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Emden: Bard Energy

Spaltung der Belegschaft mit Hilfe der IG BCE
von Jochen Gester
Die Beschäftigungsentwicklung im Bereich erneuerbare Energien ist in Deutschland seit Jahren eine kleine Erfolgsgeschichte. 2009 konnten in diesem Wirtschaftssektor 300.500 Menschen ihr Brot verdienen, gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Beschäftigten um 8%. Die zweitgrößte Sparte ist hierbei die Windenergie mit insgesamt 87.100 Beschäftigten. Doch obwohl der hier entstandene Anlagenbau ein klassisch gewerkschaftlicher Bereich ist, gelingt es den Gewerkschaften keinesfalls im Selbstlauf, diese Entwicklung zur Stärkung des eigenen Organisationsgrads zu nutzen.

Trotz des eindrucksvollen Beschäftigungsaufbaus habe man – so steht es im Diskussionspapier «Projekt IG Metall 2009» – «bislang nur eine geringe Tarifbindung durchsetzen können».

Die Emdener Verwaltungsstelle der IG Metall hat sich nun die in dem Papier formulierte Schlüsselaufgabe der Mitgliederentwicklung als «zentrale Richtschnur für die Aktivitäten der IG Metall» zu eigen gemacht und eine Kampagne gegen gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe bei der Rotormontage der Firma Bard Energy organisiert. Die auf Entwicklung, Produktion und die schlüsselfertige Inbetriebnahme von Offshore-Windkraftanlagen spezialisierte Firma hat insgesamt über 1000 Beschäftigte. Das Eigenkapital der Gruppe, die 2009 in Emden und Cuxhaven etwa 100 Mio. Euro investierte, stellt vor allem der russische Investor Arngolt Bekker.

Die Metaller bauen Infostände auf, ziehen sich bedruckte T-Shirts über mit der Aufschrift «Schütz’ dich – Arbeiten bei Bard darf nicht krank machen», und verteilen Flugblätter vor den Werkstoren. Die IG Metall informiert darüber, dass die verwendeten Epoxidharze zu Allergien und zur gesundheitlichen Beeinträchtigung der Atemwege führen. Sie kritisiert, dass die Mitarbeiter keine ausreichende Unterweisung im Umgang mit den Schadstoffen erhalten und auch die technischen Einrichtungen mangelhaft seien bzw. nicht richtig genützt würden. Die Geschäftsleitung ist jedoch nicht bereit, sich mit dem Thema ernsthaft zu befassen, und so treten immer mehr betroffene Kollegen in die IG Metall ein, um den gewerkschaftlichen Druck auf die Firma zu erhöhen. Nach Auskunft der IGM Emden zahlt bei Bard inzwischen eine «dreistellige Zahl» der Beschäftigten einen Mitgliedsbeitrag an die IGM.
Das allein garantiert noch keinen Erfolg in der Sache. Das zeigt der weitere Verlauf des Konflikts.

Die Geschäftsleitung von Bard gab sich nämlich keineswegs damit zufrieden, die gewerkschaftliche Kritik einfach auszusitzen. Sie ging zum Gegenangriff über. Dafür leistete sie entsprechende Vorarbeit. Ein ganz wichtiger Schachzug war dabei, den Betriebsratsvorsitzenden Udo Grube ins Boot zu holen, der Mitglied der IG BCE ist, die ebenfalls Mitglieder im Betrieb hat. Ein exklusives Treffen mit Grube und allen, auf die Verlass schien, wurde einberufen, eine Gegenkampagne vereinbart. Es gelang den Initiatoren, die Mehrheit der Betriebsräte – die IG Metall stellte noch bis Mai den Betriebsratsvorsitzenden – gegen die IG Metall in Stellung zu bringen und das Gremium für eine öffentlichkeitswirksame Aktion einzuspannen.

Mit sieben gecharterten Bussen wurde eine «eindeutig von der Unternehmensleitung gesteuerten Demonstration» (Wortlaut IG Metall) zum Sitz der Emdener Verwaltungsstelle der IGM, an der sich 350 Bard-Beschäftigte beteiligten. Mit Sprechchören wie «Lügner», «Familienmörder», «Ihr macht uns nicht kaputt» und «Wir sind Bard, nicht ihr» marschierten die Demonstranten, wahrscheinlich bei Lohnfortzahlung, zur Gewerkschaftszentrale und quittierten ein Gesprächsangebot der Gewerkschaftsverantwortlichen mit einem gellenden Pfeifkonzert. Betriebsratschef Grube: «Wir brauchen die IG Metall nicht.»
So konnte diese scheinheilige Allianz der Sozialpartner den Eindruck erzeugen, als handele es sich bei dem ganzen Aufruhr um einen Konflikt zwischen der Belegschaft und dem Unternehmen auf der einen und fremdsteuernden Gewerkschaftsfunktionären auf der anderen Seite.

Der Konflikt aber geht mitten durch die Belegschaft. Ein harter Kern von zumeist besser gestellten Belegschaftsangehörigen ist überzeugt, dass der Arbeitsplatz dann am sichersten ist, wenn das Geschäft brummt und die Firma keine zusätzlichen Kosten tragen muss. Arbeitsplatzängste greifen leicht, zumal wenn sie einträchtig von Geschäftsleitung und Belegschaftsvertretung geschürt werden. Bei Bard arbeitet mehr als die Hälfte der Belegschaft in prekären Arbeitsverhältnissen. Viele sind Leiharbeiter, die aus unterschiedlichsten Ländern Europas kommen, und oft nach eineinhalb Jahren Zeitarbeit zu Kettenbefristungen «aufsteigen». In diesem Teil der Belegschaft befindet sich der Löwenanteil der Monteure, die bei der Rotormontage mit den gesundheitsschädlichen Harzen zu tun haben. Eine Kandidatur dieser Kollegen für den Betriebsrat ist unmittelbar mit der Drohung verbunden, das befristete Arbeitsverhältnis nicht verlängert zu bekommen. So war es kein Zufall, dass sich unter den 350 Demonstranten vor allem Büroangestellte und Mitarbeiter des Kabinenbaus befanden, die mit den gesundheitsbedenklichen Stoffen nichts zu tun haben.

Es ist erfreulich, die IG Metall, die sich allzu lange als Lobby sog. «Stammbelegschaften» begriffen hat, einmal in einer anderen Rolle zu erleben. Und es ist wichtig, dass solche exemplarischen Auseinandersetzungen auch gewonnen werden und nicht damit enden, dass erfolgreich Mitglieder geworben werden. Die Resonanz in der Bevölkerung auf die Initiative der IG Metall war jedenfalls nach ihrem eigenen Bekunden trotz des skurrilen Auftritts vor der Emdener IGM-Zentrale ausgesprochen positiv.


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