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«Der Krieg ist verloren»

Tariq Ali über die Aussichten in Afghanistan
Alle Beteiligten wissen ziemlich gut darüber Bescheid, was die pakistanische Armee mit verschiedenen Taliban-Einheiten getan hat, seit Afghanistan vor nunmehr fast neun Jahren besetzt worden ist.
Vor drei Jahren, berichtete die pakistanische Presse, wurde ein amerikanischer Agent bei Geheimdienstgesprächen erschossen. Jemand, der dem pakistanischen Militär nahe steht, erzählte mir vergangenes Jahr, dass Agenten des US-Geheimdienstes bei Gesprächen, die kurz zuvor zwischen dem pakistanischen Geheimdienst und den Aufständischen stattgefunden hatten, anwesend waren. Das darf einen nicht überraschen. Der Grund dafür ist allzu offensichtlich: Die USA können den Krieg nicht gewinnen.

Es ist kein Geheimnis, dass Pakistan die Taliban nach dem 11.September nie wirklich im Stich gelassen hat. Wie denn auch? Der Rückzug der Taliban von Kabul war ja von Islamabad organisiert worden, sodass die USA und ihre Verbündeten das Land kampflos übernehmen konnten. Die Pakistanis rieten ihren afghanischen Freunden, einfach das Ganze auszusitzen.

Als der Krieg in Afghanistan schlimmer wurde, gewannen die Aufständischen an Kraft. Das soziale Chaos und die Korruption unter der Regierung Hamid Karzais machte die ausländische Besatzung in den Augen vieler Afghanen noch schlimmer und brachte eine junge Generation von Pashtunen dazu zu kämpfen – junge Männer, die nicht Teil des von Pakistan «entfernten» Heeres waren. Diese Neo-Taliban haben effektiv die Verbreitung des Aufstands organisiert, der – wie das von Wikileak veröffentlichte Diagramm zeigt – praktisch in alle Winkel des Landes reicht.

Matthew Hoh, ein ehemaliger Hauptmann der US-Marines, der in Afghanistan als politischer Offizier tätig war, trat im September 2009 zurück. Seine Erklärung war klar und deutlich: «Der Aufstand der Pashtunen, der von vielfältigen, scheinbar unendlich vielen örtlichen Gruppen getragen wird, wird davon genährt, was die Pashtunen seit Jahrhunderten als Angriff auf ihr Land, ihre Kultur, ihre Religion und Traditionen durch innere und äußere Feinde wahrnehmen. Mein Eindruck ist, dass der Großteil der Aufständischen nicht für das weiße Banner der Taliban kämpft, sondern eher gegen die Präsenz ausländischer Soldaten und die Steuern, die eine nichtrepräsentative Regierung in Kabul ihnen auferlegt.»

2007 versuchten die USA, einen Teil der Aufständischen von Mullah Omar abzuwerben, indem sie ihnen Regierungsposten anboten. Die Führer der Neo-Taliban weigerten sich, Teil der Regierung zu sein, solange ausländische Truppen im Land sind. Für die Herstellung des Kontakts spielte die pakistanische Armee eine entscheidende Rolle. Die Armee, die von den USA bereits mehrmals als Schutzschirm benutzt worden ist, war nun gezwungen, ihre islamistische Ausrichtung abzulegen (die für den Dschihad gegen die Sowjetunion notwendig gewesen war). Dies verärgerte viele innerhalb ihrer Reihen und es gab drei Attentate gegen General Musharraf.

Der pakistanische Geheimdienst, dessen Autonomie immer überschätzt wurde, wurde fast vollständige unter die Kontrolle der Armee gebracht, General Ashfaq Kayani (der Musharraf als Stabschef ablöste) organisierte ihn von oben nach unten komplett neu. Einige aufständische Elemente outeten sich, als sie den Angriff auf die indische Botschaft in Kabul im Jahr 2008 begrüßten; sie wurden sofort bestraft und aus ihren Positionen entfernt.

Heutzutage ist es für den Westen, der General Kayani braucht, nützlich geworden, den pakistanischen Geheimdienst anzugreifen, weil er Kayani nicht direkt angreifen kann. Es ist unmöglich, dass der pakistanische Geheimdienst oder eine andere Armeeeinheit den Aufständischen direkt helfen, ohne dass Kayani davon weiß, und Kayani weiß sehr gut, dass man ihnen einige Gefallen tun muss, um den Kontakt zu den Aufständischen zu halten, die die NATO bekämpfen.

Vor einigen Monaten wollte Kayani die Taliban so sehr umwerben, dass er von General Eikenberry, dem friedfertigen US-Botschafter in Kabul, verlangte, alle Taliban-Führer von der «Liste der meist Gesuchten» zu entfernen, auch Mullah Omar. Eikenberry weigerte sich nicht, schlug jedoch vor, jeder Fall solle einzeln beurteilt werden – der beste Hinweis darauf, dass der Krieg verloren ist.

In einem von Wikileaks veröffentlichten Interview antwortet Karzai auf die Frage nach der Unterstützung Pakistans für die Taliban: «Es ist eine andere Frage, ob Afghanistan die Fähigkeit hat, dies anzugehen … unsere Verbündeten haben jedoch diese Fähigkeit. Die Frage ist nur, warum handeln sie nicht?»

Sie handeln jedoch – sie handeln, seit Barack Obama Präsident ist. Die Drohnenangriffe zielten darauf ab, den Nachschub für die Aufständischen jenseits der Grenze zu bekämpfen. Stattdessen haben sie Pakistan destabilisiert. Im vergangenen Jahr entfernte die Armee 250000 Menschen gewaltsam aus dem Orakzai-Bezirk nahe der afghanischen Grenze und steckte sie in Flüchtlingslagern. Viele schworen Rache, und militante Gruppen haben den pakistanischen Geheimdienst und andere militärische Zentren angegriffen. Am 8.Juni dieses Jahres griffen Kämpfer mit Granaten und Minen einen NATO-Konvoi in Rawalpindi an. Fünfzig NATO-Fahrzeuge wurden verbrannt, mehr als ein Dutzend Soldaten kamen ums Leben.

All das kann nur noch schlechter werden. Es ist Zeit, alle Vorwände fallen zu lassen: Der Krieg führt nur zu noch mehr Toten, ohne eine Lösung zu bringen. Eine Exitstrategie ist dringend vonnöten.

Übersetzung: Angela Huemer
aus: www.tariqali.org. Der Artikel erschien am 30.Juli 2010 im Guardian.


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