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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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In Teufels Namen

Fritz Teufel 1943–2010
von Markus Mohr

Er war der personifizierte Widerspruch zur herrschenden Ordnung und die deutsche Justiz hat sich dafür bitter an ihm gerächt.

Ende 1967 wurde dem seit mehreren Monaten inhaftierten Kommunarden Fritz Teufel wegen angeblicher Steinwürfe anlässlich des für den Studenten Benno Ohnesorg mörderischen Schah-Besuches am Landgericht Moabit der Prozess gemacht. Da dem Vorsitzenden Richter der unberechenbare Witz des Fritz Teufel nicht geheuer erschien, ordnete er ihm einen Psychiater zur Begutachtung bei. Doch der Angeklagte drehte in der Hauptverhandlung den Spieß einfach um und fragte den Psychiater in unbekümmerter Weise, ob es denn «in der Psychiatrie eine Krankheit (gäbe), die man umschreiben könnte mit krankhaftem Verhängen von Ordnungsstrafen». Diese Frage konnte der Vorsitzende Richter natürlich nicht durchgehen lassen, er verhängte gegen Teufel zwei volle Tage Ordnungshaft.

In den Moabiter Seifenopern der 60er Jahren war Fritz Teufel stets bereit, eher seine Freiheit als seinen Humor zu opfern. Und die bundesdeutsche Justiz wäre nicht die, die sie ist, wenn sie darauf verzichtet hätte, sich dafür bitter an ihm zu rächen. Auch wenn Teufel nach juristischen Beweismaßstäben in aller Regel «unschuldig» und in diesem Sinne sogar in den meisten seiner Gerichtsverfahren hat freigesprochen werden müssen: Als personifizierter Widerspruch zur herrschenden Ordnung hat er rund acht Jahre seines Lebens im Knast verbringen müssen.

Der aus Ludwigsburg bei Stuttgart stammende Teufel übersiedelte 1963 nach West-Berlin, um ein Studium der Germanistik zu beginnen. Nach den Worten seiner Mutter wurde «die westdeutsche Prozesskette gegen die Auschwitz-Mörder, deren Sadismen ihn entsetzt haben», für ihren Sohn zu einem «Schlüsselerlebnis für seine Protesthaltung». Von hier aus setzte sich für die folgenden anderthalb Jahrzehnte ein politisch kurvenreich-bewegter und zuweilen dramatischer Lebenslauf fort: Er führte Fitz Teufel in der zweiten Hälfte der 60er Jahre vom SDS in die legendär werdende Kommune 1 und in die APO.

Neben Rudi Dutschke sollte Teufel für einen kurzen historischen Moment zu einer der zentralen Galionsfiguren der Westberliner Revolte der Jahre 1967/68 aufsteigen. Immerhin wussten schon Ende 1967 sowohl die in Moskau erscheinende Literaturnaja Gaseta von einem «Lumpenpack unter Führung eines gewissen Fritz Teufel» als auch die International Herald Tribune über «tausende (von) jungen Europäern» zu berichten, die «Mr.Teufels leidenschaftliche Überzeugung (teilen), dass das Leben auf dem Kontinent von autoritären Strukturen unterdrückt wird».

Die Schüsse auf Rudi Dutschke markieren auch für den zu einem prominenten Medienliebling avancierten Teufel einen tiefen Einschnitt. Während des Zerfalls der Studentenrevolte bewegt er sich zunächst noch in der Subkultur, konsumiert viele Drogen und Popmusik. Ab Anfang der 70er Jahre scheint auch für Teufel die subkulturelle Praxis passé zu sein, und er sieht sich mit dem im Linksradikalismus jener Zeit hegemonial existenten Dualismus zwischen proletarischer Organisation und bewaffnetem Kampf konfrontiert.

Teufel wählt in seiner Lebenspraxis auf seine Art beides, beteiligt sich zunächst an den Tupamaros München, wird wegen eines Brandanschlags auf ein Gericht zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, taucht dann ab in den Untergrund und lernt danach unerkannt als Schichtarbeiter im Ruhrgebiet die Fabrikarbeit genauso kennen wie die Bewegung 2.Juni – die in Westberlin agierende und dort zum Teil populäre Stadtguerilla.

Mitte September 1975 wurde Teufel in einer illegalen Wohnung in der Stadt schwer bewaffnet von der Polizei verhaftet und wanderte erneut in den Moabiter Knast. Nach zunächst überzeugend klingenden Verurteilungsplädoyers der Bundesanwaltschaft gelang es Fritz Teufel noch einmal in aufsehenerregender Weise, seine Unschuld zu beweisen, sodass er im Sommer 1980 im großen 2.Juni-Prozess in einer Reihe von Anklagepunkten freigesprochen werden musste.

Nach seiner Haftentlassung lebte Teufel noch einige Jahre im Umfeld der Alternativbewegung in einem besetzten Haus und arbeitete bei der Taz, bevor er zum Fahrradkurier «umsattelte». Die alte Bewegung hatte sich verlaufen, und damit verlor auch Teufel seinen politischen Rahmen, in dem er in aufreizender und provokativer Art und Weise zu wirken verstand.

An der Gestalt und den Erzählungen zu seiner Person werden ein paar kultur- und sozialrevolutionäre Momente der 68er Revolte sichtbar, die auf den tiefen, von Teufel vor allem in den 60er und 70er Jahren verkörperten, Bruch mit den herrschenden Verhältnissen verweisen. Seine Lebensgeschichte erinnert daran, dass zumindest ein Teil der 68er-Revolteure nicht die Humanisierung von Herrschaft, sondern einen vollständigen Bruch mit ihr anstrebte. Teufels Bruch mit den herrschenden Verhältnissen reichte viel tiefer als die kalte Politik der damaligen Verbände, Gruppen, Massenorganisationen und Zirkel der APO.

Kein Geringerer als Johannes Agnoli anerkannte bereits 1969, dass Fritz Teufel und die Kommune I «ein Konzentrat all dessen (darstellten), was der Kleinbürger als hassenswert empfindet, weil es seine politische Untertänigkeit und seine ökonomische Rolle als Produktions- und Konsumptionstier enthüllt». Sie hätten als «erste die Kruste des bürgerlichen angepassten Verhaltens und das Monopol des Bürgers auf Straßenbenutzung, des Staates und die Straßenverkehrsordnung (gebrochen)». «Das wichtigste» sei aber, so Agnoli weiter, dass nun «von Seiten der revolutionär gewordenen Bewegung nicht mehr abstrakt von Demokratie, sondern von Emanzipation am Arbeitsplatz, im Alltag und in der Gesellschaft gesprochen» und «emanzipatorisch gehandelt wurde». Und das bleibt auch dann wahr, wenn man heute damit konfrontiert ist, dass der seit den frühen 80er Jahren weitgehend mittellos als Fahrradkurier arbeitende Fritz Teufel gerade nicht zu den hässlich gewordenen Siegern und 68er-Karrieristen, sondern zu den Verlierern der Revolte gehört.

Fritz Teufel starb am 6.Juli 2010 im Alter von 67 Jahren nach schwerer Krankheit in einem Berliner Pflegeheim. Über 500 Genossinnen und Genossen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Formationen des Linksradikalismus der 60er und 70er Jahre erwiesen ihm bei seiner Beerdigung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ihre Reverenz: ganz zurecht, und auch das bleibt.

Die Zitate wurden mit Ausnahme der Überlegungen des Genossen Agnoli entnommen aus: Marco Carini, Fritz Teufel. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, Hamburg 2003.


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