

Bemerkenswert ist, dass wir die einzelnen Menschen, die zu Wort kommen, nie zu Gesicht bekommen. Mutet das anfangs etwas eigenartig und sehr ungewohnt an, gewöhnt man sich mit der Zeit daran und konzentriert sich dadurch wohl mehr auf das, was sie zu sagen haben. Die Rezensentin würde jedoch brennend interessieren, ob das eine ästhetische Entscheidung war, oder ob die Interviewten lieber ganz und gar anonym auftreten wollten – man erfährt jeweils nur, wo sie wohnen und welchen Beruf sie ausüben. Ein schöner Aspekt ist, wie sehr man auch durch die einzelnen sprachlichen Färbungen mitbekommt, wo man sich gerade befindet – in Franken, in Norddeutschland oder in Rheinland-Pfalz, das gibt dem Film noch ein zusätzliches «Roadmovie»-Flair.

Jörg Nowak, der mit Bettina Hohorst den Film konzipiert und gemacht hat, ist Politologe und hat lange zu Sozialpolitik und Arbeitsverhältnissen gearbeitet. Dies ist sein erster Film.

Bezug über joerg.nowak@gmx.de


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